1921

Eine grauenvolle Bluttat setzte am 21. Februar die Bewohner der Stadt in Aufregung.
In der Nacht vom 20. zum 21. Februar tötete der Drechsler Harpke im „Bahnhofshotel“, wo er sich ein Zimmer gemietet hatte, seine Geliebte, die Witwe Dreßler, durch Zerschneiden der Halsschlagader und durch zwei Revolverschüsse deren vierjährige Tochter, worauf er durch Zerschneiden der Halsschlagader Selbstmord beging. Harpke, dem in seiner Eigenschaft als unbesoldetem Stadtrat das Dezernat der Ortskohlenstelle anvertraut war, hatte in diesem Amte umfangreiche Unterschlagungen begangen.
Die allgemeine Teilnahme wandte sich der ehrbaren Frau des Harpke, Mutter von acht Kindern, zu.

Am 25. Februar beging die hiesige Landwirtschaftliche Winterschule die Jubelfeier ihres 50 jährigen Bestehens unter zahlreicher Beteiligung ihrer ehemaligen Schüler und zahlreicher Ehrengäste. Am Vormittag fand im kleinen Saale des Restaurants „Zur Reichspost“ eine Festsitzung statt, bei welcher der Leiter der Schule, Ökonomierat Dr. von Spillner, die Festrede hielt.
Seitens der Provinzialverwaltung,
– der Landwirtschaftskammer der Provinz Sachsen,
– der Regierung zu Merseburg, des Kreises und der Stadt Wittenberg,
– des Landwirtschaftlichen Kreisvereins,
– des Kreis-Landbundes,
– des Vereins ehemaliger Wittenberger Winterschüler und
– der Landwirtschaft des Nachbarkreises Schweinitz wurden durch deren Vertreter Glückwünsche überbracht.
Im Anschluß daran wurde eine vom Verein ehemaliger Wittenberger Winterschüler und den derzeitigen Schülern gestiftete eichene Gedenktafel für die im Weltkriege gefallenen 76 ehemaligen Wittenberger Winterschüler überreicht, die im Schulgebäude der Anstalt angebracht wurde.
Von den ehemaligen Schülern der Wittenberger Winterschule nahmen 625 am Weltkriege teil.
Den Tag beschloß eine Festfeier im Balzerschen Saale mit Festprolog, Konzert, Theater und Ball.

Wie im Osten so sollte auch in Oberschlesien eine Abstimmung der Bewohner und aller in Oberschlesien geborenen erwachsenen Personen über das Schicksal dieses Landes entscheiden.
An dieser nahmen aus Stadt und Kreis Wittenberg etwa 200 Abstimmungsberechtigte teil. Um die Kosten für deren Reise, Aufenthalt, Verpflegung usw. aufzubringen, wurde auch in unserer Stadt vom 12. bis 15. März eine Oberschlesische Opferwoche veranstaltet.
Sie bestand aus geselligen Veranstaltungen der Vereine, einer mit Ansprache, Massenchören der vereinigten Gesangvereine und Platzmusik ausgestatteten Sympathiekundgebung in den Anlagen am Melanchthongymnasium, Sportfest im Hofe der Kavalierkaserne, Oberschlesischen Kirmesfeiern in den Lokalen der Stadt, Volksbelustigungen auf dem Arsenalplatze und einem Unterhaltungsabend in Balzers Festsälen, wobei die Ziehung für die gleichzeitig veranstaltete Oberschlesische Lotterie vorgenommen wurde.
Der Reinertrag sämtlicher Veranstaltungen floß der Oberschlesischen Grenzspende zu.

Die letzten Märztage und ersten Apriltage waren wiederum von Generalstreik und Unruhen erfüllt.
Im mitteldeutschen Kohlenbezirk, in Sachsen, Thüringen usw. kam es sogar zum offenen Aufruhr, Plünderungen, Dynamitattentaten ua. Verbrechen.
Die von gewissenlosen Führern aufgehetzten bewaffneten Arbeitermassen führten vielfach mit der Reichswehr ua. Sicherheitstruppen blutige Kämpfe.
Im Freistaat Sachsen war der Kommunistenführer Hölz und seine Genossen der Schrecken der Bevölkerung.

Der Streik griff auch auf Wittenberg und seine Umgebung über, wo sämtliche Betriebe vom 25. März bis 3. April stillgelegt wurden. Erfreulicherweise aber kam es in unserer Stadt zu keinen Ruhestörungen und Ausschreitungen.

Das ganze verwerfliche Unternehmen, das unserem Wirtschaftsleben schweren Schaden zufügte, brach schließlich zusammen.
Die beim Aufruhr und Verbrechen gefaßten Personen wurden gefangen gesetzt.
Ein Teil derselben wurde in Wittenberg in der zur Strafanstalt umgewandelten Brückenkopf-Kaserne untergebracht.

Am 18. April verteidigte Luther in Worms vor Kaiser und Reich mit unerschrockenem Mute seinen Glauben und seine Lehre.
Die 400 jährige Wiederkehr dieses Tages wurde in unserer Stadt durch eine von der evangelischen Kirchengemeinde, der Luthergesellschaft und dem Hauptverein des Evangelischen Bundes der Provinz Sachsen veranstaltete Worms Gedenkfeier am 17, 18. und 19. April festlich begangen.

Am Morgen des 17. April läuteten die Glocken der Stadtpfarrkirche und der Schloßkirche die Jubelfeier ein.
Im Festgottesdienst der Stadtpfarrkirche predigte Superintendent D. Orthmann über das Schriftwort Röm. 1, 16:
„Ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht.“
Nach Schluß des durch die Gesänge des Kirchenchors ausgestatteten Festgottesdienstes begaben sich die kirchlichen Körperschaften in geschlossenem Zuge nach dem Marktplatze, um an den geschmückten Denkmälern Luthers und Melanchthons Kränze niederzulegen.

Um 10½Uhr vereinigte ein Kinder- Festgottesdienst die evangelischen Schüler und Schülerinnen in der Stadtpfarrkirche, bei welchem Pfarrer Doden die Festansprache hielt.
Im Anschluß daran fand am Lutherdenkmale eine von Lehrer Noack geleitete gesangliche Huldigungsfeier der hiesigen evangelischen Schulen statt.

Eine festliche Feierstunde bildete die nachmittags 3 Uhr in der Stadtpfarrkirche stattfindende Weihefeier.
In ihrem Mittelpunkte standen die von Pfarrer Knolle verlesenen Lutherworte, die musikalische Darbietungen umrahmten.
Hierzu hatten sich der Kirchenchor mit auswärtigen Solokräften und das durch Mitglieder des Leipziger Gewand haus- Orchesters verstärkte Städtische Orchester unter der Leitung von Musikdirektor Straube vereinigt. Den Höhepunkt bildete Joh. Seb. Bachs tongewaltige Kantate
„Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort.“

Den Abschluß des ersten Festtages bildete die von der Luthergesellschaft im „Schützenhause“ veranstaltete Festversammlung.
Im Auftrage der Luthergesellschaft eröffnete D. Jordan diese durch eine Begrüßungsansprache.
Den Festvortrag hielt Prof. Dr. Roethe –  Berlin über „Luther in Worms und auf der Wartburg.“

Am zweiten Festtage vormittags hielt die Luthergesellschaft im Sitzungssaale des Bugenhagenhauses eine Mitgliederversammlung ab.
Im Anschluß an diese begaben sich die Teilnehmer zur Schloßkirche, wo am Grabe Luthers unter Weihesprüchen ein Lorbeerkranz niedergelegt wurde.

Die Glocken der Stadtpfarrkirche und das Blasen von Lutherchorälen von deren Türmen leitete am Nachmittag die Gedenkfeier des Evangelischen Bundes ein.
Im Stadtverordneten-Sitzungssaale des Rathauses begrüßte Erster Bürgermeister Wurm die Mitglieder namens der Lutherstadt.
Der Vorsitzende vom Hauptverein des Evangelischen Bundes, Geh. Justizrat Elze – Halle, dankte für den herzlichen Willkommensgruß. Im Anschluß hieran begann um 4½ Uhr die Feier am Lutherdenkmal mit dem Gesange des Lutherliedes
„Ein feste Burg ist unser Gott“, worauf Generalsuperintendent D. Schöttler – Magdeburg an die Versammelten eine Ansprache richtete, in der er die Bedeutung der Luthertat von Worms eingehend würdigte.
Am Schluß der Feier legte der Vorsitzende des Hauptvereins am Lutherdenkmal einen Kranz nieder.

Bei dem nachmittags 5 Uhr in der Schloßkirche stattfindenden Festgottesdienste hielt Hof- und Domprediger D. Döhring-  Berlin die Festpredigt.

Bei der am Abend stattfindenden Festversammlung im Balzerschen Saale gedachte Geh. Justizrat Elze – Halle in seiner Eröffnungsansprache mit dankbaren, ehrenden Worten der vor wenigen Tagen in der Verbannung in Holland gestorbenen Kaiserin Auguste Viktoria, deren Leiche zur gleichen Stunde nach der deutschen Heimat überführt wurde.
Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des Wittenberger Zweigvereins, Dr. Conradi, und des Schriftführers vom sächsischen Landesverein, Pfarrer Hoffmann, hielt Superintendent Brinkmann –  Halberstadt den Festvortrag über
„1521-1921. Römische Gefahr und evangelische Abwehr.“
Mit einer Schlußansprache des Superintendenten D. Orthmann und Gesang schloß die Festversammlung.

Der dritte Festtag wurde durch die Abgeordneten und Mitgliederversammlung des Evangelischen Bundes ausgefüllt.
Bei dieser hielt Generalsuperintendent D. Schöttler – Magdeburg einen Vortrag:
„Zehn Gebote für den evangelischen Wehr- und  Liebesdienst.“
In die Versammlung hinein tönten von den Kirchtürmen der Stadt die Trauerglocken für die verstorbene Kaiserin.

Der schönste Schmuck und der Stolz unserer Stadt sind ihre Anlagen, die in den letzten Jahren wesentlich erweitert und verschönert wurden.
In erster Linie ist dies das Verdienst des langjährigen Vorsitzenden der städtischen Promenadenverwaltung, des Ehrenbürgers Stadtrat Paul Leonhardt.
In Anerkennung seiner Verdienste errichtete ihm die Stadt Wittenberg in den Anlagen am westlichen Ufer des Schwanenteichs eine Ehrentafel aus Sandstein, die am 12. August enthüllt wurde. Hierbei hob Erster Bürgermeister Wurm in einer Ansprache die Verdienste Leonhardts hervor und sprach ihm den Dank der Stadt Wittenberg aus.

Bei der am 20. August erfolgten Neuverpachtung der Brückengeld-Einnahme an der Elbbrücke wurde statt der bisherigen Pachtsumme von jährlich 13 327 M. das Höchstgebot mit 35 410 M. abgegeben. Diese Summe erhöhte sich jährlich um 2 Prozent.

Am 26., 28. und 30. Oktober fand im Balzerschen Saale durch Wittenberger Bürger und Bürgerinnen die Aufführung des Lutherfestspiels von Hans Herrig bei zahlreichem Besuch und nachhaltigem Eindruck statt.
Eine besonders starke Wirkung erzielte die von cand. theol. Knoth dargestellte Person Luthers.
Die einzelnen Bilder des Festspiels wurden von Gesängen des hiesigen Lehrergesangvereins umrahmt.

Im Gegensatz hierzu standen die zahlreichen Kirchenaustritte, die eine Folge der gegen Religion und Kirche betriebenen Hetze waren. Bis Mitte November waren hier insgesamt 2 200 Personen aus der evangelischen Kirche ausgetreten, und zwar 700 in der eigentlichen Stadt und 1 500 in den Vororten Kleinwittenberg und Piesteritz. Ende November hatte aber die Bewegung den Höhepunkt erreicht, und es fanden seitdem fortgesetzt Rücktritte zur Kirche statt.

*** 

nächstes Kapitel