Es ist das kleinste Vaterland
Der größten Liebe nicht zu klein!
Je enger es dich rings umschließt,
Je näher wird’s dem Herzen sein!
Wilhelm Müller
Erfreulicherweise bricht sich die Erkenntnis immer weiter Bahn, daß der Geschichtsunterricht nicht im bloßen Aneinanderreihen der historischen Tatsachen nach ihrer Zeitfolge bestehen darf.
Soll dieser Unterricht wahrhaft bildend und befruchtend auf Geist, Gemüt und Willen wirken, so kann er nicht bei dem einseitigen Betonen von Namen und Zahlen stehen bleiben, sondern muß auf die Kulturentwicklung unseres Volkes eingehen.
Nur so wird sein Endziel, „Verständnis der Gegenwart aus der Kenntnis der Vergangenheit“, erreicht werden.
Diesem Zwecke wollen auch die nachstehenden Blätter an ihrem bescheidenen Teile dienen.
Insbesondere möchten sie dazu mithelfen, daß die Liebe zur Heimat geweckt und gestärkt werde.
Diese Heimatliebe, aus welcher die Vaterlandsliebe quillt, kann segenbringend aber nur da gedeihen, wo man die Heimat und ihre Geschichte genau kennt.
Das vorliegende Büchlein bezeichnet unter Heimat die Provinz Sachsen, Sachsen-Anhalt und das Königreich Sachsen, da diese Gebiete, unbeschadet der oft veränderten politischen Grenzen, hinsichtlich ihrer Kultur in engem Zusammenhange stehen.
Auf Vollständigkeit können und wollen diese Blätter keinen Anspruch erheben; sie wollen nur, ihrem Titel entsprechend, Bilder aus verschiedenen Abschnitten der Kulturgeschichte unserer Heimat von ihren ersten Anfängen an zeichnen.
Für weitergehende Bedürfnisse wird die Angabe der teilweise benutzten Literatur erwünscht sein.
Möge das Büchlein bei allen, die ihre Heimat lieben, besonders aber bei den lieben Amtsgenossen in Stadt und Land, freundliche Aufnahme finden!
Wittenberg im September 1904
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Vorwort zur dritten Auflage
Seit dem ersten Erscheinen des Buches ist das Interesse an der heimatlichen Kulturgeschichte ständig gewachsen.
Als erfreuliches Zeichen hierfür darf es gelten, daß das Werk nunmehr in dritter Auflage erscheinen kann.
Diese wurde sorgfältig durchgesehen und an ihr die Änderungen vorgenommen, welche der neuere Stand der Wissenschaft auf diesem Gebiet erforderte.
Die Verbesserungen betreffen zumeist nur die Vorgeschichte, während für die übrigen Teile sich wesentliche Änderungen erübrigten.
In einer Zeit, in der vieles vernichtet wurde, auf das wir früher stolz waren, wo zusammenzufallen droht, was festgegründet schien, bleibt als ruhender Pol die Heimat.
Sie wollen wir lieben, hegen und schützen als das Kleinod, durch keine Inflation an Wert verliert, das uns kein Feind rauben kann.
Möge das Büchlein auch auf seiner dritten Wanderung hierzu mithelfen und ihm überall freundliche Aufnahme zuteil werden.
Lutherstadt Wittenberg im Januar 1926.
Richard Erfurth
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