Unheildrohend trat das Jahr 1919 seine Herrschaft an.
Gleich die ersten Tage desselben waren erfüllt von den Unruhen, welche der linke Flügel der kommunistischen Partei – die Spartakus-Gruppe – in Berlin unter Führung von Liebknecht und Rosa Luxemburg angezettelt hatte, um die Regierung Ebert zu stürzen und die Gewalt an sich zu reißen.
Am Sonntag den 5. Januar kam es in der Reichshauptstadt zu Angriffen auf die regierungstreuen Truppen, wobei es zahlreiche Tote und Verwundete gab.
Da man auch in Wittenberg Angriffe der Spartakisten befürchtete, worüber die wildesten Gerüchte im Umlauf waren, so traf der Vollzugsausschuß des Arbeiter- und Soldatenrates am 9. Januar umfassende Sicherheitsmaßregeln.
Die wichtigsten Gebäude die Offiziers-Speiseanstalt als Sitz des Vollzugsausschusses, das Rathaus, die Post, das Landratsamt und die Kasernen wurden mit Maschinengewehren versehen, Rathaus, Banken usw. mit doppelten Wachtposten besetzt und die regierungstreuen Truppen in Alarmbereitschaft gehalten.
Die umherschwirrenden Gerüchte klärten sich dann aber als Ausfluß der erhitzten Phantasie auf.
Nachdem endlich die Regierung sich entschlossen hatte, fest zuzugreifen, gelang es den Regierungstruppen, am 16. Januar nach schweren Kämpfen die Spartakisten niederzuwerfen und ihre Führer zu verhaften.
Liebknecht wurde auf der Flucht erschossen, Rosa Luxemburg von einer Volksmenge aus dem Wagen gerissen, mißhandelt und getötet.
Am 7. Januar mittags kehrte die 2. Abteilung des Feldartillerie Regiments Nr. 74 von Torgau kommend in ihre Garnisonstadt Wittenberg zurück.
Geschütze und Wagen waren mit Tannengrün und Fahnen geschmückt.
Die Häuser der Stadt trugen ebenfalls reichen Flaggenschmuck; am Elstertore waren hohe Flaggenmaste errichtet.
Hier wurde die Abteilung von den Vertretern der städtischen Behörden empfangen.
Erster Bürgermeister Dr. Thelemanu rief ihr den herzlichen Willkommensgruß der Stadt Wittenberg zu, wobei er hervorhob, daß die Bevölkerung dem militärisch unbesiegt zurückkehrenden tapferen Feldheere, im Ganzen wie in allen seinen Teilen, die größte Hochachtung entgegenbringe.
Er schloß mit einem Hoch auf die Abteilung.
Namens derselben dankte deren Führer, Major Funke, für den warmen Empfang und brachte der Stadt Wittenberg ein dreifaches Hurra.
Hierauf fand der Einmarsch durch die Collegienstraße, Marktplatz und Juristen Straße nach der Kaserne statt; auf dem ganzen Wege wurde die Abteilung von der Bevölkerung freudig begrüßt.
Die Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar verliefen in Stadt und Kreis Wittenberg ruhig.
Im Wahlkreis Halle Merseburg, zu dem unsere Stadt gehört, wurden gewählt:
– 4 Abgeordnete der Unabhängigen Sozialisten,
– 2 Mehrheitssozialisten,
– 2 Abgeordnete der Deutschdemokratischen Partei und
– 1 Abgeordneter der Deutschnationalen Volkspartei.
Am 26. Januar folgten die Wahlen zur gesetzgebenden preußischen Landesversammlung, die gleichfalls ruhig verliefen.
Im Wahlkreis Halle-Merseburg wurden gewählt:
– 8 Unabhängige Sozialisten,
– 3 Mehrheitssozialisten,
– 5 Abgeordnete der Deutschdemokratischen Partei,
– 2 Abgeordnete der Deutschnationalen Volkspartei und
1 Abgeordneter der Christlichen Volkspartei (Zentrum).
Am 14. Februar tagte die letzte nach dem alten Dreiklassensystem gewählte Stadtverordnetenversammlung.
Im Anschluß an diese fand auf dem Marktplatze eine öffentliche Protestkundgebung gegen die erneuten harten Waffenstillstandsbedingungen statt, wobei Pfarrer Knolle eine An-Sprache hielt.
Am 23. Februar geschahen die Wahlen zur neuen Stadtverordnetenversammlung zum ersten Male nach dem gleichen geheimen Wahlrecht.
Vorauf ging ein scharfer Wahlkampf der einzelnen Parteien, der in vielen Wählerversammlungen und Zeitungsartikeln zum Ausdruck gelangte und vielfach recht unfreundliche Formen annahm. Trotzdem war die Wahlbeteiligung sehr schwach.
Von rund 16 000 Wahlberechtigten gaben nur 8 393 (rund 50 Prozent) ihre Stimme ab.
Von den zu wählenden 36 Stadtverordneten entfielen
– auf die Liste Dr. Schwarze (Vereinigte Wirtschaftsverbände) 18,
– auf die Liste Lerchenstein (Sozialdemokratische Partei) 13,
– auf die Liste Bickel (Industrie) 5 Sitze.
Die Liste Schulz (Techniker) erhielt keinen Sitz.
Bei der bald darauf folgenden Magistratswahl wurden von den Vereinigten bürgerlichen Parteien 5 und von den Bereinigten sozialdemokratischen Parteien 3 Mitglieder zu unbesoldeten Stadträten gewählt.
Am 24. März fanden in den zu einem Wahlkreise zusammen gefaßten Gemeinden Wittenberg, Kleinwittenberg, Piesteritz, Apollensdorf und Reinsdorf bei schwacher Beteiligung namentlich von nicht sozialdemokratischer Seite die Neuwahlen zum Wittenberger Arbeiterrat statt.
Wahlberechtigt waren nur die Arbeitnehmer.
Es wurden gewählt, von
– der Liste der Sozialdemokratischen Parteien 13,
– der Liste der Deutschdemokratischen Partei 5 und von
– der gemeinsamen Liste der Deutschnationalen Volkspartei, Deutschen Volkspartei und Christlichen Volkspartei 2 Vertreter.
Statt in der über unser Vaterland hereingebrochenen schweren Notzeit alle Kräfte zusammenzufassen, wurde dieses im Innern durch fortgesetzte Streiks erschüttert, welche dem Wirtschaftsleben schweren Schaden zufügten und die Volksernährung gefährdeten.
Am 24. Februar traten die Arbeiter des mitteldeutschen Kohlenbezirks in den Generalstreik ein, um die Anerkennung der Betriebsräte und das Fortbestehen der Arbeiter und Soldatenräte zu erzwingen.
Im Kreise Wittenberg nahm der Streik seinen Anfang auf den Braunkohlenwerken Bergwitz.
Ihm schlossen sich die Arbeiter des Reichsstickstoffwerkes Piesteritz, des Sprengstoffwerks Reinsdorf und dann die übrigen Betriebe in Wittenberg und Umgegend an.
Einer nach Weimar zum derzeitigen Sitz der Reichsregierung gesandten Abordnung gelang es, beim Reichsarbeitsminister Bauer die Anerkennung der in Wittenberg aufgestellten „Richtlinien für die Tätigkeit der Betriebsräte“ zu erreichen, worauf der Streik nach acht tägiger Dauer beendet wurde.
Für den 21. Juni proklammerte die Unabhängige sozialdemokratische Partei einen Proteststreik gegen einen Gewaltfrieden.
Während es in Berlin u. a. Orten zum Vollstreik und Tumulten zwischen Unabhängigen und Mehrheitszozialisten kam, verlief in Wittenberg und Umgegend der Lag ruhig.
Nur am Nachmittag feierten mehrere Betriebe.
Auf dem Marktplatze fand nach einem Demonstrationsumzuge eine Versammlung statt, bei der vom Balkon des Rathauses ein Berliner Redner eine Ansprache hielt, in der er sich gegen den Gewaltfrieden wandte, dessen Verhinderung er von der Weltrevolution erhoffte. Am Abend veranstaltete die Kommunistische Partei (Spartakusbund) im „Tivoli“ eine Volksversammlung mit dem Thema „Weltstreik und Weltrevolution.“
Bekanntlich haben diese Hoffnungen arg getrogen.
Zum Schutz der Stadt und ihrer Einwohner wurde am 27. März eine Stadtwehr eingerichtet, die bei ernsten Unruhen, Plünderungen usw. in Tätigkeit treten sollte.
Die Wehr wurde nach Bezirken eingeteilt; an der Spitze eines jeden Bezirkes stand ein Vertrauensmann.
Die Mitgliedschaft war eine freiwillige; eine Vergütung wurde nicht gewährt.
Für etwaigen den Mitgliedern bei Ausübung ihrer Tätigkeit entstehenden Schaden haftete die Stadt Wittenberg.
Jedes Mitglied erhielt eine weiße gestempelte Armbinde mit dem Aufdruck „Stadtwehr“ sowie einen Waffenschein, gegen den es in dem Waffendepot die Waffe erhielt.
Am Gründungstage ließen sich bereits 250 Personen in die Aufnahmelisten eintragen.
Die ganze Einrichtung stand unter einem aus Mitgliedern des Bürgerausschusses und des Vollzugsausschusses des Arbeiter und Soldatenrates gebildeten Wehrausschuß.
Erfreulicherweise brauchte die Stadtwehr nie in Tätigkeit zu treten.
Der durch den Feindbund erzwungenen Wehrlosmachung Deutschlands fielen auch die Garnisontruppen Wittenbergs zum Opfer.
Ende März wurde das 20. Infanterieregiment durch Entlassung des letzten Jahrganges aufgelöst.
Am 9. Mai rückte die 2. Abteilung des Feldartillerie Regiments Nr. 74 von hier aus, um zunächt nach Torgau überzusiedeln.
Somit hatte Wittenberg seine sämtlichen Truppen eingebüßt, ein was namentlich dem Geschäftsleben der Stadt recht, unangenehm fühlbar wurde.
Vorübergehend bezog am 4. Juli – von Kassel kommend – die 4. Abteilung des Freiwilligen Landesjägerkorps hier Garnison.
Der fortgesetzt steigende Kohlenmangel, wie er namentlich durch andauernden Bergarbeiterstreik und Mangel an Eisenbahnmaterial herbeigeführt wurde, nötigte Mitte April zur erheblichen Einschränkung des Eisenbahnverkehrs.
Die wenigen noch verkehrenden Züge waren infolgedessen überfüllt.
Nur die von der Behörde als dringlich anerkannten Reisen mit der Eisenbahn waren gestattet.
Am 1. Osterfeiertage wurden überhaupt keine Personen befördert. Vom 26. Oktober ab fielen Sonntags außer einigen Arbeiterzügen sämtliche Personenzüge aus.
Vom 5. bis 15. November wurde dann der Personenverkehr auf der Eisenbahn völlig eingestellt.
In Verbindung damit unterblieb die Beförderung von Paketen u. a.
Der Mangel an Kohle nötigte die Gasanstalt die ohnehin stark eingeschränkte Abgabe von Gas vom 25. November ab gänzlich einzustellen.
Wer nicht elektrisches Licht besaß, der mußte abends im Dunkeln sitzen oder sich mit dem rationierten Karbid oder Kerzen behelfen, da auch Petroleum nicht mehr zu haben war.
Der Schmachfrieden von Versailles
Lange ließen die Feinde das hungernde Deutschland warten, ehe sie ihm die Friedensbedingungen mitteilten.
Deutschland wurde wurde bei den geheim geführten Verhandlungen nicht zugelassen; der Frieden wurde ihm diktiert. Am 7. Mai wurde dieses Diktat mit seinen 440 Bedingungen unsern Vertretern endlich übergeben – Bedingungen, von denen der Amerikaner Herron, ein Ratgeber Wilsons, sagt, daß sie „strotzen von Wildheit, Eroberungslust, Gesetzesverachtung und Ehrlosigkeiten“. In diesen Bedingungen war nichts zu spüren von Gerechtigkeit und Völkerversöhnung; sie waren eingegeben von Wut, Haß und Furcht. Der Schmachfriedensvertrag raubte uns
– den zehnten Teil unserer Bevölkerung,
– den achten Teil unserer Bodenfläche,
– den vierten Teil unserer Steinkohlengewinnung,
– den sechsten Teil unserer Weizen und Roggen Anbaufläche,
– fast den fünften Teil der Kartoffel-Anbaufläche,
– drei Viertel unserer Eisenerze,
– zwei Drittel der Zinkerze,
– neun Zehntel unserer Handelsflotte.
Dazu traten die „Reparations“ Lasten an Geld, die nach dem Dawes Plan im dritten Reparationsjahre (1926) 1 580,3 Millionen Mark, also täglich über 4 Millionen Mart, betrugen.
Und diese Lasten werden, in Zukunft noch größer werden, da wir noch nicht bei der im Dawes Plan vorgesehenen Normalleistung angekommen sind.
Ein Schrei der Entrüstung ging durch die deutschen Gaue, und allenthalben wurde flammender Protest gegen dieses Schmachdiktat erhoben.
Auch in Wittenberg fand am 13. Mai nachmittags unter großer Beteiligung auf dem Marktplatze eine Protestkundgebung statt, bei welcher Pfarrer Lic. Geibel-Apollensdorf, Verwaltungsinspektor Spröte und Rechtsanwalt Polluge Ansprachen hielten.
Am Schluß wurde eine von Bürgermeister Dr. Thelemann verlesene Entschließung gegen den Schmachfrieden angenommen.
Alle Einsprüche und alle Bemühungen, die grausamen Friedensbedingungen zu mildern, waren jedoch vergeblich, und so nahm denn die Nationalversammlung in Weimar am 23. Juni nach dem Vorschlage der aus Mitgliedern der Sozialdemokratie und des Zentrums neugebildeten Reichsregierung den Friedensvertrag mit 237 Stimmen (Sozialdemokratie, Zentrum und 8 Demokraten) gegen 138 Stimmen (Deutschnationale Volkspartei, Deutsche Volkspartei und Demokratische Partei) bei 5 Stimmenthaltungen an.
Am 28. Juni wurde der Gewalt und Schmachfrieden, der unser Vaterland knechtete, beschimpfte und wehrlos machte, der große blühende Landesteile mit Millionen deutscher Brüder und Schwestern raubte und uns wirtschaftlich erdrosseln wollte, in Versailles unterzeichnet und so der letzte traurige Akt des gewaltigen, blutigen Kriegsdramas geschlossen.
Großes, fast Übermenschliches hat Deutschland in diesem Kriege geleistet; schier unglaubliche Opfer an Gut und Blut hat unser Volk und mit ihm die Stadt Wittenberg gebracht.
2 040 000 deutsche Männer fielen in diesem Riesenkampfe; die Zahl der Verwundeten betrug 425 000, darunter 28 000, die infolge der Verletzungen dauernd erwerbsunfähig wurden.
Die Zahl der Kriegerwitwen ist auf 600 000, die der Kriegerwaisen auf 1 200 000, die der übrigen Hinterbliebenen ebenfalls auf 600.000 zu schätzen; also insgesamt 2½ Millionen Kriegshinterbliebene.
Die Stadt Wittenberg ist an diesen Kriegsopfern mit einem hohen Prozentsatz beteiligt.
Die Gedenktafeln in der Ehrenhalle der Stadtpfarrkirche verzeichnen die Namen von 650 Gefallenen.
Von welcher Seite man auch jenen mehr als vierjährigen Riesenkampf und seine Folgen betrachten mag, eines muß unvergessen bleiben: das ist die unerschütterliche Tatsache, daß Deutschland mit seiner Wehrkraft und seinem moralischen Mute, berannt von wütenden Feinden sonder Zahl, Kulturvölkern und Halbwilden, verlassen von so manchen Freunden, übergossen von einer Flut von Haß und Verleumdung, in einem mörderischen Kriege, wie ihn die Welt noch nicht gesehen, in der erfolgreichen Verteidigung seiner Ehre und seines Besitzes in ehrlichem, jahrelangen Kampfe für sich und seine Verbündeten an der Front wie im Inneren Ungeheures geleistet hat und militärisch unbesiegt blieb.
Das löscht keine Feindeslüge aus, kein Wechselfall im Würfelspiel des Krieges kann das verdunkeln, das sichert unserm Ehrenschild für alle Zeiten und vor aller Welt einen unbefleckten Glanz.
Wittenberg bis zur Gegenwart
Eine neue, umfassende Aufgabe erwuchs der Stadt Wittenberg durch die Demobilmachung, der militärischen wie der wirtschaftlichen.
Von Anfang Dezember 1918 ab machten hier demobil:
– das Landsturm-Bataillon IV/15,
– das aktive Infanterieregiment Nr. 20,
– die zweite Abteilung des Feldartillerie-Regiments Nr. 74,
– die Reserveregimenter Nr. 270 und 406 sowie
– eine große Reihe von Flackzügen.
Zur Unterbringung wurde für die Offiziere Bürgerquartier in Anspruch genommen; die Mannschaften wurden in den Kasernen, der Knabenbürgerschule, dem städtischen Massenquartier (früher „Gesellschaftshaus“) und den Turnhallen des Gymnasiums und der Mittelschule untergebracht.
Von den einzelnen Truppenverbänden verblieben nach ihrer Auflösung sogenannte Abwickelungsstellen hier.
Im Frühjahr 1919 traten hierzu noch eine Reihe von Abwickelungsstellen des XVI. Armeekorps.
Die neue Reichswehr stellte eine dem bisherigen Infanterieregiment Nr. 20 Graf Tauentzien entsprechende Formation (Traditionsbataillon Tauentzien) auf, ebenso für das Feldartillerie Regiment Nr. 74.
Beide Truppenteile wurden schließlich anderen Truppenteilen zugeteilt und verließen Wittenberg im Mai 1919.
Die Auflösung des Gefangenenlagers erfolgte im ersten Vierteljahr jenes Jahres.
Die wirtschaftliche Demobilmachung, der Abbau der Rüstungsindustrie, vollzog sich reibungslos unter tätiger Mitwirkung des Arbeitsnachweises, der Arbeiterausschüsse und des Arbeiter und Soldatenrates.
Die Sprengstoffwerke Reinsdorf verringerten ihre Kriegsbelegschaft von 14.000 Mann auf 1 800 durch Abschiebung der Kriegsgefangenen, Reklamanten, Hilfsdienstpflichtigen, auswärtiger Arbeiter, Frauen und Jugendlicher.
Teilweise fanden die Entlassenen in den Stickstoffwerken Aufnahme.
Die Erwerbslosenfürsorge wurde nur wenig in Anspruch genommen, so daß der hierfür vorgesehene Betrag von 50 000 M. nicht erschöpft wurde.
Die Stadt sorgte für Arbeitsgelegenheit durch Erweiterungsbauten im Gaswerk, Pflasterungen usw.
Infolge der Rückkehr der Kriegsteilnehmer, des Wohnungsbedarfs der Kriegsgetrauten, des Ersatzes der Schlafgänger durch Arbeiter mit Familie trat eine Verschärfung der Wohnungsnot ein, da die Bautätigkeit fast völlig ruhte.
Diese Not führte dazu, daß man den Inhabern größerer Wohnungen zwangsweise Räume fortnahm und mit Zwangsmietern besetzte, was zu vielen Mißhelligkeiten führte.
Zur Erledigung der mit der Wohnungsfrage entstehenden Arbeiten war ein Wohnungsamt und ein Mieteinigungsamt eingerichtet worden.
Zur Linderung der Wohnungsnot wurde die Baracke gegenüber der Kavalierkaserne zur Unterbringung von 12 Familien ausgebaut, die Fridericianumkaserne vom Staate zur Einrichtung von Wohnungen gemietet und Mitte Juni mit den Wohnungsbauten in der sogenannten Gartenstadt begonnen.
Ende des Jahres betrug die die Zahl der Wohnungssuchenden immer noch 500.
Teuerung und Inflation
Wenn man geglaubt hatte, daß nach Friedensschluß die hohen Preise für alle Lebensbedürfnisse sinken würden, so sah man sich bitter enttäuscht.
Einige Beispiele mögen das zeigen.
Nach der Mitte Juli endlich erfolgten Aufhebung der feindlichen Blockade sanken die Preise vorübergehend, um dann nach Aufhebung der Zwangswirtschaft wieder erheblich zu steigen.
Eine geradezu phantastische Höhe aber erreichten sie mit der fortschreitenden Geldentwertung (Inflation).
Es würde zu weit führen, die von Tag zu Tag ja, zuletzt von Stunde zu Stunde höher kletternden Preise hier aufzuführen.
Nur am Schluß dieses Abschnittes soll zur Illustration eine kurze Aufstellung gegeben werden.
Infolge des verlorenen Krieges, der Deutschland auferlegten vernichtenden Friedensbedingungen und der inneren Erschütterungen war das Vertrauen des Auslandes in dessen Zahlungsfähigkeit gesunken, was zu einer fortgesetzten Verschlechterung seiner Währung führte.
Mitte September 1919 hatte die deutsche Mark nur noch einen Wert (Kaufkraft) von 15 Pfennigen, und dieser sank von da ab unaufhörlich, bis die Mark zuletzt (Ende November 1923) keinen Pfennig mehr galt.
Maßgebend für die Bewertung war der amerikanische Dollar – war doch Amerika der alleinige Nutznießer des Weltkrieges.
Anfang November 1922 stieg der Dollar auf 9 000 M., Anfang Februar 1923 schnellte er infolge der Besetzung des Ruhrgebietes durch die Franzosen auf 50 000 M. empor.
Nach vorübergehendem Sinken im April 1923 stieg er am 13. Juni desselben Jahres auf 100 000 M. und erreichte bei fast täglicher Steigerung Ende November 1923 die schwindelhafte Höhe von 4,2 Billionen Mark.
Um dem Mangel an Zahlungsmitteln abzuhelfen, gaben zunächst die größeren Städte und nach ihrem Vorbild zuletzt alle Städte und Städtchen sowie auch verschiedene Körperschaften sogenannte „Notgeldscheine“ heraus, die in ihrer mehr oder weniger künstlerischen Ausführung bald ein beliebtes Sammelobjekt bildeten und dadurch für die Herausgeber zu einer nicht unbedeutenden Einnahmequelle wurden.
Diesem Beispiel folgend brachte auch die Stadt Wittenberg nacheinander zwei Serienreihen von reichausgestattetem
„Notgeld“ in den Verkehr.
Eine Folge der fortschreitenden Geldentwertung war das sprunghafte Emporschnellen der Preise zu einer phantastischen Höhe.
Kleidungsstücke und Schuhe waren für die Minderbemittelten unerschwinglich geworden.
Demgegenüber besagte es nichts, daß die Arbeiter und Beamten als Lohn bzw. Gehalt Milliarden und Billionen Papiermark gezahlt erhielten, da diese in den nächsten Stunden schon in nichts zerflossen.
Jeder suchte dieses „Geld“ so schnell als möglich in „Sachwerte“ umzusetzen, ehe es noch weiter entwertet wurde.
Die Kaufleute machten infolgedessen „glänzende“ Geschäfte. Allerdings waren es nur Scheingewinne, da das geleerte Warenlager nur zu bedeutend höheren Einkaufspreisen wieder ergänzt werden konnte.
Die Klagen, daß aus diesem Grunde manche Kaufleute ihre Waren und viele Landwirte ihre Erzeugnisse zurück hielten, um sie dann zu erheblich höheren Preisen zu verkaufen, wollten nicht verstummen. Vielfach wußte mancher Landwirt freilich nicht, was er mit den Haufen von wertlosem Papiergeld anfangen sollte.
Am härtesten betroffen wurden die kleinen Sparer und Rentner, deren in Sparkassen, Banken, Hypotheken usw. angelegte Ersparnisse durch die Inflation völlig entwertet wurden, und die sich nun oft der bittersten Not preisgegeben sahen.
Das im Juli 1925 erlassene „Aufwertungsgesetz“ gab ihnen
(meist nur mit 12½ bzw. 25 Prozent der Forderungen) nur einen ganz geringen Teil ihres Eigentums wieder.
Die Geschädiglen schlossen sich zu einem Bund der „Hypothekengläubiger und Sparer“ zusammen, der auch in unserer Stadt eine starke Ortsgruppe hat.
Der Forderung nach einer höheren Aufwertung steht aber der Staat bis heute ablehnend gegenüber unter Hinweis auf seine ungünstige Finanzlage, zumal die an den ehemaligen Feindbund zu leistenden untragbaren Kriegsentschädigungen.
Durch Einführung der wertbeständigen „Rentenmark“ (Goldmark), die von Mitte November 1923 ab zunächst in beschränktem Maße zur Ausgabe kam, gelang es der Reichsregierung endlich, die Währung zu festigen, wobei 1 Billion Papiermark =1 Goldmark gesetzt wurde.
Hand in Hand mit der Festigung der Währung ging der Preisabbau, wenn gleich die Preise nicht wieder den Vorkriegsstand erreichten, sondern sich mehr und mehr den Weltmarktpreisen anpaßten.
Vom 27. Juli bis 3. August 1919 konnte nach vierjähriger Unterbrechung Wittenbergs Heimats- und Volksfest, die Vogelwiese, wieder abgehalten werden.
Am 31. Juli nahm die Nationalversammlung in Weimar in dritter Lesung mit 262 gegen 75 Stimmen die neue deutsche Reichsverfassung an, die am 11. August vom Reichsministerium unterzeichnet wurde.
Aus diesem Anlaß trug das Rathaus am 1. August Flaggenschmuck.
Bei der am 8. Oktober stattfindenden Volkszählung wurden in der Stadt Wittenberg 22 427 Einwohner (10 883 männliche und 11 544 weibliche) ermittelt (einschließlich Militär), gegen 22 419 Personen vor dem Kriege.
Diese verteilten sich auf 5 771 Haushaltungen, gegenüber 5 196 vor dem Kriege.
Am 15. Oktober wurde im Balzerschen Saale die neugegründete Wittenberger Volkshochschule durch eine größere Feier eröffnet. Am 18. Januar 1925 konnte diese die ihr von der Stadt Wittenberg im ehemaligen kurfürstlichen Schlosse zur Verfügung gestellten eigenen Räume festlich einweihen.
Nach der Begrüßungsansprache des Leiters, Lehrer Siebensohn, hielt der Dezernent für das Volksschulhochwesen beim Ministerium, Oberregierungsrat Dr. von Erdberg Berlin, die Festrede, in der er die Aufgaben der Volkshochschulen klar herausstellte. Oberbürgermeister Wurm wurde wegen seiner Verdienste um die Wittenberger Volkshochschule zu deren Ehrenmitglied ernannt.
Am 18. Oktober beging das Kaiser-Friedrich-Siechenhaus die Feier seines 25 jährigen Bestehens und am 19. Oktober die Freiwillige Feuerwehr die 50 jährige Jubelfeier ihrer Gründung.
Von den Scharen vertriebener Auslandsdeutscher und jener aus den besetzten deutschen Gebieten fand auch eine größere Zahl in Wittenberg Aufnahme.
Auch hier wurde eine Ortsgruppe für Rückwanderhilfe gegründet.