Überaus trübe war die Lage unseres Volkes und unserer Stadt beim Eintritt in das neue Jahr 1917.
Die Feinde wiesen das von der deutschen Regierung Anfang Dezember 1916 durch Vermittlung der neutralen Regierungen gestellte Friedensangebot unter den üblichen Beschimpfungen zurück.
In ihrer Antwort gaben sie unverhüllt ihre Kriegsziele bekannt, die nichts weniger bedeuteten, als eine Zerstücklung Deutschlands.
Als Gegenantwort eröffnete dieses am 1. Februar den verschärften U-Bootskrieg, was Amerika Anlass gab, am 5. Februar mit Deutschland die diplomatischen Beziehungen abzubrechen.
Durch England getrieben folgte am 26. März auch China diesem Beispiele.
Am 5. April erfolgte die formelle Kriegserklärung Amerikas.
Die Lebensmittelnot stieg aufs höchste.
Die Lebensmittel waren fast sämtlich „rationiert“, aber was man gegen Marken oder Kontrollbuch erhielt, war bei weitem nicht ausreichend, um satt zu machen.
Was aber noch im freien Handel oder „unter der Hand“ zu erlangen war, dafür wurden Wucherpreise gefordert.
Zu alledem war die Kartoffelernte schlecht ausgefallen, sodass man als Ersatz zu Kohlrüben greifen musste.
Der „Kohlrübenwinter“ 1917 wird noch lange in traurigem Gedächtnis stehen.
Wenn auch jetzt wieder die Angriffe auf die Gemüsegärtner und Landwirte nicht verstummen wollten, so muss man diesen doch andererseits Gerechtigkeit widerfahren lassen und darf die schwierige Lage nicht übersehen, in welcher sich diese wichtigen Berufe befanden: die Männer waren vielfach zum Kriegsdienst eingezogen, und die Frauen waren gezwungen, den Wirtschaftsbetrieb mit unzureichenden Hilfskräften – weiblichen Arbeitskräften und Kriegsgefangenen – aufrecht zu erhalten.
Das unter den so geschaffenen Verhältnissen sich Missstände herausbildeten, die in normalen Zeiten unmöglich gewesen wären, und für die man die Eigentümer selbst nicht ohne weiteres verantwortlich machen darf, liegt auf der Hand.
Jedenfalls muss anerkannt werden, daß die genannten Berufe sich redlich mühten, die so lebenswichtigen Betriebe aufrecht zu erhalten.
Auch darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Verbraucher vielfach unerfüllbare Forderungen stellten und für die schwere Lage der Landwirte und Gemüsebauer nicht immer das nötige Verständnis zeigten.
Groß war der Mangel auch an Bekleidung.
Haltbare wollene Kleiderstoffe waren kaum noch zu haben; die „Kriegsware“ aber war trotz ihres hohen Preises in kurzer Zeit unansehnlich und abgenutzt.
Für die meisten Kleiderstoffe und Kleidungsstücke musste ein „Bezugsschein“ beigebracht werden.
Nur Samt und Seide waren noch ohne diesen zu haben.
Daher sah man die Frauen – auch die aus minderbemittelten Kreisen – zahlreich in Samt und Seide gehen.
Der andauernde Kohlenmangel machte sich in den Haushaltungen bitter bemerkbar.
Er nötigte die Schulen zu einer Verlängerung der Weihnachtsferien und nach Wiederbeginn des Unterrichts zu einer Beschränkung desselben.
Vom 5. bis 17. Februar wurden die Schulen aus diesem Grunde abermals geschlossen und von da ab der Unterricht des Gymnasiums und des Lyzeums in das Gebäude der Mädchenbürgerschule verlegt, in dem bereits die Knabenbürgerschule untergebracht war.
Um das Maß der Leiden voll zu machen, trat Anfang Februar eine strenge Kälte ein, das Thermometer zeigte zeitweise -25° C. Der Frost drang in die nicht genügend gedeckten Kartoffel- und Rübenmieten und selbst in die Keller ein und verdarb die Früchte. An zahlreichen Bäumen sprang die Rinde bis auf das Kernholz auf.
Als Begleiter des Krieges stellte sich Anfang Februar ein unheimlicher Gast ein:
die schwarzen Pocken, die zuerst in einer Baracke des Stickstoffwerks bei den dort hausenden kriegsgefangenen Belgiern zum Ausbruch kamen.
Um einer Weiterverbreitung der Seuche vorzubeugen, mussten sich die Einwohner der Stadt und der Vororte einer Schutzimpfung unterziehen.
Dank der Sicherheitsmaßnahmen beschränkten sich die Erkrankungen in unserer Stadt auf wenige Fälle.
Die Not der Zeit hatte bedauerlicher Weise auch allerhand sittliche Schäden im Gefolge.
Neid und Missgunst gegen jene, die im Besitz von Lebensmitteln waren, machte sich breit.
Nicht selten kam es vor, daß Nachbarn einander zur Anzeige brachten, wenn der andere auf verbotener Weise in den Besitz von Lebensmitteln gelangt war.
Einbrüche und Diebstähle nahmen überhand.
Empörend für das deutsche Empfinden war es, daß schamlose Frauen und Mädchen sich fanden, die verbotene Beziehungen zu Kriegsgefangenen unterhielten.
Vom 16. bis 24. Januar fand im ehemaligen Refektorium des Lutherhauses eine Ausstellung von Entwürfen und Vorbildern für Kriegerehrungen in Kirchen und auf Friedhöfen statt.
Bei der Eröffnung hielt Pfarrer Brathe aus Wansleben einen Vortrag über Kriegsdenkmäler.
Am 11. März fand der vom Evangelischen Oberkirchenrat angeordnete allgemeine Kriegsbettag statt.
In der dichtgefüllten Stadtpfarrkirche predigte Superintendent Orthmann über den Text Römer 8 V. 35:
„Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes?“
Die am 15. Februar erfolgte Bestandsaufnahme an Brotgetreide hatte ergeben, daß gegenüber der Ernteschätzung 1 200 000 Tonnen fehlten. Wir würden daher nur noch bis zum 15. Mai Brot und bis Ende April Kartoffeln gehabt haben.
Der Fehlbetrag wurde damit erklärt, daß große Vorräte an Getreide und Kartoffeln verheimlicht worden seien.
Die Regierung ließ daher bekannt machen, verheimlichte Vorräte bis zum 15. April unter Zusicherung von Straflosigkeit anzugeben. Nach dieser Zeit sollten durch ortsfremde Kommissionen in den Gehöften unter militärischer Begleitung Nachforschungen abgehalten werden. Unangemeldete Vorräte wurden ohne Entschädigung weggenommen und die Eigentümer bestraft.
Der Lebensmittelmangel führte in verschiedenen Großstädten zu Unruhen, die sich fortlaufend wiederholten.
In Berlin trat ein Teil der Rüstungsarbeiter in einen mehrtägigen Streik ein.
In der Stadtverordnetensitzung vom 17. April wurden für den Kriegsfond (für Unterstützungen usw.) zum dritten Male 10 000 M. bewilligt.
In der gleichen Sitzung wurde beschlossen, dem Regierungspräsidenten von Gersdorff wegen seiner Verdienste um die Erweiterung und Ausgestaltung der Lutherhalle das Ehrenbürgerrecht der Stadt Wittenberg zu verleihen.
Am 21. Juni wurde in Halle die hundertjährige Jubelfeier der Vereinigung der Wittenberger Universität mit der Halleschen Hochschule festlich begangen.
Bei diesem Anlass wurden Superintendent Orthmann und der Direktor unseres Predigerseminars Jordan zu Ehrendoktoren ernannt.
Mit dem 1. Juli begann die neueingerichtete Kurrende ihre Tätigkeit. Sie bestand aus 20 Knaben, die unter Leitung des Lehrers Noack allsonntäglich im Sommer vor und im Winter nach dem Hauptgottesdienste auf Plätzen und in den Höfen geistliche Lieder sangen.
Dem Leiter wurde eine monatliche Entschädigung von 60 M. und jedem Knaben eine solche von 3 M. gezahlt.
Für die Einrichtung stiftete Kaufmann Friedrich 1 000 M., die Kirchenkasse gab einen fortlaufenden Beitrag, der zunächst 1 500 M. betrug und 1918 auf 1 750 M. erhöht wurde.
Leider ging die Kurrende nach wenigen Jahren infolge der Ungunst der Zeit wieder ein.
Da die letzte Bestandsaufnahme über die Schuhwaren ein erschreckend niedriges Ergebnis zeitigte, so ermahnte der Magistrat in einer Bekanntmachung vom 7. Juli die Bevölkerung eindringlich, während der warmen Jahreszeit barfuß oder barfuß in Holzsandalen zu gehen, um so Ersparnisse zu erzielen.
Im Osten hatten die Russen erneut mit großer Macht angegriffen, wurden aber von den deutschen und verbündeten Truppen zurückgeschlagen, die Czernowitz zurückgewannen.
Aus diesem Anlass läuteten am 3. August wieder die Siegesglocken und es wurde Siegessalut geschossen.
Die von Franzosen und Engländern in Flandern zur Entlastung der Russen am 31. Juli begonnene gewaltige Offensive brach nach vier Tagen durch die Tapferkeit der deutschen Truppen zusammen.
Am 14. August bewilligte die Stadtverordnetenversammlung rückwirkend vom 1. April den städtischen Beamten und Angestellten eine Kriegsteuerungszulage von 10 Prozent des Gehaltes und eine Kinder-Zulage, die für jedes Kind bis zum 18. Lebensjahre monatlich 10 M. betrug.
In der gleichen Sitzung wurden 100 000 M. für die notwendig gewordene Erweiterung des Wasserwerks bewilligt.
Dem Bürgermeister Dr. Schirmer wurde wegen seiner Verdienste um die Stadt Wittenberg der Titel Oberbürgermeister verliehen.
Die Ernennungsurkunde wurde ihm am 23. August in der hierzu anberaumten Stadtverordnetensitzung vom Regierungspräsidenten D. von Gersdorff feierlich überreicht.
Der 70. Geburtstag unseres Volkshelden des Generalfeldmarschalls von Hindenburg am 2. Oktober wurde von den Schulen und zahlreichen Vereinen festlich begangen.
Am Abend des 2. Oktober veranstaltete das Garnison Kommando in der Reitbahn der neuen Artilleriekaserne, die durch sinnigen Schmuck in einen Festraum umgewandelt worden war, eine öffentliche Festversammlung.
Im ersten Festvortrag feierte der Garnisongeistliche Pfarrer Herrmann „Hindenburg als Mensch“ und im zweiten Festvortrag Leutnant Schinlauer „Hindenburg als Soldat“.
An der Ehrengabe der Städte der Provinz Sachsen für den Generalfeldmarschall von Hindenburg beteiligte sich die Stadt Wittenberg mit 2 000 M .
Am 22. Oktober beging der hiesige Kriegerverein die Feier seines 50 jährigen Bestehens unter der Beteiligung von hiesigen und auswärtigen befreundeten Vereinen durch einen Festgottesdienst in der Schlosskirche und einer Festfeier im Saale des „Goldenen Stern“.
Das vierte Reformationsjubiläum
Reformationsjubiläum im Weltkriege!
Nie wird Wittenberg diesen festlichen und doch so ernsten, wehmütigen 31. Oktober 1917 vergessen.
Ohne den Krieg hätte sich dieser Tag ganz gewiss zu einer glanzvollen Feier des gesamten evangelischen Deutschlands, ja der gesamten evangelischen Welt in den Mauern der Lutherstadt gestaltet.
So aber verschlang die ereignisschwere Gegenwart die große geheiligte Vergangenheit.
Alles, was protestantische Herzen von diesem Tage erhofft, worauf sich das evangelische Deutschland und vor allem die Stadt Wittenberg seit Jahren gefreut hatten, mußte in dieser schweren Notzeit unterbleiben.
Hunderttausende von deutschen Männern draußen im Felde, die Heimat in schwerstem Mangel und in rastloser Kriegsarbeit;
in die Gedenktage hinein donnerten die Kanonen der 12. Isonzoschlacht, und an die Front im Westen krachte unaufhörlich der mordende Eisenhagel – wo sollte da die Stimmung herkommen für eine große nationale Reformationsjubelfeier in Wittenberg!
So konnte das 4. Reformationsjubiläum in der Geburtsstadt der Reformation nur im schlichten Rahmen einer lokalen Feier begangen werden.
Trotz alledem aber war diese überaus würdig und eindrucksvoll und ist nicht ohne reichen Segen geblieben.
Weite Kreise der Bürgerschaft taten sich zusammen, um in monatelanger Arbeit die Feier vorzubereiten.
Diese Vorbereitung sollte innerlicher und äußerlicher Art sein.
Zu diesem Zwecke wurde ein Ausschuß gebildet, der es sich zur Aufgabe stellte, eine fortlaufende Reihe volkstümlicher aber auf wissentschaftlicher Grundlage beruhender öffentlicher Vorträge durch namhafte auswärtige Redner zu veranstalten.
Diese, Vorträge waren:
– am 6. Juni: „Wie wurde Luther zum Reformator?“ Prof. D. Loofs – Halle
– am 19. Juni: „Luthers Geist in Bachscher Musik.“ Pfarrer Werner – Dessau
– am 3. September: „Luthers Persönlichkeit.“ Superintendent D. Buchwald – Rochlitz
– am 24 September: „Luthers Einfluß auf die Volksbildung.“ Professor D. Rein -Jena
– am 11. bis 13. Oktober: „Luther und die bildende Kunst seiner Zeit.“ (Lichtbildervortrag) Professor D. Schubring – Berlin
– am 14. November: „Was kann Luther heute dem deutschen Volke sein?“ Professor Dr. Eucken -Jena.
Die Vorträge fanden in der dichtgefüllten Stadtpfarrkirche statt, mit Ausnahme des Lichtbildervortrages, der an drei Abenden nacheinander in dem jedesmal vollbesetzten Festsaale des Melanchthongymnasiums gehalten wurde.
Der inneren Vorbereitung dienten auch die Veranstaltungen, die von größeren evangelischen Verbänden im Laufe des Jahres in Wittenberg veranstaltet wurden.
Ihre Zahl wäre noch größer gewesen, wenn nicht die infolge des Krieges bestehenden Verpflegungs- und Unterkunftsschwierigkeiten unüberwindliche Hindernisse bereitet hätten.
Am 26. Juni hielt der Hauptverein der Gustav.-Adolf-Stiftung für die Provinz Sachsen hier seine 73. Hauptversammlung ab, zu der 52 Vertreter der Zweigvereine aus allen Teilen der Provinz erschienen waren.
Im Festgottesdienste der Stadtpfarrkirche predigte Professor D. Hilbert – Rostock über
„Die Größe der Gottesgabe der Reformation und die Aufgabe des Gustav-Adolf-Dienstes,“ während in der Avendversammlung Stadtpfarrer Orendi aus Broos bei Hermannstadt (Siebenbürgen) über „Siebenbürgische Kriegserlebnisse und -nöte“ sprach.
Als Festgabe konnten dem Verein 6 590 M. überreicht werden.
Am 2. September traf der Berliner Verband evangelischer Jungfrauenvereine in einer Stärke von 1 700 Mitgliedern hier ein.
Im Festgottesdienst in der Stadtpfarrkirche hielt der Leiter des Verbandes, Pfarrer Thiele – Berlin, die Predigt.
Am Abend dieses Tages veranstaltete der hiesige Zweigverein des Evangelischen Bundes in der Stadtpfarrkirche eine Sedan- und Tannenbergfeier, in welcher Pfarrer Ungnad – Berlin den Festvortrag hielt über das Thema:
– 1517
– 1870
– 1917 – drei Akte des deutschen Reformationsdramas.“
Am 14. September hielt der Deutsche Pfarrertag in Wittenberg eine Festtagung ab, mit der zugleich die Feier seines 25 jährigen Bestehens verbunden war.
Die genannten Veranstaltungen übertrafen an Größe und Bedeutung eine andere, die zugleich eine Vorfeier des Reformationsjubiläums bildete:
die vom Zentralvorstand des Evangelischen Bundes am 9. Oktober veranstaltete Reformationsfeier, mit der zugleich das Jahresfest des Hauptvereins der Provinz Sachsen verbunden war.
Neben den Mitgliedern des Zentralvorstandes waren hierzu die Vertreter sämtlicher Hauptvereine erschienen, so daß bei dieser Feier alle deutschen Stämme und Gaue vertreten waren.
Die öffentliche Feier begann mit einem Festzuge, der sich um 4 Uhr nachmittags unter dem Vorantritt einer Militärkapelle von der Stadtpfarrkirche aus nach dem Marktplatze begab, wo er vor den Denkmälern der Reformatoren Aufstellung nahm.
Nach einer markigen Ansprache des Bundesdirektors D. Everling – Berlin legte dieser im Namen des Gesamtbundes und hierauf 40 Abgeordnete der Hauptvereine unter Weihesprüchen an den Denkmalsstufen Kränze nieder.
Unter dem Geläute aller Glocken begab sich der Festzug sodann zur Schloßkirche.
In dem unter Mitwirkung des Reformationskirchenchors liturgisch reich ausgestalteten Festgottesdienste predigte Generalsuperintendent D. Stolte – Magdeburg im Anschluß an
Röm. 8, 15 über den furchtlosen Geist der Kinder Gottes.
Am Schluß des Gottesdienstes wurden an den Gräbern Luthers und Melanchthons Kränze niedergelegt.
In der am Abend in der Stadtpfarrkirche stattfindenden Festversammlung hielt Geh. Konsistorialrat D. Scholz – Berlin den Hauptvortrag über „Die Bedeutung der Reformation für die Vertiefung unseres religiösen Lebens.“
Je näher der eigentliche Festtag kam, desto mehr trat neben diese innerliche Vorbereitung auch die äußere.
Bereits am 8. Januar hatte der Gemeindekirchenrat einen Ausschu zur Vorbereitung des Jubelfestes gewählt, der im Juni durch die Vertreter des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung erweitert wurde, und dem später noch mehrere andere Personen beitraten.
Anfang Oktober hatte der Festausschuß die Vorbereitungen der Reformations-Jubelfeier beendet und das endgültige Programm derselben aufgestellt, das nun zugleich mit dem Einladungsschreiben an die in Betracht kommenden Behörden und Personen gesandt wurde.
Auf die gleichzeitig ausgesprochene Bitte hin erklärten sich sämtliche hiesige Behörden, Banken und die meisten Geschäftsinhaber bereit, während des ganzen Festtages ihre Dienstzimmer und Geschäftsräume zu schließen, so daß dem 31. Oktober auch nach außen hin der Charakter eines allgemeinen Festtages gegeben wurde.
Aber nicht nur mit Worten wollte die Lutherstadt die Großtat der Reformation feiern, sondern auch durch die Tat ihre Anteilnahme bekunden.
Die Stadtgemeinde Wittenberg gab zu der Reformationsjubelspende einen Beitrag von 20 000 M. und die kirchlichen Körperschaften einen solchen von 5 000 M. mit der Bestimmung, diese dem Deutschen Evangelischen Kirchenausschuß zum Zweck des Wiederaufbaues der durch den Krieg geschädigten deutschen evangelischen Kirchengemeinden, insbesondere in den Schutzgebieten und dem Auslande, zu übergeben.
Außerdem wurden von der Kirchengemeinde noch folgende Spenden bewilligt:
– 300 M. für den Gustav Adolf Verein,
– 300 M. für den Evangelischen Bund,
– 300 M. für die Lutherhalle,
– 100 M. für die Pfarrtöchterstiftung.
Außerdem wurde beschlossen, den im Felde stehenden Gemeindegliedern Grüße und Schriften zum Reformationsfeste zu übersenden und an die Kinder im Kindergottesdienste sowie an die Konfirmanden und an die Kinder in den Landschulen Lutherbüchlein auf Kosten der Kirchengemeinde zu verteilen.
Nachträglich errichteten die kirchlichen Körperschaften noch eine Reformationsstiftung in Höhe von 10 000 M. für Zwecke der Kirchengemeinde.
Für die musikalische Ausgestaltung der Jubelfeier wurde der Straubesche Gesangverein zu einem selbständigen Kirchenchor von 91 Mitgliedern erweitert, der unter der Leitung des Kgl. Musikdirektors Straube monatelang für die Festgesänge eifrig übte. Daneben wurde – wie bereits berichtet die Kurrende wieder errichtet.
Für die Feier wurde ein mit künstlerischem Buchschmuck reich ausgestattetes Festbuch hergestellt, das den Gang der Feier, Wortlaut und Weise der Festgesänge enthielt.
So war seitens der Lutherstadt Wittenberg alles getan, was in ihren Kräften stand, um die 4. Reformationsjubelfeier auch im schlichten Rahmen einer örtlichen Gemeindefeier doch würdig der großen, schöpferischen Tat Luthers zu begehen.
Die Jubiläumswoche wurde durch einen „Vorbereitungsgottesdienst“ am Sonntag, den 28. Oktober, in der Stadtpfarrkirche eingeleitet, bei welchem Pfarrer Knolle im Anschluß an Röm. 10, 4 über „Luthers Kampf und Sieg“ predigte.
Am Abend fand in der festlich geschmückten Turnhalle des Mittelschulgebäudes eine Vorfeier für die evangelische männliche Jugend statt.
Die erste Festansprache hielt Pfarrer Lic. Dr. Dibelius – Berlin über „Evangelische Jugend und evangelische Freiheit,“
die zweite Festansprache der Provinzialjugendpfleger Pfarrer Klaer – Magdeburg über „Evangelische Jugend und evangelische Pflicht.“ Die Vorträge wurden von Gedichten und Gesang umrahmt.
Den Abschluß bildete die Aufführung des Lutherfestspiels,
„Der 31. Oktober 1517 in Wittenberg“ von Elisabeth Malo, dargestellt von Mitgliedern der evangelischen Jugendvereine in Wittenberg und Friedrichstadt.
Seit Tagen waren viele fleißige Hände tätig gewesen um der Lutherstadt zu ihrem Ehrentage ein festliches Gewand zu geben. Besonders reichen Festschmuck von Tannengrün und Fahnen trugen natürlich die Erinnerungsstätten der Reformation, aber auch viele öffentlichen Gebäude und Bürgerhäuser, namentlich in der Collegien-, Schloß-, Coswiger- Straße und am Marktplatz waren reich geschmückt.
Vor der Front des Rathauses standen vier weiße mit Blattpflanzen gekrönte Obelisken, die mit sechs Fahnenmasten abwechselten, welche durch Tannengewinde miteinander verbunden waren.
Das Rathaus selbst war ebenso wie die beiden Denkmäler der Reformatoren mit Tannengrün reich geschmückt, und überall wehten die Fahnen in den deutschen, preußischen und städtischen Farben.
Ähnlichen Festschmuck trugen Lutherhaus, Augusteum, Melanchthonhaus, Fridericianumkaserne und Bugenhagenhaus sowie die Portale der Stadtpfarrkirche, die Thesentür der Schloßkirche und die Pfarrhäuser an der Jüdenstraße und am Kirchplatz.
Um 4 Uhr nachmittags setzten machtvoll die Glocken der Stadtpfarrkirche und der Schloßkirche ein, die das Fest einläuteten. Als ihre feierlichen Klänge verhallt waren, erscholl vom Turm der Stadtpfarrkirche das Blasen von Lutherchorälen, das vom Bläserchor des 20. Infanterieregiments ausgeführt wurde, dessen Kapelle zur Mitwirkung bei der Jubiläumsfeier eigens aus dem Felde beurlaubt worden war.
Währenddem sammelte sich eine zahlreiche andächtige Gemeinde zur Abendmahlsfeier an den Gräbern der Reformatoren in der Schloßkirche, bei der Pfarrer Herrmann die Beichtrede über den 130. Psalm hielt.
Abends 8 Uhr öffneten sich die Pforten der Schloßkirche abermals zur Liturgischen Vorfeier.
Sie wurde von Pfarrer Knolle gehalten und brachte den Thesenanschlag in Wort und Lied zur Darstellung.
Das volle Geläut der Glocken der Schloßkirche und Stadtpfarrkirche und die Klänge der Lutherchoräle von den Türmen der letzteren leiteten am 31. Oktober früh 7 Uhr den eigentlichen Festtag stimmungsvoll ein.
Vor der Thesentür der Schloßkirche ließ die neugegründete Kurrende Lutherlieder erschallen.
Die erste gottesdienstliche Feier des Festtages war der um 8 Uhr vormittags in der Stadtpfarrkirche beginnende Kindergottesdienst, der von Pfarrer Doden geleitet wurde.
Unterdessen sammelten sich im Hofe des Lutherhauses die Scharen zum gemeinsamen Kirchgang. Ihn eröffneten die Konfirmanden, dann folgten die Pfarrer, an ihrer Spitze die Direktoren des Predigerseminars, die Vertreter der Behörden:
– des Evangelischen Oberkirchenrats zu Berlin,
. des Konsistoriums zu Magdeburg,
– der Regierung zu Merseburg,
dann die Ehrengäste, unter ihnen der Rektor und die Dekane und die übrigen Mitglieder des akademischen Senats der Universität Halle-Wittenberg, die in der mittelalterlichen Farbenpracht ihrer Talare sich wirkungsvoll abhoben.
Ihnen schlossen sich an die Mitglieber der städtischen und der kirchlichen Körperschaften und endlich in langer Reihe die sonstigen Gemeindeglieder, soweit sie um des beschränkten Raumes willen Zutritt zum Lutherhofe finden konnten.
Um 9 Uhr setzte der Bläserchor der Regimentsmusik ein und machtvoll brauste das Lutherlied
„Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ zum blauen Herbsthimmel empor.
Von der mit Grün umgebenen Turmtreppe des Lutherhauses aus hielt ber Direktor des Predigerseminars D. Jordan die erste Festansprache.
Dann setzte sich der stattliche Zug in Bewegung, dem sich die vielen, die vor dem Augusteum geharrt hatten, anschlossen.
Feierliches Geläut von den Türmen der Stadtpfarrkirche, dem sich vom Marktplatze ab das der Schloßkirche zugesellte, geleitete den Zug.
Dazwischen erklangen, von der Regimentsmusik geblasen, die machtvollen Lutherchoräle.
Dichtgedrängte Volksmassen säumten die Straßen und den Marktplatz.
An der Schloßkirche angekommen, nahmen die Scharen um die geschmückte Thesentür Aufstellung.
Nach dem Gesange des Lutherliedes „Aus tiefer Not“ würdigte Ephorus D. Jordan in einer zweiten Festansprache die Bedeutung des Thesenanschlags des werdenden Reformators.
Dann ordnete sich der Zug wieder, um in der gleichen Reihenfolge wie vorher durch die Coswiger- und Jüdenstraße nach der Stadtpfarrkirche, der Predigtkirche Luthers und Mutterkirche der Reformation, zu ziehen.
In wenigen Minuten war der weite Raum dicht gefüllt. Viele Hunderte mußten sich, dichtgedrängt, mit einem Stehplatz begnügen.
Der Festgottesdienst war namentlich in musikalischer Hinsicht reich ausgestattet.
Zu diesem Zwecke hatten sich Kirchenchor und Kapelle des 20. Infanterieregiments unter der Mitwirkung von Hofcellist Neumann – Berlin und Konzert.meister Stöcker – Berlin vereinigt. Den Höhepunkt der musikalischen Darbietungen bildete die vom Kirchenchor unter Leitung des Kgl. Musikdirektors Straube in Verbindung mit Orgel und Orchester vorgetragene Reformationskantate „Ein feste Burg“ von Joh. Seb. Bach.
Die Festpredigt hielt Superintendent D. Orthmann über Lucas 10, 10. Der im Wechselgesang unter Orgel- und Orchesterbegleitung und Glockengeläuten gesungene Ambrosianische Lobgesang schloß die denkwürdige Feier.
Von der Stadtpfarrkirche aus begaben sich die Festteilnehmer unter Glockengeläut nach dem Marktplatze und nahmen vor den Denkmälern der Reformatoren Aufstellung.
Nach dem von der Regimentsmusik begleiteten Gesange des Lutherchorals „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ hielt Oberbürgermeister Dr. Schirmer vor den Stufen des Lutherdenkmals an die Versammlung eine Ansprache, in welcher der Dank und die Verehrung der Stadt Wittenberg gegen Martin Luther zum Ausdruck gelangle.
Daran schloß sich das Niederlegen von Kränzen an den Denkmälern der beiden Reformatoren.
Mit dem Gesang des Lutherliedes „Ein feste Burg ist unser Gott“ klang das Ganze aus.
Unterdessen hatten sich die Ehrengäste, die Vertreter der Behörden und der Geistlichkeit nach dem Lutherhause begeben zur Eröffnung der neuen Sammlungen im ehemaligen Refektorium.
Der Vorsitzende des, Lutherhallen Kuratoriums, Regierungspräsident D. von Gersdorff, eröffnete die Feier durch eine Begrüßungsansprache.
In seiner Festrede gab der Pfleger der Lutherhalle D. Jordan einen Überblick über deren Sammlungen.
Geh. Oberkonsistorialrat Dr. Duste – Berlin überbrachte die Grüße des Evangelischen Oberkirchenrats und der Rektor der Universität Halle-Wittenberg, Geh. Konsistorialrat D. Lütgert, die Grüße dieser Hochschule.
Aus Auslaß der Feier wurde D. Jordan der Titel eines Professors verliehen und dem Regierungspräsidenten D. von Gersdorff durch Oberbürgermeister Dr. Schirmer der von Künstlerhand ausgeführte Ehrenbürgerbrief der Stadt Wittenberg überreicht.
Nachmittags 5 Uhr begann der Festgottesdienst in der Schloßkirche, die nicht ausreichte, die Menge der Erschienenen zu fassen, sodaß viele wieder umkehren mußten, ohne Einlaß finden zu können.
Auch dieser Gottesdienst war musikalisch sehr reich ausgestattet. Den musikalischen Höhepunkt bildete die Aufführung von Joh. Seb. Bachs Reformationskantate „Gott der Herr ist Sonne und Schild“. Den gleichen Text aus Psalm 84 legte Generalsuperintendent D. Schöttler Magdeburg seiner Festrede zugrunde.
Abends 8 Uhr füllte sich die Stadtpfarrkirche noch einmal bis auf den letzten Platz zum Gemeindeabend.
Nach der Begrüßung durch Superintendent D. Orthmann hielt Geh. Konsistorialrat D. Loofs – Halle den ersten Vortrag über
„Luthers Glaubensleben als Erbteil des späteren Wittenberg.“
Im zweiten Vortrag sprach Geh. Konsistorialrat Prof. D. Eger – Halle über „Luthers Gedanken vom christlichen Gemeindeleben als Erbteil des späteren Wittenberg.“
Chor- und Gemeindegesang umrahmte den eindrucksvollen Abend.
Den Abschluß der 4. Reformationsjubelfeier in Wittenberg bildete die Nachfeier am Sonntag, den 4. November.
Im Hauptgottesdienst der Stadtpfarrkirche predigte Pfarrer Bertram über das Sonntagsevangelium Lukas 9, 57-62.
Am Abend fand in der Turnhalle des Mittelschulgebäudes eine Feier für die evangelische weibliche Jugend Wittenbergs stalt. Im Mittelpunkte stand der Vortrag der Leiterin des Neuland-Bundes Guida Diehl aus Rothenburg a. H. über
„Das Erbe der Reformation und unsere Jungmädchenwelt.“
Auch diese Feier umrahmten Chorgesänge und Gedichtvorträge.
Noch unter dem nachhaltigen Eindruck des Reformationsjubiläums beging das Wittenberger Predigerseminar am Dienstag, den 6. November die Feier seines hundertjährigen Bestehens.
Trotz der Ungunst der Zeit hatten sich mit den Vertretern der Behörden und zahlreichen Ehrengästen die früheren Mitglieder des Predigerseminars in großer Zahl eingefunden.
Um 10½ Uhr vormittags versammelten sich die Teilnehmer im Hofe des Lutherhauses zum gemeinsamen Kirchgang.
An der Spitze schritten die beiden Direktoren des Predigerseminars Superintendent D. Orthmann und Professor D. Jordan.
Ihnen folgten die Ehrengäste, unter ihnen die Vertreter des Evangelischen Oberkirchenrats, des Konsistoriums der Provinz Sachsen, der Universität Halle-Wittenberg, der Behörden des Kreises und der Stadt Wittenberg, und dann in der Reihe ihrer Jahrgänge die früheren Mitglieder des Seminars, die Geistlichen in ihrer Amtstracht.
Unter Glockengeläut bewegte sich der stattliche Zug durch die reichbeflaggte Collegienstraße und Schloßstraße zur Schloßkirche, die dichtgefüllt wurde.
Den Festgottesdienst eröffnete Gemeindegesang im Wechsel mit dem Gesang des Jubiläums-Kirchenchors unter Leitung des Kgl. Musikdirektors Straube.
Die Festpredigt hielt Geh. Oberkonsistorialrat Prof. D. Dr. Kawerau -Berlin auf Grund von 1. Kor. 3, 6 und 7.
Nach Schluß des Gottesdienstes hielten die früheren Mitglieder des Prediger-Seminars eine gemeinsame Abendmahlsfeier.
Um 1 Uhr mittags vereinte die Teilnehmer ein schlichtes Festmahl im Festsaal des Offizierkasinos, bei dem Geh. Oberkonsistorialrat Dr. Duske – Berlin das Kaiserhoch ausbrachte.
Um 3 Uhr begann im Sitzungssaale des Bugenhagenhauses der Festakt.
Die Eröffnungsrede hielt Superintendent D. Orthmann, der dabei mit ehrenden Worten der im Weltkriege gefallenen 10 Mitglieder des Predigerseminars gedachte.
Dann folgte die Reihe der Begrüßungen:
– für den Evangelischen Oberkirchenrat Geh. Oberkonsistorialrat D. Dr. Kawerau – Berlin,
– für die Universität Halle-Wittenberg deren Rektor Prof. D. Lütgert – Halle,
– für das Konsistorium der Provinz Sachsen Konsistorialpräsident von Doemming – Magdeburg,
– für die theologische Fakultät der Universität Halle-Wittenberg deren Dekan Prof. D. Kattenbusch – Halle,
– für die Kreisbehörde Landrat von Trebra,
– für die Stadt Wittenberg Oberbürgermeister Dr. Schirmer,
– für den Wittenberger Gemeindekirchenrat Hofbuchhändler Wunschmann,
– für die preußischen Predigerseminare Studiendirektor Lic. Dr. Peisker – Wittenburg (Westpreußen) und
– für die ehemaligen Mitglieder des Wittenberger Predigerseminars Superintendent D. Waechtler – Halle.
Den Dank für die Begrüßungen und Glückwünsche sprach Ephorus Prof. D. Jordan aus.
An den Festakt schloß sich unmittelbar ein Festkolleg im gleichen Raume an, bei welchem Prof. D. Dr. Schian – Gießen über
„Luther und die Frage der organisierten Kirche“ referierte. Ein gemütliches Beisammensein („Rauchkolleg“) im Festsaale der Offiziers-Speiseanstalt beschloß die denkwürdige Jubelfeier. –
Das ereignisreiche Jahr 1917, das unserm Vaterlande und unserer Stadt so viel Schweres brachte, sollte nicht zu Ende gehen, ohne daß ein Lichtstrahl in das Dunkel fiel:
Rußland, durch fortgesetzte Niederlagen und Revolution dazu gezwungen, erklärte sich Ende November bereit, mit den Mittelmächten in Verhandlungen über einen Waffenstillstand und einen allgemeinen Frieden einzutreten.
Diese Verhandlungen, die am 2. Dezember begannen, führten am 15. Dezember in Brest Litowsk zur Unterzeichnung eines 28 tägigen Waffenstillstandes, dem nach mancherlei Zwischenfällen am 3. März 1918 endlich die Unterzeichnung des von Deutschland vorgelegten Friedensvertrages folgte, der am 17. März von dem Sowjetkongres ratifiziert wurde.
Ihm folgte am 5. März der Vorfrieden mit Rumänien und am 6. Mai 1918 die Unterzeichnung des endgültigen Friedensvertrages.