Im Kreislauf des Jahres

Zu keiner anderen Zeit des Jahres kommt dem Menschen die Flüchtigkeit der Tage und der Wechsel, dem alles auf Erden unterworfen ist, mit so zwingender Gewalt zum Bewußtsein, wie an der Jahreswende.
Unabweisbar drängt sich uns das Gefühl auf, einem Fremden, Ungewissen, einem unbekannten Schicksal gegenüberzustehen, und auch die lauteste Fröhlichkeit der Silvesternacht vermag nicht, dieses Gefühl zu bannen.
Daraus erklärt es sich auch, daß sich um Jahresschluß und Jahresbeginn so zahlreiche Sitten und Bräuche ranken, die zumeist den Versuch darstellen, den Schleier, der die Zukunft verhüllt, zu lüften und das kommende Schicksal sich günstig zu gestalten.

– Silvesterabend und Neujahrstag –

Am Silvesterabend, der bekanntlich seinen Namen nach dem Papste Silvester (314-335 n. Chr.) trägt, wird in der Familie der Silvesterkarpfen oder zum wenigsten Heringssalat gegessen.
Dabei wird streng darauf geachtet, daß Karpfen und Heringe „Rogener“ sind, denn die vielen Körner (Eier) des Rogens bedeuten reichlich Geld im neuen Jahre.
Auch legt man wohl eine Fischschuppe in die Geldbörse, was deren Inhalt vermehren oder doch festhalten soll.
AIs Getränk reicht man den Silvesterpunsch und ist dazu selbst gebackene Pfannkuchen.
Auf dem Fläming tritt an deren Stelle der „Klemmkuchen“, auch „Iserkuke“ (Eisenkuchen) genannt – ein Gebäck aus Mehl, Milch, Butter, Zucker und Eiern.
Der aus diesen Bestandteilen hergestellte dünnflüssige Teig wird zwischen zwei Eisenplatten gegossen, die dem Waffeleisen gleichen und zwei lange Eisengriffe besitzen, und hierauf über dem offenen Feuer gebacken.
Vielfach trägt das „Klemmeisen“ (daher die Bezeichnung Klemm-kuchen oder Eisenkuchen) auf der Innenseite den Namen seines Eigentümers, oft auch einen ernsten oder einen humoristischen Spruch, z.B.:

„Alles, was wir haben, sind unseres Gottes Gaben“;  oder:

„Aus Milch und Mehl bin ich gemacht; wer mich nicht ißt,
der mich nicht acht.“

Auch sinnbildliche Figuren sind in dem Klemmeisen eingegraben. Sobald der blattdünne Klemmkuchen aus diesem kommt, wird er zusammengerollt und ist dann nach dem Erkalten recht knusprig, zum Unterschied von den ihm ähnlichen Plinsen, die warm gegessen werden.
Allgemein verbreitet ist die am Silvesterabend geübte Sitte des Bleigießens, wobei das flüssig gemachte Blei in eine Schüssel mit Wasser gegossen wird, und die so entstandenen Gebilde mit viel Phantasie gedeutet werden.
Vielfach trifft man noch das „Lichterschwimmen“ an.
Hierbei stellt man kleine Lichter oder Stückchen vom Wachsstock in Nußschalen und läßt diese in einem mit Wasser gefüllten Gefäß schwimmen.
Wenn dabei die Nußschale eines jungen Mädchens die eines jungen Burschen trifft, so werden beide ein Paar.
Wessen Licht aber erlischt, der muß bald sterben – eine für abergläubische Gemüter nicht unbedenkliche Deutung.
Ein gleiches gilt auch von der Sitte, in der Silvesternacht vor dem Schlafengehen auf den Tischplatz des einzelnen Familiengliedes ein Salzhäufchen zu setzen.
Demjenigen, dessen Salzhäufchen am Morgen zerflossen ist, droht im neuen Jahre der Tod.
Dieses Salzorakel findet auch beim „Zwiebelkalender“ als Wettervorhersage Anwendung.
Man schneidet eine Zwiebel der Zahl der Monate entsprechend in zwölf Stücke und legt auf jedes ein Häufchen Salz. Ist am Morgen ein Stück besonders naß, so wird der Monat, den es bezeichnet, ausnehmend viel Niederschläge bringen, während er andernfalls sich durch trockene Witterung auszeichnet.
In der Gedankenwelt des jungen Mädchens spielt die Heirat eine große Rolle, und namentlich in der Silvesternacht sucht man das Heiratsorakel zu befragen.
Wirft das Mädchen sich den Pantoffel über den Kopf der Stubentür zu, und kommt dieser mit der Spitze nach der Tür zu liegen, so heiratet sie im kommenden Jahre aus dem Hause.
Zieht sie in der Silvesternacht aus dem Holzdiemen im Hofe stillschweigend ein Scheit heraus, und ist dieses krumm oder mit einem Höcker versehen, so wird auch der Zukünftige diese Gebrechen haben; ist das Scheit dagegen glatt und ohne Krümmung, so wird er hübsch und gerade sein..
Weitverbreitet ist die Sitte des „Neujahrschießens“, mit dem die jungen Burschen das alte Jahr „totschießen“.
In vielen Orten tritt an seine Stelle das ungefährlichere Peitschenknallen, mit dem das alte Jahr fortgepeitscht werden soll. Beiden Bräuchen liegt wohl der alte Hexenglaube zugrunde, nach welchem jene Unholdinnen starke Geräusche scheuen und vor ihnen Reißaus nehmen.
Will man das Jahr über gesunde, kräftige Pferde haben, so muß der Knecht in der Silvesternacht Kohl stehlen und die Pferde damit füttern.
Schöner ist jedenfalls die allgemein geübte Sitte, durch Glockengeläut und Blasen vom Turme dem neuen Jahre den Willkommensgruß zu bieten sowie die „Silvesterkirche“, der Gottesdienst am Silvesterabend.
Weitverbreitet war auch das „Neujahrsingen“, die Singumgänge, bei denen der Lehrer (Kantor) mit einem aus Schülern gebildeten Sängerchor in der ersten Neujahrswoche von Haus zu Haus zog und den Bewohnern ein oder mehrere Neujahrslieder sang, wofür er ein Geldgeschenk erhielt, während die jugendlichen Sänger mit Kaffee und Kuchen erquickt wurden, wohl auch ein Glas „Warmes“ (Punsch) erhielten.
Nach Beendigung des Singumganges belohnte der Lehrer die Sänger meist durch eine einfache Abendmahlzeit, an die sich allerhand kindliche Spiele und sonstige Unterhaltungen schlossen.
Das erhaltene „Neujahrsgeld“ war nun freilich zumeist keine Nebeneinnahme des Lehrers, sondern wurde ihm auf sein Stelleneinkommen angerechnet.
Da das Neujahrsingen zu allerlei Unzuträglichkeiten führte, so wurde es schließlich von der Schulbehörde untersagt.
In der Stadt Wittenberg war an Stelle desselben längere Zeit das „Adventsingen“ in der letzten Adventswoche im Gebrauch.
In manchen Dörfern fanden früher am letzten Tage des alten Jahres die „Grenzumgänge“ statt.
Unter Vorantritt einer Musikkapelle umschritten die männlichen Dorfbewohner die Feldmark, wobei die Grenzsteine auf ihren richtigen Stand hin geprüft wurden.
An jedem Grenzsteine pflegte man der im Zuge mitschreitenden Jugend eine Ohrfeige zu verabreichen oder sie unsanft auf den Grenzstein zu setzen, als Mahnung, stets auf die rechte Grenze zu achten.
An mehreren Orten pflegen diese Grenzumgänge noch heute im Frühjahr zu geschehen und mit einem Umtrunk im Wirtshaus abzuschließen.
Die drei Hüfnerschaften der Wittenberger Vorstädte nehmen noch jetzt diese Grenzumgänge, hier „Grenzziehen“ genannt, in gewissen Zeitabständen vor, wobei bestimmte althergebrachte Bräuche beobachtet werden.
Bei dem Umtrunk wird ein großer zinnerner mit bunten Bändern geschmückter Pokal benutzt, der aus dem Jahre 1803 stammt und die Bezeichnung „der Willkummen“ trägt.
Jeder neugewählte Hufenrichter ist verpflichtet, ihn mit einem neuen silbernen Schilde zu schmücken, das eine entsprechende Inschrift trägt.
Eine solche aus dem Jahre 1855 lautet zB.:

„Du, Herr, Regierer aller Zeiten,
du wollest mich nach deinem Geiste leiten,
daß ich mein Amt mit Treue, Mut und Kraft
verwalte für die Ackerschaft.“

Recht allgemein ist die Sitte, daß die Kinder am Neujahrsmorgen den Eltern ihre Glückwünsche in einem Gedicht aussprechen oder diese auf einem Bogen mit eigener Randverzierung recht sauber niederschreiben.
Als Mittagsmahlzeit muß am Neujahrstage „etwas Quellendes“ auf den Tisch kommen (Reis oder Hirsebrei), damit im neuen Jahre Geld und Gut sich vermehrt.
Am Neujahrstage vermeidet man zum Arzt oder zur Apotheke zu gehen, um das ganze Jahr gesund zu bleiben.
Man gibt möglichst kein Geld aus, verborgt nichts und wünscht Ausgeliehenes vor Tagesende zurück.
Dagegen läßt man sich gern beschenken, namentlich mit Geld; man zieht frische Wäsche an, um sich frisch und gesund zu erhalten.
Der 6. Januar, der „Dreikönigstag“, ist dem Gedenken der Weisen aus dem Morgenlande, der hl. Drei Könige, geweiht.
In Süddeutschland werden diese von drei weißgekleideten Knaben dargestellt, die mit einem auf einer Stange getragenen Stern an diesem Tage von Haus zu Haus ziehen und die betreffende biblische Erzählung – oft in gereimter Form – aufsagen, wofür sie dann durch kleine Geschenke belohnt werden.

– Fastnachten und Aschermittwoch –

Bald nach dem Neujahrstag beginnen die Fastnachtsfeiern. Das Wort Fastnacht bedeutet die Nacht vor Beginn der Fastenzeit, in der man sich nach den Geboten der alten Kirche allerlei Entbehrungen auferlegen mußte, weshalb man sich in dieser Nacht noch einmal der vollen Lebensfreude hingab.
Besonders auf dem Fläming ist die Fastnachtsfeier sehr volkstümlich und erstreckt sich wie die hohen Feste auf mehrere Tage.
Was dem Thüringer seine „Kermse“ (Kirmeß) und dem Bewohner der Elbaue der „Gute Montag“ (Erntedankfest) ist, das ist dem Fläminger Fastnachten.
Das Fest bindet sich nicht an den kalendermäßigen Fastnachtstag, sondern wird in den einzelnen Orten in den Monaten Februar bis März gefeiert. Man unterscheidet dabei das Männerfastnachten und das Jugendfastnachten.
Ersteres wird von den verheirateten Männern veranstaltet, die auch die Kosten (für Musik usw.) aufbringen.
An dem Fastnachtstanz dürfen in der Regel nur die Verheirateten teilnehmen.
Anders ist es bei dem Jugendfastnachten, welches der erwachsenen Jugend vorbehalten ist. Für dieses werden sogen. „Platzknechte“ oder „Platzmeister“ als Festordner gewählt, deren Anordnungen Folge geleistet werden muß.
Zum Zeichen ihrer Würde werden sie von den jungen Mädchen des Dorfes mit bunten seidenen Bändern geschmückt, die sie an der Brust tragen. Meist wird darüber noch ein Strauß von künstlichen Blumen befestigt, den man vielfach auch am Hut oder an der Mütze trägt.
Unter Vorantritt der Musik zieht die Jugend paarweise durch den Ort und dann nach dem Gasthof zum Fastnachtsball.
Der Fremde darf dabei nicht ohne weiteres mittanzen, sondern muß warten, bis er „angetanzt“ wird, dh. bis ihm der Platzknecht ein junges Mädchen zuführt, mit dem er tanzen muß – eine Ehre, für die er sich durch ein Geldgeschenk erkenntlich zeigen muß.
Mit der Fastnachtsfeier ist oft das „Zempern“ verbunden (vom lateinischen Wort dezem zehn, den Zehnten nehmen).
Dabei ziehen die jungen Burschen in Begleitung einer Musikkapelle und oft in allerlei Verkleidungen durch den Ort.
In Elster a. d. Elbe tragen sie Schiffertracht und auf der „Zemperstange“ ein Segelschiff.
Vor den einzelnen Häusern wird gehalten und den Bewohnern ein Ständchen gebracht, wofür diese durch das Spenden von Würsten, Eiern ua. ihren Dank abstatten.
Die gesammelten Gaben bringt man nach dem Gasthofe, wo sie teils verzehrt, teils versteigert werden.
Der Erlös wird zur Bestreitung der Festkosten verwendet oder auch in Getränke umgesetzt.
In einigen Orten gehen am Fastnachtsmontag die Knaben und am Fastnachtsdienstag die Mädchen „Frischmachen“.
Mit Birkenruten bewaffnet ziehen sie durch das Dorf, wobei die Mädchen die Burschen und Männer und die Knaben die Mädchen und Frauen mit der Rute schlagen (Frischmachen), wobei sie sprechen:
„Fitsch, fitsch grüne, will mir was verdiene.“
Die Geschlagenen müssen sich durch ein Geldgeschenk lösen.
In manchen Dörfern ist es Sitte, daß am Fastnachtstage der Nachtwächter in die Gehöfte kommt und auf dem Horn bläst, wofür er ebenfalls ein Geldgeschenk erhält.
Wo das Spinnen noch üblich ist, muß dieses am Fastnachtstage ruhen, sonst verwirrt die Frau Holle den Flachs am Spinnroden.
Die Feier der Fastnacht erinnert an das altgermanische Fest der Erdgöttin.
In manchen Gegenden wird hierbei die Nachbildung eines Drachens als Sinnbild des Winters in festlichem Umzug umhergeführt und schließlich erschlagen, damit er die Erde nicht länger mit Kälte plage.
Weit verbreitet war früher das Umherführen eines Schiffes auf einem Wagen, auf welchem Leute in den buntesten Verkleidungen saßen. (Von diesem Schiffswagen = Car naval stammt wohl der Name Karneval, wenn man ihn nicht von Carne vale, dh. Fleisch, lebe wohl! ableiten will, weil mit Beginn der Fastenzeit die Kirche den Genuß von Fleisch verbot.)
An manchen Orten trat an Stelle des Schiffes der Pflug, der die Hoffnung auf die bald beginnenden Feldarbeiten ausdrückt.
Mit all diesen Gebräuchen war und ist die ausgelassenste Narrenfreiheit verbunden.
Die meisten Orte hatten ihre stehenden Charaktermasken, die vielfach Hansel hießen und jedermann „hänseln“ durften.
Im Mittelalter gab es vielfach Narrengerichte.
Das bayrische Haberfeldtreiben ist ein Rest davon.
Hatte ein böses Weib seinen Mann geschlagen, so deckte man ihm zur Strafe zu Fastnachten das Hausdach ab oder führte die Missetäterin auf einem Esel durch den Ort.
Auch Narrenfeste wurden an vielen Orten gefeiert.
Sie sind als Karneval nach italienischem Vorbilde auch bei uns eingeführt.
Berühmt ist der Kölner Karneval, der seinen Höhepunkt im Rosenmontag hat.
Fast immer sind mit der Fastnachtsfeier Tänze verbunden, die wie der Schäfflertanz und der Metzgersprung in München zuweilen historische Bedeutung besitzen.
Am ersten Sonntage der Fastenzeit brannte man die altheidnischen Frühlingsfeuer ab, welche die Winterriesen verzehren sollten.
In Verbindung damit stand das Schlagen brennender Scheiben oder mit Stroh umwickelter Räder, die durch die Luft geschleudert oder einen Abhang hinab getrieben wurden, sowie das Verbrennen einer Strohpuppe, der sogenannten Hexe, als Sinnbild des Winters. Scheiben und Räder sind das Abbild der steigenden Somme.

– Peterstag, Kindeltag, Lichtmeß –

Am Aschermittwoch wurde die Fastnacht in Gestalt einer Strohpuppe feierlich begraben.
Der Name rührt daher, daß an diesem Tage der Geistliche in katholischen Gegenden als Zeichen der Buße Asche auf die Häupter der Gläubigen streute.
An diesem Tage gehen die Kinder mit Birkenruten in der Hand
„Asche kehren“ und am Peterstage (22. Februar) „petern“.
Mit der Frage „Ist der Peter schon dagewesen?“ betreten sie das Zimmer und erhalten wie beim Asche kehren allerlei Näschereien geschenkt.
Eine ähnliche Sitte ist in Thüringen das „Klingeln“, abgeleitet von „Kindeln“.
Am 28. Dezember, dem „Kindeltage“, der dem Gedenken der in Bethlehem durch Herodes ermordeten Kinder gewidmet ist, gehen die Kinder mit Tannenzweigen ausgerüstet „klingeln“, dh. sie versetzen demjenigen, den sie aufsuchen, mit dem Tannenzweige einen leichten Schlag, wofür sie gleichfalls kleine Geschenke erhalten.
Die so gebrauchten Birkenruten und Tannenzweige stellen die Lebensruten dar, deren Berühren Fruchtbarkeit und Segen bringen soll.
In der Gegend von Trier füttert man am Aschermittwoch die Hühner mit Reis, den man im Kreise streut. Man meint, daß dann die Hühner den Hof nicht verlassen und die Eier nicht verlegen.
Mariä-Lichtmeß (2. Februar) zeigt durch Zunahme des Tageslichts, daß der Frühling naht.
„Zu Lichtmessen können die Herren am Tage essen.“
Darum sieht auch der Bauer an diesem Tage „lieber den Wolf als die Sonne im Schafstall“, denn wenn an diesem Tage die Sonne scheint, so kommt ein langer Nachwinter. Der Name Lichtmeß deutet auf den in der katholischen Kirche geübten Brauch hin, am Marientage Wachslichter durch die Hand des Priesters in der Messe weihen zu lassen.
Diesen geweihten Lichtern spricht man die Kraft zu, den Teufel und alle Gespenster sowie auch Frost und Hagelwetter zu vertreiben. Bei einem Gewitter braucht man nur ein solches Licht in der Stube anzuzünden, dann schlägt der Blitz nicht ein.
Die Wöchnerin nahm bei ihrem Kirchgange eine geweihte Kerze in die Hand, dann konnte ihr nichts Böses widerfahren.
Drückte man dem Sterbenden ein solches Licht in die Hand, so befreite ihn das aus dem Fegefeuer und sicherte ihm die ewige Seligkeit.
Zu Lichtmeß ist der Tag um eine Stunde länger geworden und in Bayern sagt deshalb der Bauer: „Heute muß man die Flöhe hüpfen sehen, so rechtzeitig hat man heimzugehen.“
Um ihm das zu erleichtern, setzt die Hausfrau abends einen schönen Braten auf den Tisch.

– Frühling. Saatzeit

Allmählich hat die steigende Sonne den Winter bezwungen, und überall in der Natur regt sich frisches Leben, neues Grünen und Blühen. Und mit Lenz und Liedern werden auch die Sitten und Bräuche lebendig, die sich zahlreich um Frühling und Osterzeit schlingen.

Fühzeitig schon wird der Starkasten nachgesehen, in den sich hier und da während des Winters ein frecher Spatz angesiedelt hat. Der Kasten wird gesäubert, damit der alte Hausfreund, wenn er aus fernem fremden Lande zurückkehrt, seine Wohnung in gutem Zustande vorfindet; auch bringt man wohl einen neuen Nistkasten im Birnbaume an.
Bald nach dem Star trifft auch der Storch ein und sucht sein altes Nest auf dem Scheunendache auf. Um ihm den Nestbau zu erleichtern, legt man auf das Dach ein Wagenrad.
Gilt doch das Gehöft, in welchem ein Storchenpaar nistet, als gesichert gegen den Blitz und Feuersgefahr.
Sobald die Kinder den ersten Storch erblicken, rufen sie:

Storch, Storch, guter,
bring uns einen Bruder!
Storch, Storch, bester,
bring uns eine Schwester!

Wenn junge Frauen oder Mädchen im Frühjahr mit dem ersten Grünfutter von der Wiese oder vom Felde kommen, besprengt man sie mit Wasser, damit sie frisch und gesund bleiben.
Im Mecklenburgischen streicht man den Kindern mit den ersten Frühlingsblumen über die Augen, um sie so vor Krankheiten zu schützen.
Wer den ersten Kuckuck im Frühling rufen hört, muß das Geld in der Tasche schütteln, dann wird es ihm das ganze Jahr hindurch nicht daran fehlen. Auch richtet man an den scheuen Vogel die Frage: „Kuckuck, wie lange lebe ich noch?“
um nach der Anzahl der Rufe die Lebensjahre zu berechnen.
Dabei ruft man wohl:

Kuckucksknecht, sag mir recht,
wieviel Jahr ich leben soll.
Belüg mich nicht, betrüg mich nicht,
sonst bist du der rechte Kuckuck nicht!

Nach einer in der Elbaue herrschenden Anschauung muß man, um sich vor Geldmangel zu schützen, vom Frühjahr ab eine „Mollpote“ (Maulwurfspfote) in der Tasche tragen.
Allgemein verbreitet ist die Sitte des Foppens am 1. April – in den April schicken – zum Aprilnarren machen.
Dieser Brauch soll wohl die in dieser Zeit unbeständige Witterung nachahmen, welche die Menschen bald mit Sonnenschein, bald mit Schnee und Regen narrt.
Der dem Ostersonntag vorausgehende Palmsonntag ist in der evangelischen Kirche der Einsegnungstag der Konfirmanden, der für die Mehrzahl von ihnen zugleich den Abschluß der Schulzeit bildet. Am Palmsonntag weihte man in der katholischen Kirche Zweige mit Weidenkätzchen.
Diesen in Anlehnung an das Sonntagsevangelium von Jesu Einzug in Jerusalem als „Palmzweige“ bezeichneten Weidenzweigen schreibt man bewahrende und segenspendende Kräfte zu.
Daher steckt man sie in die Getreidefelder, um diese vor Hagel und schädlichen Tieren zu beschützen, auch werden sie in die Stube gestellt, um von den Hausbewohnern Gefahren und Krankheiten fern zu halten.
Das Ende der Fastenzeit und die Vorbereitung auf das Osterfest bildet die Karwoche, die stille Woche, am Niederrhein auch Judaswoche („Judasweek“) genannt.
Im Rheinland unternimmt – gewöhnlich am Montag nach Palmsonntag – der Pfarrer den Osterrundgang, bei dem er auf dem Lande vom Küster und in der Stadt vom Kaplan begleitet wird.
Er schreibt die Zahl der zum Abendmahl gehenden Hausgenossen auf und wünscht gesegnete Ostern.
In der Gegend von Zülpich erhält der Pfarrer für jeden Abendmahlsgast drei Eier oder Geld je nach der Vermögenslage der Familie.
In Köln herrschte der Brauch noch bis Ende des 19. Jahrh.
Man sagte: „Dr Pastor hält de Häntschen (Handschuhe) opp.“
Bei seinem Rundgange segnet der Pfarrer den häuslichen Herd, auch Brot und Salz (die wichtigsten Nahrungsmittel), die man zur Segnung auf den Tisch stellt.
Am Gründonnerstag und Karfreitag schweigen in katholischen Gegenden als Zeichen der Trauer die Kirchenglocken.
Sie fliegen nach Rom so sagt man den Kindern um „Weggemellech“ (Weckenmilch, Semmelmilch) zu essen und kommen am Samstag wieder zurück.
Am Gründonnerstag muß als Mittagsmahlzeit „etwas Grünes“ auf den Tisch kommen (Spinat, Rapssalat, Rapünzchen, Grünkohl) oder man muß Honig essen, „sonst bleibt man das ganze Jahr ein Esel“.
Im Bergischen bäckt man auch besondere Brötchen, die Mengelsbrötchen.
In der Karwoche darf keine Wäsche gewaschen werden, damit nicht Unglück ins Haus kommt.
Am Karfreitag verbrannte man früher im Kölner Dom den Judas – ein vom Gewölbe herabhängendes Bündel Werg, das mit der Osterkerze angezündet und vom Volke „Pürk“ (Perücke) genannt wurde. Auch an anderen Orten des Rheinlandes zündet man am Karfreitag oder stillen Freitag oder Judasfreitag „Judasfeuer“ an, in denen man den Judas – eine oft entsprechend angekleidete Strohpuppe – verbrennt.
Man hat in diesem Brauch wohl eine symbolische Vertreibung des Winters zu erblicken geglaubt, aber nach dem Texte des Ordinarius der Kölner Meßbücher im Jahre 1525 war dem Diakonen die Verpflichtung auferlegt, das Wergbündel vor dem Chore angesichts der Gemeinde anzuzünden, um damit auf die Vergänglichkeit alles Irdischen hinzuweisen.
Vor dem ersten Austreiben des Viehes im Frühjahr werden in Bayern die Weidetiere kirchlich gesegnet oder der Hirt spricht wenigstens über sie einen frommen Spruch.

Saatzeit –

Die Saatzeit ist für den Bauer von größter Wichtigkeit, was auch in den mancherlei Sitten und Bräuchen zum Ausdruck gelangt.
In St. Gallen besprengt man den Ackerpflug mit Weihwasser.
Die beiden ersten Pflugfurchen zieht man über Kreuz (Schlesien). Während der Saatzeit wird jeden Morgen um 11 Uhr drei Minuten lang die Betglocke geläutet (Kreis Bielefeld).
Ein frommer Spruch leitet die Aussaat ein, und die ersten Samenkörner werden in Kreuzform gestreut (Schlesien, Erzgebirge, Westfalen).

– Osterzeit –

Das Osterfest besitzt eine doppelte Bedeutung – einmal als Auferstehungsfest der Natur und zum anderen als die Feier der Auferstehung Jesu.
Seinen Namen trägt es nach der germanischen Frühlingsgöttin Ostara. Durch die christlichen Sendboten erhielt es wie so manche anderen germanischen Feste christliche Deutung.
Es ist das älteste aller christlichen Feste, das bis in die Zeit der Apostel hinausreicht, wo es zunächst mit dem jüdischen Passahfest zusammen gefeiert wurde.
Wie dieses wurde seine Lage vom Mondwechsel abhängig gemacht; es wurde zum „beweglichen Feste“, das sich nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang richtet.
Mithin kann es frühestens auf den 22. März und spätestens auf den 25. April fallen.
Bei den mancherlei Nachteilen, welche sich aus der schwankenden Lage des Osterfestes für das Schul- und Wirtschaftsleben ergeben, ist der Wunsch nach einer Festlegung desselben auf einen bestimmten Tag immer dringender geworden.
Dem Bauer ist ein „Märzostern“ lieber als ein „Aprilostern“, weil nach dem Volksglauben ersteres ein fruchtbares Jahr bringt.

In der Nacht zum Ostersonntag werden in vielen Gegenden die Osterfeuer angezündet.
Wie beim Johannisfeuer knüpft sich auch an diese der Glaube an die reinigende Kraft des Feuers.
Deshalb springt man über das Osterfeuer, führt um dieses Tänze auf, nimmt aus ihm ein brennendes Stück Holz mit nach Hause, um daran das Herdfeuer oder die Osterkerze zu entzünden, während man die Asche auf die Felder streut, um diesen Fruchtbarkeit zu verleihen. Große Holzräder werden als „Osterräder“ mit Stroh umwickelt, in Brand gesetzt und dann den Berghang hinab ins Tal gerollt.
Sie sind als Sonnenräder alter germanischer Brauch und ein Symbol der aufsteigenden Sonne.

Allgemein verbreitet ist die Sitte, Osterwasser zu holen.
In der Osternacht gehen die jungen Mädchen zu einem fließenden Gewässer, am besten zu einer Quelle, um daraus das Wasser zu schöpfen, das ihnen Schönheit und Gesundheit verleiht.
Dabei darf aber kein Wort gesprochen werden, sonst verliert das Osterwasser seine Kraft und wird zum wirkungslosen „Plapperwasser“ oder „Schlawerwasser“.
Die jungen Burschen suchen die Mädchen gern zu überraschen und durch Erschrecken, Necken und allerlei Schabernack zum Sprechen zu verleiten.

Das deutsche Osterfest ist nicht denkbar ohne das Osterei.
Obgleich dem althergebrachten buntgefärbten Hühnerei in den Eiern aus Schokolade, Marzipan, Nougat ua. Stoffen eine große Konkurrenz entstanden ist, hat ersteres doch noch immer seinen Platz zu behaupten gewußt.
Das Ei ist das altheidnische Symbol der Fruchtbarkeit und des erwachenden Lebens.
Das Osterei wird vom Osterhasen oder vom Hahn gelegt, die wohl ebenfalls als Sinnbilder der Fruchtbarkeit anzusehen sind.
Am Ostersonntag ziehen die Kinder von Haus zu Haus, um auf die Frage:
„Hat der Osterhase (Hahn) bei Euch Eier gelegt?“
mit diesen beschenkt zu werden.
Das Ei war als Symbol der Fruchtbarkeit bereits bei den Persern, Babyloniern und Chinesen bekannt und wurde von den Römern und vom Christentum übernommen, von letzterem als Sinnbild der Auferstehung.
Auf alten Gemälden sieht man Jesus mit der Osterfahne aus einem eiförmigen Grabe emporsteigen.

In Schlesien spielen die Kinder mit den Ostereiern „Wahleie“.
Dabei wird eine sich schräg abdachende flache Erdgrube gegraben, in welche man die Eier laufen läßt.
Trifft man dabei mit dem eigenen Ei eins der bereits in der Grube liegenden, so muß dessen Eigentümer dieses meist mit einem Pfennig auslösen.
Diesem Spiele verwandt ist das Eierpicken.
Bei diesem lassen zwei der Spieler ihre Ostereier aneinanderrollen. Dasjenige Ei, welches dabei einen Sprung oder ein Loch erhält, fällt dann dem zu, dessen Ei heil blieb.

In manchen Gegenden führen die Ostereier auch die Bezeichnung „Dingeier“.
Der Name erinnert an das Thing, die rechtsprechende Versammlung der alten Germanen.
Um die Zeit des Frühlingsvollmondes fand die erste und wichtigste dieser Versammlungen statt.
Für diese mußte dem Hausherrn oft Mundvorrat für mehrere Tage mitgegeben werden.
Das mag den Hausfrauen nicht selten Sorge bereitet haben, da die Wintervorräte zur Neige gingen.
Da halfen die Hühner, die um diese Zeit besonders fleißig legen, der germanischen Hausfrau mit den „Thingeiern“ aus der Verlegenheit.

Im altdeutschen Recht gab es bestimmte Eiergesetze.
So mußten zB. die größeren Bauern für jedes Viertel ihres Grund und Bodens siebeneinhalb Eier als Abgabe zinsen.
Das achte Ei wurde vom Dorfschulzen halbiert.
Kleinbauern mußten zweieinhalb Eier zinsen, wobei ein alter Brauch vorschrieb, daß das dritte Ei auf der Türschwelle des Hauses mit einem scharfen Messer in zwei Hälften geteilt werden mußte. Geistliche, Lehrer und Küster erhielten noch bis in unser Jahrhundert hinein zu Ostern als Abgabe von den Dorfbewohnern eine nach der Größe des Besitzes bemessene Anzahl von Eiern.

Der Brauch, die Kinder mit Ostereiern zu beschenken, reicht in seinen Anfängen mindestens bis ins 16. Jahrhundert zurück. Hundert Jahre später war das Ostereierschenken –  namentlich seitens der Paten – bereits überall verbreitet.
In manchen Gegenden nahm es Formen an, die es nötig machten, dem Übermaß Einhalt zu tun und das Eierschenken überhaupt zu verbieten. So wurde zB. durch den Torgauer Landtag im Jahre 1626 für Übertreten des Verbots eine Strafe von 100 Gulden festgesetzt. Auch späterhin – besonders in Notzeiten – wurden des öfteren Ostereierverbote erlassen, in München sogar noch im Jahre 1803.

Recht alt ist die Sitte, die Ostereier nicht bloß bunt zu färben, sondern diese auch mit Verzierungen und Bildern zu schmücken und mit entsprechenden Verschen zu versehen.
Ein solches Verschen aus dem 16. Jahrhundert lautet:

Ich, du, das Ei, das sind unser drei.
Teilen wir das Ei, bleiben unser zwei,
einen wir uns zwei, bleibts bei einerlei.

Der Brauch, Osterkarten zu verschicken, kam um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Deutschland auf, und zwar waren es zwei Augsburger Graphiker Nilson und Birckhardt, welche die ersten Osterkarten zeichneten.
Auf der von Nilson gezeichneten Karte sieht man ein zum Aufklappen eingerichtetes Osterei, unter welchem ein Bild Friedrichs des Großen erscheint mit der Unterschrift:

Zum Denkmal dieser seltenen Zeiten
wird dieses Osterei verschenkt.

Man wünscht dabei, daß Krieg und Streiten
von Deutschland werde abgelenkt.
Gott, laß es allem Volk gelingen,
das Halleluja froh zu singen.

Die von Birckhardt gezeichnete Karte zeigt ein großes Ei, in dessen Mitte Jesus mit Maria und Joseph abgebildet sind.
Es trägt die Inschrift:

Zu einem Osterey
verehre ich die Trey.

Zur Zeit Karls des Großen feierte man in den niederdeutschen Gauen das Osterfest mit großer Ausgelassenheit.
Man sang Schimp- und Spottlieder und führte derbe Schauspiele auf. Diese in den alten Chroniken als „Schimpfostern“ geschilderte Osterfeier ist auf urgermanisches Brauchtum zurückzuführen. Ursprünglich galt nämlich dieser Schimpf und Spott dem scheidenden Winter, den man auch durch eine Strohpuppe darstellte, die unter allgemeinem Jubel verbrannt wurde.

In den ersten christlichen Gemeinden bestand die Sitte, als Zeichen der Brüderlichkeit einander den Osterkuß zu geben.
Um aber der heidnischen Umwelt keinen Anlaß zu billigem Spott zu geben, wurde der Brauch von der Kirche allmählich abgeschafft;
die griechisch-orthodoxe Kirche aber behielt ihn bei, und er wird auch im heutigen Rußland noch vielfach geübt.

Eine schöne Ostersitte wird in den evangelischen Wendendörfern um Hoyerswerda gepflegt: das Ostersingen.
Bereits in der Karwoche treffen sich abends die jungen Mädchen des Dorfes und ziehen unter dem Gesang von Chorälen die Dorfstraße entlang. Es ist überaus wirkungsvoll, wenn durch das Dunkel die hellen, frischen Stimmen schallen.
Am zweiten Osterfeiertage legen die Mädchen eine besondere Ostersingetracht an: einen schwarzseidenen Rock, Schürze, Jacke und schwarze Haube mit weißem Stirnband und zwei lang herabhängenden grünen Bändern und dazu weiße Strümpfe.
In dieser Tracht ziehen sie nach Hoyerswerda zur Kirche und sammeln sich nach der Rückkehr von dieser zur Mittagszeit vor dem heimatlichen Dorfe, in das sie in geschlossenem feierlichen Zuge unter dem Gesang von Osterchorälen einziehen.
In der ersten Reihe schreitet die „Kantorka“, die gewählte Vorsängerin, die dieses Amt bis zu ihrer Verheiratung bekleidet.
Auf dem Dorfanger macht die Mädchenschar Halt, um dann nach einem Schlußchoral still auseinanderzugehen.

An vielen Orten Mitteldeutschlands bestand bis ins 19. Jahrhundert hinein der Brauch der osterlichen Singumgänge.
Ähnlich wie beim Neujahrssingen zogen in der Osterwoche die älteren Schulkinder unter Leitung des Lehrers von Haus zu Haus, um Osterchoräle zu singen.
Der Lehrer erhielt dafür von den Bewohnern eine Geldgabe, die ihm als Teil seines Stelleneinkommens angerechnet wurde.

An vielen Orten begegnet man dem Glauben, daß die Sonne am ersten Ostermorgen beim Ausgehen einen Freudensprung tut, und daß man in ihr das Osterlamm erblickt.
Zu diesem Zweck stellt man Gefäße mit Wasser auf, in denen sich die Sonne spiegelt.
Der Spaziergang am Osternachmittag heißt „nach Emmaus gehen“.

Als Merkwürdigkeit sei erwähnt, daß im Jahre 1584 in Deutschland zweimal Ostern gefeiert wurde.
Nach der im Jahre 1583 er folgten Einführung des Gregorianischen Kalenders konnten sich Katholiken und Protestanten nicht auf ein gemeinsames Osterfest einigen.
Die Protestanten hielten an der alten Zeitrechnung fest und feierten Ostern zehn Tage später als die Katholiken, die es nach dem neuen Kalender begingen, der ja zehn Tage übersprungen hatte.
Zur Erinnerung an dieses wohl einzig dastehende Ereignis errichtete man in der Nähe des Schlosses Stolp die sogenannte „Lauterbacher Ostersäule“, welche die Inschrift trägt:

1584 Jar/das ist war /
zween Ostern in einem Jar.

– Die Walpurgisnacht –

Mit dem 1. Mai tritt der Frühling endgültig seine Herrschaft an.
In der vorangehenden Walpurgisnacht aber suchen die bösen Geister, die Hexen, ihm diese noch einmal zu entreißen. Ursprünglich wurde der Tag als altheidnisches Frühlingsfest gefeiert. Die christlichen Sendboten aber wandelten ihn in eine Zeit um, in welcher die den Menschen feindlichen Mächte als Hexen ihr Wesen treiben, und gegen die man sich auf mancherlei Art zu schützen sucht.
Um die Hausbewohner und das Vieh vor dem Behexen zu schützen, malt man mit Kreide Kreuze als Symbole des Christentums an Haus und Stalltüren, oder man lehnt an diese eine Egge, damit die Hexen sich an den nach außen gekehrten Zinken stechen.
Auch legt man die Strümpfe der Kinder in Kreuzform vor deren Bett, damit ihnen die Hexen nicht schaden können.
Auf den Düngerhaufen werden in der Walpurgisnacht grüne Reiser gesteckt, damit sich die auf dem Besen nach dem Blocksberg reitenden Hexen darauf setzen und den Dünger recht fruchtbar machen.
Man schießt in dieser Nacht dreimal über die Felder, um die Unholdinnen von den Fluren zu vertreiben.
Auf diesem Hexenglauben beruht wohl auch die in Seifersdorf (Bez. Dipoldiswalde) bestehende sonderbare Sitte, daß Frauen während eines Gewitters einen Besen zwischen die Beine nehmen.
Ähnlich muß wohl auch der „Zwetschentanz“ in Graitschen bei Jena verstanden werden.

Im neuen Deutschland hat der 1. Mai als Feiertag der nationalen Arbeit seine besondere Bedeutung erhalten.

– Himmelfahrtstag –

Am Himmelfahrtstage wurde zumal früher an manchen Orten, zB. in Wartenburg a. d. Elbe, das „Hutreiten“ (auch Ringreiten) abgehalten. Hierbei suchen die zu Pferde sitzenden jungen Burschen dem Vorreiter den Hut zu entreißen.
Eine ähnliche Sitte ist in Oberbayern der Leonhardsritt am Leonhardstage (6. November) bzw. Georgstage (23. April), vor dem seitens der Kirche die Pferde gesegnet werden.
In Thüringen muß am Himmelfahrtstage „Semmelmilch“, d. i. in Milch gebrockte Semmel gegessen werden.

– Pfingsten –

Das eigentliche Frühlingsfest ist das Pfingstfest, das daher auch besonders fröhlich begangen wird.
Allgemein verbreitet ist der Brauch, an diesem Feste grüne Birken – Pfingstmaien – vor die Tür oder ins Zimmer zu stellen.
Auch richtet man auf dem Dorfplatz einen solchen „Maibaum“ auf, der alle anderen an Größe überragt und mit bunten Bändern, Kränzen, Bildern usw. geschmückt ist.
An manchen Orten wird das „Pfingstgelag“ abgehalten – in Thüringen auch Pfingstbier oder Quaas genannt.
Am Pfingstsonnabend setzen die jungen Burschen ihrem Mädchen eine Pfingstmaie, die oft mit bunten Bändern geziert ist.
Am zweiten Pfingsttage werden die Mädchen zum Pfingsttanz abgeholt, der vielfach auf einem freien mit Maien geschmückten Platz stattfindet, und wobei früher jeder Teilnehmer gegen sein Eintrittsgeld Freibier erhielt.

Mädchen von schlechtem Rufe setzte man einen verdorrten Maibaum, an dem ein Strohmann befestigt war, vor die Tür, was die Folge hatte, daß die damit Bedachte beim Pfingsttanze keinen Tänzer bekam.

Früher herrschte in der Pfingstnacht oft recht ausgelassenes Treiben.
Mit Axt, Spaten und Hammer bewaffnet zogen die jungen Burschen geheimnisvoll von Hof zu Hof, um den Freunden den Maibaum zu setzen oder der Liebsten den Maibusch an das Kammerfenster zu nageln, Mißliebigen aber einen Streich zu spielen.
So lockerte man dem geizigen Bauer die Räder am Wagen oder schaffte diesen gar auf das Scheunendach.
Das sittenlose Mädchen bedachte man mit einem Dornbusch, bestrich ihr Kammerfenster mit Teer oder Pech oder setzte einen Strohmann davor, während man der Schlumpigen Sägemehl vor die Tür streute.

„Geputzt wie ein Pfingstochse“, ist eine weitverbreitete Redensart, mit der man einen auffällig gekleideten Menschen bezeichnet.
Sie rührt wohl daher, daß man früher am Pfingstfest die Kühe zum ersten Male auf die Weide trieb, wobei der Leitstier mit Kranz und bunten Bändern geschmückt wurde.

In Norddeutschland herrschte die Sitte, am Pfingstfest die Maibraut oder Pfingstbraut zu wählen, wozu man das schönste Mädchen aus dem Ort erkor. Neben ihr stand oft auch ein Bräutigam.
Das Paar bezeichnete man als Maikönig und Maikönigin oder Pfingstkönig und Pfingstkönigin.

Noch heute gilt es als eine Ehre, am Pfingstmorgen Frühaufsteher zu sein.
In Niedersachsen nennt man den zuerst austreibenden Hirten „Dausleper“ oder „Dauschläper“.
Der letzte Hirt dagegen bekommt die Bezeichnung „Pingsbötel“ oder „Pingskarn“.
Man begrüßt ihn mit dem Spottruf:

Pingskarn! Pingskarn!
Token Joahr wutt nochmal wedder warn!

Er wurde bekränzt und darauf im Dorfe umhergetragen oder umhergefahren, wobei man vor den Türen Bettelverse aufsagte und dafür Gaben an Eiern und Geld einheimste.

Im inneren Teile der Lüneburger Heide geht der „Pfingstvoß“ um.
Es ist ein aus den Reihen der Dorfkinder erwählter Knabe, der am Bein eine weiße Binde trägt und auf einem mit Maien geschmückten Handwagen im Dorfe herumgefahren wird.
Vor jeder Tür macht die Schar Halt, und während der Pfingstfuchs aus dem Wagen gehoben und den Bewohnern vorgestellt wird, sprechen oder singen alle:

Pfingstvoß het dat Been afbraken.
Mo’ern willt wi doa Suppe van kaken.
Hebt ji Eier un’n Stück Speck?
Smeckt den Pfingstvoß ok so nett.
Hawerstroh, Bookweetenstroh –
Token Joahr noch eenmal so!

Zumeist erhalten die Bittenden auch die gewünschten Gaben. Geschieht das aber nicht, so erklingt alsbald der Spottvers:

Rull, rull, rull!
Dat olle Wief is dull.
Witten Tweern, swatten Tweern –
Dat olle Wief, dat givt nich geern!

Eine andere im Lüneburgischen beliebte Pfingstgestalt ist der „Pfingstkar“.
Einem Burschen stülpt man ein mit Grün umhülltes Holzgestell, das „Kar“ (= Korb), über, und unter dem Jubel der Dorfjugend geht es von Tür zu Tür, um Eier und Geld zu erbitten, wobei man folgenden Vers hersagt:

Wi bringt jük ’n bunten Jungen int Hus,
Kee’n see’n will, de kummt rut.
De Blomen hebbt wi afeplückt,
Un dormit hebbt wi em uteschmückt,
Un harr’n wi dat noch ih’r bedacht,
So harr’n wi em noch baeter gemacht.
Söß Eier,
Söß Dreier –
Un denn gah wi ok glieks wedder weg.

Im Braunschweigischen und Hannoverschen wird der in Birkengrün oder Buchenlaub gehüllte Bursche als Pfingstkönig, Pfingstmeier oder Pfingstlümmel bezeichnet.

Auch in den Pfingstbräuchen finden wir wieder den Anklang an das germanische Heidentum.
Die Pfingstmaie erinnert an die Verehrung der Baumgeister.
Die Maigöttin Maia wurde durch das Christentum zur Mutter Maria, die in den Maiandachten ihre Feier erhielt, und das der Göttin gebrachte Trankopfer lebt im Maiwein und Maitrank fort, während der dem Lichtgott Baldur geopferte Stier zum Pfingstochsen wurde. Auch das Laubmännchen (Ruhla), der grüne Mann (Kirchheilingen), der Graskönig (Vargula) und der Sommergewinn (Eisenach) sind solche Reste.

– Johannistag –

In die Mitte der festarmen Zeit des Jahres fällt der von Geheimnissen umgebene Johannistag (24. Juni).
An diesem Tage sucht man vor Sonnenaufgang („vor Tau und Tag“) neunerlei Kräuter, die gegen allerlei Krankheiten helfen.
Die Sitte, Johannisfeuer anzuzünden, ist namentlich durch die Jugendbewegung in unseren Tagen von neuem aufgelebt.
Vor dem flammenden Holzstoß wird der „Feuerspruch“ aufgesagt, und man springt zu Paaren über die niedersinkende Flamme, was Schutz vor Krankheit gewährt.
Sieht man durch die Blüten des Rittersporns in das Johannisfeuer, so hat man im ganzen Jahre gesunde Augen.
Die Blume wird dann in die Flamme geworfen, um mit ihr alles Unheil zu verbrennen. Den Bräuchen liegt der (Glaube an die reinigende Kraft des Feuers zugrunde. Deshalb läßt man auch im Johannisfeuer einen Pfahl ankohlen, den man in das Trankfaß der Kühe und Pferde stellt, um sie vor Krankheiten zu schützen, oder man nimmt die so angekohlten Pfähle und steckt sie in den Acker, was diesem Fruchtbarkeit verleihen soll.
Legt man sie unter das Hausdach oder gräbt sie neben dem Hause ein, so ist dieses vor Feuer geschützt.

An das Haus wird der aus Feldblumen und Rosen gewundene Johanniskranz gehängt.
Auch schmückt man damit Quellen und Brunnen, damit sie nicht versiegen.
Darauf geht auch das in Mühlhausen i. Thüringen und an anderen Orten gefeierte Brunnenfest zurück.
Auch wand man nach der Zahl der Familienglieder Familienglieder Sträuße und Kränze – erstere für die männlichen, letztere für die weiblichen Glieder der Familie – und legte sie am Johannisfeste ins Fenster, zur Abwehr der bösen Geister.
Vor Johanni darf man nicht im Flusse baden, sonst fordert der Flußgeist sein Opfer.

Der Johanniskranz ist das Abbild der Sonne, die an diesem Tage ihren höchsten Stand erreicht, wie denn auch das Ganze unzweideutig auf das von unseren germanischen Vorfahren gefeierte Fest der Sommersonnenwende hinweist, welches diese zu Ehren des Lichtgottes Baldur feierten.

Lieblich war die Nacht, die kurze
vor dem Tag der Sonnenwende.
Auf der Iburg stumpfem Kegel
flackerten die Opferbrände.

Auf der Iburg stumpfem Kegel
hatten sich zum Baldurfeste
fromm geschart die Heidenleute,
Gaugenossen, fremde Gäste.

F. W. Weber: „Dreizehnlinden“.

An die Stelle des Baldurfestes setzten die Verkünder der christlichen Lehre das Fest zu Ehren Johannis des Täufers.

Erntezeit –
Der Bilwitz, auch Bilwis, Bilwiß, Bilwiz genannt

Die Erntezeit ist für den Landmann die wichtigste Zeit, da sie ihm den Lohn für seine Arbeit und Mühe bringen soll.
Es ist darum verständlich, daß sie von mancherlei Sitten und Gebräuchen begleitet wird.
Am Siebenschläfer (27. Juni) darf es nicht regnen, sonst regnet es hernach sieben Wochen lang und verdirbt die Ernte.
Damit die Vögel, insbesondere die Sperlinge, dem Getreide keinen Schaden zufügen, räumt man ihnen eine kleine Ecke des Feldes ein, in welche sie „gebannt“ werden.
Offenbar haben wir es dabei mit dem Glauben unserer heidnischen Vorfahren zu tun, die auf diese Weise die bösen Geister vom Acker zu bannen suchten.
Der bösartigste und gefürchtetste unter diesen war der Bilwitz, in einigen Gegenden auch Bindeschnitter genannt.
Man stellte sich ihn vor als einen sehr mageren Mann mit einem langschößigen Rock, den Kopf mit einem dreieckigen Hütchen bedeckt.
Um Walpurgis oder auch um Johannis, wenn kein Mond am Himmel stand, schlich er zur Mitternachtszeit auf das Feld.
War er bei dem Acker angekommen, dem er schaden wollte, so schnallte er den Schuh vom rechten Fuße, nahm ihn unter den Arm und band an die große Zehe eine kleine scharfe Sichel.
So ging er quer oder schräg oder auch in Windungen durch das Getreide und mähte in dieses lange, schmale Gassen.
Bis zum Morgen waren die abgeschnittenen Halme verschwunden, so daß der Bauer beim Betreten seines Feldes nichts weiter sah als die Verwüstung und die leeren Gänge.
Jede Gegend besaß ihr besonderes Mittel, den Bilwitz unschädlich zu machen. Sehr schwer fiel es freilich, den Unhold zu entdecken und zu vernichten.
In Thüringen hing man sich zu diesem Zwecke einen Spiegel um den Hals und setzte sich auf einen Holunderbusch, indem man sich fleißig nach dem Bilwitz umsah. Doch wagte man es selten, ihn auf diese Weise aufzufinden, denn wenn der Bilwitz den Spiegelträger zuerst sah, dann mußte dieser sein kühnes Unternehmen mit dem Tode büßen.
Nur wenn der Unhold sich im Spiegel erblickte, ohne dessen Träger zu sehen, mußte er binnen Jahresfrist sterben.
Zur Erklärung dieser Bilwitz-Sage sei darauf hingewiesen, daß man in Getreidefeldern, die in der Nähe eines Waldes liegen, oft derartige Gänge findet, die sich dem nüchternen Beobachter als die Spuren von Hirschen und Rehen darstellen, die in früher Morgenstunde Äsung im Getreide gehalten haben.

Im Gegensatz zu dem bösen Bilwitz steht die wohltätige Roggenmuhme. Zur Zeit der Fruchtbildung geht sie segnend durch die Getreidefelder.

Mit schwielenharter, brauner Hand
erteilet sie dem Korn den Segen,
wenn sich im heißen Sonnenbrand
beginnt der Blüte, Frucht zu regen.

Wer das Getreide verwüstet; zB. beim Pflücken von Kornblumen, der wird von der Roggenmuhme gestraft. Darum:

Mein Kind, hab, du des Kornes acht,
zertritt es nicht ob einer Blume:
Mit ihren großen Augen wacht
im Feld die strenge Roggenmuhme.

Die drei ersten reifen Roggenähren, die man im Felde findet, schützen vor dem Fieber und vor sonstigen Krankheiten.
Deshalb stecken sie die Landleute hinter den Spiegel.
Um den Getreidebrand und die Trespe vom Weizen fernzuhalten, stellte man das Gefäß mit dem Samen auf den Kopf und sprach dabei:

„Weizen, setz dich auf den Band (?).
Gott behüte dich vor Tresp‘ und Brand.“

In der Erntezeit soll der Mensch besonders die Güte Gottes erkennen und preisen.
An manchen Orten besteht noch die schöne Sitte, daß am ersten Erntetag vor Beginn der Erntearbeit sich die Gemeinde in der Kirche zum Erntegottesdienst versammelt, um Gottes Segen zu erbitten. Mit einem frommen „Das walte Gott!“ werden hierauf die ersten Sensenhiebe in die reifen Halme getan.
In katholischen Gegenden finden besondere Bittumgänge um die reifenden Getreidefelder statt.

Wenn früher das Heilighalten des Sonntags viel strenger beobachtet wurde, so galt es als besonders sündhaft, am Sonntag ohne Not Getreide zu mähen, und es werden viele Beispiele davon erzählt, wie Gott solchen Frevel strafte.
An manchen Orten wird während der Erntezeit mittags die Kirchenglocke geläutet eine Sitte, der ursprünglich wohl die Bedeutung zugrunde liegt, damit die bösen Geister vom Erntefelde fernzuhalten.

Wenn der Herr oder ein Glied seiner Familie oder auch ein Fremder zum ersten Male das Erntefeld betritt, so wird er von den Schnittern „angebunden“, indem man ihm meist mit einem kurzen Spruch einen Ährenbüschel oder einen Strauß von Feldblumen um den Oberarm bindet, wofür er sich durch ein Geldgeschenk lösen muß.
Ein solcher Spruch lautet zB.:

Da der Herr ist hergegangen,
tun wir freundlich ihn empfangen.
Mit einer Kanne Bier oder Wein
kann der Herr erlöset sein.
Das tun wir nicht aus Haß oder Neid,
sondern aus Lieb und Freundlichkeit.
Sollte es der Herr aber übelnehmen,
so will ich die Sense wieder fortnehmen.

Diesen bei vorgehaltener Sense gesprochenen Worten des Vormähers entsprechend löst sich der also Begrüßte durch ein Geldgeschenk und tut dann mit der Sense einige Hiebe in das Getreide.

Mit den letzten Garben bringt man den aus Ähren geflochtenen und mit Blumen und bunten Bändern gezierten Erntekranz heim. Vielfach werden breite buntfarbige Schleifen aus Papier verwendet, die einen auf die Ernte bezüglichen Spruch tragen.
Der Erntekranz wird von einer Gabel gehalten und mit dem letzten Getreidefuder in den Hof gefahren.
Um ihn lagert sich das Junggesinde oder auch befreundete Dorfkinder.
In der Elbaue rufen diese vom Wagen herab unermüdlich:

Wir bringen nun den Erntekranz;
die Garben sind schon eingebanst.
Wir freuen uns aufs nächste Jahr
und bringen Herrn X.X. (Name des Besitzers)
und seiner Madam
ein fröhliches Halleluja.
Herr X.X. soll leben
und sein ganzer Hofstaat daneben
Vivat hoch!

Die Großmagd übergibt mit einem gereimten Spruch den Erntekranz der Herrschaft, die ihn im Hausflur aufhängt, wo er bis zur nächsten Ernte verbleibt.
Den Abschluß des Tages bildet eine kleine Festlichkeit, die früher mit einem Tanz auf der Scheunentenne endete, den der Herr mit der Großmagd und die Herrin mit dem Großknecht eröffnete.

Hier und da herrscht noch die Sitte, die letzten Getreidehalme stehen zu lassen und die Ähren zu einem Büschel zusammenzubinden als Futter für die Vögel – ein Brauch, der auf das Ernteopfer zurückweist, welches dem Göttervater Wodan dargebracht wurde.
In Mecklenburg und am Harze traten darum alle Mäher um das Ährenbüschel, entblößten das Haupt, wandten die Sensen diesen letzten  Ähren zu und riefen:

Wode, Wode,
hale dinem Roß nu Foder,
nu Disteln un Dorn,
tom annern Jahr beter Korn!

Um den Erntesegen nicht zu gefährden, ließ man die letzten Halme durch eine Braut oder durch die jüngste (unbescholtene) Schnitterin schneiden.

Am Erntedankfest pflegt man den Altar der Kirche mit einem Erntekranz zu schmücken und vor ihm allerlei Feldfrüchte niederzulegen – ein Brauch, der ebenfalls das Ernteopfer versinnbildlichen soll.
In der Elbaue wird das Erntedankfest, das an den einzelnen Orten zeitlich verschieden liegt, zwei Tage lang – Sonntag und Montag -gefeiert und trägt den Namen „guter Montag“.
Es gilt hier als das größte Fest des Jahres, bei dem man das Beste bietet, was Küche und Keller zu geben vermag.

An anderen Orten, namentlich in Thüringen, nimmt die Kirmes diese Stelle ein.

„De Kermse ös das größte Fast
bei uns in ganzen Jahre;
war noch nech ös derbei gewast,
der soll’s etzond erfahre,
wie alles su giht har derbei,
on was muß fär Spektakel sei,
wenn Kermse ös in Dorfe.“

So singt der thüringische Dichter Anton Sommer.
Das Fest erstreckt sich auf zwei Tage und erlebte früher sogar in der acht Tage später gefeierten „Kleenfermse“ noch eine Nachfeier. Seine Bedeutung als Kirchweihfest wird durch die Fülle der gebotenen leiblichen Genüsse und Vergnügungen erdrückt.
Zur Kirmes muß fleißig getanzt werden, „um die Stoppeln niederzutreten“.
Dabei spielen die Musikanten und die tanzenden Paare singen dazu:

Wenn Kermse ös,
wenn Kermfe ös,
da schlacht’t mein Vater e Bock,
da tanzt de Mutter, da tanzt de Mutter,
da schwedelt der ganze Rock.

– Martinstag, Andreastag, Barbaratag, Nikolaustag –

Der 10. November führt die Bezeichnung Martinstag.
Die Evangelischen feiern ihn als den Geburtstag des Reformators Dr. Martin Luther, während ihn die katholische Kirche zur Erinnerung an den heiligen Martin, den frommen Bischof von Tours (316-400) begeht.
Als begehrter Lederbissen kommt an diesem Tage die Martinsgans auf den Tisch. Auch bäckt man die Martinshörnchen, die in Wittenberg auch am Reformationsfeste erscheinen und dann die Bezeichnung Reformationshörnchen führen.
Dieses Gebäck soll wohl in seiner Form die Nachbildung eines Pferdehufes darstellen.
Dabei mag es dahingestellt bleiben, ob es den Huf von Wodans Roß abbilden soll oder den vom Pferde des heiligen Martin, der vor seiner Wahl zum Bischof ein Ritter war.
Daß die Gans bei der Feier ihm zu Ehren eine besondere Rolle spielt, soll daher kommen, daß er der Legende nach, als man ihn mit dem bischöflichen Gewande bekleiden wollte, sich in einem Gänsestalle versteckt hielt, aber von den schnattern den Vögeln verraten wurde. Wahrscheinlicher aber ist, daß unabhängig vom hl. Martin das Gansessen um Mitte November von jeher üblich war, weil die Gänse um diese Zeit besonders schmackhaft sind, und da sie nicht mehr auf die Weide getrieben werden können, geschlachtet werden oder zum Zinszahlen verwendet wurden, um das Futter für sie zu sparen.
Aus der Färbung des Brustbeins der Martinsgans will man, je nachdem es weiß oder rötlich ist, erkennen, ob ein strenger oder milder Winter kommt.

Eine schöne und sinnige Feier des Martinstags wird alljährlich am Abend des 10. November gemeinsam von den Protestanten und Katholiken in der Stadt Erfurt abgehalten.
Auf dem Wilhelmsplatze am Fuße des hochgelegenen Domes und der benachbarten Severy-Kirche versammeln sich die Kinder beider Konfessionen mit bunten Papierlaternen, und mit strahlenden Augen und immer gleicher Melodie singen die katholischen Kinder:

Martin, Martin,
Martin war ein braver Mann,
schenkte seinen Mantel
einem armen Mann.

Die evangelischen Kinder aber singen ebenso ausdauernd und begeistert nach derselben Weise:

Martin, Martin,
Martin war ein braver Mann.
Steckt recht viele Lichter an,
daß er droben sehen kann,
was er unten hat getan!

In manchen Städten des Südharzes, besonders in Nordhausen, wird der Martinstag ebenfalls mit Festzug, Glockengeläut, Festansprache am Lutherdenkmal und Schmaus festlich begangen.

Ein bedeutungsvoller Tag im Volksglauben ist auch der Andreastag (30. November), der zum Befragen des Schicksals dient.
Die jungen Mädchen suchen an ihm zu erfahren, wer sie einst zum Traualtare führen wird.
Gewöhnlich geschieht dies auf folgende Weise:
Das Mädchen steigt rückwärts ins Bett, indem es dabei einen bestimmten Spruch hersagt, der zB. im Freistaat Sachsen lautet:

Meas deas, heiliger Sankt Andreas,
laß mir erscheinen den Herzallerliebsten meinen
in meiner Gewalt, in seiner Gestalt,
wie er geht, wie er steht,
wie er mit mir vor den Altar geht.

Laß ihn erscheinen bei Bier und Wein,
soll ich mit ihm glücklich sein,
soll ich mit ihm leiden Not,
laß ihn erscheinen bei Wasser und Brot.

Vielverbreitet ist auch die Sitte, am Andreastage Zweige von Sträuchern oder Obstbäumen in das Wasser zu stellen und in die warme Stube zu bringen, damit sie zur Weihnachtszeit blühen.

Der 4. Dezember, der Barbaratag, ist der Schutzpatronin der Artillerie geweiht und wird von dieser festlich begangen.
Die Legende berichtet über diese:
Die hl. Barbara war die kluge und schöne Tochter eines reichen Mannes Namens Dioskuros, der im 3. Jahrh. n. Chr. in Nicomedien in Kleinasien wohnte.
Dieser war sehr stolz auf die Schönheit und hohe Begabung der Tochter und ließ ihr als Wohnung einen Turm bauen, damit sie dort ungestört ihren wissenschaftlichen Studien leben könne.
Aber auch in ihre Abgeschiedenheit drang die neue Lehre des Christentums, von der Barbara so ergriffen wurde, daß sie sich taufen ließ.
Ihr Vater, der ein eifriger Anhänger der alten Götter war und die neue Lehre glühend haßte, war über diesen Schritt der Tochter aufs höchste erzürnt.
Da alle seine Versuche, Barbara wieder zu den alten Göttern zurückzuführen, vergeblich waren, so übergab er sie in seiner blinden Wut dem Landpfleger Martianus, damit dieser die volle Strenge der gegen die „Nazarener“ geschaffenen Gesetze gegen sie anwende.
Aber auch dieser vermochte weder durch Güte noch durch Strenge jene in ihrem Glauben wankend zu machen, und auch die gräßlichsten Folterqualen ertrug sie standhaft.
Da ergriff der darüber erbitterte Vater ein Schwert und hieb damit der Tochter das schöne Haupt ab.
Im gleichen Augenblick aber traf ihn die Strafe des Himmels:
Ein von krachendem Donner begleiteter Blitz fuhr vom Himmel nieder und tötete den unmenschlichen Vater.
So kam es, daß Barbara als Schutzheilige gegen Donner und Blitz galt, und daß ihr zu Ehren auch die Feuer-Alarm-Glocken den Namen „Barbara-Glocken“ erhielten.

Als im Jahre 1247 die Mauren die Stadt Sevilla belagerten und diese durch ein großes Geschütz – das erste in Europa – beschossen, da flehten die über dieses feuerspeiende Ungetüm entsetzten Spanier die hl. Barbara um ihren Schutz an, da ihnen das Krachen des Geschützes und sein Feuerstrahl als Blitz und Donner eines Gewitters erschien.

Seit dieser Zeit ist seltsamerweise die hl. Barbara, die doch ursprünglich um Schutz gegen die Wirkung der Artillerie angerufen wurde, zu deren Schutzgöttin gewählt worden, und viele große und schöne Geschütze wurden nach ihr benannt und mit ihrem Bilde geschmückt.
Besonders im Mittelalter war die Verehrung dieser Heiligen sehr groß, und die Barbarafeste spielten eine bedeutende Rolle.

Der Nikolaustag, der 6. Dezember, geht in seinem Ursprung auf die germanische Vorzeit zurück.
An diesem Tage begingen die alten Germanen unter allerlei Mummenschanz namentlich seitens der Jugend die Vorfeier des Julfestes.
Im frühen Mittelalter trat an die Stelle dieser Feier der Nikolaustag, der seinen Namen nach Sankt Nikolaus erhielt, der im 4. Jahrhundert Bischof von Lykien in Kleinasien war und also bei der christlichen Feier des Tages die Stelle Odins einnahm.
In den einzelnen Gegenden führt er verschiedene Namen; so heißt er am Niederrhein Hans Muff, in Schwaben Bercht, im Elsaß Hans Trapp und in Bayern und Österreich Krampus.

In der Nacht zum Nikolaustage stellen die Kinder ihre Schuhe vor die Tür, damit Sankt Nikolaus eine Gabe – meist Näschereien -hineinlegt. In West und Süddeutschland singen sie dabei:

Nikolaus, komm in unser Haus,
leer die vollen Taschen aus,
stell dein Pferdchen auf den Mist,
daß es Heu und Hafer frißt.
Heu und Hafer frißt es nicht,
Zuckerplätzchen kriegt es nicht.

Mit anbrechender Dunkelheit zieht Sankt Nikolaus von Haus zu Haus.
Die artigen Kinder belohnt er mit allerlei Näschereien, während er die unartigen mit der Rute straft, ganz wie Knecht Ruprecht, dem er auch in seinem Äußeren gleicht, und von dem im folgenden berichtet werden soll.

– Weihnachten und die Zwölfnächte –

Das christliche Kirchenjahr wird eingeleitet durch die Adventszeit, die mit dem ersten Adventssonntage ihren Anfang nimmt.
Es ist eine frohe, erwartungsvolle Zeit, wie sie außer dem deutschen Volke von keinem anderen gefeiert wird.
In ihrem Mittelpunkte steht das Weihnachtsfest, das zu einem von Zauber und Poesie erfüllten echten deutschen Familienfeste geworden ist, das unser Volk sich so gestaltet hat, wie es seiner gemütvollen Art entspricht.
Das Bedürfnis, der notleidenden Volksgenossen zu gedenken, der Wohltätigkeit das Herz weit zu öffnen, ist zu keiner anderen Zeit so lebendig und zwingend wie am Weihnachtsfeste.
Die Feier im Familienkreise unter dem lichterglänzenden Tannenbaume, mit dem ein Stück deutschen Waldes in das Haus gebracht wurde, die Freude am Schenken, die Lust am Essen und Trinken, die Freude am Gesang der alten schönen Weihnachtslieder, der Besuch der Christmette oder Christvesper, alles das sind Züge, die aus der deutschen Volksseele herausgewachsen sind und sich zu einem harmonischen Ganzen vereinigen.

Schon Wochen wirft das liebliche Fest seine Strahlen voraus.
Am ersten Adventssonntage wird der aus Tannenzweigen geflochtene und mit vier der Zahl der Adventssonntage entsprechenden Lichtern besteckte Adventskranz im Zimmer aufgehängt.
An seine Stelle ist vielfach der aus rotem oder gelbem Papier gefertigte und innen von einer Glühlichtbirne erleuchtete Adventsstern getreten.
Auch sogenannte Adventshäuschen findet man hier und da. Sie zeigen vier Fenster, von denen mit jedem Adventssonntage eins geöffnet wird.
Alle diese Vorboten des Weihnachtsfestes behalten bis zu diesem selbst ihren Platz.

Bereits einige Zeit vor dem Weihnachtsabend kommt der Knecht Ruprecht – auch heiliger Christ, in einigen Gegenden auch Nikolaus – genannt in die Häuser und erkundigt sich, ob die Kinder artig und fleißig waren.
Er ist in einen Pelz gehüllt, dessen rauhe Innenseite meist nach außen gekehrt ist. An den Füßen trägt er hohe Schaftstiefel und auf dem Kopfe eine Pelzmütze oder einen großen Schlapphut. Über die Schulter hängt ihm ein Sack, und in der Hand hält er eine Besenrute. Ein langer weißer Vollbart oder eine bärtige Larve bedeckt das Gesicht.
Wenn er ins Zimmer tritt, müssen die Kinder beten:

Lieber guter Weihnachtsmann,
sieh mich nicht so böse an,
stecke deine Rute ein,
ich will immer artig sein.

Solche, die nicht beten können oder wollen oder die unartig waren, straft er mit der Rute, während er die braven und fleißigen Kinder mit Nüssen, Äpfeln, Pfefferkuchen usw. beschenkt.
Seine Haupttätigkeit entfaltet er am Heiligen Abend, wo er den Weihnachtsbaum und die Geschenke bringt.
Vielfach fährt er mit dem Schlitten vor, was durch das Läuten von Schlittenschellen angedeutet wird.
Damit nun der vorgespannte Schimmel recht lange und ruhig stehen bleibt, so daß Knecht Ruprecht recht viele Geschenke abladen kann, müssen die Kinder ein Bündel Heu für das Pferd vor die Tür legen.

Diese mit dem deutschen Weihnachten so festverwurzelte Gestalt ist nichts anderes als ein Abbild Wodans. Das geht schon aus dem Namen Ruprecht hervor, der von Wodans Beinamen „Hruodperath“ abgeleitet ist, der soviel bedeutet wie „der Ruhmreiche“.
In einigen Gegenden erscheint dieser darum auch als „Schimmelreiter“, wobei der ihn darstellende Bursche sich in ein weißes Bettlaken hüllt.
An der Brust ist ein Sieb befestigt, an dem ein Pferdekopf angebracht ist, so daß das Ganze das Aussehen eines Reiters auf einem Schimmel erhält und damit deutlich sich als die Nachbildung des Göttervaters bezeugt.
Auch die Rosinen- und Pflaumenmänner, die auf dem Weihnachtsmarkte feilgeboten werden, sowie die Reiter und Männer aus Pfefferkuchenteig, die wir an den Weihnachtsbaum hängen, sind ursprünglich als Sinnbilder Wodans gedacht.

Im Mittelpunkte des Weihnachtsfestes, vor allem des Heiligen Abends, steht der lichterglänzende Christbaum.
Der Brauch ist gar nicht so alt wie man wohl annehmen möchte, wenngleich die Sitte, zur Weihnachtszeit grüne Zweige ins Haus zu stellen, schon sehr früh geübt wurde.
Sebastian Brandt schreibt in seinem „Narrenschiff“ von 1494 darüber:

Und wer nit etwas nuwes hat
und um das nuw Jor syngen gat
und grygen tann riß steckt in syn huß,
der meynt, er lebt das Jor nit us.

Als die Heimat des Weihnachtsbaumes ist wohl das Elsaß anzusehen.
In einem Buche über Straßburg vom Jahre 1604 heißt es:
„Auff Weihnachten richtet man Dannenbäume zu Straßburg in den Stuben auff; daran henkt man Rosen, Äpfel, Obladen, Zischgold, Zucker und stellet den in einen viereckent ramen.“
Achtzig Jahre später scheint die Sitte im Elsaß bereits festen Fuß gefaßt zu haben, denn 1684 eifert der Straßburger Domherr Professor Dannhauer dagegen:

„Unter andern Lappalien, damit man die alte Weihnachtsfeier oft mehr als Gottes Wort begehret, ist auch der Weihnachtsbaum oder Tannenbaum, den man zu Hause aufrichtet, denselben mit Puppen und Zucker behängt und ihn hernach schütteln und abblümeln läßt. Wo die Gewohnheit hergekommen ist, weiß ich nicht; ist ein Kinderspiel, doch besser als ander Phantasie, ja Abgötterei, so man in dem Christkind pfleget zu treiben und also des Satans Kapelle neben die Kirche baut.“

Den ersten Weihnachtsbäumen fehlte noch der Lichterschmuck.
Die älteste Mitteilung über diesen stammt von Gottfried Kießling aus dem Jahre 1757, worin dieser uns von den Weihnachtsbräuchen in seiner Vaterstadt Zittau berichtet und dabei erwähnt, daß eine vornehme Landfrau aus der Umgegend jedem ihrer Untergebenen ein Bäumchen „ausputzen und anzünden“ ließ.
Im Jahre 1765 feierte der junge Goethe als Student im Hause von Theodor Körners Eltern in Dresden Weihnachten unter einem „mit Wachslichtern geschmückten Tannenbaum“.
Doch scheint eine solche Weihnachtsfeier damals noch nicht allgemein üblich gewesen zu sein. Erst nach den Freiheitskriegen, als das deutsche Volk von der Fremdherrschaft befreit wieder aufatmen und seine Eigenart wieder pflegen konnte, drang der Weihnachtsbaum in weitere Gebiete unseres Vaterlandes.
Aus Deutschland wurde die Sitte nach anderen Ländern gebracht. Im Jahre 1840 brannte ein Weihnachtsbaum nach deutschem Muster zum ersten Male sowohl in Paris als auch in London; nach der ersteren Stadt hatte ihn die Herzogin von Orleans, eine mecklenburgische Prinzessin, nach der letzteren der Prinzgemahl Albert von Sachsen-Koburg gebracht.
In Bayern wurde der Lichterbaum erst seit 1856 allgemeiner bekannt.
Wenn in Scheffels „Ekkehard“ erzählt wird von der Weihnachtsfeier auf der Burg Hohentwiel (im zehnten Jahrhundert!):
„Der Weihnachtsbaum war gefällt; sie schmückten ihn mit Äpfeln und Lichtlein“, so ist das unhistorisch wie so manche andere Erwähnung des Baumes in Erzählungen aus früherer Zeit.
Es steht zB. auch fest, daß D. Martin Luther mit den Seinen niemals das Weihnachtsfest unter dem lichterglänzenden Tannenbaume gefeiert hat, wie dies in weitverbreiteten Bildern dargestellt wird.

In manchen Häusern trifft man als Ersatz des grünen Tannenbaums den „Drehbaum“, die Pyramide, an.
Sie nahm ihren Ausgang aus der Kirche, wo hohe pyramidenförmige Holzgestelle mit zahlreichen Lichtern besteckt den Mittelpunkt der kirchlichen Weihnachtsfeier bildeten.
Die Pyramide ist immer mehr von der grünen Weihnachtstanne verdrängt worden; nur in den Ortschaften des Erzgebirges und in Thüringen ist der künstlerisch geschnitzte und mit allerlei Figuren besetzte Drehbaum noch häufiger zu finden.

Das deutsche Weihnachten ist nicht denkbar ohne das Weihnachtslied. Es ist ein tiefsymbolischer Zug der Weihnachtsgeschichte, daß die frohe Botschaft, welche den Hirten die Geburt des Weltheilandes verkündigt, von den Engeln gesungen, nicht gesprochen wird:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ –
Können wir uns diese Worte anders als gesungen vorstellen?
Was wäre Weihnachten ohne das Weihnachtslied!
Auf Bethlehems mitternächtiger Flur erklang es zum ersten Male, um fortzutönen durch die Jahrhunderte, bald lauter, bald leiser, um auch hereinzuklingen in unsere unruhige, bewegte Zeit.
Kein fühlender Mensch wird sich dem stillen Zauber des Weihnachtsliedes entziehen können, der mit unwiderstehlicher Gewalt an das Herz rührt.
Wie innig und beseeligend klingt doch das alte ewig schöne Lied von der Rose, die entsprungen ist „aus einer Wurzel zart“ an unser Ohr und Herz, und wie gern lauschen wir der Engelsbotschaft, wenn sie uns ertönt aus Martin Luthers frohem Gesang:
„Vom Himmel hoch da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär.“ Vor unseren Blicken steigt die eigene Jugendzeit mit all ihrer Weihnachtsseligkeit auf, wenn es von Kinderlippen klingt:
„Du lieber heil’ger, frommer Christ, der für uns Kinder kommen ist“, und Frieden und Stille zieht in das von Zweifeln und Sorgen bedrängte Herz, wenn es leise und lind erklingt:
„Stille Nacht, heilige Nacht“
oder hell und jubelnd hinaus schallt über Eis und Schnee:
„O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!“

Selten fehlt unter dem Weihnachtsbaume die Krippe mit dem Jesuskinde.
In früherer Zeit waren diese Krippen viel größer als heute und prächtig ausgestattet.
Schon die fromme Kaiserin Helena, die Mutter Konstantins des Großen, ließ in der Kirche, die über der Stelle in Bethlehem steht, welche als die Geburtsstätte des Heilandes bezeichnet wird, eine kostbare Krippe aus weißem Marmor errichten.
Auch der heilige Franziskus von Assisi ließ im Jahre 1221 mit Erlaubnis des Papstes in seiner Kirche eine prächtige Krippe aufstellen, und um den Stall der Geburt anzudeuten, stellte man einen Ochsen und Esel daneben.
Bald gab es kaum noch eine Kirche, in der sich nicht eine mehr oder weniger kostbare Krippe fand.
Als nach der Reformation das Aufstellen von Krippen in den Kirchen seltener wurde, ahmte man diesen Gebrauch in den Häusern nach. Der reiche Bürger Moser in Bozen ließ sich eine solche zum Preise von 10 000 Gulden herstellen.
Heute können wir eine Krippe, an der sich jung und alt erfreut, schon für wenige Groschen kaufen.
Für die kirchliche Weihnachtsfeier waren die Krippen unerläßlich und bildeten den Mittelpunkt der Krippenspiele, die in der Gegenwart wieder zu neuem Leben erweckt wurden.

Der Text dieser volkstümlichen Spiele, in denen die Weihnachtsgeschichte zur Darstellung gelangt, wurde meist nur von Mund zu Mund fortgepflanzt.
Zuweilen aber besaß ein Einwohner eine schriftliche Auszeichnung. Dieser übernahm dann die Spielleitung – ähnlich wie bei den Oberammergauer Passionsspielen.
Volksfreundliche Forscher haben sich bemüht, die dem Volke noch erinnerlichen Texte dieser Weihnachtsspiele aufzuzeichnen, und so besitzen wir Weihnachtsspiele aus Thüringen, Sachsen, Schlesien, den Rheinlanden, Böhmen, Kärnten, Salzburg und Mähren.
Zumeist schließen sich deren Texte dem Wortlaut der Bibel an, aber vielfach ist auch mancherlei hinzugedichtet worden, und zwar, wie es des Volkes Art ist, meist recht Naives und Gemütliches.
In einem erzgebirgischen Weihnachtsspiele z.B. kommt ein junger Hirte, der nichts weiter besitzt als eine harte Brotrinde, zu dem neugeborenen Jesuskinde und reicht die Rinde dem Vater Joseph mit den Worten:
„Da, Alter, iß du’s, weil’s doch das Kindlein nicht beißen kann.“
In der Szene, wo der Engel erscheint, weckt in einem anderen Spiele ein Hirt den anderen aus dem Schlafe mit den Worten:
„Steh auf, uns ist ein Kind geboren!“
Jener aber fragt schlaftrunken:
„Was, ein Kind ist erfroren?“
Wiederholt tritt in den Spielen der geizige Wirt auf, der Joseph und Maria, als sie nach ihrer Ankunft in Bethlehem bei ihm um Herberge bitten, hartherzig von seiner Tür weist und dann dafür bestraft wird. Ein anderer möchte beide wohl aufnehmen, aber er fürchtet sich vor seinem bösen Weibe, unter dessen Pantoffel er steht.
Der schlichte Sinn des Volkes nahm an derartigen unbiblischen Zutaten und Erweiterungen durchaus keinen Anstoß, und jung und alt lauschte dem Spiele mit größter Andacht und Ehrfurcht.

Die Christnacht ist nach dem Volksglauben mit geheimnisvollen Kräften, Wundern und Spuk erfüllt.
Die Haustiere, besonders die Pferde, erhalten um Mitternacht auf eine Stunde die Sprache.
Der Hausvater beschenkt die Obstbäume im Garten mit einem Strohseil, damit sie im kommenden Jahre reichlich Früchte bringen. In der Christnacht erhält man auch Auskunft über sein künftiges Schicksal.
Deshalb kehren in Thüringen die jungen Mädchen am Weihnachtsabend die Stube aus und tragen den Kehricht auf den Hof, setzen sich darüber und warten, bis der erste Hahn kräht.
Aus der Gegend, in welcher das geschieht, wird dann der Freier kommen.
Dieser Brauch ist kein gemachter Hokuspokus, sondern ein Überrest des alten Volksglaubens, nach welchem unholde Wesen am Boden und in den Ecken der Stuben hocken, und die man mit dem Kehricht hinausfegt.
Sobald man nun durch das Niedersitzen auf letzterem mit ihnen in Verbindung tritt, verkünden sie die Zukunft.
In Beziehung damit steht der Glaube an die Prophetengabe des Hahnes. Gleicherweise wie dieser den lichtbringenden Tag kündet, vermag er auch die Zukunft zu offenbaren.
Deshalb pochen die Mädchen in der Weihnachtsnacht an die Tür des Hühnerstalles und sprechen:

„Gackert der Hahn, so krieg ich ’nen Mann;
gackert die Henn, so krieg ich noch keen.“

Bei dem lieblichen, poesievollen Zauber, der die Weihnachtszeit umgibt, können uns die vielfachen Sitten und Bräuche, die diese umranken, nicht wundernehmen, denen es keinen Abbruch tut, daß sie vielfach aus dem heidnischen Altertum übernommen sind.
War doch der 25. Dezember ursprünglich bei den Ägyptern, den Syrern, Griechen und Persern der Geburtstag des Sonnengottes, und bei den Germanen hielt um diese Zeit am Fest der Wintersonnenwende (21. Dezember) Wodan, der oberste der Götter, seinen Umritt.
An die Stelle dieser heidnischen Gottheiten setzte das Christentum Jesus, als die Sonne, die der Welt das Licht gebracht hat, um so den neuen Christen die Abkehr vom Heidentum zum Christenglauben zu erleichtern.
Das Auftreten und die Umzüge der verschiedenen Gestalten in der Weihnachtszeit, die zumeist Namen aus der Heiligenlegende erhalten haben, beruhen also unzweifelhaft auf altgermanischen Vorbildern. Daher eiferten denn auch Konzile, Verordnungen der Kirche und der Fürsten gegen den „Mummenschanz“ in der Weihnachtszeit und suchten ihn als heidnisch auszurotten.
Aber alles Mühen war vergeblich; das Volk hielt an diesen Gestalten und Bräuchen fest, und es blieb der Kirche nichts anderes übrig, als ihnen christliche Namen und christliche Deutung zu geben.
In ihnen spiegelt sich einmal die tiefe Religiosität des Deutschen, sein sinniges Gemüt und zum anderen sein frischer, kerniger Humor wieder.

Lange Zeit hindurch war das Weihnachtsfest ein überwiegend kirchliches Fest.
Aus diesem aber bildete es sich mehr und mehr zum Familienfeste von so gemütvoller Art, wie es bei keinem Volke der Erde zu finden ist. In seiner Form ist es der sichtbarste Ausdruck des deutschen Gemüts in seinem Walten am häuslichen Herd, das vom Zauber der Poesie umgeben ist.
Wir brauchen nicht darüber zu grübeln, ob seine einzelnen Sitten und Bräuche germanisch-heidnischen oder christlichen oder fremden Ursprungs sind.
Mögen sie Vätererbe oder von außen zu uns gekommen sein – eins ist sicher: sie wären nicht so fest im Volke verankert, sie hätten sich nicht erhalten, wenn sie nicht dem Wesen unseres Volkes entsprächen und in seiner Seele Widerhall gefunden hätten.

Auch in der Zeit der Zwölfnächte (24. Dezember bis 6. Januar) „zwischen den Jahren“, wie sie der Volksmund nennt, oder der „Unternächte“, wie der Vogtländer sie bezeichnet, oder der „Lostage“ d.h. der Schicksalstage, ist der Volksglaube überaus lebendig.
In diesen Nächten treiben die Hexen ihr unheiliges Wesen, die Geister fahren durch die Lüfte und nicht selten auch die Seelen der Ungetauften und Verdammten, die der Teufel geleitet.
Darum muß man in dieser Zeit ein wachhsames Auge auf das Vieh haben, muß ihm besonderes Futter schütten und an die Stalltür oder die Stallwand als Schutz gegen bösen Zauber die drei Buchstaben CBM (die Anfangsbuchstaben der Namen der Heiligen Drei Könige Caspar, Balthasar und Michael) schreiben.
Auch müssen in diesen Tagen bestimmte Arbeiten unterbleiben.
So darf im Hause nicht gewaschen werden, sonst geschieht dessen Bewohnern ein Unglück.
Keine Frau, kein Mädchen darf sich während der Zwölfnächte an das Spinnrad setzen, sonst kommt in der Nacht die Frau Holle oder die Perchta, wie sie in Süddeutschland auch heißt, und verwirrt den Faden oder besudelt den Rocken.
Läßt man die Wäscheleine ausgespannt auf dem Trockenboden, dann erhängt sich einer im Hause.
In einigen Gegenden Oberdeutschlands geht bei Beginn der Zwölfnächte der Hausvater durch  alle Stuben, Ställe und Wirtschaftsgebäude, besprengt sie mit Weihwasser und durchräuchert sie mit bestimmten Kräutern, weshalb man auch diese Tage Rauh- oder Rauchnächte nennt.
Was man in den Zwölfnächten träumt, geht in Erfüllung, und wenn während derselben der Wind stark weht, so kommt ein fruchtbares Jahr.
Auch hierbei begegnen wir wieder der Erinnerung an Wodan und sein wildes Heer, das nach dem germanischen Götterglauben unter seiner Führung in diesen Nächten im Windesbrausen durch die Lüfte zieht.

– Winterliche Zusammenkünfte –

Als in unserer Heimat noch Flachs gesponnen wurde, gingen die jungen Mädchen abends abwechselnd in die Häuser „in die Spinde“. wobei sich auch die jungen Burschen einzufinden pflegten.
Beim Spinnen wurde gesungen, erzählt, aber auch manche Neckerei verübt. Jetzt sind an die Stelle des Spinnens das Stricken und andere weibliche Handarbeiten getreten, aber der Name „Spinde“ hat sich noch vielfach erhalten.

An vielen Orten kommen die jungen Mädchen aber auch Frauen in den Wintermonaten in den Häusern zum „Federnreißen“ (Reißen der Bettfedern) zusammen. Als Bewirtung gibt es dabei Kaffee und Plinsen.
Auch bei dieser Beschäftigung singt man, oder es werden allerlei Geschichten erzählt, bei denen die „Spukedinge“ (Spukgeschichten) eine große Rolle spielen.

Ist ein Schwein geschlachtet, so werden die Nachbarn „zur frischen Wurst“ eingeladen.
Auch bringt man ihnen eine Wurstsuppe und als Beigabe eine frische Blut und Leberwurst, für die Kinder aber eigens angefertigte kleine Leberwürste.
An manchen Orten besteht auch noch das „Wurstbetteln“.
Am Abend des Schlachtetages erscheinen die jungen Burschen oder auch Kinder – vielfach verkleidet – um sich eine Wurst zu erbitten. Dabei wird folgendes „Wurstlied“ gesungen oder gesprochen:

Wir haben gedacht,
Sie haben geschlacht.
Wir haben gerochen,
Sie haben gestochen.
Kommt er nicht raus,
kommt sie doch raus
und bringt uns eine Wurst heraus,
nicht zu groß und nicht zu klein,
so daß sie geht in den Korb hinein.
Laßt uns nicht zu lange stehn,
wir müssen heut noch weiter gehn.

Als Belustigung bei Volksfesten wird häufig die „Altweibermühle“ vorgeführt. Dabei wird ein Gerüst mit einer großen Leinwand (Plane) bedeckt.
Während eine Klapper das Geräusch der Mühle nachahmt, werden als alte Weiber verkleidete Burschen hinter die Hülle geführt, wechseln dort die Kleider und kommen auf der an deren Seite als frische junge Mädchen wieder heraus.

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