Trübe und verworten war die Lage auch zu Beginn des ereignisschweren Jahres 1918.
Die Hoffnung, daß dem Frieden mit Rußland und Rumänien auch bald ein ehrenvoller Frieden mit den übrigen Feinden Deutschlands folgen würde, erfüllte sich nicht, diese wiesen vielmehr alle Friedensangebote schroff zurück und vermehrten ihre Anstrengungen, Deutschland niederzuzwingen.
Die innere Lage Deutschlands und seiner Bundesgenossen bestärkte sie in diesem Bestreben.
Schon seit Jahresbeginn flammten fortgesezt Streits und Unruhen auf, „um den Frieden zu erzwingen“, die aber dem Wirtschaftsleben und besonders der Rüstungsindustrie schweren Schaden zufügten. Dazu nahm der Mangel an allen notwendigen Dingen noch mehr zu, und die Beschlagnahmungen für Heereszwecke wollten kein Ende nehmen.
So wurden ua. im Januar Mauersteine und Dachziegel aller Art und im März sogar das gesammelte rohe Menschenhaar beschlagnahmt. Anfang August fiel die Kupferbedachung unserer Stadtpfarrkirchtürme dem Kriege zum Opfer.
An deren Stelle erhielten die beiden Türme Schieferbedachung, was einen Kostenaufwand von 14 000 M. verursachte, während das Dachkupfer mit 8 000 M. bezahlt wurde.
Bezeichnend für die Knappheit an Viehfutter ist es, daß bei der Verpachtung der städtischen Wiesen für einen Morgen 1 000 M. und mehr geboten wurden.
Um Futter für die Pferde zu gewinnen, wurden die Schulen angewiesen, Laubheu zu sammeln, das getrocknet, mit Melasse und Nährhefe vermischt und in Kuchen gepreßt, verfüttert wurde.
Seit Mitte Juni wanderten daher die Schulen von Wittenberg und Umgebung nach Probstei und Fleischerwerder, um dort frisches Laub zu sammeln, das in der Malzfabrik von Kindscher getrocknet wurde.
Zu diesem Zwecke wurden die Sommerferien auf 14 Tage hinausgeschoben.
Bis zu deren Beginn am 19. Juli wurden von den hiesigen Schulen gesammelt 3 979 Zentner Frischlaub und 479 Zentner getrocknetes Laub.
Für 1 Zentner Frischlaub wurden 4 M. und für 1 Zentner getrocknetes Laub 18 M. bezahlt.
Um eine anschauliche Übersicht über alles das zu geben, was als Sammelgut für Kriegszwecke von Wert ist, fand vom 1. bis 15. September im Obergeschoß des Melanchthongymnasiums eine Ausstellung von Kriegssammelgut statt, die am 1. September in Anwesenheit der Vertreter der Provinz-, Kreis-, Stadt- und militärischen Behörden eröffnet wurde.
Im Oktober trat in unserer Stadt die Grippe epidemisch auf.
In der Woche vom 13. bis 19. Oktober betrug die Zahl der Todesfälle in der Zivilbevölkerung der Stadt 32, denen nur 3 Geburten gegenüberstanden.
Um der Weiterverbreitung der Krankheit entgegenzuwirken, verbot die Polizeiverwaltung bis Ende des Monats alle Theater-, Lichtspiel- und sonstige Aufführungen sowie Versammlungen von mehr als 50 Personen.
Da es an Wäsche bzw. Leinen für die Säuglinge fehlte, so veranstaltete der Verein „Evangelische Frauenhilfe“ in unserer Stadt vom 11. bis 18. Mai eine „Weiße Windelwoche“, in der 8½Zentner Leinen gesammelt wurden.
Am 21. März begannen die gewaltigen Angriffskämpfe der deutschen Truppen an der Westfront, die anfangs glänzende Erfolge erzielten und große Beute an Gefangenen, Geschützen und sonstigem Kriegsmaterial brachten.
Dann aber stieß der deutsche Vormarsch auf starken Widerstand der Franzosen, Engländer, Amerikaner und Belgier, sodaß die deutsche Heeresleitung sich genötigt sah, die Truppen Ende Juli unter starken Verlusten über Marne, Somme, Ancre, Ois usw. zurückzuziehen.
Die erlittenen schweren Verluste machten ein Auffüllen der Truppenkörper nötig.
Nachdem die älteste Jahresklasse zum Heeresdienste eingezogen war, griff man auf die Achtzehnjährigen und Siebzehnjährigen zurück, von denen viele noch auf der Schulbank saßen.
Kein Wunder, daß bei der Lage im Lande Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit immer weiter um sich griff.
Die zu spät getroffenen parlamentarischen Reformen
– parlamentarische Regierung, allgemeines und gleiches Wahlrecht in Preußen – übten nicht mehr die erhoffte Wirkung aus.
Nachdem vollends unsere bisherigen Bundesgenossen Bulgarien, Österreich und die Türkei mit den Feinden Sonder- Friedensverhandlungen begonnen hatten, war es leider klar, daß für Deutschland trotz aller heldenmütigen Aufopferung der Krieg verloren war.
Es konnte sich nur noch darum handeln, einen ehrenhaften Frieden zu erlangen.
Die neue demokratische Reichsregierung mit dem Prinzen Max von Baden als Reichskanzler ersuchte am 5. Oktober daher den Präsidenten Wilson von den Vereinigten Staaten Nordamerikas, auf Grund seiner „14 Punkte“, die ua. die Räumung der besetzten Gebiete und den Verzicht auf Elsaß- Lothringen einschlossen, Friedensverhandlungen einzuleiten und einen sofortigen Waffenstillstand herbeizuführen.
Wilsons Antwort war ausweichend und verlangte erst nähere Erklärungen, Bürgschaften und Räumung sämtlicher von den Deutschen besetzten Gebiete.
Die deutsche Regierung kam diesem Verlangen nach und sagte in einer neuen Note die bedingungslose Räumung der besetzten Gebiete zu.
Die auf diesen Schritt gesetzten Hoffnungen erfüllten sich aber nicht. In einer in brüskem Tone gehaltenen Antwort stellte Wilson für den Waffenstillstand Bedingungen, die Deutschland wehrlos machten und es völlig seinen Feinden auslieferten.
Außerdem forderte er Absetzung Kaiser Wilhelms II. und Abberufung der verdienten deutschen Heerführer.
Gegen diese entehrenden Zumutungen erhoben weite Kreise des deutschen Volkes flammende Proteste.
Auch in den beiden hiesigen Zeitungen wurden solche veröffentlicht.
Trotzdem sah sich die deutsche Regierung genötigt, Wilson um genauere Angaben der Waffenstillstandsbedingungen zu bitten. Dieser wies sie zu Verhandlungen darüber an den Oberbefehlshaber der Entente-Armee, den französischen Marschall Foch.
Die Revolution
In dieser Zeit der höchsten Gefahr, wo alle Kräfte der Nation hätten zusammengehalten werden müssen, trat das Ereignis ein, was Deutschlands endgültigen Zusammenbruch herbeiführte:
die Revolution.
In knapp einer Woche wurden sämtliche alten Gewalten gestürzt und an ihre Stelle nach russischem Vorbilde Arbeiter- und Soldatenräte gesetzt.
Ihren Ausgang nahm die Revolution vom Kriegshafen Kiel.
Als die Flotte auslaufen sollte, meuterten die von Agitatoren aufgehetzten Matrosen und Heizer.
Am Sonntag, den 3. November bemächtigten sie sich der Schiffe und Dienstgebäude, holten die ruhmreiche Kriegsflagge nieder und hißten an ihrer Stelle die rote Fahne.
Von Kiel aus verbreiteten die Matrosen die Bewegung schnell über die Küstenstädte und dann weiter über das ganze Land.
In Köln sperrten die Aufrührer den an der Westfront tapfer weiterkämpfenden Truppen die Zufuhr von Lebensmitteln und Schießbedarf.
Überall wurden die Regierungen gestürzt, ohne daß sie Widerstand leisteten.
In Berlin erklärte der Reichskanzler Prinz Max von Baden eigenmächtig die Thronentsagung des Kaisers und Königs, ehe sich dieser dazu entschlossen hatte.
Kaiser Wilhelm II., der sich im Großen Hauptquartiere in Spaa befand, übertrug Hindenburg die Aufgabe, das deutsche Heer in die Heimat zurückzuführen, und begab sich dann nach Holland.
In Berlin wurde die Republik ausgerufen, und der sozialdemokratische Abgeordnete Friedrich Ebert trat an die Spitze der Regierung.
In Wittenberg vollzog sich der Umschwung in der Nacht vom 8. zum 9. November schnell und ohne Blutvergießen.
Die militärischen Gewalten, Staats- und Zivilbehörden sahen sich vor eine vollendete Tatsache gestellt und fanden sich deshalb ohne nutzlosen Widerstand mit den gegebenen Verhältnissen ab.
Nach einer um Mitternacht vom Soldatenrat nach dem Tauentzienplatze einberufenen Versammlung ergoß sich eine nach Hunderten zählende Menge in die Stadt, wo sie später durch die Arbeiter und Arbeiterinnen der Sprengstoffwerke, Stickstoffwerke und anderer Fabrikbetriebe, welche die Arbeit eingestellt hatten, verstärkt wurde.
Dank der von allen Seiten bewahrten Besonnenheit kamen Ausschreitungen und Vergehen gegen das Eigentum der Bürger nicht vor.
Nur die Kammern der Kasernen wurden anfangs von Soldaten geplündert.
Bereits in den frühen Morgenstunden wurden Bahnhof, Post, Rathaus, Kreishaus und andere öffentliche Gebäude sowie die größeren Fabriken militärisch besetzt.
Auf dem Rathaus, den Kasernen ua. staatlichen Gebäuden wurde die rote Flagge gehißt.
Der öffentliche Fernsprechverkehr in der Stadt sowohl als auch nach außerhalb war während des Tages gesperrt.
Wiederholt konnte man beobachten, wie sich die Soldaten gegenseitig anhielten, die Kokarden von den Mützen zu entfernen. Den Offizieren wurden Schulterstücke und Degen abgenommen, falls sie beides nicht freiwillig ablegten.
Im Laufe des Tages fanden auf dem Tauentzienplatze mehrere starkbesuchte Versammlungen statt, bei denen die gestellten und bewilligten Forderungen bekannt gegeben und zur Ruhe und Besonnenheit ermahnt wurde.
Im Rathause versammelten sich die Vertreter des Arbeiter- und Soldatenrats mit den Vertretern der Stadt- und Kreisverwaltung und den Leitern der größeren Fabrikbetriebe, um die erforderlichen Maßnahmen zu beraten.
Um jede Stockung, namentlich hinsichtlich der Ernährung der Bevölkerung zu vermeiden, erklärten sich die bisherigen Behörden bereit, die Geschäfte weiterzuführen.
Am Mittag wurden an den Anschlagsäulen und öffentlichen Gebäuden, auf rotem Papier gedruckte Plakate befestigt mit der Mitteilung, daß die öffentliche Gewalt in die Hände des Arbeiter- und Soldatenrats übergegangen sei und zur Ruhe und Besonnenheit ermahnt und vor Plünderungen gewarnt wurde.
Da die Ruhe nicht gestört wurde, so ging das Geschäftsleben in der Stadt seinen gewohnten geordneten Gang, und nur das lebhafte Auf- und Abwandern der Arbeitermassen und die zahlreichen Militärposten zeigten, daß sich Ungewöhnliches ereignete. Ängstliche Gemüter waren trotzdem von Besorgnis ergriffen und bemüht, in Bäckereien und Lebensmittelgeschäften den gesamten Wochenbedarf auf einmal einzukaufen, sodaß in diesen Geschäften zeitweise gewaltiger Andrang herrschte.
Auch am folgenden Tage, einem Sonntag, fanden auf dem Tauentzienplatze vormittags und nachmittags starkbesuchte Versammlungen statt, nach deren Schluss die Teilnehmer unter Vorantragen von roten Fahnen Demonstrationsumzüge durch die Straßen der Stadt veranstalteten.
Am Abend kurz nach neun Uhr wurden die Garnisontruppen alarmiert, weil angeblich die Kriegsgefangenen im Gefangenenlager ausbrechen wollten.
Infolge der abgegebenen Alarmschüsse wurden die Einwohner der Stadt in begreifliche Bestürzung versetzt. Ein Teil der Truppen rückte auch nach dem Gefangenenlager ab, wo sie aber keine Ursache zum Eingreifen vorfanden.
Leider fiel dem falschen Gerücht ein blühendes Menschenleben zum Opfer.
Die 34 Jahre alte Frau Hirschfeld, Mutter zweier Kinder, wurde am Ausgange der Clausstraße von einem der ausgestellten Militärposten erschossen, der diese in der Dunkelheit für einen flüchtenden russischen Kriegsgefangenen hielt.
Der in Wittenberg gebildete Arbeiter und Soldatenrat hielt seine Sitzungen zunächst im Stadtverordnetensitzungssaale des Rathauses und später in der Offiziers- Speiseanstalt ab.
Er gliederte sich in den Vollzugsausschuß, die Vollversammlung und eine Anzahl von Ausschüssen.
Mehrere Wittenberger Bürger, von Pflichtbewußtsein und vaterländischer Gesinnung getrieben, traten freiwillig in den Arbeiter- und Soldatenrat ein.
Ihrem Wirken ist es vornehmlich zu verdanken, daß in Wittenberg im Gegensatz zu anderen Orten keinerlei ungesetzliche Übergriffe geschahen, und die Ruhe und Ordnung auch in den schwierigsten Lagen niemals gestört wurde.
Der in Berlin tagende Reichsausschuß des Arbeiter- und Soldatenrates sprach in einem Aufrufe die Überzeugung aus, daß sich in der ganzen Welt eine Staatsumwälzung wie in Deutschland vorbereite, und daß das Proletariat der anderen Länder eine Vergewaltigung des deutschen Volkes verhindern werde.
Diese Hoffnung wurde aber arg getäuscht.
Als die deutschen Bevollmächtigten zum Abschluß des Waffenstillstandes bei Marschall Foche eintrafen, wurden ihnen Bedingungen von außerordentlicher, ungeahnter Härte vorgelegt, in denen nichts von Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu spüren war, wie sie der Präsident Wilson so oft verkündet hatte.
Alle Versuche, die vernichtenden Forderungen zu mildern, waren vergeblich.
Nicht einmal die Rückgabe der deutschen Kriegsgefangenen und die Aufhebung der Blokade Deutschlands wurde zugestanden.
An einem weiteren Widerstand konnte aber deutscherseits nicht mehr ernstlich gedacht werden, denn Deutschland stand allein, und sein Heer war infolge des Umsturzes in Auflösung begriffen.
So sahen sich denn die deutschen Abgesandten gezwungen, am
12. November die harten Bedingungen zu unterzeichnen. Generalfeldmarschall von Hindenburg fiel die schwere Aufgabe zu, binnen der kurzbemessenen Frist von 14 Tagen die deutschen Armeen aus den besetzten feindlichen Gebieten in die Heimat zurückzuführen.
In bewundernswerter Weise führte dieser getreue Eckart seines Volkes diese Aufgabe aus.
Die ersten Truppen, welche nach Wittenberg zurückkehrten, um demobilisiert zu werden, trafen hier in der Nacht zum 1. Dezember ein.
Den Anfang machte um 11 Uhr nachts ein Flackzug mit 60 Offizieren und 170 Unteroffizieren und Mannschaften.
Ihnen folgte um 12 Uhr das Landsturmbattaillon IV/15 in Stärke von 19 Offizieren, 438 Unteroffizieren und Mannschaften, 93 Pferden und 84 Fahrzeugen.
Trotz der späten Stunde hatte sich eine zahlreiche Menge zur Begrüßung der Truppen versammelt, die den Bahnsteig und den Bahnhofsvorplatz füllte.
Nach Ankunft der Truppenzüge auf dem mit Tannengewinden und Fahnen geschmückten Bahnhofe wurden diese durch das hiesige „Rote Kreuz“ mit warmem Essen bewirtet.
Die neugegründete Garnisonkapelle unter Leitung von Obermusikmeister Grimmig spielte währenddem mehrere Musikstücke.
Zur Begrüßung hatten sich auf dem Bahnsteige Landrat von Trebra, Bürgermeister Dr. Thelemann mit Mitgliedern des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung sowie die Vertreter des Arbeiter- und Soldatenrates eingefunden.
Namens des letzteren und der Garnison Wittenberg begrüßte Feldwebel Mees Mees die Heimgekehrten, worauf Bürgermeister Dr. Thelemann ihnen den herzlichen Willkommensgruß der Stadt Wittenberg entbot.
Ein Mitglied des Frontsoldatenrates dankte für den freundlichen Empfang und brachte ein Hoch auf die Stadt Wittenberg aus.
Unter Fackelbeleuchtung und den Marschweisen der Garnisonkapelle marschierten die Krieger nach ihren Quartieren im Landsturmlager Rothemark.
Es mag freilich auf die alten Frontsoldaten einen sonderbaren Eindruck gemacht haben, als sich am folgenden Tage im Anschluß an eine auf dem Exerzierplatze an der Schloßkaserne abgehaltene Versammlung ein Demonstrationsumzug von mehreren hundert Soldaten, Arbeitern und Arbeiterinnen unter Vorantragen einer roten Fahne und der Musik der Garnisonkapelle durch die Hauptstraßen der Stadt bewegte.
Ein Freudentag in trüber Zeit war für die Bewohner unserer Stadt die Rückkehr des aktiven Infanterieregiments Nr. 20 in seine alte Garnison am Sonnabend den 14. Dezember.
Glockengeläut und Musik, wehende Fahnen, Tannengewinde und freudiges Willkommen grüßte die Heimkehrenden.
Schon seit den frühen Nachmittagsstunden füllte eine dichte Menge Marktplatz, Collegienstraße, den Bahnhofszugang und den Bahnhof selbst, die trotz der unfreundlichen Witterung und der stark verzögerten Ankunft der Truppe wacker aushielt.
Nach 4 Uhr nachmittags rückten die Schüler der hiesigen Schulen mit Fähnchen und Tannensträußchen für die Krieger zur Spalierbildung an.
Wegen der sich verzögernden Ankunft mußten sie aber nach längerem Warten leider wieder nachhause geschickt werden.
Kurz vor 10 Uhr abends fuhr endlich der erste Zug mit dem 2. Bataillon und dem Regimentsstabe in den Bahnhof ein, von den harrenden Massen mit donnernden Hurrarufen und der Garnisonkapelle mit schmetternden Klängen empfangen.
Nach einer kurzen Begrüßung durch die Vertreter der Kreis- und Stadtbehörde ordneten sich die Mannschaften auf dem Vorplatze des Bahnhofs, wo sie vom „Roten Kreuz“ mit warmem Essen bewirtet und mit Liebesgaben beschenkt wurden.
Dann erfolgte gegen 11 Uhr unter Fackellicht, dem Vorantragen der beiden ruhmreichen Bataillonsfahnen, den Klängen der Regimentsmusik und und Glockengeläut der Einzug in die Stadt, auf dem ganzen Wege von jubelnden Zurufen begrüßt und vielfach von Buntsfeuer beleuchtet.
Nach dem Eintreffen auf dem Marktplatze, dessen Häuser vielfach illuminiert hatten, nahm das Bataillon mit Front nach dem Rathause Ausstellung. Es war ein schönes Bild, das sich im Lichte der Fackeln und des Buntfeuers bot:
die sehnigen Gestalten der Krieger in straffer, ungebeugter Haltung mit den frischen, wettergebräunten Gesichtern unter dem Stahlhelm – und doch auch wieder ein Bild, das Wehmut erweckte, denn von denen, die im August 1914 siegbegeistert hinauszogen, sah man nur noch wenige in den Reihen.
Meist blickte man in fremde junge Gesichter; die anderen hatten in den langen, blutigen Kämpfen ihre Treue mit dem Tode besiegelt. Kein Wunder, daß in all dem Jubel so manche Träne floß.
Fielen doch vom aktiven Infanterieregiment Nr. 20 insgesamt 1 060 Offiziere, 4 042 Unteroffiziere und Mannschaften, vom Reserve Infanterieregiment Nr. 20 insgesamt 39 Offiziere, 2 090 Unteroffiziere und Mannschaften und vom Landwehr- Infanterieregiment Nr. 20 insgesamt 120 Offiziere, 544 Unteroffiziere und Mannschaften.
Als die Glocken schwiegen, richtete Bürgermeister Dr. Thelemann vom Balkon des Rathauses an das Bataillon eine warme Begrüßungsansprache. Er betonte darin ua.,
dass die Stadt Wittenberg mit Stolz auf ihre Zwanziger blickt; bedeutet doch die Kriegsgeschichte des Regiments eine Rette von unvergänglichen Ruhmestaten.
Was der damalige Führer des Regiments, der gefallene Oberst Schulze, vor 4 Jahren bei dessen Auszuge versprochen:
„Was gemacht werden kann, das wird gemacht“,
das hat die ganze Truppe wahrgemacht.
Militärisch unbesiegt kehrt sie zurück.
Mit ehrenden, dankbaren Worten gedachte der Redner dann der Gefallenen und schloß mit einem Hoch auf das 20. Infanterieregiment.
Der Vertreter des Soldatenrates ließ seine Begrüßungsworte ausklingen in ein Hoch auf das deutsche Volk, worauf die Musik „Deutschland, Deutschland über alles“ anstimmte, was von der Menge begeistert mitgesungen wurde.
Nach weiteren Begrüßungsworten durch den Vertreter des Arbeiterrates dankte der Regimentskommandeur, Major Mielitsch, für den herzlichen Empfang, wie für die Fürsorge, welche dem Regiment während des ganzen Krieges seitens der Stadt Wittenberg zuteil wurde.
In Gedanken – so führte er dann weiter aus – malten wir es uns oft aus. wie schön der Einzug in unsere alte Garnisonstadt sein würde. Es ist anders gekommen; wir sind nicht berechtigt, uns mit Siegeslorbeeren zu schmücken.
Aber wir haben das stolze Bewußtsein, unsere Soldatenpflicht bis zuletzt getan zu haben.
Der Redner schloß seine Worte mit dem Wunsche, daß das bisherige gute Einvernehmen zwischen Regiment und Bürgerschaft auch in Zukunft fortbestehen möge und brachte ein Hoch auf die Stadt Wittenberg und ihre Bürgerschaft aus.
Mit dem markigen Schutz- und Trutzliede Luthers
„Ein feste Burg ist unser Gott“
schloß die eindrucksvolle Empfangsfeier.
Vom Marktplatze aus rückten die Mannschaften nach ihren Quartieren in der Kavalierkaserne, wo sie seitens der Stadt mit Liebesgaben erfreut wurden, während die Offiziere sich mit den Vertretern der Stadt im „Goldenen Adler“ zu einem geselligen Beisamme sein vereinten.
Gegen 12 Uhr nachts rückte unter Musikbegleitung das erste Bataillon und am Morgen gegen 8 Uhr das dritte Bataillon mit der Maschinengewehrkompagnie ein.
Beide wurden am Bahnhofe in ähnlicher Weise wie das erste Bataillon empfangen und bewirtet.
Da der Einzug des Regiments während der Nachtstunden erfolgte und so vielen Einwohnern, namentlich aber der Jugend, der Anblick verloren ging, so erfolgte auf vielfachen Wunsch am Montag, den 16. Dezember, nachmittags von der Kavalierkaserne aus ein Umzug des ganzen Regiments durch die Hauptstraßen der Stadt.
Die Spitze bildete der Regimentsstab mit dem Regimentskommandeur zu Pferde. Dann folgte die Regimentsmusik, an welche sich die einzelnen Bataillone mit ihren ruhmreichen Feldzeichen anschlossen.
In der Mitte des Zuges schritt die, Garnisonkapelle.
Auch die Sanitäts- und Meldehunde, die mit Kränzen geschmückt waren, wurden im Zuge mitgeführt.
Auf dem Wege bildeten die Schüler Spalier, und überall wurde das Regiment von der Bevölkerung herzlich begrüßt.
Im Hofe der Kavalierkaserne richtete der Regimentskommandeur an die zur Entlassung kommenden Mannschaften herzliche Abschiedsworte.
Aus dem Jahre 1918 sind noch nachstehende für die Stadt Wittenberg bemerkenswerte Ereignisse nachzutragen:
Vom 17. bis 22. März veranstaltete der Vaterländische Frauenverein gemeinsam mit der Evangelischen Frauenhilfe im „Bürgergarten“ eine „Wanderausstellung für Säuglingsfürsorge“.
Da Oberbürgermeister Dr. Schirmer altershalber sein Abschiedsgesuch eingereicht hatte, so wählte die Stadtverordnetenversammlung am 21. März mit 17 von 20 Stimmen den bisherigen 2. Bürgermeister Dr. Thelemann zum 1. Bürgermeister.
An seine Stelle wurde Dr. Rottebohm – Finsterwalde zum 2. Bürgermeister mit sämtlichen 21 Stimmen der Stadtverordnetenversammlung am 8. August gewählt.
Mit dem 20. Oktober schied Oberbürgermeister Dr. Schirmer nach 24 jähriger Tätigkeit im Dienste der Stadt Wittenberg aus seinem Amte, um in den Ruhestand zu treten.
Die Stadtverordnetenversammlung ehrte seine Verdienste um die Stadt durch Errichten einer „Oberbürgermeister Dr. Schirmer-Stiftung“ mit einem Grundstock von 5 000 M., deren Zinsen zur Unterstützung bedürftiger Wittenberger Einwohner verwendet werden sollten.
Am 7. Dezember erfolgte die Einführung Dr. Thelemanns in sein Amt als 1. Bürgermeister durch Regierungsrat Knoblauch – Merseburg und am 10. Dezember die Einführung Dr. Rottebohms als 2. Bürgermeister durch den 1. Bürgermeister Dr. Thelemann.
Mangelnde Beaufsichtigung der Jugendlichen und die die diesen gezahlten hohen Löhne ua. zeitigten als üble Folgen, daß während des Krieges die Vergehen der Jugendlichen in des besorgniserweckender Weise zunahmen.
Betrugen die beim Amtsgericht Wittenberg zur Verurteilung kommenden Fälle
– im Jahre 1914 noch 33, so so stieg ihre Zahl
– im Jahre 1915 auf 64,
– im Jahre 1916 auf 256 und
– im Jahre 1917 auf 498 Fälle.
Um den darin liegenden Gefahren zu begegnen, wurde am 3. Mai nach einem Vortrag des Pfarrers Hagen – Halle ein aus 7 Personen bestehender Ausschuß für Jugendgerichtshilfe gebildet.
Am 26. September wurde hier die Luthergesellschaft mit dem Sitz in Wittenberg gegründet.
Zum Vorsitzenden wurde Prof. D. Dr. Eucken – Jena gewählt, der durch seinen Reformationsjubiläums-Vortrag die erste Anregung zur Gründung der Gesellschaft gab.
Als geschäftsführender Vorstand wurden bestimmt:
– Superintendent D. Orthmann,
– Prof. D. Jordan und
– Stadtrat a. D. Kaufmann Paul Friedrich.
Im Jahre 1918 überschritt der Stadtkämmerei- Haushaltsplan zum ersten Male die Millionenziffer mit 1 105 000 М.