Das erfreuliche Wachstum der Stadt hatte eine größere Anzahl neuer Straßen entstehen lassen, die nun des Ausbaues harrten. Ganz besonders dringlich war dieser für die Straßen im „Lindenfelde“.
Ende Februar wurde endlich mit der viel erörterten Kanalisation begonnen.
Der ursprüngliche von Ingenieur Pfeffer in Halle a. d. Saale nach dem Trennsystem ausgearbeitete Entwurf verlangte zu seiner Ausführung 440 000 M.
Zur Begutachtung wurde Baurat Herzberg – Berlin herangezogen, der engere Röhren und eine geringere Bodenbedeckung derselben empfahl.
Die städtischen Behörden entschieden sich um so lieber für diesen Vorschlag, da hierdurch die Gesamtkosten sich auf
250 000 M. verringerten.
Diese Summe wurde durch eine Anleihe bei der städtischen Sparkasse gedeckt, die mit 4 v. H. verzinst und mit 2 v. H. in 32 Jahren getilgt werden sollte.
Von den angeschlossenen Grundstücken wurde eine Kanalgebühr von 2½ v. H. erhoben.
Nach vollendeter Kanalisation bildete die Pflasterung der vorgenannten Straßen eine in den beiden Ortszeitungen und in der Stadtverordnetenversammlung vielgeforderte Notwendigkeit. Dementsprechend bewilligte letztere in der Sitzung vom 3. Januar 1913 die Summe von 180 000 M. zur Pflasterung der Sternstraße, Heubnerstraße und Großen Friedrichstraße.
Am 1. April 1911 vollzog sich ein Wechsel im Landratsamte des Kreises Wittenberg.
Anfang März schied der bisherige Landrat Freiherr Bodo von Bodenhausen-Radis, der seit 1899 an der Spitze des Kreises gestanden hatte, wegen andauernder Krankheit aus seinem Amte. An seine Stelle wurde der bisherige Landrat des Kreises Hünfeld (Regierungsbezirk Kassel), von Trotha, berufen.
In den Kämpfen gegen die aufständischen Boxer in China (1900) und die aufständischen Eingeborenen in unserer Kolonie Deutsch-Südwestafrika (1904 bis 1906) waren auch Krieger aus Wittenberg und Umgebung den Heldentod gestorben.
Die hiesigen Krieger und Militärvereine beschlossen, ihr Gedächtnis durch einen Gedenkstein zu ehren, der in den Anlagen östlich vom Augusteum errichtet wurde.
Die Mittel hierzu wurden durch die Aufführung des Hohwarth’schen Nationalfestspiels „Deutschlands 19. Jahrhundert“ beschafft.
Die Grundsteinlegung erfolgte am 10. April durch eine schlichte Feier, bei welcher der Vorsitzende des Wittenberger Kriegervereins, Lehrer Zimmer, die Ansprache hielt.
Bereits am 23. April konnte die Einweihung des Denkmals stattfinden.
Daran beteiligten sich sämtliche Krieger- und Militärvereine des Kreises Wittenberg mit ihren Fahnen.
Die Teilnehmer versammelten sich nachmittags 2½ Uhr vor dem Schloßtore und zogen unter Voraus schreiten der Musik des 20. Infanterieregiments und der Freiwilligen Feuerwehr durch die fahnengeschmückte Schloss Straße und Collegienstraße nach dem Denkmalsplatze.
Hier hatten sich als Ehrengäste u. a. der Kgl. Landrat von Trotha, die Offiziere der Garnison, die Mitglieder des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung, Abordnungen des 20. Infanterieregiments und des Artillerieregiments Nr. 74 sowie Angehörige der gefallenen Kämpfer eingefunden und an dem mit Fahnentuch verhüllten und mit Tannengrün und Blattpflanzen geschmückten Denkstein Aufstellung genommen.
Dieser besteht aus einem viele Zentner schweren Findling, der im Garten des Gemüsegärtners Gustav Schwarze, Klaus Straße 22, gefunden und mit einer gusseisernen Tafel mit entsprechender Widmung versehen wurde.
Nach dem unter Musikbegleitung gesungenen Chorale,
„Lobe den Herren“ hielt Pfarrer Haupt die Weiherede.
Im Anschluss an Offenb. Joh. 2 V. 10:
„Sei getreu bis in den Tod“
beantwortete er darin die Frage:
Was will uns dieser Stein sagen?
dahin:
– 1. Er erinnert uns daran, dass es nichts Größeres auf Erden gibt, als wenn ein Mensch treu ist bis zum Tode.
– 2. Er ruft uns zu: Sei du auch treu!
Lehrer Zimmer begrüßte als Vorsitzender des Kriegervereins die Festgäste und brachte das Kaiserhoch aus, während der Vorsitzende des Veteranenvereins, Stadtverordneter Rentier Tettenborn, den Denkstein der Stadt übergab, in deren Namen ihn Bürgermeister Dr. Schirmer übernahm.
Unter dem Gesange des Liedes „Deutschland, Deutschland über alles“ wurden von verschiedenen Abordnungen am Denkmal Kränze niedergelegt.
An die Weihe schloss sich eine Nachfeier im Saale des Gasthofs „Zur Reichspost“, bei der Musikvorträge, Ansprachen, Gesänge, turnerische Vorführungen und lebende Bilder miteinander wechselten.
Die Lutherstadt Wittenberg hat von jeher dem Werke der Heidenmission ein reges Interesse entgegengebracht.
Daher begrüßte es die Bürgerschaft mit Freude, dass am 8. und 9. Mai 1911 hier das zahlreich besuchte Provinzial – Missionsfest und die 22. Hauptversammlung des Missionsverbandes der Provinz Sachsen und des Herzogtums Anhalt tagte.
Das Fest wurde am 8. Mai nachmittags 5 Uhr durch einen Festgottesdienst in der Stadtkirche eingeleitet, bei dem Missionsdirektor D. Gensichen aus Berlin die Festpredigt hielt über Römer 1 Vers 16 u. 17:
„Denn ich schäme mich des Evangelii von Christo nicht“.
Abends 8 Uhr fand im Saale der „Reichspost“ die erste öffentliche Versammlung statt.
Die Begrüßungsansprache hielt Superintendent Orthmann, den Festvortrag Missionar Zimmerling aus China über
„Die Bibel als Missionar“, während Lic. Axenfeld aus Berlin über die Generalversammlung der Britischen Bibelgesellschaft in London berichtete und Pfarrer Reichardt aus Rotta bei Kemberg das Schlusswort sprach.
Der zweite Festtag wurde früh 7 Uhr durch Festgeläut mit den Glocken der Stadtkirche und Schlosskirche eingeleitet.
Von 8 Uhr an wurden in den einzelnen Schulen durch auswärtige Geistliche Missionsvorträge gehalten.
Für die Kinder, die nicht daran teilnehmen konnten, fanden in der Stadtkirche und in der Christuskirche Mission Kindergottesdienste statt.
Die Mitglieder der Christlichen Gemeinschaft vereinigten sich um 9 Uhr im Refektorium des Lutherhauses zu einer Gebetsandacht, die von Geh. Konsistorialrat D. Werner aus Dessau geleitet wurde.
Um 10 Uhr tagte im Festsaale des Melanchthongymnasiums die öffentliche Hauptversammlung.
Nach Eröffnung durch den Vorsitzenden des Provinzial – Missionsverbandes, Geh. Konsistorialrat Siegmund Schultze aus Magdeburg, und der Begrüßung durch die Vertreter der verschiedenen Behörden und Vereinigungen hielt Prof. D. Haußleiter aus Halle den Festvortrag über „Erziehung und Unterricht der Eingeborenen Kinder in Deutsch-Ostafrika“.
Die seitens des Wittenberger Missionshilfsvereins, der Kirchengemeinden, Schulen und Vereinigungen überreichten Missionsgaben erreichten die Summe von 2 554 M. 90 Pf.
An das Festmahl in der „Reichspost“ schloss sich um 4 Uhr nachmittags dort eine geschlossene Sitzung des Vorstandes und der Vertreter der Zweigvereine und um 8 Uhr abends die öffentliche Schluss Versammlung.
Der Direktor des Kgl. Predigerseminars, Lic. Dunkmann, eröffnete diese mit einer biblischen Ansprache, die er an Psalm 46 B. 11 anknüpfte.
Den Hauptvortrag hielt Missionsdirektor D. Gensichen aus Berlin über „Das ökumenische Missionskonzil in Edinburgh“.
Das Schlusswort sprach Sup. Eckstädt aus Zahna.
Der Wittenberger Männergesangverein verschönte die Feier durch den Vortrag mehrerer Lieder.
Für Zwecke der allgemeinen Wohlfahrtstätigkeit wurde am Sonntag, den 21. Mai, nach dem Beispiel anderer Städte auch in Wittenberg ein Maiblumentag veranstaltet.
Hierzu hatten sich unter Leitung von Frau Hauptmann Hohmann 80 junge Mädchen zur Verfügung gestellt, die gegen Verabreichung von natürlichen wie künstlichen Maiblumen und Festpostkarten in den Straßen und Häusern die Gaben einsammelten.
Zahlreiche Gebäude hatten zu diesem Tage geflaggt und zahlreiche Geschäftshäuser sinnigen Fensterschmuck geschaffen.
Mittags von 12 bis 1 Uhr fand auf dem Marktplatze ein Konzert der Regimentsmusik statt.
Die Gesamteinnahme des Blumentages betrug 2 718 Mark.
Ein anziehendes Schauspiel genoss unsere Stadt am folgenden Tage, den 22. Mai.
Von 6 Uhr nachmittags ab trafen von Dresden kommend die Teilnehmer der Deutsch – österreichischen Motorbootfahrt Leitmeritz – Berlin in 54 Motorbooten hier ein und machten im Ehehafen fest, wo sie von einer unabsehbaren Menge, welche weithin die Ufer säumte, lebhaft begrüßt wurden.
Vom Landungsplatze aus begaben sich die fremden Gäste durch die reichbeflaggten Straßen nach dem Saale der „Reichspost“ zum Festmahle.
Die Reihe der Trinksprüche eröffnete Vizeadmiral z. D. Aschenborn mit dem Kaiserhoch.
Namens der Stadt Wittenberg begrüßte Bürgermeister Dr. Schirmer die Teilnehmer.
Deren Dank brachte der Präsident des Österreichischen Motor Yachtklubs, Dr. Lautin, zum Ausdruck mit einem Hoch auf das gastliche Wittenberg, während der Vizepräsident des Klubs, Kontreadmiral Holtzhauer, sein Glas den Wittenberger Damen weihte.
Am nächsten Morgen verließen die Motorboote die Stadt zur Weiterfahrt nach Magdeburg.
Bei ihrer Ankunft wie bei ihrer Abfahrt spielte auf dem Landungsplatze die Regimentsmusik.
Zum Empfang und Bewirtung der Gäste hatten. die städtischen Behörden 1000 M. bewilligt.
Der 27. Juni brachte die Nachricht von dem wertvollen Geschenk, das Kaiser Wilhelm II. unserer Lutherhalle überwiesen hatte:
der Brief, welchen Luther auf seiner Rückreise von Worms am 28. April 1521 von Friedberg in Hessen aus an Kaiser Karl V. schrieb, und in welchem er noch einmal freimütig die Gründe für sein Handeln darlegt.
Der Brief gelangte jedoch nicht in die Hand des Kaisers, sondern wurde, wie eine darauf befindliche Bemerkung vermuten lässt, von Spalatin in Empfang und Verwahrung genommen, der es wohl nicht wagte, das kühne Schreiben des in Bann und Acht stehenden Mönches dem Kaiser zu übergeben.
Das denkwürdige Schriftstück ging dann durch verschiedene Hände und gelangte endlich in die Boernersche Handschriftensammlung. Als diese im Mai 1911 in Leipzig zur Versteigerung gelangte, wurde es durch einen Beauftragten für den amerikanischen Millionär
J .Pierpont Morgan zum Preise von 112 200 M. (eingeschlossen die Vermittlungsgebühr) erworben.
Eine so hohe Summe konnten freilich die beim Verkaufe anwesenden Vertreter der Wittenberger Lutherhalle nicht aufbringen, und so ging denn das kostbare Reformationsdenkmal ins Ausland.
Die unangenehmen Empfindungen, welche dadurch im evangelischen Deutschland erweckt wurden, veranlassten wohl Morgan mit, den Brief unserm Kaiser als Geschenk anzubieten, der ihn den Sammlungen der Lutherhalle überwies, wo er in der Luthergedenkhalle in einem kostbaren Behälter aufbewahrt wird. Die städtischen Behörden gaben ihrer Freude über das hochherzige Geschenk in einem Dank Telegramm an Kaiser Wilhelm II. Ausdruck.
Ein langgehegter Wunsch der Bewohner des nördlichen Teiles unseres Wittenberger Kreises ging mit dem 14. Juli in Erfüllung.
An diesem Tage wurde die Wittenberg-Straacher Eisenbahnlinie eingeweiht und dem Verkehr übergeben, der sich freilich bis zum 2. Dezember 1925 auf den Güterverkehr beschränkte.
An der Einweihungsfeier nahmen Mitglieder des Kreis Ausschusses und des Kreistages, mit dem Landrat von Trotha an der Spitze, sowie Vertreter der Stadt Wittenberg unter Führung des Bürgermeisters Dr. Schirmer, Beamte der Eisenbahn, Vertreter der Presse u. a. teil. Mittels Sonderzuges fuhren die Teilnehmer um 1 Uhr mittags über Kleinwittenberg auf der neuen Bahnstrecke nach der vorläufigen Endstation Straach, wo sie von dem Vorsteher des Amtsbezirks Straach, Hauptmann a. D. Roebellen, mit einer Ansprache begrüßt wurden.
An die Fahrt schloss sich ein Festmahl im Saale der „Stadt Hamburg“ in Straach.
Während der Monate Juni, Juli und August herrschte große Hitze und Trockenheit.
Im Juli stieg die Wärme im Schatten auf 37° C.
Da viele Wochen hindurch kein Regen fiel, so trat Futtermangel ein, und die Preise für Milch, Butter, Gemüse u. a. stiegen ganz erheblich. Der Wasserspiegel der Elbe sank noch 2 cm unter den bisher niedrigsten Wasserstand des Jahres 1904 und betrug von Torgau ab bis zur anhaltischen Grenze nur noch 1 m.
Infolgedessen war die Elbschifffahrt auf längere Zeit unterbrochen und damit 300 Dampfer und 20 000 Kähne stillgelegt.
Die Folge davon war ein beträchtliches Anziehen der Kohlenpreise.
Der Ernst der weltpolitischen Lage, wie er durch die Marokko – Wirren geschaffen war, kam insbesondere bei den Feiern des Sedantages zum Ausdruck.
Es gab nicht wenige auch unter unseren Einwohnern, welche der Überzeugung waren, dass jetzt für Deutschland der geeignete Augenblick gekommen sei, sich mit dem Schwerte seiner ränkespinnenden Widersacher zu erwehren.
Der Weltkrieg hat diesen Stimmen Recht gegeben.
Am 29. Oktober stattete die in Merseburg tagende 13. Provinzialsynode unter Führung ihres Vorsitzenden Graf D. von Wartensleben unserer Lutherstadt einen Besuch ab, an dem sich von den 110 Mitgliedern der Synode 100 beteiligten.
Unter dem Geläute der Schloss Kirchenglocken begaben sich diese durch die reichbeflaggten Straßen nach der Schlosskirche, wo der Direktor des Kgl. Predigerseminars Lic. Dunkmann eine Predigt hielt über 1. Petri 2 B. 9:
„Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht“.
Der Straubesche Gesangverein stattete den Gottesdienst aus durch den Gesang des Liedes:
„Du, dem Ruhm und Preis gebühret“.
Am Nachmittag vereinigten sich die Teilnehmer mit hiesigen Gästen zu einem Festmahle in der „Reichspost“.
Während desselben wurde an Kaiser Wilhelm II. ein Begrüßungstelegramm gesandt.
Der 29. November brachte die Gründung einer Ortsgruppe des der Wehrhaftmachung unserer Jugend dienenden „Jung Deutschland-Bundes“ unter Leitung des Oberleutnants von Chorus.
Seit Jahren schon war es der Wunsch der Wittenberger Schützengesellschaft, ein eigenes Heim zu besitzen.
Nach langem Raten und Wägen ging dieser Wunsch endlich in Erfüllung.
Am 10. Dezember konnte der Grundstein zu dem Schützenhause auf der „Kuhlache“ gelegt werden.
Nachmittags 2½ Uhr nahmen beide Schützenkompagnien und die Ehrengäste Aufstellung am Grundsteine, in den die entsprechende Urkunde nebst 23 verschiedenen Beigaben eingefügt wurden.
Nach einer Ansprache des Kommandeurs der Schützengesellschaft, Kaufmann und Stadtverordneten Paul Friedrich, der sich um das Zustandekommen des Baues die größten Verdienste erworben hat, wurden von den Ehrengästen und den Vertretern der Schützengesellschaft unter Weihesprüchen die üblichen Hammerschläge getan.
Mit dem von der Regimentsmusik gespielten ,“Altniederländischen Dankgebet“ schloss die Feier, an die sich eine Besichtigung der Bauanlage und ein geselliges Beisammensein im Balzer’schen Saale schloss.