1924

Die ersten Tage des Jahres 1924 brachten anhaltenden Frost, sodaß am 5. Januar das Eis der Elbe zum Stehen kam.
Der Aufbruch des Eises erfolgte am 8. Februar.
Seit Weihnachten gesellten sich zu der Kälte starke Schneefälle, die im Eisenbahnverkehr vielfache Störungen verursachten.
Zum harten Winter trat die noch immer steigende Arbeitslosigkeit; die Zahl der Arbeitslosen und Kurzarbeiter wuchs auf über 7 Millionen im Reiche an, und auch ein großer Teil der Einwohner unserer Stadt wurde durch Erwerbslosigkeit in große Not gebracht. Für Erwerbslose, bedürftige Klein- und Sozialrentner und Ortsarme richtete das Wohlfahrtsamt Ende Januar eine Volksspeisung ein, durch welche täglich 800 Portionen warmes Mittagsessen und wöchentlich 1 000 Brote zur Verteilung gelangten.

Das Jahr 1924 brachte eine Reihe von Jubiläumsfeiern.
Am 29. März beging die Mittelschule die Feier ihres 25 jährigen Bestehens durch einen Festakt im Turnsaale, wobei Oberbürgermeister Wurm die Festansprache hielt und Rektor Bodesohn ein Bild vom Werdegang der Schule gab.

Am 24. April waren 40 Jahre vergangen, seitdem das Deutsche Reich, indem es die Erwerbungen des deutschen Kaufmanns Lüderitz am nördlichen Orangefluß unter seinen Schutz stellte, in die Reihe der Kolonialmächte trat.
Zur Erinnerung hieran veranstalteten die Ortsgruppe des Deutschen Kolonialvereins, der Kolonialfreunde und des Vereins für das Deutschtum im Auslande im Balzerschen Saale eine Gedenkfeier mit einer Kolonial Ausstellung.
Im Anschluß hieran wurde am Sonntag den 27. April in den Anlagen am Augusteum, links vom Gedenkstein für die in China und Südwestafrika Gefallenen, eine Kolonial- Gedenkeiche gepflanzt, wobei Studiendirektor Heubner die Ansprache hielt.

Am gleichen Tage feierte die hiesige Bäcker-Innung im Muthschen Saale ihr 500jähriges Bestehen durch einen größeren Festakt, wobei gleichzeitig die Weihe der neuen Innungsfahne geschah.

Das gleiche Jubiläum konnte am Sonntag den 27. Juni die hiesige Schuhmacher-Innung begehen.

Das 400 jährige Jubiläum der Einführung des evangelischen Gesangbuchs wurde am Sonntag Kantate durch einen musikalisch reich ausgestatteten Festgottesdienst der Stadtpfarrkirche gefeiert.

Am 14. und 15. Juni tagte hier der Verband der Freiwilligen Sanitätskolonnen und der Genossenschaft Freiwilliger Krankenpfleger vom „Roten Kreuz“ mit einer Teilnehmerzahl von 500.
Mit der Tagung wurde die Jubelfeier des 40 jährigen Bestehens der hiesigen Freiwilligen Sanitätskolonne verbunden.

Am 14. September konnte das Hotel „Goldener Adler“ sein 400 jähriges Bestehen feiern.

Da die von den Feinden ausgestreute Lüge von Deutschlands Alleinschuld am Weltkriege, auf der auch die grausamen Bedingungen des Friedensdiktats von Versailles beruhen, nicht verstummen wollte, so fand am 28. Juni auf dem Marktplatze unter zahlreicher Beteiligung eine zahlreiche Protestversammlung dagegen statt, in welcher Studiendirektor Heubner in einer Ansprache das Unhaltbare dieser Schuldlüge nachwies.
In einer Entschließung wurde die Reichsregierung aufgefordert, mit allen Mitteln gegen diese Beschuldigung zu protestieren.

Der 100. Geburtstag von Carl Stein wurde durch eine größere Gedenkfeier begangen.
Musikdirektor Professor Carl Stein (geb. d. 25. Oktober 1824 zu Niemegk bei Belzig, gest. d. 3. November 1903 in Wittenberg) war 52 Jahre lang als Organist und Kantor unserer Stadtpfarrkirche und als Gesanglehrer hier tätig und hat sich um das Musikleben unserer Stadt bleibende Verdienste erworben.
Als Komponist geistlicher und weltlicher Lieder und Chöre hat er sich über Deutschlands Grenzen hinaus einen geachteten Namen gesichert.
In einem weltlichen Konzert im Balzerschen Saale am 22. Oktober und einem Kirchenkonzert in der Stadtpfarrkirche am 25. Oktober wurden Steinsche Tonwerke zur Aufführung gebracht.

Bei der am 5. Mai stattfindenden Neuwahl zur Stadtverordnetenversammlung waren 5 Wahlvorschläge aufgestellt.
Es erhielten:
– Bürgerliche Mieter- und Arbeitnehmerliste    11 Sitze,
– Kommunistische Partei                                                     6 Sitze, Wahlvorschlag „Naumann“ (bürgerliche Liste)    11 Sitze,
– Vereinigte Sozialdemokratische Partel                     1 Sitz,
– Deutsch-Völkische Freiheitspartei                               1 Sitz.

Aus dem Jahre 1924 ist noch folgendes bemerkenswert:
Während der ersten Sommermonate erhielten
– Linden-Straße,
– Juristenstraße und die
– Westseite des Marktplatzes neues Pflaster aus Schlackensteinen.
– Die Elbstraße wurde wesentlich erhöht und neu gepflastert.

Auch die Anlagen an der Luthereiche erfuhren eine durchgreifende Veränderung.
Im Jahre 1925 erhielten diese durch den von Stadtrat Paul Friedrich geschenkten von Bildhauer Rex gefertigten Schmuckbrunnen nebst Ruhebank eine neue Zierde.
Beides wurde am 29. Mai in einer schlichten Feier eingeweiht.

Am 18. August 1924 eröffnete die Kreissparkasse in den neuen Räumen Markt Nr. 20 (dem früher Fuhrmannschen Hause) ihren Geschäftsbetrieb.

***

nächstes Kapitel