Wittenberg unter den Askaniern

Unsere Stadt blickt auf eine lange, bewegte Vergangenheit zurück. Ihre Anfänge reichen bis in die Zeit der Kaiser aus dem Hause der Hohenstaufen.
Vermutlich ist sie bereits im Jahre 1174 gegründet; urkundlich wird ihr Name zuerst im Jahre 1180 genannt.
Die Stadt entstand neben einem Burgwart, d.h. einem befestigten Platze, der als deutsche Grenzwarte zum Schutze des Landes gegen die um wohnenden Slawen angelegt war.
Jahrhundertelang hatte der Kampf zwischen Deutschen und Slawen in unserer Gegend gedauert, bis endlich Markgraf Albrecht der Bär (regierte 1134 bis 1170) aus dem Hause Anhalt oder Askanien mit starker Hand dem Deutschtum und dem Christentum dauernd zum Siege verhalf.
Aber ganze Dörfer standen leer.
Ihre wendischen Bewohner hatten – um nicht den fremden Eroberern und ihren Priestern gehorchen und zinsen zu müssen – der Heimat den Rücken gekehrt und neue Sitze in den blühenden Wendenreichen des Nordens und Ostens gesucht.
Markgraf Albrecht sah sich nach Bewohnern für das Land um.
Zu jener Zeit war in den niederländischen Marschlandschaften wiederholt die Nordsee eingebrochen und hatte den Bewohnern Grund und Boden, Haus und Habe geraubt.
Wohin sollten die Unglücklichen sich wenden?
In der dichtbevölkerten Heimat war kein Platz mehr für sie. Wanderten sie aber in die benachbarten Gebiete, so verloren sie nach den rauhen Gesetzen jener Zeit, die den Fremdling zum Sklaven und seinen Besitz zum Eigentum des Landesherrn machten, vollends alles, selbst ihre Freiheit.
Mit Freuden folgten daher die Niederländer oder wie sie nach der Provinz Flamland genannt wurden – die Fläminger dem Rufe Albrechts des Bären, der ihnen im eroberten Slawenlande Wohnung und freien Besitz anbot.
An den Ufern unserer Elbe entfaltete das rührige, anstellige Völkchen bald eine segensreiche Tätigkeit: sie trockneten Sümpfe aus, dämmten die Flüsse ein, rodeten Wälder aus und gründeten zahlreiche Niederlassungen.
So gründeten sie neben dem erwähnten Burgwarte einen Ort, dem sie den Namen Wittenberg, d.h. Weißenberg oder Weißenburg gaben (witt-weiß).
So nannten sie ihn vielleicht nach den weißen Sandhügeln am Elbufer.
Aus diesem Namen geht deutlich hervor, dass nur deutsche und zwar niederdeutsche Ansiedler unsere Stadt gegründet haben können, denn während der bei weitem größere Teil der umliegenden Ortschaften Namen führt, die nur aus der sorbisch-wendischen Sprache abzuleiten sind, weist der Name Wittenberg unzweideutig auf niederdeutsche Abstammung hin.
So stand Wittenberg inmitten einer slawisch benannten und zu einem großen Teile noch slawisch redenden Umgebung da als eine Warte deutschen Wesens und ein Hort deutscher Sprache und Gesittung.

Markgraf Albrecht der Bär war der erste fürstliche Beschützer von Wittenberg.
Nach seinem im Jahre 1170 erfolgten Tode teilten sich seine Söhne in seine Länder.
Bernhard erhielt die anhaltischen Stammlande mit dem späteren Kurkreise. Im Jahre 1179 verlieh ihm Kaiser Friedrich Barbarossa hierzu noch den östlichen Teil des Herzogtums Sachsen, welches dem treulosen Herzog Heinrich dem Löwen genommen wurde. Bernhard wohnte bereits zeitweilig in Wittenberg, wo er sich ein Schloss bauen ließ.
Da er sich von seinen Brüdern durch ein besonderes Wappen unterscheiden wollte, so vermehrte ihm der Kaiser auf seine Bitte das alte Wappen der Askanier, welches aus fünf schwarzen Balken im goldenen Felde bestand, um den sogenannten sächsischen Rautenkranz, der, trotz der vielfachen Lesarten, die sich daran knüpfen, jedenfalls nichts anderes bedeutet, als die rautenförmige Herzogskrone.
Von dem schwarz-goldenen Wappen der Askanier leiten sich die Stadtfarben von Wittenberg, schwarz-gelb (gold) ab.
Wie wehrhaft Wittenbergs Bürger schon damals waren, erkennt man daraus, dass sie auf Bernhards Befehl die auf dem Wallberge bei Dobien belegene Burg zerstörten, weil deren Ritter fortgesetzt die von Brandenburg nach Leipzig reisenden Kaufleute beraubten. Auf Bernhard folgte sein Sohn Albrecht I. (1212 bis 1260), der sich zuerst Herzog von Sachsen, Engern und Westfalen nannte. Auch ihn diente Wittenberg zeitweise als Wohnsitz.
Wenigstens trägt eine von ihm unterschriebene Urkunde den Vermerk:
„Gegeben zu Wittenberg, den 11. Septembris 1227.“
Seine fromme Gemahlin Helene erbaute an der Stelle der der heutigen Artilleriekaserne am Arsenalplatz den Franziskanermönchen ein Kloster. Albrecht II. (1268 – 1290); welcher bis 1282 gemeinschaftlich mit seinem Bruder Johann regierte, schlug dauernd seinen Wohnsitz in Wittenberg auf.

Er war ein tapferer Feldherr.
Während seiner Regierung lebte er in beständiger Fehde mit dem Erzbischof Günther von Magdeburg. Im Jahre 1278 wurde er von diesem besiegt.
Er wetzte diese Scharte in einem Treffen an der Peine wieder aus, konnte jedoch nicht verhindern, dass die Feinde bis dicht an die Mauern Wittenbergs streiften und besonders Niemegk und Belzig plünderten.
Der infolge dieser Fehden eintretende Geldmangel, sowie der Wunsch, sich die Bewohner zu williger Heeresfolge zu verpflichten, veranlasste Albrecht II. im Jahre 1293, Wittenberg städtische Gerechtsame zu verleihen, indem er die Einwohner von allen herkömmlichen Abgaben und Schuldigkeiten hinsichtlich ihres Grundbesitzes gegen Zahlung einer jährlichen zu Michaelis fälligen „Bede“ von 50 Mark befreite.

Die hierüber ausgefertigte Urkunde befindet sich als ältestes Dokument im städtischen Archive unseres Rathauses und hat in deutscher Übersetzung folgenden Wortlaut:

Im Namen der heiligen und ungeteilten Dreieinigkeit.
Amen.
Wir, Albrecht von Gottes Gnaden Herzog zu Sachsen, Westfalen, Engern, Graf zu Brehna und Burggraf zu Magdeburg, sowie Agnes, Herzogin zu Sachsen usw., von denselben Gnaden, allen, die gegenwärtigen Brief sehen, Unsern Gruß in dem Herrn.
Weil die mit der Wahrheit übereinstimmende Vernunft lehrt, dass die Merkwürdigkeiten der Gegenwart durch Briefe und angehängte Siegel so unverletzt erhalten werden, dass sie nicht durch den Untergang der Vergessenheit aus dem Gedächtnis der Nachkommen verschwinden, so wollen Wir hiermit allen, sowohl gegenwärtigen als nachkommenden, so diesen Brief sehen, kund und zu wissen tun, indem Wir hiermit aus gutem Vorbedacht öffentlich bekennen, dass wir unsere Bürger in Wittenberg nach Unsrer reiflichen Überlegung wollen einen solchen Vorzug und Freiheit genießen lassen, dass sie der Abgaben, die sie uns von ihren Grundstücken und Gütern bisher in früherer Zeit zu geben pflegten, sollen frei und ledig sein, mit der ausdrücklich beigefügten Bedingung, dass sie gehalten sein sollen, Uns alljährlich am heiligen Michaelis feste 50 Mark zu zahlen, indem wir bestimmen, dass das genannte Geld weder zum Teil noch im Ganzen von uns oder von Unseren Nachfolgern weder unter einem Lehn – noch Erbtitel niemals irgend jemand gegeben werden soll, und aber das Geld so verteilt werde, dass davon 40 Mark zu Unserem Gebrauche kommen, die übrigen 10 Mark aber bestimmen wir für Unsre Gemahlin Agnes, Herzogin zu Sachsen; jedoch sollen sie alljährlich an dem vorgenannten Termine gegeben werden, sodass also diese Bestimmung zu allen Zeiten für giltig und unverletzlich gehalten, und weder von Uns noch Unsern Nachfolgern unter keinerlei Vorwand oder Verpflichtung verletzt werden soll. Wir haben denselben Bürgern in Wittenberg darüber gegenwärtigen Brief, mit Unsern beiden Insiegeln bekräftigt, für immerwährende Zeiten giltig, zu gefertigt.
Zeugen dieser Verhandlung sind:

– Der Ritter genannt Konrad von Gacisdorpp,
– Konrad von Globic
– und der Ritter namens Swino
– und der Herr Stadtpfarrer Friedrich.

Gegeben zu Wittenberg im Jahre des Herrn 1293,
den 27. Juni.

Durch die Verleihung der städtischen Gerechtsame war ein wichtiger Schritt zum Wohlstande Wittenbergs geschehen.
Bereits acht Jahre später, 1301, erwarb die Stadt durch Kauf von der Witwe Albrechts II. das östlich gelegene Vorwerk Bruder Annendorf mit allen Äckern, Wiesen und Weiden.
Albrecht II. war im Jahre 1298 in einer Fehde mit dem Erzbischof von Magdeburg bei Aken gefallen.
Er sowohl wie seine fünf Nachfolger aus dem Hause der Askanier wurden samt ihren Familiengliedern in der Kirche des Franziskanerklosters beigesetzt.
Als zur Zeit der Reformation das Kloster samt der Kirche verfiel, da rettete Melanchthon die Grabinschriften durch Aufzeichnen vor dem völligen Untergange.
Bei genauen Nachgrabungen, die man im Jahre 1883 dort vornahm, fand man die Überreste von 20 Leichen – eine Zahl, die mit den historischen Überlieferungen übereinstimmt.
Die Gebeine wurden in der Schlosskirche unter dem Orgelchore bestattet.
Auf Albrecht II. folgte Rudolf I. (1298 bis 1356).
Mit ihm beginnt die Reihe der sächsischen Kurfürsten, da Kaiser Karl IV. ihm durch die „bulle aurea Saxon“ vom Jahre 1356 die Kurwürde und den Titel eines „Erzmarschall des heiligen römischen Reiches“ verlieh.
Wittenberg wurde also Kurhauptstadt.
Auf Wunsch seiner Gemahlin Kunigunde erbaute er auf der Stelle der heutigen Schlosskirche eine Kapelle, welche der Jungfrau Maria und allen Heiligen geweiht war und stattete diese mit Einkünften aus verschiedenen Dörfern, wie Dabrun, Eutzsch und Teuchel, reichlich aus.
Unter seiner Regierung schlossen die Bürger von Wittenberg im Jahre 1306 mit den Städten Aken und Herzberg und im Jahre 1323 mit Zerbst, Köthen und Dessau ein Bündnis zur Aufrechterhaltung des Landfriedens.
Kurfürst Rudolf gab der Stadt Wittenberg zahlreiche Beweise seines Wohlwollens.
So schenkte er ihr 1349 das Dorf Hohndorf sowie den Hohndorfer und Wiesigker Lug mit allem Zubehör.
Zu gleicher Zeit besaß die Stadt das Münzrecht gegen Erlegung eines jährlichen Münzgeldes von 14 M. Silber.
Außerdem genoss sie das Vorrecht der Zoll- und Geleitsfreiheit, dh. die Bürger Wittenbergs durften ihre Waren und Güter frei durch das ganze Herzogtum Sachsen führen.
Nach den Anschauungen jener Zeit suchte Rudolf I. seine christliche Gesinnung dadurch zu betätigen, dass er im Jahre 1304 die Juden aus Wittenberg und dem Herzogtum Sachsen vertrieb.
Auf ihn folgte Rudolf II. (1356 bis 1370)
Die bedeutendsten Städte des Kurfürstentums waren damals, Wittenberg, Aken, Herzberg, Kemberg, Schmiedeberg, Jessen, Prettin, Belzig und Niemegk, alle bereits mit selbständiger Verfassung.
Sein Nachfolger Wenzel (1370 bis 1388) vermehrte die Privilegien der Stadt Wittenberg dadurch, dass er durch eine 1380 festgesetzte Fährordnung für die Bürger ein sehr geringes Fährgeld anordnete. Gleichzeitig erhielten diese freie Schifffahrt und freien Kornhandel auf der Elbe.
Rudolf III. (1388 bis 1419) war ein gar streitbarer Herr.
Viele Jahre hindurch lag er in Fehde mit dem Erzbischof von Magdeburg.
Zum Schaden seines Landes beteiligte er sich auch an dem Kriege gegen die Hussiten, welche dann aus Rache 1429 die Gegend um Wittenberg verwüsteten, die Stadt belagerten und die Vorstädte in Brand steckten.
Er schenkte der Stadt 1416 die Waldmark Münzmeisters Werder (der heutige Fleischerwerder).
Im Jahre 1406 wurden ihm seine beiden Söhne Siegismund und Wenzel durch den einstürzenden Turm des Schlosses zu Schweinitz erschlagen.
Er selbst starb in Böhmen bei einem Feldzug gegen die Hussiten.
Ihm folgte Albrecht III. oder der Arme (1419 bis 1422).
Dieser geriet bald in Streit mit der Stadt Wittenberg. Diese hatte seit zwei Menschenaltern den früher landesherrlichen Budenzins vom Markte genossen und glaubte nun auch, nach dem Beispiele anderer Städte, das nicht „auf dem Markte fallende“ Städtegeld beanspruchen zu können.
Albrecht, der bei seiner Thronbesteigung eine so erschöpfte Kasse vorfand, dass er sich kaum vier Bediente halten konnte, wollte diese Einnahme nicht fahren lassen.
Der Bürgermeister aber gab nicht nach, und so wäre es beinahe zwischen dem Kurfürsten und der Bürgerschaft zu einem bewaffneten Zusammenstoße gekommen.
Schließlich aber verstanden sich beide Teile dazu, den klugen und gerechten Kurfürsten Friedrich von Brandenburg als Schiedsrichter anzurufen.
Dieser entschied zu Gunsten der Bürgerschaft fand aber ihr Benehmen gegen ihren Landesherrn unangemessen, und erst, als sie diesem Abbitte geleistet, erhielten sie durch Friedrichs Vermittlung das strittige Recht zugestanden.
Schon im dritten Jahre seiner Regierung starb Albrecht infolge eines Brandunglücks.
Er war mit seiner Gemahlin während der Jagd in seinem Jagdschlosse Lochau eingekehrt.
Während der Nacht brach hier Feuer aus, und nur durch das Winseln des Jagdhundes, das den Kurfürsten weckte, entgingen beide dem Feuertode.
Der ausgestandene Schrecken aber warf letzteren auf das Krankenlager, von dem er nicht wieder erstand.
Da Albrecht ohne männliche Erben war, so erlosch mit ihm das Haus der Askanier im Kurkreise.
Fast 300 Jahre hatte es über Wittenberg geherrscht, und ihm verdankt unsere Stadt einen wesentlichen Teil seiner Wohlfahrt und Blüte.

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