Der Anfang des Jahres 1920 brachte infolge von anhaltendem Regen und Schneeschmelze ungewöhnliches Hochwasser der Elbe, das am 18. Januar mit 5,14 m am hiesigen Brückenpegel seinen Höchststand erreichte.
Die niedrigen Teile der Dresdener Straße wurden überflutet, das Schützenhaus vom Verkehr abgeschnitten.
In der Elbe ertrank der Töpfer Kadner, als er einen angeschwemmten Baumstamm herausziehen wollte.
Die zweite Hälfte des Monats März war erfüllt von den Unruhen, die durch den Kapp Putsch hervorgerufen wurden und die ohnehin trübe Lage noch verschlimmerten.
Landschaftsdirektor Kapp und der General von Lüttwitz mit den im Lager von Döberitz untergebrachten 5 000 Mann Baltikum-Truppen hatten Berlin plötzlich besetzt und die Regierung Ebert-Bauer vertrieben, die sich zunächst nach Dresden und dann nach Stuttgart begab.
Die Arbeiter und zahlreiche Beamtengewerkschaften protestierten gegen jenes verwerfliche Unternehmen durch die Erklärung des Generalstreiks, der auch auch in unserer Stadt und ihrer Umgebung am 15. März einsetzte.
In der Nacht vom 15. bis 16. März wurde durch die Streikenden die Zuleitung des elektrischen Stromes nach Wittenberg gesperrt, sodaß die Stadt zumeist im Dunkeln lag.
Zur Sicherung des Kraftwerkes Zschornewitz rückte ein größerer Teil der in Wittenberg liegenden Reichswehr nach Zschornewitz aus. Bedauerlicherweise kam es dort infolge von Mißverständnissen zu Zusammenstößen mit der Arbeiterschaft und der anhaltischen Sicherheitswehr, wobei mehrfach Blut floß.
In einer stürmischen Versammlung im „Schützenhaus“ erklärten sich die Eisenbahnbeamten mit der von ihrem Gewerksschaftsbund ausgegebenen Parole der Betriebseinschränkung einverstanden. Auch die städtischen Angestellten faßten einen gleichen Entschluß. Die lebenswichtigen Betriebe, Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerk, wurden jedoch bis auf eine kurze Unterbrechung aufrecht erhalten. Da keine Zeitungen erschienen, so war den wildesten Gerüchten Raum gegeben. Nur ein von der Streikleitung herausgegebenes „Nachrichtenblatt“ durfte gebruckt werden, das im wesentlichen nur die wichtigsten amtlichen Bekanntmachungen enthielt.
Zur Sicherung der Stadt wurde die Stadtwehr teilweise einberufen, die allnächtlich Postengänge durch die Straßen tat, aber keinen Anlaß zum Einschreiten fand, da dank der auf allen Seiten bewahrten Besonnenheit die Ruhe und Ordnung nicht gestört wurde, im Gegensatz zu anderen Orten, wo es mehrfach zu blutigen Zusammenstößen kam.
Nachdem die von Kapp-Lüttwitz versuchte Gegenrevolution schon nach wenigen Tagen, nicht zum wenigstens durch den entschlossenen Widerstand der Arbeiter und Beamten, kläglich zusammengebrochen war, wurde der Generalstreik für beendet erklärt und in Wittenberg am 23. März die Arbeit in allen Betrieben wieder aufgenommen.
Der Führer der hiesigen Reichswehr, Major von Dresky, der sich auf die Seite der Putschregierung gestellt hatte, war bereits am 18. März gezwungen worden, das Kommando niederzulegen. Gleichzeitig traten auch die übrigen Offiziere bis auf einige Ausnahmen zurück.
In einzelnen Teilen des Reiches dauerte freilich der Generalstreik noch länger an. Es kam dort zu Plünderungen und offenem Aufruhr; „Rote Armeen“ lieferten den Sicherheitstruppen regelrechte Gefechte.
Am 9. Juni wählte die Stadtverordnetenversammlung an die Stelle des nach Hannover zum Finanzamt berufenen Dr. Thelemann mit 20 von 30 Stimmen den Stadtrat Wurm – Halle zum Ersten Bürgermeister unserer Stadt.
Am 19. Juli wurde dieser durch den Regierungspräsidenten D. von Gersdorff – Merseburg in sein neues Amt eingeführt.
In der gleichen Sitzung vom 9. Juni beschloß die Stadtverordnetenversammlung die Neuregelung der Gehälter der städtischen Beamten entsprechend der Besoldungsordnung der preußischen Staatsbeamten.
Diese Regelung erforderte von der Stadt einen jährlichen Mehraufwand von rund ½ Million Mark und schloß eine Neuordnung der Amtsbezeichnung ein.
Den Abstimmungsberechtigten, die nach den von den Polen besetzten deutschen Gebieten reisten, um über deren Zugehörigkeit abzustimmen, wurde am 3. und 4. Juli in unserer Stadt ein herzlicher Empfang bereitet.
Von dem geschmückten Bahnhofe aus wurden sie mit Musik nach dem „Schützenhaus“ geleitet und hier mit Speise und Trank erquickt. Während des Mahles wurden ihnen durch Vertreter der Stadt deren Grüße übermittelt.
Musik und Gesangsvorträge sorgten für Unterhaltung.
Für die durch die Polen hartbedrängten deutschen Bewohner Oberschlesiens fand am 19. September auf dem Marktplatze eine Sympathiekundgebung statt, bei welcher Erster Bürgermeister Wurm und Pfarrer Lic. Geibel – Apollensdorf Ansprachen hielten. Am Schluß wurde eine einstimmig angenommene Entschließung verlesen.
Am 14. November hielten die im Wittenberger, „Jugendring“ vereinigten Jugendvereine auf dem Marktplatze eine Versammlung ab, um gegen den die Jugend vergiftenden Schmutz in Wort und Bild zu protestieren, wobei Pfarrer Lic. Geibel die Ansprache hielt.
Eine von auswärts kommende politisch-radikale Wandergruppe versuchte die Veranstaltung in ungehöriger Weise zu stören, was berechtigten Unwillen erregte.
Der 150. Geburtstag Beethovens (16. Dezember) wurde durch die hiesige Volkshochschule in einer stimmungsvollen Gedenkfeier am 17. November begangen.
Am folgenden Abend ließ diese durch 60 Musiker des Dessauer Friedrich-Theaters (ehem. Hoftheater) ein Beethoven-Konzert ausführen, in welchem Beethovensche Tonwerke zum Vortrag gelangten.
Die 400 jährige Wiederkehr des Tages, an dem Luther die päpstliche Bannbulle vor dem Elstertore verbrannte (10. Dezember 1520) und sich damit auch äußerlich von der römischen Kirche lossagte, wurde durch eine größere Gedenkfeier begangen.
Zu deren Ausgestaltung hatte die Stadtverordnetenversammlung bereits am 14. September 12 000 M. bewilligt.
Zur Jubelfeier war die Stadt in einfacher aber würdiger Weise geschmückt. Grüne Tannengewinde zierten die Denkmäler der Reformatoren sowie alle Reformationsgedenk-Stätten.
Wegen des Flaggenstreites, den die Nationalversammlung durch den Beschluß herbeigeführt hatte, die alten Reichsfarben schwarz-weiß-rot durch die Farben schwarz-rot-gold zu ersetzen, hatte man von der Verwendung von Fahnen im offiziellen Festschmuck abgesehen.
Der eigentlichen Gedenkfeier voran ging eine Vorfeier am Donnerstag, den 9. Dezember.
Nachmittags 3½ Uhr läuteten die Glocken der Stadtpfarrkirche und Schloßkirche das Fest ein.
Um 4 Uhr nachmittags fand im Festsaale des Melanchthongymnasiums unter Mitwirkung des Gymnasialchors die Eröffnungsfeier statt, in der Erster Bürgermeister Wurm den Festteilnehmern den Gruß der Lutherstadt Wittenberg entbot, Daran schloß sich eine Festsitzung der Luthergesellschaft, bei welcher Prof. D. Dr. Böhmer – Leipzig den Festvortrag hielt über
„Die Bedeutung der Tat Luthers vom 10. Dezember 1520.“
Am Abend gelangte im Balzerschen Saale das Festspiel
„Luther auf der Wartburg“ von Friedrich Lienhardt durch Wittenberger Einwohner zur Aufführung, das in seiner vortrefflichen Darstellung eine tiefe Wirkung erzielte.
Der Gedenktag am 10. Dezember wurde früh 8 Uhr durch Blasen von Lutherchorälen vom Turm der Stadtpfarrkirche eingeleitet.
Vor der Tür der Schloßkirche sang die Kurrende Lutherlieder.
Der Raum um die Luthereiche war zum Festplatz umgewandelt worden. Hier versammelten sich von 9 Uhr ab die Kurrende und die oberen Klassen der hiesigen Schulen sowie verschiedene Vereine, während die übrigen Teilnehmer sich zum Festzuge im Hofe des Lutherhauses ordneten.
Um 9½Uhr bewegte sich von hier aus unter Glockengeläut und Musikbegleitung der Festzug zunächst zur Luthereiche.
An seiner Spitze wurde die Stadtfahne getragen.
Hinter ihr schritten die Mitglieder des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung und die Mitglieder beider kirchlichen Körperschaften.
Dann folgten mit den Mitgliedern des Festausschusses die zahlreichen Ehrengäste, unter ihnen der Vertreter der schwedischen Kirche,
– der Bischof von Nysby D. Viktor Grundgreen,
– Vertreter der schwedischen Regierung und
– der schwedischen Presse,
– die Vertreter der Lutherstädterstädte Eisenach, Erfurt und Torgau, – die Vertreter des Evangelischen Oberkirchenrats,
– des Konsistoriums der Provinz Sachsen,
– der Regierung zu Merseburg,
– der Provinzialsynode und
– der Berliner Universität.
Ihnen schlossen sich an die Lehrerschaft Wittenbergs, die Mitglieder des Domkandidatenstifts Berlin, Rektor, Dekane und Professoren der Universität Halle-Wittenberg in ihrer Amtstracht und rund 200 Studierende dieser Hochschule mit Mütze und Band.
An der Luthereiche richtete nach dem Gesang des Lutherliedes
„Was kann euch tun die Sünd‘ und Tod?“
Prof. D. Jordan an die Versammlung eine Ansprache, in welcher er herausstellte, wozu uns die Tat Luthers ermahnen soll.
Namens der Stadt Wittenberg wurde an der Luthereiche ein Lorbeerkranz niedergelegt.
Nach abermaligem Choralgesang ordnete sich der Festzug von neuem, in den sich nun die Kurrende, die Schulen, die Schützengesellschaft, Innungen und eine große Zahl von kirchlichen, militärischen und anderen Vereinen einreihte.
Den Schluß bildeten die sonstigen Teilnehmer aus der Stadt und ihrer Umgebung.
Nach Eintreffen des Zuges in der Stadtpfarrkirche begann hier der Festgottesdienst, der durch Orgelspiel und Gesänge des Kirchenchors unter Leitung von Musikdirektor Straube musikalisch reich ausgestattet wurde.
Der von Superintendent D. Orthmann gehaltenen Festpredigt folgte eine Ansprache des Generalsuperintendenten D. Schöttler – Magdeburg.
Nachmittags 5 Uhr vereinigten sich die Festteilnehmer im gleichen Gotteshause zur Luther-Weihefeier.
Bei dieser gelangten Joh. Seb. Bachs Reformationskantaten
„Sie werden euch in den Bann tun“ und
„Ein feste Burg ist unser Gott“ durch den Kirchenchor unter Mitwirkung auswärtiger Solokräfte und der Begleitung des durch auswärtige Künstler verstärkten städtischen Orchesters zu einer wohlgelungenen Aufführung.
Pfarrer Knolle verlas Lutherworte und Prof. D. Dr. Fider – Halle hielt die eindrucksvolle Weiherede.

Zur Erinnerung an die Jubelfeier der Bannbullenverbrennung gab die Stadt eine besondere Serie von je 10 Stück Notgeldscheinen heraus. Jeder Schein hatte einen Nennwert von 50 Pf. und trug auf der blauen Vorderseite das Wappen der Stadt Wittenberg in leuchtendem Rot und auf der Rückseite auf Goldgrund das Bild Luthers mit seinem auf die Bannbullenverbrennung sich beziehenden Ausspruch.
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