Luther daheim

Luthers Hochzeit

Im heißen Sommer ist es einst gewesen,
zu Wittenberg bei Luthers Hochzeitsmahl.
Die alten Freunde, treu und auserlesen,
die saßen da im hohen Klostersaal.

Vom fernen Mansfeld waren sie gekommen,
des Grafen Räte und die Eltern auch,
und Amsdorf, Spalatin, Leonhard Koppe,
zu üben heut der Freundschaft guten Brauch.

Vom Hof zu Torgau saß der Marschall in der Reihe
der sandte gestern Wildbret schon und Fisch.
Dem Freunde hat’s der Bräutigam zu danken,
wenn reichlich Speisen trägt der Hochzeitstisch.

Zum Wein die Gläser haben dagestanden
vor jedem Teller – doch sie waren leer.
„Nun, Wolfgang, treuer Diener“, spricht Herr Luther,
„hol aus dem Keller uns den besten Tropfen her!“

Und Wolfgang steigt hinunter und kommt wieder.
„Herr“, spricht er, „unser Keller, der ist leer;
’s ist wie im Evangelium bei Johannis:
sie haben keinen einz’gen Tropfen mehr.“

Da faßt sich Luther gramvoll an die Stirne
und spricht: „O Wolfgang, bin ich Herrgott denn und Christ, dem Wunderkraft vom Himmel wär‘ verliehen,
dem Wein zu schaffen hier gegeben ist?

Doch bist Du Roland, mein getreuer Knappe,
so schaff zur Stelle mir den besten Wein!“
Und Wolfgang trottet lachend sich von dannen
und denkt bei sich: „Dein Ruhm ist doch recht fein.“

Zu Wittenberg im Rathaus hat gesessen
ein hoher weiser Rat der guten Stadt,
der prüft gerad‘ den Wein vom Rathauskeller,
weil er nichts Bess’res zu beraten hat.

Herein stürzt Wolfgang Sieberg. „Meine Herren!
Bei Luthers Hochzeitsmahl man leidet Not!
Die Gäste haben reichlich wohl zu essen,
jedoch zu trinken weder weiß noch rot.“

Ein weiser Rat der Stadt hat da beschlossen,
weil er nichts Bess’res zu beschließen weiß:
„Wir liefern ihm den Wein zum Hochzeitsmahle
als seiner Arbeit, seiner Mühe Preis.

Er hat das Wasser uns in Wein gewandelt,
er hat aus Stein gemacht uns Lebensbrot;
drum mag von unserm Wein er immer trinken
wie ihm beliebt, zeitlebens weiß und rot.

Doch, Wolfgang Sieberg, sage Deinem Herren:
Zuerst gibt jedermann den Frankenwein,
zuletzt und ganz zuletzt und gar nicht früher
kann’s der von Jessen oder Teuchel sein.“

Otto Mickisch

Luther und seine Frau werden vor dem Tode bewahrt

Am 12. Juli am Tage Margarete abends fünf Uhr war Doktor Martin Luther mit seiner Frau in seinem Garten gewesen.
Wie er nun wieder ins Kloster kam, ging er mit ihr in seinen neuen Keller, den er sich vor kurzem hatte bauen lassen.
Als er nun mit seiner Hausfrau aus dem Keller die Treppe heraufgeht, so hebt hinter ihm ein groß Geprassel an, und es fällt der neue Keller ein.
Wenn Gott und seine lieben Englein den Doktor und seine liebe Hausfrau nicht wunderlich bewahrt hätten, so wären beide von der Mauer erschlagen worden.

Wie nach Luther ein Prediger sein soll

Luther sagte einmal:
„Ein Prediger soll sein wie ein Zimmermann.
Sein Instrument und Werkzeug ist Gottes Wort.
Und weil seine Zuhörer, mit denen er zu tun hat, gar unterschiedlich und mancherlei sind, so soll er nicht stets nur ein Lied singen und im Lesen einerlei vortragen, sondern nachdem die Zuhörer mancherlei sind, bisweilen drohen, schrecken, strafen, schelten und trösten.
Ei, daß die Menschen so willig, bereit und geneigt sind, alle anderen zu lehren, aber sich selbst nicht.“

Der Reformator mochte zu lange Predigten nicht leiden und war immer ärgerlich auf den Pfarrer Doktor Bugenhagen, wenn er die Predigt zu lang ausdehnte, was dieser gar oft tat.
Luther pflegte seinen Theologiestudenten als Richtschnur für ihre Predigten zu sagen:
Steig frisch auf, tu’s Maul auf, und hör bald auf!“

Der hochmütige Student

Zu Wittenberg war ein Student,
den Doktor Luther gar wohl kennt,
derselb einmal wollt predigen
und tät zum Doktor Luther gehn.
Das Evangelium, sagt er,
wollt er auswendig sagen her.
Und Luther spricht, es ständ‘ ihm frei,
doch acht‘ er, daß es besser sei,
wenn er’s les‘ aus dem Buch daher,
weil er Irrens versichert wär‘.
Er selber solchs zu lesen pflegt,
ob’s ihm wohl wär zu tun gar schlecht,
daß er’s auswendig sagen tät,
aber den Brauch er doch nicht hätt‘.
Der Student bestand auf seinem Wahn,
er wollt‘, wie’s ihm beliebet, tun.
Der Doktor sprach: So zieht nur hin;
Euer Zuhörer ich auch bin.“
Der Student nun auf die Kanzel trat,
Gott anfangs um Gedeihen bat.
Das Evangelium wollt‘ er
hierauf auswendig sagen her.
Fing an: „Ich bin ein guter Hirt.“
Zum drittenmal er’s repetiert
und sagt: „Ich bin ein guter Hirt.“
Da lang er auf der Kanzel stund,
kein ander Wort er sagen kunnt.
Der Luther sprach: „Du bist kein Hirt,
wie man am Werk jetzt selber spürt.
Steig ab, ein gutes Schaf Du bist!“
Drob der Student erschrocken ist,
steigt von der Kanzel, und die Stätt‘
Doktor Luther einnehmen tät.
Der stieg hinauf und predigt dann,
daß man hatt‘ seine Freude dran.

Lazarus Sandrub

Wie freigebig Martin Luther war

Doktor Martin Luther fuhr einmal mit Doktor Jonas, Veit Dietrich und anderen seiner Tischgesellen nach dem Städtlein Jessen.
Dort gab Luther den Armen Almosen.
Doktor Jonas tat es ihm nach und sprach:
„Wer weiß, wie es mir Gott wieder beschert.“
Da sprach Luther ernst:
„Ihr tut, als hätte es Gott Euch nicht zuerst gegeben willig und aus lauter Liebe.“

Einst klopfte ein Mann, den man um seines Glaubens willen aus seiner Heimat vertrieben hatte, an Luthers Tür.
Der Doktor hatte selbst nur noch einen einzigen Joachimstaler im Kasten, den er schon lange sorglich verwahrt.
Einen Augenblick besann er sich, dann rief er:
„Joachim, komm heraus, der Heiland ist da!“
und gab den letzten Taler hin.

Infolge seiner Freigebigkeit war Luther oft ohne Geld.
Als nun einmal ein armer Student ihn um einen Zehrpfennig ansprach, gab er ihm einen silbernen Becher, der ein Geschenk des Kurfürsten war, um ihn bei einem Goldschmied zu verkaufen.
Da nun der Student sich weigerte, eine so kostbare Gabe anzunehmen, drückte Luther den Becher zusammen und sagte: „Nun ist es nur noch alt Silber; laß es Dir münzen.“

Luther und der Fleischer

Ob seiner lieben Bibel wacht
der Doktor Luther Tag und Nacht.
Wohl ist ihm trefflich schön gelungen,
zu fassen sie in deutsche Zungen:
Doch immer tiefer will er graben,
und immer besser will er’s haben,
damit der heil’gen Rede Fluß
ihm fließe recht aus einem Guß,
damit aus deutschem Volkesmund
des Herren Wille werde kund
und seine Güte offenbar
so klar und wahr, so ganz und gar,
als ob es so vom Himmel her
auf deutsch zu uns geredet wär‘.

Das ist sein Flehn, sein Wunsch und Ziel,
doch macht’s ihm saure Arbeit viel.
Was du, mein lieber Christ, im Flug
nun liesest und in einem Zug,
drob hat er oft im Schweißesdrang
gerungen viele Monde lang.
Vergiß drum nicht in stolzem Wahn,
wie er gebrochen hat die Bahn,
auf der sich’s läuft so glatt und gut;
vergiß es nicht im Übermut.

Komm, sieh ihn da geduldig weilen
und an den Büchern Mosis feilen!
Sieh! wie sich der Levitikus
in deutsche Satzung fügen muß.
Was alles ward in Israel
an Fleisch und Blut, an Öl und Mehl
geopfert einst zu Speis und Trank,
zur Sühne hier und dort zum Dank,
das alles soll nun härchenklein
in gutem Deutsch geboten sein.
Sieh hier geschrieben das Gesetz,
wo von der Leber und dem Netz,
den Nierenstücken und dem Fett
des Weit und Breiten wird gered’t.
Wem stünde der Verstand nicht still,
wenn er das alles nennen will
in gutem, schlichten deutschen Wort,
daß jeder es versteh‘ sofort?

Auch Luther lange denkt und sinnt,
und wie er denkt, und wie er sinnt,
ein Schaf zu blöken noch beginnt.
Wen soll das nicht im Denken stören?
Dem Luther half’s, wie du wirst hören.
Frau Käte, die wie sich’s gebührt,
das Amt in Küch‘ und Keller führt,
damit nach wohlvollbrachtem Werke
der Mann an Speis und Trank sich stärke,
hat einen Schöpfen in das Haus
gekaufet für den Abendschmaus,
bestellt den Metzger auch dazu,
daß er dem Schaf den Willen tu!

Der kommt dem Luther wie gerufen.
Herunter flugs der Treppe Stufen
macht er sich auf des Hauses Flur,
damit er schau‘ die Kreatur,
die eben unter Fleischers Hand
auszieht ihr schweres Wollgewand,
und jeden, der es will, aufs Best
tief in ihr Inn’res blicken läßt.
Der Fleischer schneidet und zerlegt,
grad wie ein rechter Fleischer pflegt.
Der Luther schaut ihm schweigend zu,
und endlich spricht er: „Höre Du,
ich möchte wohl, bei meiner Ehre,
noch bei Dir gehen in die Lehre.“

Der Fleischer fasset sich ein Herz
und spricht: „Wie meint Jhr solchen Scherz?
Herr Doktor, das wär wohl verkehrt,
wenn Metzger Klaus den Doktor lehrt.“

„Du nennst mich Doktor? – Wohl, es sei!
Doch wisse, die Anatomei
ist mir nicht eben so bekannt, 
wie sonst Doktoren hier zu Land.
Und weil sich dies nicht lernt im Schlaf,
will ich es lernen hier am Schaf.
Des armen Schülers Dich erbarm‘
und nenn‘ ihm alles, Darm für Darm,
und Bein für Bein und Haut für Haut,
Milz, Leber, Magen, wie man’s schaut
am Schafe, nenn mir alles laut,
auch Herz und Nieren, Stück für Stück,
und sag von jedem, wie man’s drück‘
mit seinem rechten Namen aus!“

Ein solches tut der Fleischer Klaus;
er nennt alles, wie er’s weiß.
Und Luther höret zu mit Fleiß
und merkt sich alles wohl und gut,
wie’s kaum ein Studiosus tut.
Und als von der Anatomei
die Lektion war bald vorbei,
dankt er dem Fleischer freundlich gar,
läßt einen Trunk ihm reichen dar.
Er aber kehrt zum Bibelbuch
zurück, damit er gleich versuch,
zu nennen alles härchenklein,
grad eben, wie’s genannt sollt‘ sein,
und fertigt den Levitikus
aus einem Gusse bis zum Schluß.

Karl Rudolf Hagenbach

Luther wird durch Frau Käte vom Kleinmut geheilt

Als Luthers Feinde gar sehr wider ihn und das Evangelium wüteten und auch im Inneren der jungen evangelischen Kirche sich mancherlei Gegensätze auftaten, da war Luther oft sehr betrübt und verzagt, und selbst alle Trostworte seiner Frau vermochten ihn nicht aufzurichten.
Eines Nachts hatte er sich wieder schlaflos auf seinem Bette gewälzt und mit Zweifeln geplagt.
Da er nun am Morgen in das Wohnzimmer trat, fand er darin Frau Käte am Tisch sitzen, mit schwarzem Trauergewand angetan und tiefbetrübten Gesichts.
Luther erschrak. „Was ist, liebe Käte?“ fragte er. „Ist jemand aus unserer Ver wandtschaft oder Freundschaft gestorben?“
„Das nicht“,
gab sie zur Antwort, „aber mir hat diese Nacht geträumt, unser Herrgott sei gestorben, und unser lieber Heiland und alle die lieben Engelein seien klagend und weinend mit zum Grabe gegangen.“

Da schüttelte Luther mißbilligend den Kopf.
„Aber, Käte“, sprach er in strafendem Tone, „wie magst Du solchem Traum glauben! Weißt Du denn nicht, daß unser Herrgott nimmer sterben kann?“ – Da hellte sich ihr Gesicht auf, und sie rief:
„Also Du meinst, daß Gott wirklich nicht sterben kann und noch immer lebt?“ –
„Ganz gewiß“
, gab Luther zur Antwort,„meine ich das.
Der alte Gott lebt noch und wird immer leben, auch wenn die ganze Welt vergeht.“
„So, der alte Gott lebt noch“,
sprach hierauf Frau Käte und blickte den Doktor gar ernst an.
„Warum ist denn dann mein lieber Eheherr so gar kleinmütig und verzagt, statt seine Sorgen dem lebendigen Gott anzuvertrauen?“

Da merkte Luther, daß ihm seine kluge Hausfrau eine Lehre hatte geben wollen.
Er zog sie an seine Brust und sagte:
„Hast recht, liebes Weib, mir diesen Nasenstüber zu geben.
Ich will’s nicht wieder vergessen, daß unser Herrgott noch lebt und im Regimente sitzt.
Ihm will ich meine Sache anvertrauen, und er wird’s wohl machen.“
Von der Stunde an war Doktor Luther fröhlich und getrost, und wenn ihn wieder einmal Kleinmut und Versagtheit anfechten wollte, so dachte er an die heilsame Lehre, die ihm Frau Käte gegeben.

Luther und der Kaufmannssohn

Einst brachte ein Kaufmann aus Hamburg seinen Sohn, der studieren wollte, nach Wittenberg in Luthers Haus in Kost und Wohnung.
Er wurde vom Reformator samt diesem Sohne und mehreren guten Freunden aus Wittenberg zum Abendessen eingeladen.
Während sich nun Luther mit dem Vater auf der anderen Seite des Zimmers besprach, wurde eine gebratene Gans aufgetragen und auf den Tisch an der anderen Seite gestellt.
Dem Sohne dauerte das Gespräch der beiden Männer zu lange, und der Anblick des leckeren Bratens machte ihn so lüstern, daß er heimlich zum Tische hinschlich und der Gans die knusprige Haut abzog.
Wohl bemerkten es einige der Gäste, aber sie schwiegen.
Auch Luther hatte es wahr genommen, und lächelnd fragte er jetzt den Kaufmann:
„Was würdet Ihr wohl Euern Sohn haben lernen lassen, wenn er nicht Lust und Geschick zum Studieren gehabt hätte?“
„Die Kaufmannschaft“,
war die Antwort.
„Ach nein“, entgegnete Luther,
„das Gerberhandwer hätte er lernen müssen, denn er hat jetzt wahrlich das Gänseleder ganz wohl bearbeitet.“

Luther war ein feind der Eitelkeit

Luther war ein Liebling des Volkes, und wenn er in der Wittenberger Stadtkirche predigte, so konnte diese oft nicht die Menge der Zuhörer fassen, und bei offenen Türen lauschten viel stehend noch seinen gewaltigen Worten.
Ging er dann nach der Predigt seinem Hause zu, so wurde er von der Menge umdrängt; jeder wollte ihn sehen und ihm womöglich die Hand drücken.
Er aber schritt ernst und beinahe finster durch die herandrängenden Scharen, denn ihm als schlichtem Manne war Menschen Verherrlichung verhaßt und zuwider.

Als er nun eines Sonntags nach der Predigt wieder heimgehen wollte, geschah es, daß mitten auf dem Wege ein alter Landmann und sein Weib vor ihm niederknieten.
Der Mann rief aus: „Heiliger Martinus, segne uns!“
Luther hemmte seinen Schritt, hieß beide aufstehen und sprach:
„Ich bin kein Heiliger, guter Mann!
Kein Mensch kann auf Erden einen anderen heilig sprechen; das kann nur Gott allein.
Ich bin ein schlichter Mensch gleich Euch, und was ich getan, das tat ich als ein Werkzeug Gottes.
Kniet hinfort niemals wieder vor einem Menschen, sondern nur vor Gott; der wird Euch segnen.“
Damit ging der Reformator festen Schrittes mit demütig gesenktem Haupte seiner Wohnung zu.

Luther und der Fuhrmann

Ein Fuhrmann war nach Wittenberg gefahren und wollte die Gelegenheit benutzen, den berühmten Doktor Luther zu sehen.
Er ließ sich also durch den Diener bei dem Reformator melden, und dieser hieß ihn eintreten.
An der Tür blieb er ehrfurchtsvoll stehen.
Luther aber lud ihn freundlich zum Sitzen ein, trank ihm aus seinem Glase zu, schüttelte ihm die Hand und sprach:
„Wenn Du heimkommst, so sage, du habest den größten Erzketzer bei der Hand gehabt.“
Der Fuhrmann war überfroh über die Aufnahme bei Luther und erzählte stolz jedermann davon.

Luther und die Bäume

An einem Tage im April des Jahres 1536 kam Doktor Luther in seinen Garten und sahe die Bäume in tiefen Gedanken an, wie sie schön und lieblich blühten und grünten.
Er verwunderte sich darüber und sprach:
„Gelobt sei Gott der Schöpfer, der aus toten Kreaturen im Lenze alles wieder lebendig macht.
Sehen doch die Zweiglein so lieblich und frisch, gleich als wenn sie schwanger und voller Jungen wären und der Geburt nahe.
Da haben wir ein schön Bild der Totenauferstehung.
Der Winter ist der Tod, der Frühling aber ist die Auferstehung der Toten, da es denn alles lebendig wird und wieder grünet.“

Luther als Drechsler

In seiner freien Zeit beschäftigte sich Martin Luther außer mit der Musik auch in seinem Garten und an der Drechselbank.
An seinen Freund Wenzel Link in Nürnberg schreibt er im Jahre 1525:
„Es ist mir lieb, daß Ihr mir auf den Frühling Gesäme versprochen habt.
Schickt mir so viel Jhr könnt entraten, weil mir viel daran gelegen ist. Kann ich wieder mit etwas dienen, soll es gern geschehen.
Denn weil der Satan mit seinen Gliedmaßen wütet, will ich ihn inzwischen verlachen und die Gärten betrachten, daß ich den Segen des Schöpfers und was zu seinem Lobe gereicht, genieße.
Ich und mein Famulus Wolfgang haben das Drechseln vor die Hand genommen.
Weil wir aber die darzu nötigen Werkzeuge bei uns nicht haben können, so schicke ich hier einen Goldgülden, mit der Bitte, dafür etliche Bohrer und Drechslerinstrumente nebst zwei oder drei Schrauben zu kaufen, die Euch leicht ein Drechsler zeigen wird.“
Als Link seinen Auftrag besorgt hatte, antwortete er diesem:
„Wir haben sowohl das Drechslerwerkzeug und den vierfachen Zirkel mit dem Zylinder nebst der hölzernen Uhr erhalten.
Aber etwas habt Ihr vergessen, daß Ihr nicht gemeldet, wieviel Ihr noch ausgelegt, weil es nicht zugelangt haben wird.
Für diesmal haben wir genug, es wäre denn, daß Ihr uns eine neue Invention schicktet, die von sich selbst drechseln könnte, wenn Wolfgang schläft oder faul ist.“

Luther und die Bischöfe

Anno 1534 auf den 15. Mai am Tage unseres Herrn Christi Himmelfahrt aß Doktor Martin Luther zu Mittag mit dem Kurfürsten zu Sachsen.
Da ward auch beratschlaget, daß man die Bischöfe lasse bleiben in ihrem Amte, nur müßten sie dem Papste abschwören, gottselige Personen sein und das Evangelium fördern und ihm untertan sein. Alsdann wolle man ihnen geben und zueignen Gerechtigkeit und Macht, Kirchendiener zu ordnen.
Aber Philippus Melanchthon widerriet, denn es würde Gefahr dabei sein, wenn sie sollten examinieren.
Da sprach Doktor Luther:
„Unsere Leute müssen das Examen halten und darnach mit Auflegen der Hände sie ordinieren, wie ich jetzt auch ein Bischof bin.“

Luther und die Zeichen am Himmel

Im Jahre 1516 hat Herzog Johann von Sachsen in Weimar einen großen roten Stern am Himmel gesehen, der darnach verwandelt wurde in ein helles Licht, darauf in ein Kreuz und zuletzt in einen gelben Stern, worauf er wieder zu einem gewöhnlichen Stern wurde.
Martin Luther hat solches auf das Evangelium gedeutet und gesagt: „Das Evangelium ging erst rot auf.
Darnach brannte es und brachte das Kreuz, denn es ward verdunkelt durch Aufruhr und Sekten.
Aber ich halte nichts Gewisses von solchen Zeichen, denn es sind gemeinhin teuflische und betrügliche Zeichen.“

Luther deutet das Wappen der Kurfürsten von Sachsen

Doktor Martin Luther deutete einmal das Wappen der Kurfürsten von Sachsen also:
Die zwei Schwerter bedeuten, daß man streng und hart über dem Recht halten soll.
Die Hefte im weißen Felde zeigen an Güte und Gnade.
Die Spitzen gegeneinander im schwarzen Felde bedeuten, daß man zuvor hören soll, ehe man urteilet und richtet.

Luther über die Stellung des Mannes im Hause

Luther war auf Hans Luffts Tochter Hochzeit.
Nach dem Nachtessen führte er nach der Sitte der Zeit die Braut zur Kammer und sprach zu dem Bräutigam: er sollte es beim Gleichen lassen bleiben und Herr im Hause sein.
Und dessen zum Zeichen zog er ihm einen Schuh aus und legte ihn aufs Himmelbett, daß er die Herrschaft und das Regiment im Hause behielte.

Luther preist den Ehestand

Der Maler Lucas Cranach hatte Doktor Luthers Ehefrau gemalt.
Als nun das Bild an der Wand hing und der Doktor das Gemälde ansah, sprach er:
„Ich will einen Mann dazu malen lassen und diese zwei Bilder gen Mantua auf das Konzilium schicken und die heiligen Väter, so allda versammelt sind, fragen lassen, ob sie lieber hätten den Ehestand oder das ehelose Leben der Geistlichen.“
Und darauf fing Luther an den Ehestand zu loben und zu preisen, daß es wäre der fürnehmste Stand, und daß ohne ihn die Welt wäre längst öde und wüste geworden, und daß er wäre die Brunnquelle und der Ursprung aller lebendigen Menschen.

Luther bittet um Regen

Im Frühjahr 1532 herrschte große Dürre, weil es lange nicht geregnet hatte, und das Getreide auf dem Felde und das Gras auf den Wiesen begann zu verdorren.
Da betete Doktor Martin Luther immer und immer wieder mit großem Seufzen.
Er bekannte, daß die Menschen solche Strafen wohl verdient hätten, denn die Bauern wären geizig und zaumlos geworden und meinten, sie dürften tun, was ihnen gelüstet.
Die Adeligen aber trieben allenthalben Wucher.
Gott wolle wohl die Gottlosen strafen, weil er es nicht regnen lasse. Er wolle aber in seiner Barmherzigkeit derer gedenken, die ihn fürchten und daran denken, daß Jesus, sein Sohn, gesagt:
So ihr den Vater etwas bittet in meinem Namen, so wird er es euch geben.
So betete Luther und stand darnach getrost auf vom Gebet.
– In derselben Nacht aber kam ein starker, fruchtbarer Regen.

Luthers Weihnachtslied

Es war zu Wittenberg im Christmond des Jahres 1534, wenige Tage vor Weihnachten.
Draußen lag tiefer Schnee, und noch immer fielen die weichen, weißen Flocken aus dem Wolkenkissen, sehr zum Verdruß von Luthers treuen Diener Wolfgang Sieberger, der bereits zweimal schon durch die weiße feuchte Decke im Hofe des Schwarzen Klosters einen Weg geschaufelt und gefegt hatte und nun diese Arbeit von neuem beginnen mußte.
Drinnen aber in seinem Arbeitszimmer am Schreibtische saß Doktor Martin Luther und sann der Predigt nach, die er kommenden Sonntag in der Stadtkirche halten wollte.
Dabei wurde ihm über dem Texte recht weihnachtlich zumute, und es war ihm, als ob der Himmel sich öffne und ein feines, zartes Glockengeläut daraus hervordringe, und von seinen Klängen getragen schwebe ein Engel hernieder und träte mit der frohen Botschaft von des Heilands Geburt vor die Menschen.
Und während so der Gottesmann sann und sann, griff er fast unbewußt nach einem Bogen Papier und formte darauf Verszeile um Verszeile und setzte die Noten darüber.
Und als es nun so dastand, deuchte ihm, als klänge ihm daraus Gesang, Glockengeläut und Harfenklingen entgegen.
Er nahm das Papier empor und las mit halblauter Stimme:

„Vom Himmel hoch da komm ich her,
ich bring euch gute neue Mär.
Der guten Mär bring ich so viel,
davon ich sing’n und sagen will.“

„Amen!“ sprach da eine Stimme hinter ihm.
Es war Philippus Melanchthon, der unbemerkt eingetreten war, da der Doktor Martinus sein Anklopfen überhört hatte.
„Ist wohl ein neues Lied, Doktor?“ fragte er,
„und wie mir scheinen will, recht wohl geraten.“
„Obs wohl geraten ist, vermag ich nicht zu sagen, namentlich was die Melodei anbetrifft“,
war die Antwort.
Damit reichte Luther dem Freunde die Hand und hieß ihn niedersitzen.
Dann gab er ihm das Blatt mit dem Liede.
Melanchthon las aufmerksam.
„Von den Noten verstehe ich nicht viel“, meinte er,
„aber die Worte sind gar trefflich geformt und wohl geeignet, rechte Weihnachtsfreude ins Herz zu senken.“
„Möchte wohl meiner Hausfrau und meinen Kindern zu Weihnacht damit eine Überraschung bereiten“,

sprach Luther nach einigem Nachdenken.
„Darum meine ich, daß das Lied von einem Mägdlein oder einem jungen Gesellen als Engel angetan gesungen werden müsse.“
„Des mag Rat werden“,
versetzte Melanchthon.
„Mein Famulus übt die Musika sehr fleißig und hat eine gute Stimme; auch ist er von guter Gestalt.
Gebt mir das Blatt, ich wills mit ihm bereden und Euch dann Nachricht geben.“
Nachdem er es erhalten hatte, entfernte er sich, als er sein Anliegen, das ihn hergeführt, erledigt hatte.

Der Weihnachtsabend war angebrochen.
In Luthers geräumigem Familienzimmer war der Reformator mit seiner Frau und den Kindern um den großen Tisch versammelt.
Auch Muhme Lene und Wolfgang Sieberger sowie Anna Strauß, eine Nichte Luthers, und Hans Polner, sein Neffe, beides Waisen, die im Hause lebten, saßen mit am Tische.
Ein würziger Duft von Äpfeln, Nüssen und süßem Gebäck schwebte durch den Raum.
Neben dem Stuhle Luthers lehnte die Laute an der Wand.
Sein Blick war schon wiederholt nach der Tür gegangen.
Frau Käte merkte es und sprach:
„Wo nur Magister Philippus und seine Hausfrau so lange bleiben? Sie haben doch ihr Kommen fest zugesagt.“
Kaum war das gesprochen, so wurde es vor der Tür lebendig.
Frau Käte stand auf, um nachzusehen.
Da wurde die Tür aufgetan, und heller Kerzenschein strahlte ins Zimmer, und in seinem Glanze trat eine Engelsgestalt über die Schwelle.
Ein langes weißes Gewand, das von einem goldenen Gürtel zusammengehalten wurde, wallte an ihr hernieder, und zwei goldene Flügel ragten daraus hervor.
Um die von blondem Haar umrahmte Stirn aber lief ein goldener Reif, an dem ein glänzender Stern befestigt war.
Hinter dem Engel wurden Magister Philippus und seine Ehefrau und die Kinder sichtbar.
Da griff Luther zur Laute, und während der Engel mit erhobener Rechte gegen den Tisch vorschritt, sang er, von dem Reformator kunstgerecht auf den Saiten begleitet, mit glockenheller Stimme:

„Vom Himmel hoch da komm ich her,
ich bring euch gute neue Mär.
Der guten Mär bring ich so viel,
davon ich sing’n und sagen will.

Euch ist ein Kindlein heut geborn,
von einer Jungfrau auserkorn,
ein Kindelein so zart und fein,
das soll euer Freud und Wonne sein.

Es ist der Herr Christ, unser Gott,
der will euch führ’n aus aller Not;
er will euer Heiland selber sein,
von allen Sünden machen rein.

Er bringt euch alle Seligkeit,
die Gott der Vater hat bereit’t,
daß ihr mit uns im Himmelreich
sollt leben nun und ewiglich.“

Dann fielen auf ein Zeichen Luthers alle anderen ein:

„Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron,
der uns schenkt seinen ein’gen Sohn.
Des freuet sich der Engel Schar
und singet uns solch neues Jahr.“

Als das Lied geendet, stand heilige Stille im weihnachtlichen Zimmer, und es war, als ob es wie Rauschen von Engelsflügeln durch den Raum ging.
Draußen aber über die verschneiten Dächer schwebten unter dem funkelnden Sternenhimmel von den Türmen herab feierliche Klänge; die Glocken läuteten die Weihnacht ein.

***

nächstes Kapitel