1925

Im Gegensatz zum Vorjahre war der Winter 1925 sehr mild, das Wetter vielfach frühlingsartig.
Erst am 11. März trat der erste stärkere Schneefall ein.

Wegen der vertragswidrigen Nichträumung der Kölner Zone durch den Feindbund fand am 3. Januar in Balzers Saal eine Protestversammlung statt, in der Pfarrer Sievers die Hauptansprache hielt.

Am 5. Januar konnte die Stadtsparkasse auf ihr 100 jähriges Bestehen zurückblicken.
Der Tag wurde durch eine schlichte Feier begangen.
Vom Dezernenten der Sparkasse Bürgermeister Dr. Nottebohm wurde eine Festschrift herausgegeben und am Eingang zur Sparkasse eine Gedenktafel angebracht, die später am neuen Sparkassengebäude ihren Platz erhielt.

Für die am 25. Januar stattfindenden Neuwahlen zu den kirchlichen Körperschaften waren 4 Wahlvorschläge eingereicht:
– 1. Westliche Vororte,
– 2. Östliche Vororte,
– 3. Liste „Stein“ (Johanneische Gemeinde),
– 4. Gemeinsamer Wahlvorschlag für innere Stadt und Landgemeinden.
Die Wahlbeteiligung betrug nur 65 Prozent der eingetragenen Wähler.
Es wurden gewählt:
– Liste 1: 6 Mitglieder des Gemeindekirchenrats und 20 Mitglieder der Gemeindevertretung;
– Liste 2: 1 Mitglied des Gemeinde Kirchenrats und 6 Mitglieder der Gemeindevertretung;
– Liste 3: 1 Mitglied des Gemeindekirchenrats und 3 Mitglieder der Gemeindevertretung;
– Liste 4:9 Mitglieder des Gemeindekirchenrats und 31 Mitglieder der Gemeindevertretung.

Am Volkstrauertag Sonntag den 1. März zum Gedächtnis der im Weltkriege gefallenen Helden fand am Vormittag in allen Kirchen ein Gedenkgottesdienst statt.
Mittags und nachmittags erklang Trauergeläut.
Auf den Gräbern des Ehrenfriedhofs wurden Kränze niedergelegt.

Daran schloß sich am 4. März die Trauerfeier für den am 28. Februar verstorbenen ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert in den Schulen. Mittags 12 Uhr erklang Trauergeläut.

Am gleichen Tage, vormittags 10 Uhr ereignete sich in den Reinsdorfer Sprengstoffwerken durch Explosion im Pulverraume ein schweres Unglück, dem 13 brave Arbeiter zum Opfer fielen, die vielfach bis zur Unkenntlichkeit verbrannt und verstümmelt waren. Von den zahlreichen Verletzten, die in das hiesige Paul-Gerhardt-Stift gebracht wurden, starben bis 8. März noch zwei.
Am 9. März fand unter großer Beteiligung die Beerdigung der aus Wittenberg stammenden Toten auf dem hiesigen Friedhofe statt.
(Anmerkung vom „Dobiener“;
Richard Erfurth schrieb das Gedicht „Die Toten von Reinsdorf“

Am Sonntag den 8. März feierte der im Jahre 1875 durch den damaligen Diakonus Georg Schleusner gegründete Wittenberger Kindergottesdienst sein 75 jähriges Bestehen durch Festgottesdienst in der Stadtpfarrkirche und einen Elternabend im Saale der „Herberge zur Heimat“.

Für den nach Hamburg berufenen Pfarrer Knolle wurde Pfarrer Lic. Geibel – Apollensdorf in die 3. Pfarrstelle der Stadtpfarrkirche berufen und am Sonntag den 22. März durch Superintendent D. Orthmann in dieses Amt eingeführt.

Nachdem die im Jahre 1888 durch Ernst Rettig eingerichtete Pferdebahn nach 33 jährigem Bestehen infolge Inflation und Teuerung 1921 endgültig ihren Betrieb einstellte, und am 2. August 1919 der seit Oktober 1913 nach den westlichen Vororten bestehende Auto-Omnibusbetrieb wegen Mangel an Betriebsstoff zum Erliegen kam, war Wittenberg ohne Verkehrsmittel.
Der Plan, nach den Vororten vom Bahnhof aus eine elektrische Bahn zu bauen, zu dem vor dem Kriege bereits Vorarbeiten stattgefunden hatten, scheiterte an der Ungunst der Zeit.
Mit lebhafter Freude wurde deshalb der von der Oberpostdirektion Halle vom Bahnhof bis zur Kolonie Piesteritz eingerichtete Kraftwagenverkehr begrüßt, der am 18. April 1925 mit 3 Wagen und 10 Haltestellen durch eine Probefahrt eröffnet wurde, an welcher die Vertreter der städtischen Behörden, der Oberpostdirektion Halle, anderer Behörden und der Presse teilnahmen.
Die Stadt Wittenberg garantierte dem Unternehmen eine Einnahme von monatlich 2 000 M.
Am 5. Mai waren 400 Jahre verflossen, seitdem Kurfürst Friedrich der Weise, dem die Stadt Wittenberg so viel verdankt, die Augen zum ewigen Schlummer schloß.
Dieser Tag wurde durch eine Gedächtnisfeier würdig begangen. Abends 6 Uhr fand am Grabe Friedrich des Weisen in der Schloßkirche unter Mitwirkung des Predigerseminarchors eine kurze Feier statt, bei welcher Ephorus D. Macholz die Ansprache hielt.
Bei der abends 8 Uhr in der Stadtpfarrkirche abgehaltenen Gemeindefeier, die der Kirchenchor durch seine Gesänge ausstattete, begrüßte Oberbürgermeister Wurm die Versammlung. Den Festvortrag hielt Hof- und Domprediger D. Doehring – Berlin über das Thema:
„Was haben Gegenwart zu Luther und sein Kurfürst der Gegenwart zu sagen?“.
Das Schlußwort sprach Superintendent Orthmann.

Eine zweite umfassendere Gedenkfeier fand am Sonntag den 14. Juni als Katharinentag statt.
Sie galt D. Martin Luther als dem Gründer des evangelischen Pfarrhauses, der vor 400 Jahren mit Katharina von Bora in den Ehestand trat.
Mit der Feier war die Jahresversammlung des Gesamtverbandes der Evangelischen Frauenhilfe verbunden.

Das volle Festgeläut der Stadtpfarrkirche läutete am 13. Juni die Feier ein.
Abends 6 Uhr begann dort die mit Gesängen des Oratorien- und Kirchenchors anziehend ausgestattete Abendfeier, in welcher Pfarrer Kunstmann – Berlin/Schöneberg die Ansprache hielt.
Im Anschluß daran folgte im Muthschen Saale der Begrüßungsabend, den der Musikverein mit seinen Darbietungen verschönte.
Die Grüße der Wittenberger Frauenhilfe und der evangelischen Kirchengemeinde überbrachte Superintendent D. Orthmann, die des Evangelischen Kirchenausschusses und Evangelischen Oberkirchenrats Oberkonsistorialrat Karow – Berlin.
Den Dank des Gesamtverbandes hierfür sprach der Geschäftsführer D. Cremer – Potsdam aus.

Choralblasen leitete den eigentlichen Festtag ein.
Um 8 Uhr vormittags versammelten sich im Hofe des Lutherhauses die Teilnehmer zum gemeinsamen Kirchgang, an dem rund 1 000 Personen – darunter 800 auswärtige Gäste – teilnahmen.
Ihn eröffneten die Schwestern des Diakonissen Mutterhauses, dann folgte die Geistlichkeit, die kirchlichen Jugendvereine, die Mitglieder der Frauenhilfe, die beiden kirchlichen Körperschaften und sonstige Festteilnehmer.
Unter Glockengeläut begab sich der lange Zug durch die Collegienstraße, den Marktplatz umschreitend, zur Stadtpfarrkirche.

Im Festgottesdienste, dessen Weihe die Gesänge des Oratorien- und Kirchenchors vertieften, hielt General-Superintendent D. Schöttler – Magdeburg die Festpredigt über Ps. 84, 7:
„Wohl denen, die durch das Jammertal gehen und machen daselbst Brunnen.“

Von der Stadtpfarrkirche begaben sich die Teilnehmer zum Festakt in der Schloßkirche.
Den ersten Festvortrag hielt Hauptpastor Knolle – Hamburg über: „Luthers Heirat als Reformationstat“,
den zweiten Festvortrag Frau Pfarrer Zimmermann – Döbern über: „Luther und das deutsche Familienleben.“

Den Mittelpunkt des Katharinentags bildete die Grundsteinlegung zur Katharinenkapelle an der Nordseite des Katharinenstifts.
Die Weiherede hielt Generalsuperintendent D. Schöttler – Magdeburg auf Grund von Kor. 3, 11:
„Einen andern Grund kann niemand legen.“
Nachdem die Grundsteinlegungsurkunde von Pfarrer Cremer verlesen und dem Grundstein einverleibt war, erfolgten die von Weihesprüchen begleiteten üblichen Hammerschläge.

Bei der am Nachmittag im Saale des Schützenhauses stattfindenden Schlußfeier, die unter Mitwirkung der vereinigten Gesangvereine unter der Leitung von Lehrer Krause stattfand, begrüßte Oberbürgermeister Wurm namens der Lutherstadt die Festgäste. Namens des Gesamtverbandes der Frauenhilfe dankte Prof. D. Freiherr von der Golz – Greifswald.

Der folgende Tag war der Arbeitstagung der Frauenhilfe gewidmet. In ihrem Mittelpunkte standen die beiden Vorträge:
„Welche neuen Aufgaben stellt die Kirchenverfassung der Frauenhilfe?“ und:
„Die Aufgaben der Frauenhilfe gegenüber der Sektengefahr.“

Wie so viele Gotteshäuser hatte auch die Christuskirche im Jahre 1917 von ihrem Geläut zwei Glocken für Kriegszwecke opfern müssen.
Als Ersatz beschaffte die Kirchengemeinde Wittenberg drei Stahlglocken mit einem Kostenaufwand von 10 000 M., die am Sonntag den 28. Juni feierlich geweiht wurden.
Die Weihepredigt hielt Pfarrer Pape über die Glockeninschriften: „1925 Eisen für geopfert Erz 1917“ (kleine Glocke).
„Geboren in schwerer Zeit rufe ich zur Einigkeit 1925“ (mittlere Glocke).
„O Land, Land, Land, höre des Herren Wort!“ (große Glocke).
Die Weihe selbst vollzog Superintendent D. Orthmann.

Eine Weihefeier anderer Art geschah am 20. Juli.
In dem ehemaligen Kasinogarten, der in die städtischen Anlagen einbezogen ist, wurde an diesem Tage an Stelle des früheren beschädigten Gedenksteines zur Erinnerung an die Erstürmung Wittenbergs und Erlösung vom vom französischen Joch im Jahre 1814 ein neuer Gedenkstein (,“Tauentzien-Denkmal“) geweiht.
An der Feier beteiligte sich neben dem hiesigen und zahlreichen auswärtigen Vereinen ehemaliger 20 er auch eine Abordnung des Traditions-Bataillons des 20. Infanterie-Regiments aus Lötzen (Ostpreußen).
Namens der Stadt Wittenberg sprach Oberbürgermeister Wurm und namens der ehem. Offiziere des Regiments der Führer der 11. Kompagnie, Oberst a. D. von Jarotzky – Berlin.
Sämtliche Vereine ehem. 20 er schlossen sich zum „Tauentzien-bund“ zusammen.

Die Eisenbahn-Elbbrücke erfuhr im Jahre 1924 einen umfassenden Umbau, wobei der Unterbau verstärkt und die Brückenbogen über dem Fahrbett durch neue ersetzt wurden.
Daran schloß sich im Sommer 1925 der Umbau der dicht bei Pratau gelegenen Flutbrücke, wobei diese eine Verbreiterung erfuhr.
Statt des bisherigen Bohlenbelags erhielt sie Betonpflaster mit Gehbahnen aus Mosaikpflaster.
Nachdem Anfang November der Umbau vollendet war, wurde mit dem der zweiten Flutbrücke begonnen, der Mitte Oktober 1926 fertiggestellt war, worauf der Umbau der dritten nahe der Stadt gelegenen Flutbrücke in Angriff genommen wurde, der Ende November beendet wurde.
Während des Umbaues der ersten und zweiten Flutbrücke mußte der gesamte Verkehr über die Wiesen bei Pratau – östlich der Landstraße – geleitet werden, was vielfach große Schwierigkeiten mit sich brachte, namentlich bei Hochwasser und längerem Regenwetter.
Während des Umbaues der dritten Flutbrücke wurde östlich neben dieser eine hölzerne Notbrücke hergerichtet.

Der Wittenberger Schützengesellschaft gliederte sich im Jahre 1925 eine neue Abteilung – die Jungschützen – an, die beim Schützenfest dieses Jahres das erste Mal öffentlich auftrat. Gleichzeitig erhielt die Jahnkesche Kapelle, welche die Musik bei den Veranstaltungen der Schützengesellschaft stellt, als „Schüzenkapelle“ die Uniform der Schützen.

In Verbindung mit der „Vogelwiese“ hielt der neu gegründete „Schützenbund des Kurkreises“ in Wittenberg sein erstes Bundesschießen ab.

Mit Härte und unerhörter Grausamkeit vertrieben die Polen aus den von ihnen besetzten ehemaligen deutschen Gebieten des Ostens die deutschen Bewohner (bis Anfang August 1925 mehr als 30 000) von Haus und Hof.
Als Protest gegen diese Unmenschlichkeiten veranstaltete die hiesige Ortsgruppe des deutschen Ostbundes am 5. August auf dem Marktplatze eine öffentliche Kundgebung, bei der Pfarrer Ahlemann –  Eickendorf bei Magdeburg und der Präsident des Deutschen Ostbundes, Geh. Oberregierungsrat von Tilly – Berlin Ansprachen hielten.
Am Abend fand im Balzerschen Saale ein reichausgestatteter Vaterländischer Abend statt.

Am 28. und 29. September tagte in Wittenbergs Mauern der Pressetag und die 34. Hauptversammlung des Evangelisch-Sozialen Preßverbandes für die Provinz Sachsen.
Im Festgottesdienst am 28. September hielt Generalsuperintendent D. Schöttler – Magdeburg die Festpredigt.
Daran schloß sich der Begrüßungsabend im Muthschen Saale.
In der Hauptversammlung am 29. September hielt nach dem vom Direktor des Preßverbandes Dr. Hammer – Halle gegebenen Jahresberichte Lic. Hinderer – Berlin einen Vortrag über
„Eindrücke von der Weltkonferenz in Stockholm.“

Mit dem 1. Oktober trat Superintendent D. Orthmann im Alter von bald 71 Jahren nach 45 jähriger Amtstätigkeit – davon 17 Jahre im Dienste der Wittenberger Kirchengemeinde und des Kirchenkreises – in denRuhestand.

Zur Sammlung einer Zeppelin- Eckener- Spende behufs Erbauung eines neuen Zeppelin-Luftschiffes wurde am 18. Oktober am Schwanenteiche unter Mitwirkung der Schützenkapelle eine Zeppelin-Eckener- Feier abgehalten, bei welcher Pfarrer Lic. Geibel die Ansprache hielt.

Ein bedeutungsvoller Tag für unsere Stadt war Sonntag der 1. November. An diesem Tage wurde die zum Gedächtnis der im Weltkriege gefallenen Söhne der Stadtkirchengemeinde in der bisherigen westlichen Vorhalle der Stadtpfarrkirche errichtete Ehrenhalle feierlich eingeweiht.
Das prächtige stimmungsvolle Ehrenmal nennt auf 12 (auf jeder Seite (6) goldumrandeten Gedenktafeln, die von dunkel-grünem Gehäuse umschlossen werden, auf schwarzem Untergrunde in Goldbuchstaben die 650 Namen der Gefallenen nebst Todestag.

Den Entwurf zu dieser einzigartigen und schönen Heldenehrung lieferte Regierungsbaumeister Keibel – Berlin im Zusammenwirken mit Maler Fey – Berlin.
Die Baukosten wurden durch freiwillige Sammlungen und Spenden aufgebracht, die rund 13 000 M. ergaben.
Die eigentlichen Arbeiten wurden sämtlich von Wittenberger Handwerksmeistern ausgeführt, die in hochherziger Weise auf jeden Gewinn aus ihrer Arbeit verzichteten.

Sanftes Orgelspiel, Sologesang und der Gesang des Oratorien- und Kirchenchors im Wechsel mit dem Gesang der Gemeinde, die das Gotteshaus bis auf den letzten Platz füllte, leitete die ernste Feier stimmungsvoll ein.
Der Weihepredigt legte Pfarrer Herrmann das Schriftwort 1 Ror. 13, 8 zugrunde:
„Die Liebe höret nimmer auf.“

Nach der Predigt richtete Oberbürgermeister Wurm als Vertreter der Stadt und des Kirchenpatronats an die Gemeinde eine Ansprache.
Ihm schloß sich namens des Ehrenausschusses dessen Vorsitzender Superintendent i. R. D. Orthmann an.
Den Dank des Gemeindekirchenrats brachte dessen Vorsitzender Pfarrer Herrmann zum Ausdruck.
Nachdem Pfarrer Doden Schlußgebet und Segen gesprochen, erfolgte die Öffnung der Ehrenhalle.
Der Der Vorsitzende des Ehrenausschusses übergab mit einer kurzen Ansprache dem Vorsitzenden des Gemeindekirchenrats den Schlüssel, worauf dieser die Tür mit einem Spruch öffnete.
Darauf wurden in der Halle, die durch Lorbeerbäume und weiße Chrysanthemen stimmungsvoll geschmückt war, zahlreiche Kränze niedergelegt, die oft von Widmungsworten begleitet waren.

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