1916

In welcher schier unglaublichen Weise die Preise für alle Lebensbedürfnisse während des Krieges stiegen, das zeigt das das nachstehende Preisverzeichnis aus dem dritten Kriegsjahre, dem Kriegsjahre, dem zum Vergleich die Friedenspreise (vom Juli 1914) in Klammern beigesetzt sind.
H. bedeutet den von der Behörde festgesetzten Höchstpreis.             

Durch Polizeiverordnung wurde bestimmt, daß vom 28. Dezember 1915 ab der gewerbsmäßige Einkauf von Butter, Fett, Eiern, Fleisch und Fleischwaren, Fischen, Wild und Geflügel an den Markttagen auf dem Marktplatze erst von 10 Uhr vormittags ab erfolgen durfte. Der Handel mit diesen Lebensmitteln durfte an den Markttagen außerhalb des Marktplatzes erst von 1 Uhr mittags ab geschehen.

Auf Anordnung des Kriegsministeriums vom 31. Dezember 1915 wurden alle Web, Trikot, Wirk- und Strickgarne in Fabriken und Verkaufsstellen beschlagnahmt.
Am 3. Januar 1916 fand auf Anordnung des Bundesrats in allen Verkaufsstellen und Vorratsräumen eine Vorratserhebung von Kaffee, Tee und Kakao statt.
Da die waffenfähigen Männer bis zum 45. Lebensjahre zum Heeresdienst einberufen wurden, so machte sich bald überall im steigenden Maße Mangel an Arbeitskräften geltend.
Die entstandenen Lücken suchten soweit als nur möglich die Frauen auszufüllen.
Im Oktober 1917 waren allein im Eisenbahndienst 94 000 Frauen beschäftigt.
Auch in der städtischen Verwaltung, im Reichswerk Piesteritz (Stickstoffwerk), in der Artillerie Munitionsanstalt und den Reinsdorfer Sprengstoffwerken war eine große Zahl weiblicher Arbeitskräfte eingestellt, in den letzteren viele Arbeiterinnen aus dem Vogtlande und den von den Deutschen besetzten belgischen Gebieten.
Durch den Zuzug auswärtiger Arbeitskräfte wuchs die Bevölkerungsziffer von Wittenberg und den Vororten Kleinwittenberg, Piesteritz und Reinsdorf ganz erheblich.
– Im Oktober 1913 zählte Wittenberg 23 074 Einwohner (einschließlich Militär),
– im Oktober 1915      27 168 Einwohner
(einschließlich 5 632 Militärpersonen),
– am 1. Dezember 1916     21 567 Zivileinwohner,
– am 5. Dezember 1917 aber 34 716 Einwohner
(einschließlich Militär).

Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 besaß Kleinwittenberg 1 896 Einwohner und am 5. Dezember 1917 bereits 2414 Einwohner;
Piesteritz zählte am 1. Dezember 1910      2 466 Einwohner
und am 5. Dezember 1917       7 353 Einwohner.
Dieser Zuwachs ist im wesentlichen auf die Erweiterung der Rüstungsindustrie zu rechnen.
Dafür spricht auch das folgende Beispiel:
Am 1. Januar 1916 zählte die Allgemeine Ortskrankenkasse I, welche die Orte Wittenberg, Kleinwittenberg, Piesteritz und Reinsdorf umfaßt, 14 135 Mitglieder (9 620 männliche und 4 515 weibliche).
Am 31. Dezember 1916 aber waren diese auf 20 401 angewachsen (10 940 männliche und 9 461 weibliche).
Die Sprengstoffwerke beschäftigten Ende März 1918 an Arbeitern und Beamten 9 310, die Stickstoffwerke 5 215 und die Munitionsanstalt 1 085 Personen.
Für diese Rüstungsarbeiter wurde im Herbst 1916 am Elbtor eine Haltestelle der Eisenbahn eingerichtet.

Für diese Arbeitermassen waren nicht genügend Wohnräume vorhanden, sodaß das Schlafstellen-Unwesen recht unerfreuliche Erscheinungen bot.
Apollensdorf hatte auf 86 Wohnhäuser 200 Schlafgänger;
Piesteritz deren 2 000.
Wohl waren in den westlichen Vororten verschiedene Baugesellschaften bemüht, Wohnhäuser zu errichten (Siedelungsgesellschaft „Sachsenland“, Berlin-Anhaltische Bodenbaugesellschaft, Boswau und Knauer u. a.)
Auch wurden in Wittenberg mehrere Arbeiterinnen und Arbeiterheime eingerichtet, ohne daß damit der Wohnungsnot wesentlich abgeholfen werden konnte. Trotz Mahnungen des Magistrats wiederholten sich bei jedem Vierteljahrswechsel die Klagen der Mieter über Mietesteigerung und Wohnungskündigung seitens der Hauswirte.
Die unerquicklichen Zustände führten zur Gründung eines Mietervereins, der wiederholt in scharfen Gegensatz zu dem Hausbesitzerverein trat.
Zur Schlichtung von Streitigkeiten zwischen Hauswirten und Mietern richtete die städtische Behörde ein aus Mietern und Vermietern zusammengesetztes Mieteinigungsamt ein, zu dem später noch ein Wohnungsamt zur Regelung der Wohnbeschaffung trat.
Zur Förderung der Bautätigkeit trat die Stadt der neubegründeten Gartenstadt Baugenossenschaft durch Übernahme von 10 Bauanteilen von je 300 Mark sowie der Siedelungsgesellschaft „Sachsenland“ mit einer Summe von 20 000 M. bei.
Ferner stellte sie 30 000 M. aus Überschüssen der Sparkasse bereit, aus denen Bau – Beihilfen bis zum Betrage von je 1 000 M. gewährt wurden, und endlich bewilligte sie eine größere Summe zum Ausbau der Dobschütz-Baracke zu Wohnungen.
Zu dem gleichen Zwecke wurde ein aus 6 Mitgliedern der Stadtverordnetenversammlung gebildeter Wohnungsausschuß eingesetzt.

Kriegswohlfahrtspflege

Der Krieg mit seinen mannigfachen Bedürfnissen und Nöten rief auch in Wittenberg eine ausgedehnte Liebestätigkeit auf den Plan, in deren Dienst mit und neben der städtischen und kirchlichen Verwaltung mehrere Vereinigungen und Einzelpersonen traten.

In der außerordentlichen Stadtverordnetensitzung vom 11. August 1914 wurde wurde ein „Kriegsfond“ in Höhe von 10 000 M. für außergewöhnliche durch den Krieg bedingte Ausgaben gebildet, der späterhin zum zweiten und dritten Male um die gleiche Summe ergänzt wurde.
Die zur Fahne einberufenen städtischen Angestellten und Arbeiter erhielten ihre bisherigen Gehalts bzw. Lohnbezüge weiter gezahlt. Minderbemittelten Kriegsteilnehmern aus der Einwohnerschaft wurden Steuernachlässe bewilligt.
Zu Liebesgaben für die Truppen der Garnison stellte die Stadtverordnetenversammlung nach dem Antrage des Magistrats wiederholt größere Summen bereit;
– so so am 6. Oktober 1914 eine solche von 7 500 M.,
– am 23. November 1915,
– am 3. Oktober 1916 und
– am 25. September 1917 je 10 000 M.
Insgesamt wurden seitens der Stadtverwaltung 50 000 M. für diesen Zweck verwendet.

Die Unterstützung der Familien der Kriegsteilnehmer fiel dem Kreise zu, der zu den Reichssätzen 3⅓ Prozent Zuschlag gewährte. Die Auszahlung erfolgte in Wittenberg durch die Stadthauptkasse, die bis zum 31. März 1919 insgesamt 2 581 392 M. an Familienunterstützungen in 2 307 Fällen auszahlte.

Zur Unterstützung der bedürftigen Angehörigen Wittenberger Krieger richtete die evangelische und die Katholische Kirchengemeinde Sammelstellen ein, bei denen bis zum 27. Januar 1916 außer Kleidungsstücken usw. 21 716 M. eingingen.

Eine sehr ausgebreitete Liebestätigkeit entfaltete die unter Leitung von Superintendent Orthmann stehende Evangelische Frauenhilfe. Sie verausgabte für Kriegswohlfahrtspflege bis zum 31. März 1918;

In der von der Evangelischen Frauenhilfe in der Herberge zur Heimat eingerichteten Volksküche wurden vom 1. April 1917 bis 30. April 1918 insgesamt 161 823 Liter warmes Essen ausgegeben und zwar bis Mitte November 1917 täglich 700 Portionen, von da ab täglich durchschnittlich 300 Portionen.
Für 1 Liter Essen wurden anfangs 20 Pf., später 25 Pf. erhoben.
Die Ausgaben für die Volksküche betrugen in der genannten Zeit 52383,40 M..
Außerdem wurden dort täglich 80 Kinder auf Kosten des Magistrats gespeist.
Eine nicht minder umfangreiche Liebestätigkeit trieb der Vaterländische Frauenverein, zunächst unter Leitung von Frau Landrat von Trotha und nach deren Wegzug unter Leitung von Frau Landrat von Trebra.
Bis zum 31. März 1918 sandte dieser rund 21000 Pakete mit Liebesgaben an die Front (darunter rund 18 500 Weihnachtspakete).
An Kriegerwitwen und Bedürftige im Kreise Wittenberg gab er 2500 M. bare Unterstützungen.
Für die Pflege der Verwundeten in den hiesigen Lazaretten stellte er 39 Hilfsschwestern.
Bis zum 1. November 1915 leistete der Verein die Verpflegung in den Lazaretten mit 762 492 Verpflegungstagen bei einem Kostenaufwand von 1790 681 M. (Vom 1. November 1915 ab übernahm der Zweigverein vom „Roten Kreuz“ diese Arbeit.)

Aus der vielseitigen Tätigkeit des hiesigen Zweigvereins vom „Roten Kreuz“ unter Leitung des Lehrers Zimmer seien folgende Zahlen aus den ersten zwei Kriegsjahren genannt:

1. Für Ausbildung und Ausstattung von Personal
2. Für Einrichtung von Erfrischungsstationen.

Von den übrigen Vereinen war es in erster Linie die hiesige Ortsgruppe des Deutschen Flottenvereins, die sich in den Dienst der Kriegs- Liebestätigkeit stellte und unter der Leitung ihres Vorsitzenden, des Lehrers Erfurth, eine Sammelstelle von Liebesgaben für die Kaiserliche Kriegsmarine einrichtete.
Vom 1. bis 3. OKtober 1916 veranstaltete der Verein im Kreise Wittenberg einen Marine Opfertag (Straßen und Haussammlung), der einen Ertrag von insgesamt 7 398 M. 97 Pf. brachte.
Stadt Wittenberg: 3046 M. 77 Pf.,
die übrigen Orte des Kreises zusammen: 4352 M. 20 Pf.
In der Provinz Sachsen ergab der Marine-Opfertag 307 425 M. 64 Pf., und im Deutschen Reiche 6 Millionen 418 M. 61 Pf.

Der Lehrerverein „Wittenberg und Umgegend“ gab aus seinen Vereinsmitteln 200 M. zur „Kriegshilfe“ des Deutschen Lehrervereins (Unterstützung der aus Ostpreußen und Elsaß-Lothringen vertriebenen und geschädigten Lehrer, Lehrerinnen, Lehrerwitwen und Lehrertöchter) und veranstaltete unter seinen städtischen Mitgliedern noch eine besondere Sammlung zu dem gleichen Zwecke, die den Betrag von 1 195 M. ergab.
(Insgesamt wurden von der deutschen Lehrerschaft hierfür 217 940 M. aufgebracht.)
Außerdem erhob der Lehrerverein „Wittenberg und Umgegend“ von jedem seiner Mitglieder einen besonderen Jahresbeitrag von 20 M. zur Unterstützung der Hinterbliebenen seiner im Felde gefallenen Mitglieder.
Vom Jahre 1917 ab übernahm der Lehrerverband der Provinz Sachsen durch Errichtung eines „Kriegerdankes“ die Fürsorge für die Hinterbliebenen der gefallenen Vereinsmitglieder sowie der dem Verbande angehörenden durch den Krieg amtsuntauglich gewordenen Standesgenossen.
An die Stelle der einzelnen Provinz bzw. Landesverbände trat später der Deutsche Lehrerverein mit einem gemeinsamen „Kriegerdank“.

Zu den verschiedenen öffentlichen Sammlungen für Zwecke der Kriegswohlfahrt trugen Stadt und Kreis Wittenberg in erfreulichem Maße bei.

Auch von mehreren Firmen, Einzelpersonen und Vereinen wurden größere und kleinere Summen für Zwecke der Kriegswohlfahrt gespendet.
So gab die Kakao- und Schokoladenfabrik „Kant“ 10 000 M. für Kriegswohlfahrtszwecke, die Firma Bourzutzschky Söhne 20 000 M. zur Unterstützung würdiger und bedürftiger Einwohner,
Professor Dr. Schwarze 10 000 M. zur Unterstützung kinderreicher würdiger und bedürftiger Familien, namentlich solcher von Kriegsteilnehmern, die Seifenpulverfabrik zum gleichen Zwecke 6500 M.
Am 8. November 1914 veranstaltete die „Berliner Liedertafel“ (100 Sänger) in der Stadtkirche ein Konzert, dessen Ertrag (1 000 M.) zu Liebesgaben für die Truppen der Wittenberger Garnison bestimmt wurde.
Der hiesige „Straubesche Gesangverein“ gab mehrere Konzerte zum Besten von bedürftigen Angehörigen von Kriegern.
Zur Unterstützung von Kriegshinterbliebenen stiftete die Maschinenfabrik Wetzig 25 000 M.

* * *

Während Deutschland infolge der Absperrung vom Weltverkehr einer belagerten Festung glich, in welcher der Mangel sich in steigendem Maße fühlbar machte, schritten unsere unvergleichlichen Heere von Sieg zu Sieg.
In der neuntägigen Winterschlacht in Masuren vom 7. bis 15. Februar 1915 vernichtete Hindenburgs überlegene Feldherrnkunst die 10. russische Armee und nahm ihr über 100 000 Gefangene, darunter 7 Generale, über 150 Geschütze und unübersehbares Kriegsgerät ab.
Glockengeläut und wehende Fahnen verkündeten am 12. und 17. Februar das gewaltige Ereignis.

Zu gleicher Zeit verursachten die Erfolge unserer U-Boote unserem Hauptfeinde England wachsendes Unbehagen.
Da alle gegen die „U-Bootpest“ angewandten Mittel sich als unwirksam erwiesen, so griff die britische Admiralität zu einer sonderbaren Maßregel: durch einen Geheimbefehl wurde den englischen Handelsschiffen anbefohlen, die englische Flagge, alle Reedereiabzeichen usw. zu entfernen und unter neutraler Flagge zu fahren.
So weit also war es mit dem „meerbeherrschenden Britanien“ gekommen, daß es auf dem Meere nicht mehr die eigene Flagge zu zeigen wagte.
In selbstverständlicher Gegenwehr erklärte die deutsche Admiralität vom 18. Februar ab die Nordsee im Kanal und an den Küsten Englands als Kriegsgebiet und ließ sich darin nicht durch das Drohen Amerikas beirren, das unter Bruch seiner Neutralität Deutschlands Feinden von Kriegsbeginn an Waffen und Munition lieferte.
Am 11. März verkündeten die Siegesglocken den gescheiterten Durchbruchsversuch der Franzosen in der Champagne, der diesen mehr als 45 000 Gefangene kostete, und in den letzten Apriltagen überschritten unsere Truppen in unaufhaltsamem Siegesmarsch den Yserkanal nördlich von Ypern, wobei sie 5 000 Gefangene machten: Engländer, Franzosen, Senegalneger, Turkos, Indier, Kanadier, Algerier – eine wahre Musterkarte von Völkern.
Das hiesige Gefangenenlager erhielt davon auch eine kleine Auswahl.

Bismarcks 100 jähriger Geburtstag (1. April) wurde am 31. März durch eine Vorfeier im Turnsaale des Mittelschulgebäudes festlich begangen.
Bürgermeister Dr. Schirmer begrüßte die Versammlung.
Die Festrede hielt Superintendent Orthmann.
Dazwischen sangen die Schülerinnen des Lyzeums und der Frauenchor des Straubeschen Gesangvereins mehrere Lieder, und Schüler der verschiedenen Schulen trugen entsprechende Gedichte vor.
Anfang April brach im Gefangenenlager das Fleckfieber aus. Infolgedessen wurde dieses gegen das Publikum streng abgesperrt, und über Wittenberg die „Militärsperre“ verhängt, d. h. die hier befindlichen Militärpersonen erhielten keinen Urlaub nach außen und umgekehrt, Militärpersonen von außen keinen Urlaub nach hier.
Große Erregung herrschte seit dem Mittag des 3. Mai in unserer Stadt.
Ohne das man Genaueres anzugeben wußte, erhielt sich hartnäckig das Gerücht von einem großen Siege im Osten, bis um 5 Uhr nachmittags die Sonderblätter melden konnten, daß die verbündeten deutschen und österreichischen Truppen unter Führung des Generalobersten von Mackensen nach erbitterten Kämpfen die ganze russische Front in Westgalizien durchstoßen und eingedrückt hatten.
Die dabei errungene Kriegsbeute erhöhte sich bis zum 18. Mai auf 174 000 Gefangene, 128 Geschütze, 362 Maschinengewehre usw. Die sich zu neuem Widerstand sammelnden Russen wurden von Mackensen abermals in einer blutigen Schlacht am 24. Mai aufs Haupt geschlagen, wobei dem Sieger 153 Offiziere, 21 000 Mann als Gefangene, 39 Geschütze und 40 Maschinengewehre als Beute zufielen.
In Verfolgung dieser Siege wurden die von den Russen besetzten Städte Przemysl (2. Juni) und Lemberg (21. Juni) zurückerobert.
Alle diese herrlichen Siege wurden durch Glockengeläut, Hissen der Fahnen und Schulausfall gefeiert.

Schon seit Wochen verfolgte unsere Bevölkerung mit ganz Deutschland das von Habgier geleitete Verhalten des Bundesgenossen Italien, das immer mehr dem Kriege zutrieb, mit steigender Besorgnis.
Am Pfingstabend, den 22. Mai, erklärte Italien an Österreich-Ungarn den Krieg.
Die formelle Kriegserklärung an Deutschland erfolgte erst am 27. August gleichzeitig mit der Kriegserklärung Rumäniens an Österreich-Ungarn.
Das treulose Volk der Italiener durfte keinen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß Deutschland Schulter an Schulter mit seinem Verbündeten diesen schmachvollen Treubruch rächen werde.
Der Stimmung, die diese Kriegserklärung, die hier am Pfingstsonntag durch Sonderblätter bekanntgegeben wurde, hervorrief, gibt das nachstehende Gedicht treffenden Ausdruck:

An Italien

Wir haben geschwiegen neun Monate lang
In stummer Verachtung, in staunendem Weh.
Nicht ein Laut durch die große Stille drang.
Wie Gewitterkrampf war’s auf dunkelnder See.
Nun fegte ein Wind die Schranken fort –
Und immer noch schweigen wir Tag um Tag.
Wir wissen: es kennt die Erde kein Wort,
Das euch ins Herz zu treffen vermags
Die Welt ist tot, und die Sprache leer,
In den Wolken verhüllt sein Antlitz Gott.
Da gellt es aus weiter Ferne her,
Aus der tiefsten Tiefe:   I s c h a ri o t!
                                                   (Verräter!)

Am 1. August 1915 lag das größte und gewaltigste Jahr der Weltgeschichte hinter uns.
Zur Feier dieses Gedenktages fand in der dichtgefüllten Stadtkirche ein Dank und Betgottesdienst statt, bei dem Superintendent Orthmann im Anschluß an den 66. Psalm die Predigt hielt.
Mittags 12 Uhr gab die Kapelle des 1. Ersatzbataillons vom Infanterieregiment Nr. 20 auf dem Marktplatze ein Platzkonzert
– das Erste seit Kriegsausbruch.

Warschau und Iwangorod!
Die Nachricht von der Einnahme dieser wichtigen Plätze, die am Nachmittag des 5. August eintraf, weckte auch in Wittenberg ein freudiges Echo.
Gleich nachdem das Siegesgeläut der Stadtkirche erklungen war, hüllten sich die Straßen in Fahnenschmuck.
Am Abend trugen die vereinigten Männergesangvereine auf dem Marktplatze vaterländische Lieder vor.
Das Pfadfinderkorps (Jung – Deutschland – Bund) veranstaltete einen Umzug.

Eine bange Nacht voll Sorgen und Aufregung brachte der 11. August.
Kurz vor 9 Uhr abends ließ ein gewaltiger Donnerschlag die Häuser der Stadt erbeben.
Türen und Fenster sprangen auf, an vielen Stellen zersprangen die Scheiben, und das Glas, namentlich der Schaufensterscheiben, fiel klirrend auf die Straße.
Den erschreckt aus ihren Wohnungen eilenden Bewohnern bot sich ein grausig-schönes Schauspiel:
Am nordwestlichen Himmel schossen schwefelgelbe Flammengarben empor, untermischt mit schwarzen, wallenden Wolken, die sich in der Höhe immer weiter ausbreite en.
In den mit Anspannung aller Kräfte arbeitenden Westfälisch-Anhaltischen Sprengstoffwerken bei Reinsdorf (gegründet 1891) hatte sich durch Überkochen die Pikrinsäure entzündet, und das Feuer sprang auf die benachbarten Räume über, in denen explosive Stoffe lagerten.
Der ersten Explosion folgten noch mehrere schwächere, die immer neue Flammenbündel emporschleuderten.
Die Signalhörner riefen das Militär zu den Kasernen.
Von da rückten die Mannschaften im Eilschritt ab, teils zur Absperrung und Hilfe an der Brandstätte, teils zur Verstärkung der Wachen in dem unruhig gewordenen Gefangenenlager.
Über die Entstehung des Brandes waren die abenteuerlichsten Gerüchte im Umlauf.
Fliegerbomben, Verrat und Attentate von Kriegsgefangenen spielten dabei eine hervorragende Rolle.
Die Erregung wuchs, als aus Piesteritz, Kleinwittenberg und Reinsdorf eine große Zahl von Flüchtenden eintraf.
Diese Leute – meist den Arbeiterkreisen angehörig – hatten eilig und kopflos ihre Kinder auf den Arm genommen oder in Kinderwagen und Handwagen gepackt, wenige Habseligkeiten in ein Bündel gestopft und waren dann, oft nur notdürftig bekleidet, geflohen. Allerdings waren auch in den genannten Orten die Wirkungen der Explosion noch schlimmer als in der Stadt selbst.
Vielfach wurden die Fenster samt ihren Rahmen heraus geschleudert und die Dächer beschädigt, Eisenteile wirbelten durch die Luft, und noch in Wittenberg rieselte der durch die Explosion hochgerissene Mörtel und Sand zu Boden.
Selbst in weiter entfernten Orten, wie Pratau, Apollensdorf u. a. wurden die Fenster eingedrückt.
Erschütterung und Feuerschein machten sich weithin bemerkbar. Die Aufregung in unserer Stadt erreichte ihren Höhepunkt, als das Gerücht verbreitet wurde, der „Ölberg“,  – das ist der Aufbewahrungsort für die Sprengöle, sei in Gefahr.
Wenn dieser, so hieß es, vom Feuer ergriffen werde, so sei Wittenberg verloren.
Auf diese Mär hin verließen sogar hiesige Einwohner die Stadt, um im Freien zu übernachten.
Erst gegen Morgen erlosch die Feuersbrunst, und die erschreckten Gemüter beruhigten sich.

Da über den Umfang des Unglücks von den maßgebenden Stellen strenges Stillschweigen beobachtet und den beiden Ortszeitungen jede Mitteilung darüber untersagt wurde, so war den wildesten Gerüchten Raum gegeben.
Nach zuverlässiger Nachricht von eingeweihter Seite betrug die Zahl der Toten 56.
Unter dem ersten Eindruck des Unglücks legten zahlreiche Arbeiter die Arbeit nieder, kehrten aber bald wieder zu dieser zurück, und da nur ein Teil des älteren Werkes in Mitleidenschaft gezogen war, so erlitt der Betrieb keine wesentliche Störung.

Eine zweite ähnliche Katastrophe ereignete sich am 10. November 1917 abends gegen 11 Uhr.
Auch diesmal wurde über Ursache und Umfang derselben strengstes Stillschweigen bewahrt und den Zeitungen außer einer nichts sagenden kurzen Notiz jede Mitteilung darüber untersagt. Nach der von unterrichteter Stelle gegebenen Auskunft betrug die Zahl der Toten 15 und die der Schwerverwundeten 30 bis 40.
Der Sachschaden an zertrümmerten Fensterscheiben und beschädigten Dächern war freilich in Wittenberg und den der Unglücksstelle benachbarten Orten noch umfangreicher und schwerer als bei der ersten Explosion.

In die durch jenes erste Ereignis hervorgerufene nachhaltige Erregung hinein, fiel am 18. August die Nachricht vom Fall der russischen Festung Kowno, die am 17. August von deutschen und österreichischen Truppen erstürmt wurde.
Es war die 16. Festung, die während des Weltkrieges in die Hand Deutschlands fiel, und die Zahl der feindlichen Gefangenen überschritt nunmehr die zweite Million.

Gleich nach Bekanntwerden der durch Sonderblätter verbreiteten Siegesnachricht stimmten die Kirchenglocken ihr Siegesgeläut an, und die Straßen hüllten sich in bunten Flaggenschmuck.
Am Abend von 8½Uhr ab fand auf dem Marktplatze unter großer Beteiligung eine allgemeine Siegesfeier statt, bei welcher die Kapelle des Ersatzbataillons und die vereinigten Männergesangvereine „Polyhymnia“ und „Männergesangverein“ mitwirkten.
Die Ansprache hielt Bürgermeister Dr. Schirmer.
Während der Feier lösten die vor dem Schloßtore aufgestellten Geschütze einen Siegessalut von 10 Schüssen.
Bereits zwei Tage später, am 20. August, konnte die Eroberung der Festung Nowo-Georgiewsk durch eine ähnlich gestaltete Siegesfeier begangen werden.
Unter dem Eindruck dieser gewaltigen Erfolge fand die Nachricht, daß Italien von England dazu gezwungen der Türkei unter fadenscheinigem Grunde den Krieg erklärt, kaum Beachtung.
Umso größer war am 26. August der Jubel über den Fall des letzten russischen Bollwerks in Polen, der Festung Brest Litowsk, der wieder durch eine Siegesfeier auf dem Marktplatze begangen wurde, bei welcher Lyzeal Direktor Dr. Hertel die Ansprache hielt.
Fielen doch im Monat August 1915 den Deutschen und ihren Verbündeten auf dem östlichen Kriegsschauplatze allein in die Hände über 2 000 Offiziere, 269 839 Mann, über 2 200 Geschütze und mehr als 560 Maschinengewehre.
Durch den Fall der Festung Luzk am 1. September,
– der Festung Grodnow am 4. September und
– der Festung Wilna am 19. September wurde die Kriegsbeute erheblich vermehrt.
Dieser letztere Sieg wurde vom Männerturnverein und dem Kaufmännischen Turnverein am 20. September durch eine besondere Feier begangen.

Tage voll schwerer Sorge brachte die letzte Septemberwoche.
Acht Tage lang stürmten im Westen Engländer und Franzosen mit großer Übermacht und unter ungeheurem Geschoßhagel gegen die deutschen Linien, um diese zu durchbrechen.
Aber trotz der blutigen Riesenopfer, trotz der Anwendung von Gasgranaten und Stinkbomben und aller erlaubten und unerlaubten Mittel der Kriegsführung gelang es ihnen nicht, den festen Wall der todesmutigen deutschen Männer zu erschüttern, wenn freilich auch die Riesenschlacht diesen schwere Verluste zufügte.

Anfang Oktober kam auch auf dem Balkan der Stein ins Rollen. Bulgarien lehnte das Verlangen Rußlands, die Beziehungen zu den Mittelmächten abzubrechen, ab.
Darauf verließen die Gesandten des Vierverbandes Bulgariens Hauptstadt Sofia.
Gleich darauf landeten englische und französische Truppen in der griechischen Hafenstadt Saloniki.
König Konstantin protestierte zwar gegen diese Verletzung der Neutralität und entließ den vierverbands freundlichen, kriegslüsternen Ministerpräsidenten Venizelos, aber der Vierverband beantwortete diesen Protest durch einen neuen Völkerrechtsbruch der französische General Saraille ließ die in Saloniki befindlichen Konsulate Deutschlands und seiner Verbündeten samt deren Personal verhaften und auf ein französisches Kriegsschiff bringen.
Ein erneuter Protest der griechischen Regierung blieb gleichfalls wirkungslos.
Im Gegenteil suchte die Entente das wehrlose Land durch vermehrten Druck, Abschneiden der Lebensmittelzufuhr usw. auf ihre Seite zu zwingen – ein Verlangen, dem König Konstantin entschieden Widerstand entgegensetzte.
Um den fortgesetzten Drangsalierungen zu entgehen, begab sich im September 1916 das vierte griechische Armeekorps unter deutschen Schutz und wurde nach Görlitz überführt.
Den Machenschaften der Entente gelang es schließlich, Venizelos wieder an die Spitze der griechischen Regierung zu bringen, der die Beziehungen zu den Mittelmächten abbrach.
Daraufhin verzichtete der charakterfeste König Konstantin im Juli 1917 auf den Thron zugunsten seines zweiten Sohnes und begab sich mit seiner Familie nach der Schweiz.

Bereits im Oktober 1915 rückten deutsche und österreichische Truppen in Serbien ein.
Auch unser Infanterieregiment Nr. 20 wurde von der Westfront dahin befördert und nahm an den Kämpfen ruhmvollen Anteil, Schon am 9. Oktober konnten die Sonderblätter die Einnahme der serbischen Hauptstadt Belgrad durch die Verbündeten melden, denen sich die Bulgaren anschlossen.
Bereits nach zwei Monaten war der Feldzug gegen die Serben beendet, nachdem die Hälfte ihrer Truppen gefangen und ihnen große Beute an Geschützen, Gewehren und anderem Kriegsmaterial abgenommen worden war.
Die traurigen Reste der serbischen Armee fluteten in wilder Unordnung teils über Montenegro nach Albanien, teils über die griechische Grenze.
Ein zur Hilfe geschicktes englisch-französisches Korps wurde gleichfalls vernichtend geschlagen und rettete sich, verfolgt von den tapferen Bulgaren, nach Saloniki.
Der Klang der Siegesglocken und Fahnenschmuck feierte auch in unserer Stadt am 1. Dezember die siegreiche Beendigung des serbischen Feldzuges.

Mittlerweile versuchten die Engländer unter französischer Mithilfe durch die Dardanellen gegen Konstantinopel vorzustoßen.
Der Versuch scheiterte kläglich an der Tapferkeit der Türken, die durch deutsche Marinesoldaten unterstützt wurden.
Nachdem diese den Feind Mitte Dezember 1915 bereits von einem großen Teile der Halbinsel Gallipoli vertrieben hatten, mußten die Engländer Anfang Januar 1916 nach Verlust ihres letzten Stützpunktes Seddul Bahr auf Gallipoli das mißglückte Dardanellenunternehmen aufgeben, daß ihnen über 5 Milliarden und mehrere ihrer besten Schiffe gekostet hatte.
Wenige Tage später erfüllte sich auch das Schicksal des vom Größenwahn besessenen Montenegro, nachdem dessen Hauptstadt Cettinje von österreichischen Truppen erobert worden war.

Ein bedauerlicher Unglücksfall ereignete sich am 26. Januar 1916 auf dem Teucheler Exerzierplatze.
Beim Sprengen von unbrauchbaren feindlichen Granaten wurden 11 Angestellte der hiesigen Munitionsanstalt verwundet, von denen 4 ihren Verlegungen erlagen.

Während im Osten unsere Truppen siegreich vorwärtsdrangen, wurden auch im Westen, namentlich gegen die Festung Verdun, große Erfolge errungen.
Am 26. Februar erstürmte das 24. Infanterieregiment das Panzerfort Donamont.
Glockengeläut und Fahnenschmuck feierte diese Siege, an denen auch unser Infanterieregiment Nr. 20 wieder ruhmvollen Anteil hatte, das in diesen Kämpfen leider schwere Verluste erlitt.

Nach dem Vorbild anderer Städte wurde auch in Wittenberg ein Kriegswahrzeichen genagelt.
Es besteht in einem Eisernen Kreuz als Füllung der Tür, welche den Eingang zum Stadtverordnetensitzungssaale nach dem Umbau des Rathauses bilden sollte.
Die Tür trägt die Inschrift:

In eiserner Zeit dem Heere geweiht
Von Bürgern und Rat der Lutherstadt

und außerdem die Jahreszahlen 1914 und 191(?).
Der Entwurf stammt von Professor Zeller, der auch die damaligen Pläne für den Rathausumbau anfertigte, der jedoch wegen Ungunst der Zeit bis zum Jahre 1926 verschoben werden mußte.
Zur Nagelung wurden 700 silberne Nägel (zu je 3 M.) und 3 000 eiserne Nägel (zu je 1 M.) vor gesehen.
Der Ertrag der Nagelung, der auf 5 000 M. geschätzt wurde, sollte ungekürzt der Nationalstiftung für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen zufließen.
Die Feier der Nagelung fand gleichzeitig mit der Feier der Übergabe des bisher städtischen Melanchthongymnasiums an den Staat am 31. März, nachmittags 4 Uhr, in dem Festsaale des Melanchthongymnasiums statt.
Nach dem Gesange des Altniederländischen Dankgebets richtete Bürgermeister Dr. Schirmer an die zahlreiche Versammlung eine Ansprache, in welcher er die Bedeutung beider Ereignisse eingehend würdigte.
Hierauf schlugen die Vertreter der Behörden und die geladenen Ehrengäste unter Weihesprüchen ihre Nägel ein, worauf Gymnasialdirektor Siebert der Stadt Wittenberg für das dem Gymnasium unter ihrer Verwaltung bewiesene Wohlwollen herzlich dankte.
Unter dem Gesang von Schülern und Schülerinnen der sämtlichen hiesigen Schulen wurde dann die Nagelung fortgesetzt.
Infolge der ungeeigneten Unterbringung der Tür im Melanchthongymnasium ging die Nagelung später nur sehr langsam vorwärts und wurde schließlich bei der Ungunst der Zeit gänzlich eingestellt.

Welche Kunstfertigkeit und welchen Geschmack in der Anfertigung von allerlei Gebrauchs- und Kunstgegenständen die in den Reservelazaretten befindlichen Verwundeten besaßen, davon legte die im „Jugendheim“ unter Leitung des Chefarztes der Reservelazarette, Oberstabsarzt Dr. Simons, veranstaltete Lazarettausstellung ein sprechendes Zeugnis ab.
Sie wurde am 31. März durch den Landrat von Trotha eröffnet und erfreute sich fortgesetzt eines zahlreichen Besuchs und reger Kauflust.

Zur besseren Ausnutzung des Tageslichts wurde am 1. Mai zum ersten Male die „Sommerzeit“ eingeführt.
Zu diesem Zwecke mußten am 30. April alle Uhren von 11 auf 12 Uhr nachts – also um eine Stunde – vorrückt werden.
Bei den Landbewohnern stieß freilich diese Einrichtung auf vielfachen Widerstand, und viele blieben bei der alten Ordnung.

Am 29. April ergab sich die in Kutel Amara am Tigris eingeschlossene englische Truppenmacht – 5 Generale, 277 britische und 274 indische Offiziere nebst 13 300 Mann – den Türken.
Nach dem Eintreffen dieser Nachricht ertönten die Siegesglocken, und die Häuser schmückten sich mit Fahnen.
Am folgenden Tage fiel der Unterricht in den Schulen aus.
Auf die gleiche Weise wurde der Sieg gefeiert, den unsere österreichischen Bundesgenossen unter Erzherzog Ferdinand Friedrich am 19. Mai über die verräterischen Italiener in Südtirol errangen, wobei den Siegern rund 24 000 Gefangene, darunter 482 Offiziere und 188 Geschütze in die Hände fielen.

Noch größer war der Jubel über den Sieg, den die deutsche Flotte am 31. Mai vor dem Skagerrak über die sich unbesiegbar dünkende englische Flotte errang.
Die Engländer verloren hierbei:
– 1 Großkampfschiff,
– 3 Schlachtkreuzer,
– 4 Panzerfreuzer,
– 3 kleine Kreuzer,
– 12 Torpedoboote,
– 17 Schiffe mit 120 100 t Rauminhalt,
während die deutschen Verluste betrugen:
– 1 Schlachtkreuzer,
– 1 älteres Linienschiff,
– 3 kleine Kreuzer und
– 5 Torpedoboote.

Als Friedenswerk mitten im Kriege fand am 18. Juli in Gegenwart des Oberpräsidenten von Hegel und vor einem Kreise geladener Personen die Einweihung des Erweiterungsbaues der Lutherhalle statt.

Der im dritten Kriegsjahre immer fühlbarer werdende Mangel an Lebensmitteln reifte verschiedene Maßnahmen.
So schlossen Wittenberger, Kleinwittenberger und Piesteritzer Kaufleute im Juli eine Vereinigung zum gemeinsamen Bezug von Lebensmitteln.
Auf Beschluß der beiden städtischen Behörden trat die Stadt dieser mit einer Einlage von 10 000 M. bei.
Die Vereinigung dehnte später ihre Tätigkeit auf den ganzen Kreis Wittenberg aus.

Mit der mangelhaften Versorgung, namentlich der städtischen Bevölkerung, mit Nahrungsmitteln bzw. den da bei gemachten Fehlern wurde der Wechsel im Landratsamt in Verbindung gebracht. Der bisherige Landrat von Trotha wurde als Regierungsrat nach Hildesheim versetzt.
An seine Stelle trat der bisherige Landrat des Kreises Rummelsburg (Pommern), von Trebra.

Die zweideutige Haltung Rumäniens hatte schon seit langem schwere Bedenken erregt.
Unter Mißachtung der bestehenden Verträge, getrieben von Habsucht und angestachelt durch unsere Feinde erklärte dieses am 27. August an Österreich-Ungarn den Krieg, was deutscherseits mit der Kriegserklärung an Rumänien beantwortet wurde.
Gleichzeitig brachten die Sonderblätter die Nachricht, daß nunmehr Italien auch an Deutschland offen den Krieg erklärt habe.
Nach dem Treubruche des ehemaligen Bundesgenossen wirkte diese Kriegserklärung wie eine Posse und blieb ohne Eindruck, da sie ja an dem bereits bestehenden Zustande nichts änderte.

Glockengeläut und wehende Fahnen konnten bereits am 30. September den ersten großen Sieg verkünden, den die verbündete deutsch-österreichische Armee bei Hermannstadt in Siebenbürgen gegen die Rumänen errang.
Überraschend schnell erfüllte sich das verdiente Schicksal dieses Landes.
Bereits am 6. Dezember wurde die Hauptstadt Bukarest von deutschen und österreichischen Truppen besetzt.
In unserer Stadt fand die Freude über diesen Erfolg am 7. Dezember durch Siegesgeläut, Fahnenschmuck, Siegesschießen der Artillerie und ein Platzkonzert auf dem Marktplatze Ausdruck.

In Ausführung einer Verordnung des Generalkommandos verbot die hiesige Polizeiverwaltung vom 11. März 1916 an das ziellose Auf- und Abgehen (den beliebten „Bummel“) sowie den zwecklosen Aufenthalt der Jugendlichen unter 18 Jahren auf dem Marktplatze und den namentlich aufgeführten Straßen der Stadt nach 6 Uhr nachmittags.
Ebenso wurde diesen nach Eintritt der Dunkelheit ohne Begleitung der Eltern, Erzieher oder deren Vertretern der Aufenthalt in öffentlichen Lokalen, Anlagen, Plätzen usw. verboten.

Um Füllmaterial für die Lagerstätten der Soldaten zu schaffen, fand am 13. und 14. März 1916 durch die Schüler der hiesigen Schulen eine Sammlung von Druckpapier statt.
Die Sammelstelle in der zur Hilfskaserne eingerichteten Knaben-Bürgerschule reichte nicht aus, die Menge des Gesammelten zu fassen, sodaß der Keller des Melanchthongymnasiums zuhilfe genommen werden mußte.
In der Provinz Sachsen betrug die Menge des durch die Schüler gesammelten Druckpapiers insgesamt 727 300 kg.

Für die gewaltige Ausdehnung des Weltkriegs spricht die Tatsache, daß bis zum 9. März 1916 nicht weniger als 26 Kriegserklärungen an Deutschland und seine Bundesgenossen erfolgt waren und bis zum 26. November dieses Jahres auf 32 anwuchsen.

Wittenberg war während der Dauer des Krieges ein großes Heerlager.
Fortgesetzt rückten hier die aufgebotenen Mannschaften ein, um nach schneller Ausbildung ins Feld geschickt zu werden.
Nach dem Ausrücken der aktiven Garnisontruppen wurden hier die entsprechenden Ersatzbataillone aufgestellt, zunächst drei des 20. Infanterieregiments (einschl. Reserve und Landwehr), dazu die 2. Ersatzbatterie vom Feldartillerieregiment Nr. 74, ferner ein 2. Ersazbataillon des 20. Infanterieregiments, das Landsturmbataillon IV/27 (zur Bewachung des Gefangenenlagers) und das Artillerie-Reserve-Regiment Nr. 49.
Zeitweilig betrug der Truppenbestand in Wittenberg 8 000 Mann.

Anfang des Jahres 1916 griff man bereits auf die 19 jährigen zurück. Am 11. März rückten rund 60 Mann der hiesigen Neunzehnjährigen zum Bahnhofe, um nach ihrer Ausbildungsgarnison befördert zu werden.
Die Trommler-und Pfeiferabteilung der hiesigen Jugendkompagnie Nr. 496 gab ihnen bis zum Bahnhofe das Geleit.
Am 22. März zogen 1 000 Mann hier gesammelten Mannschaften nach der  Ostfront aus.
Am 24. März folgten 1 500 Mann – meist ältere Leute, und die Ersatzmannschaften des Artillerieregiments Nr. 74, denen am 29. März die Ersatzmannschaften des Infanterieregiments Nr. 57 folgten.
Diese Truppen- Ausmärsche dauerten in den folgenden Monaten unvermindert fort.

Um mit dem Zucker zu sparen, verbot die Schulabteilung der Regierung in Merseburg den Lehrern und Eltern, den in die Schule eintretenden Kindern die übliche „Zuckertüte“ zu geben.

Die steigende Lebensmittelnot, die wiederholt die Stadtverordnetensitzungen beschäftigte, führte dort am 24. Oktober zu einer besonders erregten Aussprache.
Insbesondere wurde es verurteilt, daß der Kreis Wittenberg für die Industriebezirke Essen, Mörs und Bochum 10 000 Zentner Kartoffeln liefern mußte, während die Stadt Wittenbera selbst daran Not litt.
Ursprünglich war sogar die Lieferung von 580 000 Zentnern gefordert, und erst auf die Vorstellungen des Landrats von Trebra wurde diese Forderung auf 10 000 Zentner ermäßigt.
Viel Unwillen herrschte auch darüber, daß die von der Stadt Wittenberg in Holland für 43 000 M. gekauften Lebensmittel (Heringe, Räucherfische, Käse, Marmelade) von der Zentral-Einkaufs-Genossenschaft beschlagnahmt und nach dem Westen geschickt wurden.
Scharf verurteilt wurde es auch, daß trotz Kundenliste und Fleischkarte die Bewohner stundenlang in Regen und Kälte vor den Fleischerläden stehen mußten.

Die Lebensmittelnot hatte die üble Folge, daß die Diebstähle und Einbrüche sich ständig mehrten.
Begünstigt wurde dieses lichtscheue Treiben dadurch, daß vom 19. November ab die Straßenbeleuchtung wegen Kohlenmangel eingestellt wurde und in sämtlichen Haushaltungen, Kontoren und Werkstätten nur bis 10 Uhr abends Gaslicht, gebrannt werden durfte.
Ebenso war jegliche Beleuchtung der Schaufenster mit Gas oder Elektrizität untersagt.
Glockengeläut und Fahnenschmuck feierte am 4. Dezember den Sieg über die rumänischen Truppen bei Argesul.

Viel Kopfschütteln erregte der von den Regierungen Deutschlands und Österreich-Ungarns gefaßte Beschluß, aus den Rußland entrissenen polnischen Gebieten einen selbständigen Polenstaat mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung zu machen.
Zum Danke für diese Fürsorge entpuppte sich nach Deutschlands Niederlage das befreite Polen als der schlimmste Feind seines Befreiers, der weite deutsche Gebiete uns entriß.

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