1922

Das Jahr 1922 setzte mit starker, anhaltender Kälte ein, die nach 10 Jahren zum ersten Male wieder das Eis der Elbe zum Stehen brachte, sodaß man überall darüber gehen konnte.
Erst am 26. Februar brach das Eis wieder auf.

Am 25. Januar wurde das Dessauer Friedrich – Theater (ehem. Hoftheater), dessen Vorstellungen auch von den Bewohnern unserer Stadt von jeher zahlreich besucht waren, ein Raub der Flammen.
Leider kamen dabei die Kammersängerin Frau Herling und ein Friseurgehilfe ums Leben.

Der Monat März brachte abermals eine Lutherfeier.
Am 6. März 1522 kehrte Luther aus dem Frieden der Wartburg in sein von den Schwarmgeistern bedrohtes Wittenberg zurück und rettete unter Verachtung der dem Geächteten drohenden Gefahren durch seine gewaltigen Predigten, die er vom Sonntag Invokavit ab acht Tage lang alltäglich hielt, das Werk der Reformation aus der Sturmflut schlimmster Verirrung und Verwirrung.

Der Vorstand der Lutherhalle und der Luthergesellschaft vereinigten sich, um die 400 jährige Wiederkehr dieses Tages in einer seiner Bedeutung würdigen Weise durch eine Invokavitfeier zu begehen.
Die Anwesenheit von zahlreichen Vertretern der evangelischen Kirchen aus dem In- und Auslande gab der Feier eine über die Grenzen Deutschlands hinausreichende Bedeutung.
Vertreten waren die evangelischen Kirchen von Amerika, Dänemark, Estland, Finnland, Holland, Norwegen, Österreich, Schweden, Tschechoslowakei, Ukraine, Ungarn.
Mit dem Präsidenten des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses D. Moeller- Berlin und dem Präsidenten der Deutschen Evangelischen Kirchenkonferenz D. Beit – München waren die Vertreter sämtlicher evangelischen Kirchenregierungen Deutschlands erschienen, ebenso so die Vertreter von 13 deutschen Universitäten.
Das preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung war vertreten durch den Minister Dr. Boelitz und den Staatssekretär Dr. Becker, die Schwedische Gesandtschaft durch Baron von Essen.
Neben den Vertretern der Lutherstädte Eisenach, Erfurt und Worms bemerkte man die Vertreter einer großen Reihe von befreundeten freien kirchlichen Organisationen.

Am Sonnabend den 4. März nachmittags 6 Uhr leitete Glockengeläut und Blasen von Lutherchorälen vom Turme der Stadtpfarrkirche die Feier in üblicher Weise ein.
Die überaus zahlreiche Beteiligung machte es nötig, die abends 8 Uhr beginnende Begrüßungsfeier auf zwei Orte – die Schloßkirche und den Saal des „Volksgartens“ – zu verteilen.
In der Schloßkirche begrüßte die Versammlung für die Lutherhalle Regierungspräsident D. von Gersdorff – Merseburg, für die Luthergesellschaft Oberpräsident a.D. D. von Hegel – Merseburg, für die Stadt Wittenberg Erster Bürgermeister Wurm, für die evangelische Kirchengemeinde Wittenberg Superintendent D. Orthmann.
In der Parallelversammlung im „Volksgarten“ übermittelten die Grüße
– Oberregierungsrat Dr. Thelemann – Berlin,
– Prof. D. Dr. Liezmann – Jena,
– Stadtrat Paul Friedrich und
– Oberbürgermeister i. R. Dr. Schirmer.
Die Antworten auf diese Begrüßungen waren so verteilt, daß in der Schloßkirche die Vertreter der kirchlichen Behörden und im „Volksgarten“ das synodale Element zu Worte kam.
Es sprachen ua.
– der Präsident des ev. Oberkirchenrats D. Moeller- Berlin,
der Präsident der ev. Kirchenkonferenz D. Veit – München,
– der Rektor der Universität Halle-Wittenberg
Geh. Rat Prof. Dr. von Stern,
– der Präsident der Verfassunggebenden Kirchenversammlung
D. Reinhardt – Stettin,
– für die Innere Mission D. Spieker,
– für die Gustav Adolf-Stiftung D. Rentorf.
Aus dem Auslande übermittelten ua. Grüße:
– Erzbischof D. Soederblom – Upsala,
– Bischofs Gummerus – Finnland,
– Dr. Jörgensen – Kopenhagen,
– Bischof Raffey – Budapest,
– Dr. Wehrenpfennig – Gablonz,
– Juner – Kiew,
– Alen Wehrli – Amerika,
– Bischof Kukk – Estland,
– Hofrat Molin – Wien,
– Pastor de Haas – Utrecht.
An den Gräbern der Reformatoren wurden nach einer Ansprache Professor Dr. Jordans Kränze niedergelegt.
Gesangsvorträge der Wittenberger Männerchöre statteten beide Begrüßungsfeiern musikalisch anziehend aus.

Als Einleitung des Hauptfesttages (Sonntag, Invokavit 5. März) trugen Posaunenklänge Lutherchoräle vom Turme der Stadtpfarrkirche hin über die feiernde Stadt, und vor dem Standbilde Luthers ließen die Kurrendeschüler Lutherlieder erklingen.

Bis um 10 Uhr vormittags hatte sich vor dem Bugenhagenhause der Festzug aufgestellt, der sich unter Glockengeläut nach der Stadtpfarrkirche bewegte.
Ihn eröffneten die Chargierten der Universität Halle-Wittenberg mit den Fahnen der einzelnen Korporationen, denen sich anschlossen die Vertreter der Kirche, der Stadt und des Kreises Wittenberg, der Vorstand der Lutherhalle und der Luthergesellschaft, der Rektor und die Dekane der Universität Halle Wittenberg in ihrer farbigen Amtstracht.
Es folgten die Vertreter der übrigen evangelischen Fakultäten etwa 30 an der Zahl die Geistlichkeit, die Vertreter des Auslandes, die Staats- und Kirchenbehörden.

Im Festgottesdienste erweckte die von Oberkirchenrat D. Cordes – Leipzig gesungene Liturgie musikalisch besonderes Interesse.
Die Festpredigt, die Bischof Dr. Gummerus Borga – Finnland hielt, knüpfte an Marc. 4, 26-29 an und zeigte, wie die Kirche der Reformation als Kirche des Wortes und des Gottesgeistes die Welt überwunden hat.
Die weihevolle Stimmung wurde erhöht durch die Gesänge des Oratorien- und Kirchenchors unter Musikdirektor Straubes Leitung.

Bei dem Festmahle im „Goldenen Adler“ nahm ua. auch der Kultusminister Dr. Boelitz das Wort.
Den musikalischen Höhepunkt des des Festtages bildete wieder die abends 8 Uhr in der überfüllten Stadtpfarrkirche stattfindende Weihefeier.
Die von Pfarrer Knolle verlesenen Lutherworte im Verein mit Joh. Seb. Bachs echt protestantischer Kirchenmusik
(ua. die Kantaten „Ach Gott, vom Himmel sich darein“ und
„Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“), die vom Oratorien- und Kirchenchor unter Mitwirkung auswärtiger Solisten und der Begleitung der durch Mitglieder des Leipziger Gewandhaus-Orchesters verstärkten Jahnkeschen Kapelle ausgeführt wurde, schufen eine Stunde höchster Erbauung.
Sie wurde noch vertieft durch die Weiherede des Geh. Konsistorialrats D. Dr. Fider-  Halle, welche zeigte, wie Luther sich zum Reformator vollendet.

Den dritten Festtag am 6. März eröffnete eine Frühandacht in der Schloßkirche, die sich in ihrem liturgisch musikalischen Aufbau an die vorreformatorischen Morgenfeiern anlehnte.
Die von Studieninspektor Schmeling gehaltene Liturgie und die Ansprache von D. Jörgensen – Kopenhagen wechselten mit Gesängen der Konfirmanden und Kurrende.

Um 10½ Uhr trat die Luthergesellschaft zu einer Festsitzung zusammen, bei welcher Geh. Konsistorialrat Prof. D. Dr. Holl – Berlin den Festvortrag über „Luther und die Schwärmer“ hielt.

Die Schlußfeier in der Stadtpfarrkirche hatte noch einmal die Festteilnehmer zahlreich versammelt.
In einem gedankenreichen Vortrage behandelte der schwedische Erzbischof D. Goederblom – Upsala die Notwendigkeit und Möglichkeit des Zusammenschlusses der evangelischen Kirchen.

Am Nachmittage traten die Freunde des Einigungsgedankens zusammen, um in vertraulicher Besprechung die Wege des Zusammenschlusses zu erörtern.

Zur Erinnerung an die Invokavitfeier gab der Vorstand der Lutherhalle eine Serie von 6 Stück Luther-Notgeldscheinen im Nennwert von je 50 Pf. heraus, die auf der Vorderseite ein Lutherbildnis und auf der Rückseite eine Lutherstätte Wittenbergs zeigen.

Was der Sonntag Invokavit vorbereitet, das wurde am Himmelfahrtstag vollendet:
die Gründung des Deutschen Evangelischen Kirchenbundes.
Kein anderer Ort war für die bedeutungsvolle Tat des Zusammenschlusses der evangelischen Landeskirchen besser geeignet, als die Geburtsstätte der evangelischen Kirche, die Lutherstadt Wittenberg.

Maiensonnenschein und die Blütenpracht unserer Anlagen, die den äußeren Festschmuck von dem man diesmal abgesehen hatte reichlich ersetzte, begrüßte die Vertreter der evangelischen Landeskirchen und die Festgäste, die aus allen Teilen des Reichs herbeigekommen waren.
Das volle Festgeläut der Glocken und Choralblasen vom Turme der Stadtpfarrkirche leitete in hergebrachter Weise am Nachmittag des 24. Mai die bedeutungsvolle Feier ein.
Um 4½ Uhr begrüßte Oberbürgermeister Wurm im Rathaussaale namens der Stadt die Gäste, für die der Präsident des Evangelischen Oberkirchenrats D. Moeller – Berlin herzlichen Dank aussprach. Nach einer von der Stadt in den Räumen des Rathauses gebotenen Erfrischung begaben sich die Teilnehmer nach dem Sitzungssaale des Bugenhagenhauses, wo ihnen Superintendent D. Orthmann den Willkommensgruß der evangelischen Kirchengemeinde Wittenberg entbot.

Abends 8 Uhr vereinigte eine musikalisch reichausgestattete Vesper die Festgäste mit den Bewohnern der Lutherstadt in der Stadtpfarrkirche.
Unter der Leitung von Musikdirektor Straube hatte sich zur Ausführung des musikalischen Teils der Oratorien- und Kirchenchor, unterstützt von auswärtigen Kräften, mit dem von Mitglieders:
des Leipziger Gewandhauses verstärkten Jahnkeschen Konzertorchester zusammengeschlossen.
Im Mittelpunkte der Andachtstunde stand die Ansprache des Generalsuperintendenten D. Weisel – Dortmund, die an Math. 28, 18 anknüpfte:
„Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“

Posaunenklänge vom Turm der Stadtpfarrkirche und der Gesang der Kurrende im Hofe des Lutherhauses leiteten den kirchengeschichtlich so wichtigen Himmelfahrtstag ein.
Vormittags 9½ Uhr fand für die Vertreter der Landeskirchen in Luthers Wohnzimmer eine von Prof. D. Jordan geleitete kurze Andacht statt.
Inzwischen ordneten sich die Teilnehmer zum gemeinsamen Kirchgang nach der Schloßkirche.
An der Spitze schritten die Vertreter sämtlicher deutschen Landeskirchen und die Ehrengäste, unter ihnen der
– preußische Kultusminister Dr. Boelitz,
– Ministerialdirektor Dr. Fleischer,
– Generalsuperintendent D. Reinhardt – Stettin.
Es folgten die Vertreter der kirchlichen und städtischen Körperschaften Wittenbergs, die kirchlichen Vereine, die Mitglieder des Predigerseminars, evangelische Vereine der Provinz Sachsen und zahlreiche Bewohner der Lutherstadt.

Im Festgottesdienst, der mit Orgelspiel und Gesängen anziehend ausgestattet war, hielt nach der vom Landesoberpfarrrer D. Reichardt – Eisenach geleiteten Festliturgie D. Veit, der Präsident des Evangelisch-Lutherischen Kirchenrats in München, die Festpredigt, der er das Schriftwort zugrunde legte:
„Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Auf Luthers Tische aus dem Lutherhause erfolgte hierauf über dem Grabe des Reformators die von Weihesprüchen begleitete Unterzeichnung der Urkunde über die Errichtung des Deutschen Evangelischen Kirchenbundes durch die Vertreter der einzelnen Landeskirchen.
Präsident D. Moeller erklärte sodann die Gründung als rechtsgültig vollzogen und legte namens des neugegründeten Kirchenbundes als Ausdruck des Gelübdes an Luthers und Melanchthons Grabe Kränze nieder, worauf die eindrucksvolle Feier mit Händels
„Halleluja“ aus dem „Messias“ abschloß.

Die Teilnehmer begaben sich hierauf zur Schlußfeier nach dem Marktplatze, wo D. Freiherr von Pechmann – München die zündende Schlußansprache hielt, die von Gesängen der vereinigten Wittenberger Männergesangvereine umrahmt wurde.
Während die Festgemeinde Luthers Schutz- und Trutzlied unter Posaunenklang erschallen ließ, wurden von den Wittenberger Jugendvereinen, für die vorher in der Stadtpfarrkirche ein Festgottesdienst abgehalten worden war, an den Denkmälern der beiden Reformatoren Kränze niedergelegt.
Mit Posaunenklängen und dem vollen Geläute der Glocken klang der Himmelfahrtstag aus, der einen Markstein in der Geschichte unserer evangelischen Kirche bildet.

Von großer Bedeutung für unsere Stadt ist der 1. April 1922.
Mit diesem Tage schied diese nach Genehmigung des zwischen Stadt und Kreisvertretung abgeschlossenen Auskreisungsvertrags durch Bezirksausschuß und Ministerium des Inneren aus dem Landkreis Wittenberg aus und bildete hinfort den selbständigen Stadtkreis Wittenberg.
Die Stadt, welche bei der neuen Orts Klasseneinteilung von Ortsklasse C nach B aufrückte, zählte 25 136 Einwohner.
Dem Landkreis Wittenberg verblieb das Kreishaus mit der Kreissparkasse und die Villa „Christiana“ als alleiniges Eigentum.
Die Stadt Wittenberg zahlte diesem außerdem 500 000 M. Barabfindung und übernahm von dessen Verpflichtungen 1 350 000 M.
Anfang Mai wurde Bürgermeister Wurm der Titel Oberbürgermeister verliehen.

Am 8. Mai wurde in einer zahlreich besuchten Versammlung im Sitzungssaale des Bugenhagenhauses eine,
„Vereinigung für volkstümliche Reformationspiele“ gegründet, die den Zweck verfolgte. Spiele, die Luther und die Reformation zum Gegenstande haben, zur Aufführung zu bringen.
Zum 1. Vorsitzenden wurde Stadtrat a. D. Lauter gewählt.

Am Sonntag, den 21. Mai, fand unter zahlreicher Beteiligung hiesiger und auswärtiger Militärvereine, die mit 18 Fahnen erschienen, und unter Mitwirkung der Wittenberger Männergesangvereine die feierliche Weihe des Grundsteins zum Denkmal für die im Weltkriege gefallenen Angehörigen des 20. Infanterieregiments in den Anlagen am östlichen Ufer des Schwanenteichs statt.
Die Weiherede hielt Propst Stolze – Klöden, die Weihe vollzog Oberst a. D. Jarotzky.

Am Sonnabend, den 17. Juni, feierte der „Männergesangverein von 1862“ sein 60 jähriges und der Männergesangverein „Polyhymnia“ sein 50 jähriges Bestehen durch ein gemeinsames Festkonzert im Balzerschen Saale.

Im Anschluß daran beging der „Sängerbund an der Saale“ am 24. und 25. Juni in Wittenberg die Feier seines 75 jährigen Bestehens durch ein Bundes-Sängerfest.
Am Sonnabend, den 24. Juni, leitete ein Kirchenkonzert in der Stadtpfarrkirche das Fest ein. Daran schloß sich ein Festkommers in Balzers Saale.
Am Sonntag, den 25. Juni vormittags 11 Uhr begrüßte Oberbürgermeister Wurm die auf dem Marktplatze versammelten Bundesvereine namens der Stadt.
Am Nachmittag fand in Balzers Saale ein durch Gruppenchöre, Einzelgesang und Orchestervorträge reich ausgestattetes Festkonzert unter Leitung des Bundes-Chormeisters Schulze – Halle statt.

Am 7. Juli trat die Stadtverordnetenversammlung dem Magistratsbeschluß auf Zusammenschluß der Stadt Wittenberg mit der Thüringer Gasgesellschaft zu einer gemeinsamen Gesellschaft „Licht- und Kraftwerke Wittenberg, GmbH.“ bei.
In dem abgeschlossenen Vertrage verpflichtet sich die Gesellschaft, für eine ausreichende, ununterbrochene Versorgung der Stadt mit Gas und Elektrizität Sorge zu tragen.
Das städtische Gaswerk und Elektrizitätswerk bleiben Eigentum der Stadt Wittenberg, werden jedoch der Gesellschaft gegen Entschädigung zur Verfügung gestellt.
Das Stammkapital beträgt 500 000 M., von denen die Stadt 300 000 M. und die Thüringer Gasgesellschaft 200 000 M. als Einlage zu leisten hatte.
DerReingewinn des Unternehmens wird nach Abzug der an die Stadt zu gewährenden Vorleistungen an die Gesellschafter nach Maßgabe ihrer Geschäftsanteile verteilt.
Das Abkommen fand freilich in der Einwohnerschaft der Stadt nicht ungeteilte Zustimmung.

In Verbindung mit der „Vogelwiese“ fand am 30. Juli bis 3. August das 30. Provinzial-Bundesschießen der Provinz Sachsen und der Freistaaten Anhalt und Braunschweig in unserer Stadt statt. Eröffnet wurde es am Sonntag den 30. Juli mit einem Festzuge durch die Hauptstraßen, an dem sich 33 Vereine mit dem Bundesbanner und 31 Fahnen und 4 Musikkapellen beteiligten.
Oberbürgermeister Wurm begrüßte die vor dem Rathaus aufmarschierten Schützen namens der Stadt Wittenberg.
Für das Preisschießen waren zahlreiche wertvolle Preise gestiftet, die in einem eigens errichteten Gabentempel ausgestellt wurden.

Am 26. und 27. August beging der „Männerturnverein von 1862“ sein 60 jähriges Bestehen durch Festkommers, Festzug durch die Stadt, an dem sich die hiesigen und mehrere auswärtige Turnvereine beteiligten, Weihe des Erweiterungsbaues seiner Turnhalle und Schauturnen.

Vom 2. bis 4. Oktober tagte in Wittenberg der Lehrerverband der Provinz Sachsen.
Vertreten waren 144 Zweigvereine mit 323 Vertretern, die 6 000 Verbandsmitglieder vertraten.
Die Zahl der Versammlungsteilnehmer betrug rund 700.
In der am 3. Oktober im Balzerschen Saale abgehaltenen Vertreterversammlung wurde die Einrichtung einer Krankenunterstützungskasse beschlossen.
Am Abend wurde das von Pfarrer W. A. Sievers verfaßte Reformationsspiel
„Das Wort sie sollen lassen stahn“ oder „Ich bin und bleibe“
durch Wittenberger Bürger und Bürgerinnen zur Aufführung gebracht.
Die einzelnen Bilder des eindrucksvollen Spiels begleitete der Lehrergesangverein mit entsprechendem Choralgesang.

In der Hauptversammlung am 4. Oktober wurden nach der üblichen Begrüßung durch die Vertreter der Behörden (Oberpräsidium. Konsistorium, Regierung zu Merseburg, Stadt Wittenberg) und des Deutschen und Preußischen Lehrervereins, sowie des Lehrervereins Wittenberg und Umgegend, auf die der Verbandsvorsitzende Lehrer Horstmann – Magdeburg antwortete, folgende Vorträge gehalten:
– 1. Die Lehrerbildungsfrage (Ref.: Rektor Breitbarth – Halle).
– 2. Staatsrecht und Elternrecht (Ref.: Prof. Dr. Fleischman – Halle und Lehrer Hermes – Halberstadt).

An die Hauptversammlung schloß sich am Nachmittag eine mit Orgelvortrag und Gesang ausgestattete Weihefeier in der Schloßkirche. Den Abschluß des Tages bildete ein Unterhaltungsabend im Balzerschen Saale, bei welchem Chöre des Lehrergesangvereins, Orchestermusik des Musikvereins und turnerische Vorführungen des Männerturnvereins miteinander wechselten.

Sonntag, den 22. Oktober, beging der Evangelische Männer und Jünglingsverein die Feier seines 60 jährigen Bestehens durch Festgottesdienst in der Schloßkirche und Festversammlung in der „Herberge zur Heimat“.
Bei dieser übermittelte Stadtrat Friedrich die Glückwünsche der Stadt, Lehrer Erfurth die Glückwünsche des Gemeindekirchenrats und der evangelischen Kirchengemeinde und eine Reihe auswärtiger Vertreter die ihrer Vereine.
Am Abend fand im „Volksgarten“ ein Familienabend mit Chorgesängen und turnerischen Vorführungen statt. Die Festrede hielt Bundeswart Weigt – Berlin, das Schlußwort sprach Superintendent D. Orthmann.

Vom 22. November bis 3. Dezember veranstaltete die Liga zum Schutz deutscher Kultur in der Turnhalle der Mittelschule eine „Friedensvertrags- Ausstellung“, die im Film, in Tabellen, Plakaten und Bildern zeigte, was uns durch das Diktat von Versailles entrissen wurde und welche verderblichen Folgen dies für Deutsch-land hat.

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