Nach der Personenstandsaufnahme betrug die Einwohnerzahl der Stadt Anfang des Jahres 1926 23 349 Personen, und zwar 11 073 männliche und 12 276 weibliche.
Sonntag der 24. Januar war als „Erziehungssonntag“ der Erörterung von Erziehungsfragen gewidmet.
Diesem Zwecke diente vor allem der im Saale der „Herberge zur Heimat“ seitens des Gemeindekirchenrats veranstaltete Gemeindeabend.
Bei diesem sprach Pfarrer Herrmann über
„Die Religion in der Schule und im Elternhaus“,
Lehrer Erfurth über
„Die Bedeutung der Persönlichkeit Luthers für Schule und Elternhaus“ und Naturheilkundiger Schmidt über
„Die Andacht in Schule und Elternhaus.“
Sonntag der 28. Februar galt als Volkstrauertag dem Gedächtnis der Toten des Weltkrieges.
Am Vormittag fanden in sämtlichen Kirchen Gedenkgottesdienste statt für die Militärvereine und Vaterländischen Verbände in der Schloßkirche (Predigt: Pfarrer Herrmann), für die übrigen Gemeindeglieder in der Stadtpfarrkirche (Predigt: Pfarrer Lic. Geibel) und der Katholischen Kirche (Predigt: Pfarrer Wandt). Daran schloß sich unter Mitwirkung des Sängerbundes eine Gedenkfeier auf dem Ehrenfriedhofe, bei welcher Schulrat Seemann die Ansprache hielt.
Bedeutungsvoll für unsere evangelische Kirchengemeinde und den Kirchenkreis Wittenberg war der Sonntag Lätare (14. März).
An diesem Tage erfolgte im Hauptgottesdienste der Stadtpfarrkirche die feierliche Einführung des zum Pfarrer und Superintendenten berufenen Professor Meichßner aus Schulpforta durch Generalsuperintendent D. Schöttler – Magdeburg.
Seiner Antrittspredigt legte Superintendent Meichßner das Schriftwort Joh. 6, 48 zugrunde:
„Ich bin das Brot des Lebens.“
An die Einführung schloß sich eine kirchliche Konferenz, in welcher Pfarrer Herweg Eutzsch über
„Die Bedeutung Wittenbergs für den Weltprotestantismus“ und Pfarrer Pape – Kleinwittenberg über
„Die Bedeutung Wittenbergs für die evangelische Landeskirche“ sprach.
Vom 11. bis 14. März wurde im Turnsaale der Mittelschule die Wanderausstellung „Der Rhein“ gezeigt.
Sie will in Plakaten, Bildern und Tabellen die Geschichte und Schönheiten des Rheinlands schildern, Verständnis für dessen schwere Lage erwecken und den Gedanken der unauflöslichen Verbundenheit von Reich und Rhein vertiefen.
Die Ausstellung wurde mit einer Ansprache des Oberbürgermeisters Wurm eröffnet.
Als ein erfreuliches Zeichen des wiedererwachenden evangelischen Bewußtseins dürfen die Wittenberg- Fahrten angesprochen werden, wie sie seit mehreren Jahren aus verschiedenen Gegenden – besonders aus Berlin und dem Freistaat Sachsen – nach unserer Lutherstadt zu den Gedenkstätten der Reformation unternommen werden.
Im Jahre 1925 betrug die Zahl der Teilnehmer rund 20 000, und auch im Jahre 1926 traf eine große Zahl der Wittenberg-Fahrer ein. Um die hiermit verbundene bedeutende Arbeit zu erledigen, wurde unter dem Vorsitz von Pfarrer Lic. Geibel ein kirchlicher Verkehrsausschuß gebildet, der die notwendigen Vorarbeiten erledigt und durch eine größere Anzahl von freiwilligen Helfern die Führung der Gäste übernimmt.
Die umfangreichste der Wittenberg-Fahrten des letzten Jahres war die von 26 Zweigvereinen des Evangelischen Bundes aus Potsdam und den Berliner Vororten ausgeführte, die am Himmelfahrtstage (13. Mai) in einer Stärke von 1 800 Teilnehmern in zwei Sonderzügen hier eintraf.
Nach der Besichtigung der Reformationsstätten fand eine Gedenkfeier in der Schloßkirche und eine Abendfeier in der Stadtpfarrkirche statt.
Daran schloß sich eine machtvolle Kundgebung auf dem Marktplatze, bei welcher Studiendirektor Fahrenhorst – Spandau, der Vorsitzende des Hauptvereins der Provinz Brandenburg, eine Ansprache hielt.
Superintendent Prof. Meichßner rief den Gästen den Abschiedsgruß der Lutherstadt zu.
Am 20. Mai vollzog sich ein für unsere Stadt wichtiges Ereignis: die Einweihung des neuen Sparkassenbaues, der nach dem von Stadtrat Petry gefertigten Entwurfe an der Ecke Juristenstraße Coswiger Straße errichtet wurde.
Der Bau, der am 22. Juni 1925 begann, und den eine gerade in der besten Bauzeit einsetzende achtwöchentliche Aussperrung und Streik behinderte, wurde in 9 Monaten fertiggestellt.
An der Einweihung nahmen als Vertreter der Regierung zu Merseburg teil:
– Regierungspräsident Dr. Grützner,
– Regierungsassessor Hagemann und
– Regierungs-Oberinspektor Haertel.
In seiner Begrüßungsrede sprach Oberbürgermeister Wurm allen am Bau Beteiligten herzlichen Dank aus und schloß mit den Worten:
Der Lutherstadt zu Ehren,
Den Wohlstand zu vermehren,
Die Sparsamkeit zu pflegen,
Gehüllt in Gottes Segen,
Du stolzer Bau sollst ragen
Heut und in fernen Tagen.
Stadtbaurat Petry übergab hierauf die Schlüssel des Hauses dem Dezernenten der Sparkasse, der sie mit Dankesworten entgegennahm und die Schlußstein-Urkunde verlas, die dem durch den Schlußstein verschlossenen Grundstein einverleibt wurde, wobei seitens der offiziellen Persönlichkeiten die von Weihesprüchen begleiteten Hammerschläge geschahen.
An die eingehende Besichtigung des stattlichen, überaus zweckmäßig eingerichteten Baues schloß sich ein Festmahl im „Goldenen Adler“.
Ein folgenschweres Brandunglück ereignete sich am 4. Juni.
Früh gegen 3 Uhr brach im Dachgeschoß des dem Hutfabrikanten Naumann gehörenden Hauses Collegienstraße Nr. 19 Feuer aus. Der dort schlafende Sohn Naumanns suchte sich durch Herabspringen zu retten, zog sich dabei aber schwere Verlegungen zu.
Das Dienstmädchen trug schwere Brandwunden davon.
Während der junge Naumann wieder genas, erlag das 22 jährige Dienstmädchen Emma Dorandt aus Wartenburg den erlittenen schweren Brandwunden. Vom Hause selbst brannte nur das Dachgeschoß aus, da es der Feuerwehr rechtzeitig gelang, das Feuer zu löschen.
Seit dem Jahre 1890 war die Gegend um Wittenberg vor schweren Hochwasserschäden bewahrt geblieben.
Im Monat Juni 1926 aber trat eine Hochwasserkatastrophe ein, die weiten Teilen unserer Heimat zum Verhängnis wurde.
Bereits in den ersten Monaten dieses Jahres brachte der Elbstrom wiederholt Hochwasser, das zB. am 25. Februar am Pegel der Elbbrücke eine Höhe von 4,14 m zeigte.
Diese ersten Hochwasserwellen richteten indessen keinen Schaden an, sondern wurden im Gegenteil von den Landwirten als Bundesgenossen gegen die Mäuseplage, die besonders die Elbwiesen in noch nie beobachtetem Umfange heimgesucht hatte, freudig begrüßt.
Bis Mitte Mai hatte hatte sich das Frühjahrshochwasser wieder verlaufen.
Da traten Anfang Juni in fast ganz Deutschland unerwartete Wolkenbrüche, wolkenbruchartige Regen und äußerst starke Niederschläge ein, wie sie in dieser andauernden Art und solange man Aufzeichnungen über die Niederschlagsmengen besitzt, noch nie beobachtet wurden.
Vor allem wurde das Quellgebiet der Elbe davon betroffen.
Bereits am 4. Juni betrug der Pegelstand 2,67 m und stieg bis zum 10. Juni auf 4,20 m.
Mit ungeahnter Schnelligkeit hatten die lehmigen Fluten am 7. Juni schon alle Elbwiesen bedeckt, und die prächtige Heuernte binnen 12 Stunden vernichtet, das Gras verschlammt und unbrauchbar gemacht.
Wohl suchte man am 6. Juni noch das durchnäßte Gras zu retten, mußte es aber zuletzt doch im Stich lassen, da die höhersteigende Flut Menschen und Zugtiere in Gefahr brachte.
Vorübergehend ging der Höchststand des Wassers auf 3,74 m am 15. Juni zurück, bis neue heftige Wolkenbrüche im Riesengebirge und Böhmen eine neue Hochwasserwelle brachten, die bis zum 23. Juni ansteigend an diesem Tage den Höchststand mit 5,03 m erreichte.
Da die Höhe des Elbdammes 6 m beträgt, so blieb also der Hochwasserspiegel nur 97 cm hinter dieser zurück.
So weit das Auge reichte, glich die Elbaue einem mächtigen See.
Der Elbstrom führte ganze Bäume, tote Tiere, viel Heu und Gras mit sich.
Mit unheimlicher Schnelligkeit schossen die trüben Fluten durch die Elbbrücken und die Vorflutbrücken.
Messungen ergaben eine Stromgeschwindigkeit von 3 m in der Sekunde. Die Gewalt des Wassers riß die an Ketten verankerte Eylertsche Badeanstalt los und führte diese samt den darauf befindlichen Personen fort.
Zum Glück gelang es, sie noch rechtzeitig aufzuhalten, ehe sie an den Brückenpfeilern zerschellte.
Dem andauernden ungeheuren Drucke waren die Dämme auf die Dauer nicht überall gewachsen.
Fieberhaft arbeiteten die Anwohner mit der herangezogenen Technischen Nothilfe Tag und Nacht an ihrer Erhaltung und Befestigung.
Aber bei Coswig und in der Nähe von Magdeburg konnten die Elbdämme nicht gehalten werden;
bei Coswig brachen diese an zwei Stellen von je 100 m Länge.
Die mit furchtbarer Gewalt durchbrechenden Wassermassen überfluteten in wenigen Stunden die fruchtbaren Ländereien und vernichteten die gesamte Ernte.
Nur unter Aufbietung aller Kräfte konnten Menschen und Haustiere vor dem Ertrinken gerettet werden.
Nicht minder groß waren auch die Verwüstungen, die ein Dammbruch der Röder (Nebenfluß der schwarzen Elster) beim Dorfe Würdenhain in der Nähe von Elsterwerda anrichtete,
Da der Schützenfestplatz, die Kuhlache, seit sieben Wochen ununterbrochen unter Wasser stand, so mußte die „Vogelwiese“ nach dem Tauentzienplatze verlegt werden, was für diese mannigfache Nachteile hatte, zumal die Witterung fortgesetzt regnerisch blieb.
Erst vom 25. Juni ab gingen die Fluten wieder langsam zurück, und erst vom 22. Juli ab wurden die Elbwiesen wieder frei vom Hochwasser.
Aber wie sahen sie aus!
Das Gras auf ihnen war schwarz und verfault und verbreitete einen üblen Geruch, der besonders abends bis in die Straßen der Stadt hereindrang.
Die Oberfläche bedeckte eine ölige, zähe Kruste, die das weitere Wachstum hinderte und so auch die Grummeternte benachteiligte. Die lange Dauer des Hochwassers hatte die üble Folge, daß auch das Stauwasser einen noch nie dagewesenen Umfang annahm.
In der Woche vom 4. bis 8. Juli waren vom Hochwasser im Kreise Wittenberg überschwemmt 18 443 Morgen Elbwiesen und 1562 Morgen Acker.
Im Stauwasser lagen 3 214 Morgen Feldwiesen und 5 923 Morgen Acker.
Durch die am 8. und 9. Juli erneut niedergehenden gewaltigen Regengüsse wurde das Überschwemmungsgebiet nochmals um 10000 Morgen vermehrt.
Der entstandene Schaden wurde amtlich im Regierungsbezirk Magdeburg auf 14,14 Millionen Mark, im Regierungsbezirk Merseburg auf 11,9 Millionen Mark geschätzt und die schwergeschädigte Fläche auf insgesamt 400 000 Morgen.
Die Feldfluren von Bleddin, Bösewig, Merschwitz, Kleinzerbst, Wartenburg, Melzwig, Dabrun, Boos, Pratau, Seegrehna und Bleesern hatten von Anfang an beträchtlich unter dem Stau- und Niederschlagswasser zu leiden.
Bei fortschreitendem Wuchse suchte es sich dann durch Öffnung der Schleusen und Brücken seinen vernichtenden Weg und verbreitete sich bald über die Fluren von Globig, Bietegast, Dorna, Rackith, Rötzsch und weiter bis nach Trebitz, Schnellin, Merkwitz, Gaditz, Lammsdorf, Eutzsch, Pannigkau und Selbitz.
Die Wege zwischen den einzelnen Ortschaften standen stellenweise hoch unter Wasser und konnten nicht passiert werden.
Auch die Ortschaften rechts der Elbe, wie Listerfehrda, Elster, Iserbegka, Gallin, Prühliz, Hohndorf ua. wurden durch das Elbhochwasser und durch das Stauwasser außerordentlich geschädigt.
Eine Kommission bestehend aus Vertretern des Reichsfinanzministeriums, des Landesfinanzamts, der preußischen Katasterverwaltung, des Landratsamtes und des Landbundes bereiste Mitte Juli das Überschwemmungsgebiet, um den verursachten Schaden behufs Entschädigung aus staatlichen Mitteln festzustellen.
Diese Unterstützung seitens des Staates ist ja auch den Geschädigten gewährt worden, aber sie reichte bei weitem nicht aus, den erlittenen schweren Schaden zu decken und die ohnehin so üble Lage der Landwirtschaft wesentlich zu bessern.
An vielen Stellen war der Roggen notreif geworden und gab nur wenig Körnerertrag.
Auch der Ertrag der übrigen Halmfrüchte war in den vom Wasser betroffenen Fluren sehr gering. Kartoffeln, Rüben und Futterpflanzen wurden vielfach gänzlich vernichtet.
Infolge des Futtermangels waren zahlreiche Landwirte gezwungen, ihren Viehstand zu verringern oder die Tiere in günstiger gelegene Gegenden in einstweilige Pflege zu geben.
Glücklicherweise war die Witterung in den nachfolgenden Wochen günstig, sodaß auf den Wiesen wenigstens noch Gras und auf den Feldern Grünfutter geerntet werden konnte.
Da die Wassermassen nach den tiefer liegenden Teilen der Elbaue drängten, sich dort aufstauten und wegen des hohen Wasserstandes der Elbe nicht abfließen konnten, so war man gezwungen große Pumpen aufzustellen, welche die die Felder überflutenden Wassermassen in die Elbe warfen.
In angestrengter Tag und Nachtarbeit wurden an dem Schöpfwerk der Entwässerungsgenossenschaft „Elbaue“ an der Abzweigungsstelle der Wachsdorfer Straße zu der bereits dort vorhandenen Pumpe vier weitere große Pumpen aufgestellt und in Betrieb gesetzt.
Diese Pumpen warfen wochenlang stündlich über 5000 Kubikmeter fauliges, übelriechendes Stauwasser über den Elbdamm in die zur Elbe führenden Abzugsgräben.
Dadurch wurde in anhaltender angestrengtester Tätigkeit erreicht, daß Tausende von Morgen Acker vom Wasser befreit und ein erheblicher Teil der Ernte gerettet wurde.
Immerhin aber waren die durch die Hochwasserkatastrophe entstandenen Schäden derartig groß, daß die Landwirtschaft des Überschwemmungsgebietes lange und schwer kämpfen mußte, um sie zu überwinden.
Der bauliche Zustand des Rathauses machte schon seit längerer Zeit einen Umbau desselben zur Notwendigkeit.
Da seine Räume schon seit Jahren nicht mehr für die erheblich angewachsene Verwaltung der Stadt ausreichten, so wurde vom Staate die ehemalige Zeughauskaserne übernommen und in ihr einzelne Zweige der städtischen Verwaltung untergebracht.
Bereits vor dem Kriege waren die Pläne für den Rathausumbau fertiggestellt, konnten aber wegen Ungunst der Zeit nicht ausgeführt werden.
Anfang Juli 1926 wurde endlich der Umbau nach den von Stadtbaurat Petry entworfenen Plänen begonnen.
Die Ausführung der Arbeiten wurde der Baufirma Lochner in Wittenberg übertragen.
Die Kosten des Umbaues hatte man auf 350 000 M. veranschlagt. Den Antrag des Magistrats, einen würdigen Ratskeller einzubauen, lehnte die Stadtverordnetenversammlung der Kostenfrage wegen ab.
Maßgebend für den Umbau war der Grundsatz, daß der historische Charakter des Baues nach außen hin erhalten blieb.
Während des Erneuerungbaues wurden die noch im Rathause verbliebenen Geschäftsräume nach dem neuen Sparkassenbau gelegt.
Die Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung fanden seitdem im alten Kurfürstenschlosse statt.
Mit dem Rathausumbau machte sich gleichzeitig eine Verlegung des Wochenmarktes notwendig, der zunächst teilweise und vom 22. September ab gänzlich vom Marktplatze nach dem hierzu eingerichteten Arsenalplatze verlegt wurde.
Die hiesige Schutzpolizei nahm in der Zeit vom 2. bis 10. September 1926 an den beiden Hauptverkehrspunkten, Markt und Luthereiche, eine Verkehrszählung sämtlicher Fahrzeuge vor.
Es ergaben sich bei derselben folgende Resultate:

Die Friseur-Innung feierte am 3. Oktober ihr 50 jähriges Bestehen durch Weihen einer neuen Innungsfahne, Festzug und festliche Veranstaltungen im Balzerschen Saale.
Am 27. Oktober beging die Ackerbürgerswitwe Amalie Hecht geb. Schroeder Schatzungsstraße Nr. 2 in voller geistiger und körperlicher Regsamkeit und Frische ihren hundertsten Geburtstag.
Zur Erinnerung an die vor 400 Jahren in den evangelischen Gottesdienst durch Martin Luther erfolgte Einführung der Deutschen Messe wurde diese am Abend des Reformationsfestes in einem besonderen Festgottesdienste dargeboten, wobei Pfarrer Lic. Geibel in Verbindung mit dem Kirchenchore die liturgischen Sätze sang.
Seit längerer Zeit schon hatte sich die wirtschaftliche Lage verschlimmert.
Die Steuerlasten, Geldknappheit und mangelnder Warenumsatz nötigten auch in unserer Stadt selbst alte gutfundierte Geschäfte und Betriebe, sich unter Geschäftsaufsicht stellen zu lassen oder gar den Konkurs anzumelden.
Durch die zahlreichen Entlassungen von Arbeitern und Angestellten wuchs die Erwerbslosigkeit in steigendem Maße.
Betrug die Zahl der Erwerbslosen im Reiche Anfang Februar 1926 schon rund 1 Million, so wuchs sie bis Ende des Monats auf 2 Millionen an.
Während der Sommermonate verringerte sich diese Zahl, betrug aber am 15. Oktober immer noch 1 339 194 (1 085 147 männliche und 254 047 weibliche Hauptunterstützungsempfänger).
Die Zahl der unterstützten Familienangehörigen der Erwerbslosen betrug am gleichen Termin 1 360 838.
In der Stadt Wittenberg wurden am 25. Oktober 1 200 Erwerbslose gezählt.
Um der Not zu steuern, beschlossen die städtischen Körperschaften im April die Ausführung von Notstands, arbeiten und bewilligten hierzu eine Summe von 100 000 M.
Dafür sollte ausgeführt werden:
Die Pflasterung der Sternstraße von der Wichernstraße bis zur Kreuzstraße,
die Pflasterung der Großen Friedrichstraße von der Heubnerstraße bis zur Paul Gerhardt-Straße;
gleichzeitig wurde der durch diese Strasse bisher offen fließende Trajuhner Bach bis zu seiner Einmündung in die Große Friedrichstraße reguliert, mit Betoneinfassung versehen und gedeckt.
Ferner wurde ein Kanal Kreuzstraße – Kurfürstenstraße – Bismarkstraße – Katharinenstraße gegraben und auf dem städtischen Rittergute Seegrehna Notstandsarbeiten ausgeführt.
Am 26. Oktober bewilligte die Stadtverordnetenversammlung noch weitere 20 000 M., wofür in der Sternstraße ein Regenkanal und in der Großen Friedrichstraße eine Aufschüttung geschaffen werden sollte, und am 16. November weitere 15 000 M. zur Herrichtung der Sternstraße von der Kreuzstraße bis zur Berliner Straße.
Zur Unterstützung besonders bedürftiger Erwerbslosen und für die sogenannte „Krisenfürsorge“ wurden dem Wohlfahrtsamt 28 550 M. überwiesen.
Zur Unterstützung der in den abgerissenen Gebieten schwer bedrängten deutschen Stammesgenossen veranstaltete die hiesige Ortsgruppe des Vereins für das Deutschtum im Auslande unter Leitung von Studiendirektor Heubner vom 31. Oktober bis 5. November eine Werbewoche. Sie wurde am Sonntag, den 31. Oktober mit einem Platzkonzert der Jahnkeschen Kapelle eröffnet. Am 2. und 3. November veranstalteten die Schulgruppen Werbe-Umzüge, an welche sich an beiden Abenden Festversammlungen im Balzerschen Saale anschlossen, die durch Ansprachen, Deklamationen, musikalische und turnerische Darbietungen ausgestaltet waren.
Den Abschluß bildete am 5. November ein Konzert des Musikvereins unter Leitung von Musikmeister Appelt im Muthschen Saale.
Sämtliche Veranstaltungen und Sammlungen brachten einen Reingewinn von über 2 600 M.
Die andauernde Wohnungsnot veranlaßte die Stadtverwaltung, ua. an der Sternstraße mehrere Wohnhäuser zu errichten.
Da diese nicht ausreichten, den Bedarf zu decken, so griff man in weitem Maße zur Selbsthilfe und gründete nach dem Beispiele der Gartenstadt- Genossenschaft Baugenossenschaften, um sich eine Wohnung zu sichern.
So taten sich die Beamten der Schutzpolizei zu einer solchen zusammen und errichteten östlich der Sternstraße in der Nähe der von der Stadt erbauten Häuser unter Mithilfe der „Mitteldeutschen Heimstädten-Genossenschaft“ eine Siedlung, die bereits eine größere Anzahl von Wohnhäusern umfaßt.
Auch außerhalb des Weichbildes der Stadt, bei Rothemark, ist eine weitere Siedlung entstanden.
Am 14. November befuhr der letzte Kettendampfer die Elbe, um die Kette, die in der Elbe zuletzt noch von Außig (Böhmen) bis hinter Magdeburg lag, zu heben, da der Verkehr mit Kettendampfern seit langem schon nicht mehr lohnend war, und die Kette für die übrigen Schiffe beim Ankern ein großes Hindernis bildete.
Diese Elbkette reichte ursprünglich von Außig in Böhmen bis Hamburg in einer Länge von rund 650 km; sie hatte ein Gewicht von 7 000 000 kg und erforderte zur Herstellung den Betrag von 4 Millionen Mark.
Am 19. November beging die städtische gewerbliche und kaufmännische Berufsschule im Balzerschen Saale unter zahlreicher Beteiligung die Feier ihres 25 jährigen Bestehens.
Die Grüße und Glückwünsche der Stadt Wittenberg brachte Oberbürgermeister Wurm, diejenigen der Handelskammer Halle Kaufmann Paul Böttger zum Ausdruck.
In seiner Festrede gab der Leiter der Berufsschule, Schulvorsteher Bohn, ein Bild von deren Werden und Wachsen.
Gedichtvorträge, musikalische und turnerische Darbietungen, dramatische Szenen aus dem Wittenberger Zunftleben und ein Festspiel füllten den Festabend aus.