1914

In der Nacht vom 12. bis 13. Januar 1814 wurde die Festung Wittenberg von den preußischen Truppen erstürmt und Wittenbergs Bürger damit von der Willkür der französischen Besatzung befreit.
Der hundertjährige Gedenktag dieses für unsere Stadt so wichtigen Ereignisses wurde am 13. und 15. Januar 1914 durch eine von den Militärvereinen mit Unterstützung der Stadt in Balzers Saale veranstalteten Erinnerungsfeier begangen.
An beiden Festabenden gelangte ein von Lehrer Erfurth verfasstes Fest-Spiel „Vom Joche erlöst“ (Vaterländisches Festspiel in zwei Aufzügen von Richard Erfurth. Verlag von Arwed Strauch in Leipzig)
durch einheimische Darsteller zur Aufführung.
Die Festrede hielt am ersten Abend Bürgermeister Dr. Thelemann, am zweiten Abend Lehrer Erfurth.
An Kaiser Wilhelm II. wurde ein Huldigungstelegramm gesandt.
Zur Erinnerung an die Befreiung Wittenbergs vom französischen Joche errichteten die Offiziere der Garnison im Garten der Offizier- Speiseanstalt einen Gedenkstein.

Die „Internationale Hygiene Ausstellung“ zu Dresden im Jahre 1911 hatte durch ihren starken Besuch einwandfrei bewiesen, wie dankbar unser Volk für volksgesundheitliche Belehrungen ist. Letzterem Zwecke soll die provinzial-sächsische Wanderausstellung für Volksgesundheit und Jugendpflege dienen, die in der Zeit vom 20. bis 25. Februar 1914 auch in Wittenberg unter Leitung des Lehrers Temme aus Nordhausen einkehrte und am 20. Februar in der Turnhalle des Melanchthongymnasiums durch Bürgermeister Dr. Schirmer eröffnet wurde.
Die Ausstellung besuchten insgesamt 8 200 Personen, darunter 3 800 Jugendliche. Es wurden 11 Vorträge und 48 Führungen abgehalten und 2 000 Schundschriften gegen gute Bücher umgetauscht.

Wenige Tage vor Schluß des Schuljahres wurde der Stadt die Genugtuung, daß nach längeren Verhandlungen die bisherige Höhere Mädchenschule als Lyzeum anerkannt und ihr bald darauf der Name Katharinenlyzeum verliehen wurde.

Wittenberg während des Weltkrieges bis zum Schmachfrieden von Versailles.

Krieg!
Mitten hinein in unser friedliches Schaffen warf die Kriegsfurie plötzlich den lohenden Brand.
Draußen auf den Feldern schnitt der Landmann eine reiche, gesegnete Ernte, drinnen in Werkstatt, Fabriksaal und Geschäftsraum regten sich tausend geschäftige Hände in friedlichem Wettstreit, als der Ruf zu den Waffen wie vor 44 Jahren durch die deutschen Dörfer und Städte gellte.
Millionen deutscher Männer und Jünglinge legten Sense und Hacke, Hammer und Meißel, Feder und Stift beiseite, um die Werkzeuge des Friedens mit der toddrohenden Waffe zu vertauschen.
Hier mit stillem Ernst, dort mit einem Aufatmen, wie von schwerem Druck befreit, und da mit jugendfrohem begeisterten Kampfliede auf den Lippen, so traten sie an zu dem gewaltigen Völkerringen, wie die Erde noch keines sah.

Jeder Versuch, ein Gesamtbild dieses Riesenkampfes um unseres Volkes Dasein zu zeichnen, muss einem solchen Stoffe gegenüber selbst der aufs höchste gesteigerten Schilderungskunst als unzureichend erscheinen.
Die nachfolgenden Blätter sollen daher nur einen begrenzten Ausschnitt dieses erschütternden Weltdramas bilden, wie es mit seinen einzelnen Geschehnissen und Folgen im Leben der Stadt Wittenberg in Erscheinung trat.

Die langen Befürchtungen, die schon seit Tagen wie ein drückender Alp auf den Einwohnern gelegen, erreichten am Freitag den 31. Juli 1914 ihren Höhepunkt, als die Sonderblätter die Nachricht von der Erklärung des Kriegszustandes verbreiteten.
Von da bis zur eigentlichen Mobilmachung ist bekanntlich nur ein Schritt.
Der Ernst der Stunde drückte dem Leben in unserer Stadt und der Stimmung der Bürgerschaft unverkennbar den Stempel auf.

Von früh an bis in die Nachtstunden hinein waren die Geschäftsräume der beiden Ortszeitungen von einer dicht gedrängten Menge umgeben, die jedes neu erscheinende Sonderblatt mit der größten Spannung, aber in ernster, würdiger Haltung entgegennahm und eifrig die verschiedenen Möglichkeiten gegeneinander abwog.
Auf der Vogelwiese, die sich ihrem Ende näherte, wurde sogleich das Schießen nach der Festscheibe eingestellt, und nach erhaltener Anweisung marschierte eine Abteilung der Schützen zur Bewachung der Elbbrücke ab.
Die Eisenbahnbrücke über die Elbe war schon seit drei Tagen von Eisenbahnbeamten mit geladenem Gewehr scharf bewacht.
Daß unter diesen Umständen von einem Verkehr auf dem Schützenfestplatze kaum noch die Rede sein konnte, ist selbstverständlich.
In höchster Eile durchfuhr unsere Stadt eine große Anzahl von Kraftwagen, die ihre Insassen aus den Bädern und Sommerfrischen in die Heimat zurückführten.
Viel angestaunt wurde ein russischer Wagen, dessen Erscheinen zu den übertriebensten Gerüchten Veranlassung gab.
Vor den Kasernen, besonders vor der Fridericianum- und Kavalierkaserne, in denen die Mannschaften ihre kriegsmäßige Ausrüstung in Empfang nahmen, sammelte sich seit den Nachmittagsstunden eine erwartungsvolle Menge, welche zunahm, als die Bekanntmachung des Generalkommandos vom IV. Armeekorps über das Verhalten der Bevölkerung bei Verhängung des Kriegszustandes angeschlagen wurde.
Auf dem Telegraphenamte musste fieberhaft gearbeitet werden, um die Menge der einlaufenden und abgehenden Depeschen zu erledigen.
Privattelegramme erlitten mehrstündige Verspätungen, da die Telegraphenlinien in erster Reihe von der Militärverwaltung und den staatlichen Behörden in Anspruch genommen waren.

Das Leben der Straße spiegelte deutlich die innere Erregung wieder. Überall sah man Gruppen von Menschen, die eifrig die Lage erörterten, und besonders in der Collegienstraße flutete bis in die Nacht hinein der Strom auf und ab.
Die Haltung der Bevölkerung war ernst und ruhig; gefaßt sah sie den nahenden Ereignissen entgegen.
Aus allen Worten klang die Überzeugung: Wir suchen den Krieg nicht, aber wir fürchten ihn auch nicht. Wird er uns freventlich aufgezwungen, so werden wir ihn mit Gottes Hilfe auch siegreich bestehen.

Als am 1. August früh die Sonderblätter die Mitteilung brachten, daß unsere Regierung durch eine befristete Anfrage in Petersburg über den Zweck der russischen Mobilmachung den letzten Versuch zur Erhaltung des Friedens unternommen habe, da gab es noch viele, welche die Hoffnung hegten, das Zarenreich könnte noch in letzter Stunde einlenken.
Mit gespannter Erwartung sah man daher dem Ablauf der durch das Ultimatum gestellten zwölf-stündigen Frist entgegen.
Aber Stunde um Stunde verstrich, ohne daß eine Nachricht über den Ausgang dieses letzten Schrittes gekommen wäre, und je weiter die Zeiger der Uhr vorrückten, desto mehr sank die Hoffnung auf Erhaltung des Friedens.
Die Unruhe, die sich im ganzen öffentlichen Leben ausdrückte, stieg immer höher. Unter diesen Umständen fand die von Sonderblättern gebrachte Nachricht von der Ermordung des Führers der französischen Sozialdemokratie Jaurés nicht die Beachtung, welche diese Tat sonst gefunden hätte.
Endlich gegen 6¼ Uhr abends traf die Nachricht ein, daß Rußland auf das deutsche Ultimatum keine befriedigende Antwort gegeben und Kaiser Wilhelm II. deshalb die Mobilmachung befohlen habe. Kurze Zeit darauf hatten die Zeitungsboten diese inhaltsschwere Mitteilung durch Sonderblätter in allen Teilen der Stadt verbreitet, und wie ein fliegendes Feuer ging sie hinaus in die Dörfer.
Gefaßt wie etwas Unabänderliches, das man kommen sah, wurde sie überall aufgenommen.

Vor den Kasernen sammelte sich bald wieder eine immer mehr anschwellende Menge, welche die jungen Krieger mit ermunternden Zurufen begrüßte.
Es bedurfte dessen freilich nicht;
Mut und Siegeszuversicht leuchtete aus jedem Gesicht.
Immer wieder ertönte aus den Mannschaftsstuben der Gesang der „Wacht am Rhein“ und anderer Vaterlandslieder.
Gegen 8 Uhr abends und kurz nach 10 Uhr rückten die ersten größeren Scharen von Reservisten ein, die von allen Seiten mit lautem Hurra begrüßt wurden.
Bis in die späten Nachtstunden hinein wogte das Leben in den Straßen und auf dem Marktplatze auf und ab.

Leider muß auch von einigen unerfreulichen Erscheinungen berichtet werden:
Überängstliche Leute bestürmten die städtische Sparkasse, die Kreissparkasse und die Banken und forderten ihre Sparguthaben zurück, sodaß sich die Behörde veranlaßt sah, in einer Bekanntmachung auf das Törichte dieses Gebahrens hinzuweisen und die Sicherheit der Spareinlagen zu betonen.
Wiederholt kam es auch vor, daß einzelne Personen sich weigerten, Papiergeld in Zahlung zunehmen.
In manchen setzte sich sogar jetzt schon die Furcht vor einem Mangel an Lebensmitteln fest, sodass sie anfingen zu „hamstern“ – ein Beginnen, das in den folgenden Kriegsjahren immer mehr zunahm, dann aber wenigstens begründet war.

Das fieberhaft aufgeregte Leben, das in der Nacht nur wenige Stunden geruht hatte, begann am 2. August – einem Sonntag – sehr früh wieder sich zu regen.
Die Eisenbahnzüge brachten zahlreiche Verwandte von Mannschaften unseres Infanterieregiments Nr. 20 und des Artillerieregiments Nr. 74, welche kamen, um Abschied zu nehmen – für so manchen ein Abschied fürs Leben.

Not lehrt beten!
Das zeigte ein Blick in die Kirchen, deren Gottesdienste so zahlreich besucht waren, wie seit Jahren nicht. Viele, die seit Jahren den Weg ins Gotteshaus nicht zu finden wußten, hatte die Not der Zeit dahin getrieben. Im Hauptgottesdienste der Stadtkirche predigte Pfarrer Haupt über das Psalmwort „Befiehl dem Herrn deine Wege“, und mit so großer Inbrunst ist wohl unseres Luthers Kampf-und Siegeslied „Eine feste Burg ist unser Gott“ in diejem Gotteshause selten erklungen.
Abends 6 Uhr hielt Superintendent D. Orthmann hier die erste Kriegsbetstunde ab, die von da ab während der Dauer des Krieges jeden Mittwoch abends 8 Uhr stattfand.
Im Laufe dieses Sonntags wurden auch die ersten Kriegstrauungen in größerer Zahl vollzogen.
Die in den Abendstunden durch Sonderblatt verbreitete Nachricht von der Kriegserklärung Deutschlands an Rußland, welche über Kopenhagen kam und sich nachher als falsch erwies, wurde als eine Selbstverständlichkeit hingenommen.
Als dann die ersten telegraphischen Nachrichten über die Zusammenstöße der russischen und deutschen Grenztruppen bekannt wurden, da lösten diese bei den Mannschaften unserer Garnison nur den einen Wunsch aus:
bald mit an den Feind zu kommen.

Die polizeiliche Sonntagsruhe war aufgehoben, die Geschäfte blieben wie an den Wochentagen geöffnet. Wie immer in erregten Zeiten schwirrten viele teils übertriebene teils unwahre Gerüchte der verschiedensten Art durch die Stadt.
In den späten Nachmittagsstunden brachten die Eisenbahnzüge immer mehr Reserven, die in den Kasernen und den Bürgerhäusern untergebracht wurden.
Was der Dichter der Freiheitskriege sang, das bewährte sich wieder glänzend in diesen Tagen:
„Der König rief, und alle, alle kamen!“

Je näher der Abend und mit ihm die Stunde des Ausmarsches unseres 20. Infanterieregiments kam, desto mehr wuchs die vor den Kasernen, namentlich der Fridericianumkaserne, sich anstauende Menge, sodaß der Verkehr auf den Bürgersteigen ins Stocken geriet. Sobald ein Soldat in der neuen grauen Felduniform Freunden und Bekannten sich näherte, hob ein Grüßen, Händeschütteln und Wünschen an.
Aber freilich – auch manchen schmerzlichen, tränenreichen Abschied gab es.
War doch wohl kaum ein Haus in unserer Stadt, aus dem nicht an diesem oder einem der kommenden Tage ein Verwandter hinauszog in den schweren Kampf.

Gegen 8 Uhr rückte die Fahnenkompagnie des 20. Infanterieregiments unter den Klängen des Preußenmarsches in den Hof der Fridericianumkaserne ein.
Nach einer begeisterten Ansprache des Regimentskommandeurs Oberst Schulze, die mit einem brausenden Hurra der Mannschaften beantwortet wurde, setzte sich das 1. Bataillon in Bewegung – voran die Regimentsmusik, welche die „Wacht am Rhein“ erklingen ließ. Die vielen Hunderte auf der Straße stimmten begeistert in das Kampflied ein. Hände, Hüte und Tücher wurden geschwenkt; brausendes Hurrarufen erfüllte die Luft und begleitete die Ausziehenden bis zum Bahnhofe, wo diese den Sonderzug bestiegen und unter den Klängen von „Deutschland, Deutschland über alles“, unter Grüßen und heißen Wünschen hinauszogen in den Kampf gegen Deutschlands Erbfeind.
Um 9¼ Uhr folgte die Maschinengewehrabteilung und 10¾ Uhr das 2. Bataillon unter Trommel und Pfeifenklang und dem Gesange von Soldatenliedern, während das 3. Bataillon um 12½ Uhr nachts ausrückte.
Im ganzen marschierten am ersten Mobilmachungstage 2 400 Mann des 20. Infanterieregiments ins Feld.

In den folgenden Tagen trafen unausgesetzt weitere Reserven der Infanterie und Artillerie ein, von denen die ersteren bald nach ihrer Einkleidung unter dem Gesange von Soldatenliedern nach dem Bahnhofe marschierten, um dem aktiven Regiment an die belgische Grenze nachbefördert zu werden.
Staunend sah man, was es bedeutet: ein Volk in Waffen.
Groß war die Zahl der Freiwilligen.
Namentlich der Zudrang zur Artillerie war sehr stark.
Von den 28 Primanern des Melanchthongymnasiums traten 21 als Kriegsfreiwillige ins Heer.
Für diese fand am 4. August vor dem Lehrerkollegium die Not-Reifeprüfung statt, welche 14 bestanden.
Während in den Grenzprovinzen bereits der Landsturm aufgerufen war, bewendete es bei uns noch bei Reserve und Landwehr. Trotzdem griff die Mobilmachung bereits tief in das Familien- und Geschäftsleben ein.
Auch in der Landwirtschaft machte sich der Mangel an Arbeitskräften geltend, zumal die erfreulich reiche Ernte noch teilweise im Felde stand.

Am 3. August traf die Nachricht ein, daß russische Truppen tags zuvor ohne förmliche Kriegserklärung die deutsche Grenze überschritten und die Feindseligkeiten eröffnet hatten, bei denen unsere Sicherungsposten Sieger blieben.
Noch größere Freude erweckte die Mitteilung von dem Schneidigen Vorgehen des Kleinen Kreuzers „Augsburg“, der den russischen Kriegshafen Libau mit mit sichtbarem Erfolge beschoß.

Seit dem 3. August wurde die scharf bewachte Elbbrücke – die Schützen waren mittlerweile durch Militär abgelöst worden – mit einbrechender Dunkelheit für den Verkehr gesperrt.
Die von diesem Zeitpunkte an die Brücke überschreitenden Personen und Wagen wurden in Sammeltrupps von den Wachen hinübergeleitet.
Da das Erscheinen feindlicher Flieger befürchtet wurde, so war längere Zeit neben dem Hause des Brückengeldeinnehmers ein Abwehrgeschütz aufgestellt.
Gleichzeitig erließ der Magistrat eine Bekanntmachung über das Verhalten der Bürgerschaft bei Ankunft von feindlichen Flugzeugen. Glücklicherweise erwiesen sich diese Besorgnisse als unnötig.
Vom Generalkommando des 4. Armeekorps erging an alle Gemeinden die Aufforderung, zur Sicherung des militärischen Verkehrs die Eisenbahnstrecken in ihrer Umgebung zu bewachen. Dementsprechend waren neben der Elbbrücke auch sämtliche Flutbrücken, sowie die Eisenbahnübergänge und die Eisenbahnstrecke selbst durch Militär, Wittenberger Schützen, Eisenbahnbeamte und Pratauer Einwohner mit scharfgeladenem Gewehr gesichert.
Alle Wagen, besonders Kraftwagen, wurden angehalten, untersucht und unter Bedeckung über die Elbbrücke begleitet.
Vor dieser lag in der Elbe der Dampfer „Habicht“ der Strompolizei, der jedes Schiff, welches die Elbbrücke durchfahren wollte, anhielt und nach der Durchsuchung durch die Brücke geleitete.

Ebenso wie Wittenberg glich auch das benachbarte Pratau einem Truppenlager.
In diesem Orte waren namentlich die Freiwilligen der Artillerie einquartiert.
Die Uniformen saßen ihnen zwar nicht immer gut – öfter waren die Beinkleider oder die Rockärmel zu lang, sodaß sie umgeschlagen werden mußten – aber der unverwüstliche Humor und die Begeisterung hilft über solche Kleinigkeiten hinweg.

Vertrauensselige Gemüter hatten bis zur letzten Stunde noch gehofft, England werde in dem Streite zwischen Deutschland und seinen beiden Nachborn eine wohlwollende Neutralität bewahren. Die weniger Gutgläubigen freilich, die den britischen Charakter besser einzuschätzen wußten, setzten von vornherein in dessen Verhalten das größte Mißtrauen.
Die Ereignisse gaben ihnen nur zu bald recht.
Am 4. August abends 7 Uhr erklärte England an Deutschland den Krieg unter dem Vorwande, Deutschland habe durch seinen notgedrungenen Einmarsch in Belgien dessen Neutralität verletzt, und England sei verpflichtet, diese zu schützen.
Dabei hatte Belgien, wie die in den Archiven von Brüssel, Antwerpen ua. Orten aufgefundenen Dokumente beweisen, sich Frankreich und England gegenüber längst seiner Neutralität begeben und sich bereitfinden lassen, diesen beiden Staaten im Falle eines Krieges mit dem Deutschen Reiche als Aufmarschgebiet zu dienen.
Mit steigendem Neide hatte man schon längst jenseits des Kanals Deutschlands wachsende Macht verfolgt.
Der deutsche Welthandel war überraschend schnell gewachsen und würde in kurzer Zeit den englischen eingeholt und übertroffen haben.
Das aber war dem britischen Dünkel und der britischen Gewinnsucht ein unerträglicher Gedanke.
Daraus erklärt sich die Einkreisungspolitik Eduards VII., daraus Englands Eintritt in den Krieg.
War doch seine Politik von jeher gegen die stärkste Macht auf dem Festlande und gegen jeden ernsthaft auftretenden Wettbewerber im Welthandel gerichtet.
Jetzt hielt das neidgeschwollene Albion den geeigneten Augenblick für gekommen, diesen lästigen deutschen Mitbewerber mit Hilfe seiner Verbündeten zu beseitigen, die kurzsichtig genug waren, mit dem Blute ihrer Völker den englischen Weizen zu düngen.
Denn lediglich als ein Geschäft galt England dieser Krieg.
Daß dieses sich trotz der zahlreichen Geschäftsteilhaber mehr und mehr zu einem „faulen“ entwickelte, lag freilich außerhalb der so fein ausgeklügelten Berechnungen.

Gerade als die Glocken der Stadtkirche zu dem von dem Kaiser für den 5. August angeordneten allgemeinen Buß- und Betgottesdienste riefen, wurde die Nachricht von der Kriegserklärung Englands bekannt, und dies trug wesentlich dazu bei, die tiefernste Stimmung der das Gotteshaus füllenden Menge zu verstärken.
Währenddem dauerte der Einmarsch und Ausmarsch der Reserven ununterbrochen fort.
Am Abend des Buß- und Bettages marschierte das hier gebildete Reserve-Infanterieregiment Nr. 20 zum Bahnhofe, durch den Tag und Nacht die Züge mit Truppen und Kriegsgerät rollten.
Seit dem ersten Mobilmachungstage waren an den Bahnsteigen vom hiesigen Zweigverein vom „Roten Kreuz“ Erfrischungsstellen errichtet, von denen den durchkommenden Truppen unentgeldlich Eßwaren, alkoholfreie Getränke sowie Zigarren und Zigaretten gereicht wurden.
Hierzu hatte sich aus der Bürgerschaft eine große Zahl freiwilliger Helferinnen und Helfer zur Verfügung gestellt. Hocherfreulich war auch der Zudrang zu dem im Katharinenstift eingerichteten Samariterkursus, der so überfüllt war, daß weitere Anmeldungen abgewiesen werden mußten.
Die vom Zweigverein des „Roten Kreuzes“, vom Vaterländischen Frauenverein und von dem Vorstande des hiesigen Flottenvereins erlassenen Aufrufe zum Spenden von Liebesgaben hatten reichen Erfolg.
Bis zum 14. August ging allein bei der hiesigen Sammelstelle vom „Roten Kreuz“ an barem Gelde die Summe von 5 266,14 Mark ein. Bewundernswert waren die Leistungen der Eisenbahnverwaltung, die sich vor eine Riesenaufgabe gestellt sah, die sie aber sicher und glatt löste. Geradezu ansteckend wirkte der Humor und die Begeisterung der vielen unsern Bahnhof berührenden Truppen.
Das Äußere der Wagenabteile zeigte meist launige oder auch ernste Sprüche, sowie Zerrbilder, bei denen vor allem Zar Nikolaus, Englands König und Frankreichs Präsident eine nicht beneidenswerte Rolle spielten.

Sehr oft sah man Bismarcks Wort:
„Wir Deutschen fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt.“
Dann ging es in bunter Folge weiter:
„Dem Deutschen das Kreuz von Eisen, dem Franzosen das Eisen ins Kreuz.“
„Wir haben Schneid und Mut, dazu ’ne saft’ge Wut.“
– „Wer fort uns zwingt von Weib und Kind, kriegt Keile, aber nicht gelind.“
„Laßt die Franzosen Siege lügen, wenn wir nur Sieg an Siege fügen.“
– „Russische Eier, französischer Sekt, deutsche Hiebe – ei, wie das schmeckt!“
„Alle Schuld rächt sich auf Erden. England, du mußt chemisch gereinigt werden.“
„Franzosen, Russen, Serben, alle müssen sterben. Deutschland und auch Österreich sollen sie dann beerben.“
„Nikolaus und Poincaré, ihr bringt uns nicht in Schrecken, ihr könnt uns mit dem Mister Grey mal ruhig am Ärmel lecken.“
Der König der Belgier an Kaiser Wilhelm:
„Lieber Wilhelm, ich bitt‘ dich, gib mir zurück mein Lüttich.“
Kaiser Wilhelm an den König von Belgien:
„Warte nur noch ein bissel, gleich nehme ich auch noch Brüssel.“

In dem hellen, freundlichen Bilde, das unsere Stadt in der Begeisterung und Vaterlandsliebe ihrer Bewohner bot, fehlten leider auch einzelne verunzierende Flecken nicht.
Zu den schlimmsten gehörten die Wucherpreise für notwendige Lebensmittel.
Wurde doch von einigen gewinnsüchtigen Leuten für eine Metze (5 Liter) Kartoffeln 1 M. gefordert, während der regelmäßige Preis 40 bis 50 Pf. betrug.
Der Vorstand des Gartenbauvereins sah sich daher veranlaßt, seine Mitglieder vor derartigen ungerechtfertigten Preissteigerungen zu warnen, und die Geistlichen fühlten sich gezwungen, diesen Wucher in der Predigt zu verurteilen.
Zu seiner Bekämpfung wurde später eine städtische Preisprüfungsstelle errichtet, welche für die Lebensmittel usw. Höchstpreise festsetzte.
Freilich fanden sich immer wieder Leute mit weitem Gewissen, die sich nicht daran kehrten, und Verurteilungen und Geschäftsschließungen wegen Überschreitung der Höchstpreise kehrten während der ganzen Dauer des Krieges immer wieder.

Die erste Festsetzung von Höchstpreisen auf Grund des Reichsgesetzes vom 4. August 1914 geschah durch den Magistrat am 12. März 1915 mit Wirkung vom 15. März 1915 ab. Sie bestimmte:
– für 1 Zentner Kartoffeln ………..   5,50 M
– für 1 Pfund Roggenmehl …………. 0,20 M
– für 1 Pfund Weizenmehl …………  0,24 M
– für 1 Pfund gemahlener Zucker 0,24 M
– 1 Pfund Würfelzucker ……………..  0,28 M
– für 1 Liter Vollmilch ………………….  0,20 M
– für 1 Pfund Butter ……………………   1,20 M
– für 1 Liter Petroleum ……………….   0.24 M

Diese Höchstpreise wurden von den Erzeugern – namentlich inbezug auf Milch und Butter – als zu niedrig bekämpft, und dieser Widerspruch kam auch in der Stadtverordnetensitzung vom 16. März zum Ausdruck.
Es wurde darauf hingewiesen, daß die Höchstpreise für Milch und Butter in keinem Verhältnis zu dem Preise für Futtermittel ständen, die seit dem Herbste 1914 eine ganz außerordentliche Steigerung erfuhren; zB.
– ein Zentner Kleie von 7,50 M. auf 20 M.,
– Erdnußmehl von 8,10 M. auf 18 M.,
– Rapskuchen von 7,50 M. auf 15 M.

Da diese Höchstpreise von den Verhältnissen bald überholt wurden, so sah sich der Magistrat genötigt, sie am 18. Mai 1915 wieder aufzuheben und später wiederholt durch andere, höhere, zu ersetzen.
Jedenfalls erwies sich die Festsetzung von Höchstpreisen zum Schutze der Verbraucher gegen Wucher als notwendig.
Freilich hatten diese eine ebenso ungewollte als unangenehme Erscheinung im Gefolge:
Mit ihrem Erscheinen pflegten viele Lebensmittel aus dem freien Verkehr zu verschwinden, um unter der Hand zu weit höheren Preisen, die oft wahre Phantasiepreise waren, verkauft zu werden; so wurde im Frühjahr 1917
– für ein Pfund geräucherten Speck statt des Höchstpreises von 2,20 M. unter der Hand bis 8 M.,
– für Schlackwurst (Höchstpreis 2,60 M.) 6 M.,
– Butter (Höchstpreis 2,54 M.) 6 M.,
– für ein Ei (Höchstpreis 24 Pf.) 40 Pf. und darüber gezahlt.

Es gab Leute genug, die jeden verlangten Preis zahlten, wenn es galt, Vorräte einzuheimsen.
Der Volksmund bezeichnete sie zutreffend mit dem Namen „Hamster“.
Die Behörden sahen sich wiederholt gezwungen, gegen diese die Allgemeinheit schädigende „Hamsterei“ einzu greifen, ohne jedoch das Übel beseitigen zu können.

Die Truppeneinquartierungen in unserer Stadt, die mit dem ersten Mobilmachungstage begannen, dauerten auch in den folgenden Wochen fort.
So trafen am 7. August 2 000 Mann zur Bildung eines Landwehrregiments hier ein, denen wenige Tage später die gleiche Anzahl folgte.
Bis zum 14. August waren 7 200 Mann einquartiert, und bis zum 20. März 1915 wuchs diese Zahl auf mehr als 30 000 Mann.
An Quartiergeldern wurden bis zum genannten Tage rund 310 000 Mark ausgezahlt, die sich auf 260 049 Einquartierungstage verteilen.
Zweifellos stand Wittenberg mit der Einquartierungslast im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl an der Spitze aller Garnisonstädte. Um den darin liegenden gewaltigen Anforderungen genügen zu können, mußte das städtische Einquartierungsamt vom ersten Mobilmachungstage ab ununterbrochen, oft bis 10 Uhr abends, angestrengt arbeiten.
Zur Unterbringung dieser Massen mußten die Bürgerquartiere bis an die Grenze des Möglichen belegt werden.
Neben den Haus besitzern wurde jeder Mieter von 300 M. Jahresmiete ab verpflichtet, Einquartierung aufzunehmen.
Daß bei dieser starken Belegung die Quartiere nicht immer den gestellten Anforderungen entsprachen, liegt auf der Hand. Der Magistrat sah sich daher veranlaßt, unter dem 16. Oktober 1915 die entsprechenden Bestimmungen über die Beschaffenheit der Quartiere zur Beachtung bekannt zu geben.
Diese Bestimmungen, die freilich für normale Verhältnisse berechnet sind, erfuhren denn auch in der Bürgerschaft heftigen Widerspruch, der ua. in der Ortspresse und in der Stadtverordnetenversammlung zum Ausdruck gelangte.
Dieser richtete sich ua. dagegen, daß den Bürgern außer ihren sonstigen Opfern auch noch Opfer an Geld zugemutet wurden, da die Quartiergeldsätze unzureichend waren.
Wurde doch, solange die Truppen mit voller Verpflegung einquartiert waren, für den Mann und Tag nur 1,20 M. gezahlt.
Als auf das Drängen der Bürgerschaft hin die Truppen ohne Verpflegung gelegt wurden, zahlte die Militärverwaltung für den Mann und Tag im Winter nur 15 Pf. und im Sommer 10 Pf., trotzdem die Kosten für die geforderte Heizung und Beleuchtung der Quartiere ganz erheblich gewachsen waren.
Hatte doch die Stadt selbst für das von ihr im „Gesellschaftshaus“ eingerichtete Massenquartier den Preis auf 45 Pf. für den Mann und Tag festgesetzt.
Lebhaft beklagt wurde es auch, daß sich die Auszahlung der Quartiergelder so lange verzögerte. Um diese zu beschleunigen, beschloß die Stadtverordnetenversammlung am 22. Oftober 1914, zu diesem Zwecke bei der Stadtsparkasse ein Darlehen bis 400 000 M. aufzunehmen.
Während Wittenberg unter der großen Einquartierungslast seufzte, blieben die Nachbarstādie Zahna, Pretzsch, Kemberg, Schmiedeberg davon befreit.
Die Anträge, zugunsten von Wittenberg dorthin Truppen zu legen, wurden „aus militärischen Gründen“ abgelehnt.
Um der Bürgerschaft die Last etwas zu erleichtern, richtete die städtische Behörde anfangs Januar 1916 die Knabenbürgerschule zur Hilfskaserne ein.
Die Schüler wurden im Gebäude der Mädchenbürgerschule untergebracht.

Eins darf gerechterweise hierbei auch nicht übersehen werden: durch die Einquartierung machten zahlreiche Gastwirtschaften und Kaufleute namentlich im ersten und zweiten Kriegsjahre glänzende Geschäfte, und man kann es verstehen, wenn aus diesen Kreisen den Anträgen auf Verlegung von Truppen ein gewisser Widerstand entgegengesetzt wurde.
Erst Mitte Juli 1916 entschloß sich die Militärverwaltung dazu, der Wittenberger Bürgerschaft durch Verlegen des Landwehrbataillons die gewünschte Erleichterung zu gewähren. Über den Umfang der Einquartierungslast gibt die nachfolgende Aufstellung ein anschauliches Bild.

Nachdem England unter fadenscheinigen Gründen Deutschland den Fehdehandschuh hingeworfen hatte, folgte auch Belgien als vierter Feind diesem Beispiele, obgleich die deutsche Regierung ihm seine Selbständigkeit feierlich zugesichert und versprochen hatte, allen durch den notgedrungenen Durchmarsch der deutschen Truppen entstandenen Schaden zu vergüten.
Eine bedauernswerte Voreiligkeit war es, daß der Reichskanzler von Bethmann-Hollweg im Deutschen Reichstage das Wort von „einem Belgien zugefügten Unrecht“ fallen ließ.
Diese diplomatische Entgleisung hat sich später schwer gerächt.
Die nachfolgenden Ereignisse bewiesen bald, daß Belgien – wie bereits ausgeführt wurde – längst seiner Neutralität entsagt und zu einem bloßen Werkzeuge Englands und Frankreichs geworden war. Die Vergeltung folgte auf dem Fuße.
Am 7. August abends 8 Uhr meldete ein Sonderblatt, daß die deutschen Truppen in heldenhaftem Ansturm die Festung Lüttich genommen und damit den Weg ins Tal der Maas geöffnet hatten.“
(Wir folgen bei diesen und den weiteren Angaben über die Kriegsführung den amtlichen Heeresberichten, deren Nachprüfung nicht Im Rahmen dieser Veröffentlichung liegt.)

Gleich darauf erschienen an den Häusern die Fahnen und gaben die Freude der Bürgerschaft kund.
Von einer zweiten Heldentat wußten die Blätter am nächsten Tage zu berichten:
Der Hilfskreuzer (frühere Bäderdampfer) „Königin Luise“ brachte durch Legen von Minen in der Themse den englischen Kleinen Kreuzer „Amphion“ mit 380 Mann Besatzung zum Sinken.
Leider wurde das Schiff dabei selbst samt seiner tapferen Besatzung von 6 Offizieren und 114 Mann in den Grund gebohrt.

Schon seit dem 4. August lief durch die verschiedenen deutschen Zeitungen und zwar in bestimmter Form die Mitteilung, daß in Deutschland feindliche Kraftwagen unterwegs seien, die 80 Millionen in Gold von Frankreich nach Rußland bringen sollten. Auch in Wittenberg und Umgegend fahndete man eifrig nach diesen sagenhaften Goldwagen.
Alle Straßen und Brücken in Stadt und Land wurden scharf bewacht und jeder Kraftwagen genau durchsucht.
Die Sache war natürlich eine fette Ente.
Die Automobiljagd aber artete in groben, gefährlichen Unfug aus.
Es konnte schließlich kein Kraftwagen mehr eine Ortschaft durchfahren, ohne mehrfach angehalten und bedroht zu werden.
Da hierdurch das Leben von Personen gefährdet und der Kraftwagenverkehr, selbst jene der Armee, empfindlich gestört wurde, so sah sich das Generalkommando veranlaßt das Anhalten der Kraftwagen zu untersagen.

Ein freudiges Echo weckten am 11. August die Nachrichten von den ersten siegreichen Gefechten gegen die französische Armee.
Eine vorgeschobene gemischte Brigade des 5. Armeekorps wurde von den deutschen Sicherungstruppen bei Lagarde in Lothringen angegriffen und unter schweren Verlusten in den Wald von Paron bei Luneville zurück geworfen, während das von Belfort aus in Ober-Elsaß vorgedrungene 7. französische Armeekorps von unseren Truppen bei Mülhausen in südlicher Richtung unter blutigen Verlusten zurückgeschlagen wurde.

Am 11. August fand die erste Stadtverordnetensitzung seit Kriegsausbruch statt, die für immer denkwürdig bleiben wird und sich zu einer begeisterten vaterländischen Kundgebung gestaltete. In treffender und wirkungsvoller Weise begründete der Stadtverordnetenvorsteher Bickel die Einberufung der außerordentlichen Versammlung im Hinblick auf die Aufgaben der angebrochenen ernsten und doch großen Zeit.
Ebenso eindrucksvoll war die Begründung, die Bürgermeister Dr. Schirmer zu den beiden den Vorlagen gab:
– 1. Bereitstellung von 10 000 Mark für außergewöhnliche, durch den Krieg bedingte Ausgaben.
– 2. Weitergewährung der bisherigen Gehalts- bzw. Lohnbezüge an die zur Fahne einberufenen städtischen Angestellten und Arbeiter. Beide Vorlagen wurden ohne Besprechung einstimmig angenommen.
Mit einem vom Stadtverordnetenvorsteher ausgebrachten und von der Versammlung begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser schloß die denkwürdige Sitzung.

Am Vormittag des 12. August fanden für das hier zusammengestellte und zum Ausmarsch bereite Landwehr-Infanterieregiment Nr. 20 auf dem Arsenalplatz, im Hofe der Kavalierkaserne und im Birkenwäldchen Feldgottesdienste statt. Abends 10½ Uhr rückte das 1. Bataillon aus, begrüßt und geleitet von der Begeisterung und den Wünschen der Bürgerschaft.
Nachts 2½ Uhr folgte das 2. und früh 5½ Uhr das 3. Bataillon.
Der Andrang der Freiwilligen zu den Fahnen war noch immer so zahlreich, daß viele zurückgewiesen werden mußten.
Bis zum 10. August wurden im Deutschen Reiche im ganzen 1 300 000 Kriegsfreiwillige gezählt. In großer Zahl stellten sich namentlich die Schüler der höheren Schulen der Landwirtschaft zur Verfügung zum Einbringen der reichen Ernte, die denn auch bei dem anhaltend guten Wetter trotz Mangel an geübten Arbeitskräften und an Gespannen glücklich geborgen werden konnte.
Immer zahlreicher kamen in dieser Zeit die Nachrichten über das rohe Verhalten der belgischen Zivilbevölkerung, insbesondere der Wallonen, welche die in Belgien Iebenden Deutschen in gemeinster Weise mißhandelten und unsere Truppen aus dem Hinterhalte meuchlings beschossen.

Die am 15. August in den hiesigen Zeitungen veröffentlichte erste Verlustliste des Infanterieregiments Nr. 20 bestätigte das schon seit einigen Tagen in der Stadt im Umlauf befindliche Gerücht:
Der Kommandeur des Regiments, Oberst Schulze, der seit 1912 an dessen Spitze stand und der sich „durch hervorragende menschliche und soldatische Eigenschaften auszeichnete“, erlitt in den Kämpfen um Lüttich den Heldentod.
Magistrat und Stadtverordnetenversammlung widmeten ihm einen warmen Nachruf.

Mit großer Spannung erwartete die Bevölkerung die Nachrichten von den Kriegsschauplätzen.
Bisher war nur weniges durchgesickert.
Der Aufmarsch der Truppen vollzog sich in großer Heimlichkeit; man erfuhr nicht einmal die Namen der Heerführer.
Die von den Soldaten nach der Heimat gesandten Postsachen waren einer Strengen Zensur unterworfen.
Mittlerweile wurde auch der Landsturm der innerpreußischen Provinzen, also auch unserer Provinz Sachsen, aufgeboten.
Die am 18. August erschienene dritte Verlustliste, welche die bei Lüttich erhaltenen Verluste meldete, enthielt 621 Namen.
Das 20. Infanterieregiment war daran mit 137 Mann beteiligt.
Dazu kamen in der vierten Verlustliste weitere 208, darunter 17 von unseren 20 ern.
Die fünfte Verlustliste zählte 90 Namen unseres 20. Infanterieregiments auf und die sechste deren 25.

Den erfreulichen Nachrichten über die Siege der deutschen Truppen über die französischen in den Gefechten bei Pervez, Weiler und Tirkemont und über den Erfolg des Kleinen Kreuzers „Straßburg“, der ein englisches Torpedoboot versenkte, folgte leider die Botschaft von der feindseligen Haltung Japans.
Mit schamloser Dreistigkeit stellte dieses in Form eines Ultimatums an Deutschland das Ansinnen, ihm unsere blühende Kolonie Kiautschou auszuliefern und alle deutschen Kriegsschiffe aus den japanischen und chinesischen Gewässern zurückzuziehen. Selbstverständlich hielt es unsere Regierung als unter ihrer Würde, auf dieses Verlangen zu antworten. Sie rief den deutschen Gesandten in Tokio ab und stellte dem japanischen Gesandten in Berlin die Pässe zu.

So trat denn zu Rußland, Frankreich, England, Belgien, Serbien und Montenegro Japan als neuer Feind, der aber ebensowenig wie jene vermochte, die Begeisterung und den Mut unserer Truppen wie der Daheimgebliebenen zu erschüttern.
Bereits am 21. August konnten diese neue, hohe Wellen schlagen. An diesem Tage traf die Nachricht von einem Doppelsiege ein: Deutsche Truppen besetzten Brüssel, die Hauptstadt Belgiens. Truppen aller deutschen Stämme unter Führung des Kronprinzen von Bayern schlugen am 20. August zwischen Metz und den Vogesen die in Lothringen vordringenden starken französischen Kräfte, deren Rückzug in wilde Flucht ausartete.
Mehr als 10 000 Gefangene und über 500 Geschütze fielen in die Hände der Sieger.
Heller Jubel erfüllte unsere Stadt, als die Sonderblätter gegen 4 Uhr nachmittags diese Siegeskunde verbreiteten.
Gleich darauf flatterten aus den Häusern die Fahnen und hüllten die Straßen in ein festliches Gewand.
Auf dem Marktplatze sammelte sich eine frohgestimnite Menge, die eifrig das große Ereignis erörterte.
Sie schwoll immer mehr an, als um 5 Uhr die Kühnsche Musikkapelle erschien und im Rathausportal Aufstellung nahm.
Von hier aus richtete Superintendent Orthmann an die Versammelten eine begeisterte Ansprache, die in ein Hoch auf den Kaiser ausklang.
Die Musik trug dann eine Reihe von Märschen und vaterländischen Liedern vor, die von der Menge mitgesungen wurden.
Um 9 Uhr abends führte der Jung-Deutschland-Bund unter Trommel- und Pfeifenklang und begleitet von einer großen Menge einen Zapfenstreich durch die Hauptstraßen der Stadt aus.
Bis in die späten Nachtstunden wogten die Einwohner in froher Stimmung auf dem Marktplatze und in den Hauptstraßen auf und ab, während aus den Mannschaftsstuben der Kasernen unaufhörlich vaterländische Lieder und Hurrarufe erklangen.

In den folgenden Tagen mehrten sich fortgesetzt die Siegesnachrichten:
Am 22. August siegte der deutsche Kronprinz über die Franzosen bei Longwy und der Herzog Albrecht von Württemberg am Semois. Bei Gumbinnen schlägt das 1. deutsche Armeekorps die Russen und erbeutet 8 000 Gefangene nebst 8 Geschützen.
Am 25. August wird die belgische Festung Namur von unseren Truppen eingenommen und am 27. August die französische Festung Longwy.
Am 28. August wird die englische Armee durch die Deutschen unter Generaloberst von Kluck bei Maubeuge vollständig geschlagen. Mehrere tausend Gefangene, 7 Feldbatterien und eine schwere Batterie wurden die Beute des Siegers.
Am gleichen Tage wurde eine französisch-belgische Armee zwischen Sombre, Namur und Maas durch Generaloberst von Bülow und Generaloberst von Hausen völlig besiegt.
Gleich nach Bekanntwerden dieser Siegesbotschaft erschienen an den Häusern die kaum eingezogenen Fahnen wieder, und die Glocken der Stadtkirche stimmten ihr helles Siegesgeläut an. Am Abend führte der Jung-Deutschland-Bund einen Zapfen-Streich aus.

Noch war der Jubel über die Siege ber deutschen Waffen im Westen nicht verhallt, als neue noch größere Siegeskunde vom Osten eintraf: Unsere Truppen unter Führung des Generalobersten von Hindenburg schlugen in der Gegend von Gilgenburg-Tannenberg-Ortelsburg die russische Narewarmee (5. Armeekorps und 3 Kavallerie-Divisionen).
Den Siegern fielen 70 000 Gefangene, darunter 300 Offiziere, sowie zahlreiche Geschütze in die Hände.
Wieder ließen die Glocken der Stadtkirche ihren Siegesjubel erschallen, und die Straßen hüllten sich in Flaggenschmuck.
Leider erfuhr die Siegesfreude eine Trübung durch die Nachricht, daß westlich von Helgoland die Kreuzer „Ariadne“, „Köln“ und „Mainz“, sowie das Torpedoboot „V. 187“ von überlegenen englischen Seestreitkräften vernichtet wurden.
Aber auch die Engländer erlitten schwere Verluste.

Die gewaltigen Ereignisse drängten naturgemäß die sonst übliche Feier des Sedantages zurück.
Diese beschränkte sich auf Schulfeiern, und am Abend wurde in der Stadtkirche eine Dankes- und Siegesfeier abgehalten.

Mit andauernder Begeisterung folgten die Daheimgebliebenen dem siegreichen Vordringen unserer Heere im Westen, die sich der Hauptstadt Frankreichs bis auf 50 km näherten, sodaß es die französische Regierung für geraten hielt, sich nach Bordeaux zu begeben, und die Einwohner sich anschickten, aus Paris zu fliehen.

Am 5. September trafen in unserer Stadt die ersten verwundeten Kriegsgefangenen ein.
Neben einigen Belgiern waren es in der Hauptzahl Franzosen, darunter auch mehrere Zuaven.
Der Zug mit den rund 300 Verwundeten, der über Magdeburg geleitet wurde, lief kurz nach 8 Uhr abends auf dem hiesigen Bahnhofe ein, wo er auf das Gleis der Hafenbahn übersetzte und nach dem Hafen befördert wurde, wo die Ausladung geschah.
Die Schwerverwundeten, von denen einer kurz vor dem Einlaufen des Zuges starb, kamen in das Garnisonlazarett, während die übrigen in den Hilfslazaretten im „Kaisergarten“ und „Balzers Saal“ Aufnahme fanden.
Nur eine kleine Zahl konnte den Weg dahin zu Fuß zurücklegen; die meisten wurden durch Mitglieder der Freiwilligen Sanitätskolonne und freiwillige Krankenträger aus der Bürgerschaft auf Tragbahren, Krankenwagen, Omnibussen und Kraftwagen befördert. Sämtliche Transporte begleiteten Landwehrmänner mit aufgepflanztem Seitengewehr.
Die Nachricht von der Ankunft der Kriegsgefangenen hatte eine große Zahl der Einwohner in Bewegung gesetzt, die den Weg von der Ausladestelle bis zum Garnisonlazarett auf beiden Seiten dicht besetzt hielten, und denen so die Leiden des Krieges in anschaulicher Weise vor Augen geführt wurden.
Es verdient im Gegensatz zum Verhalten unserer Feinde hervor gehoben zu werden, daß unsere Bevölkerung eine durchaus ernste und würdige Haltung bewahrte. Nur halblaut tauschte man seine Bemerkungen und Meinungen aus.
Recht ungünstig wurde die nach deutschen Begriffen unzweckmäßige Uniform der Franzosen beurteilt – das rote weithin sichtbare Käppi, die roten Hosen und der bis an die Knöchel reichende lange dunkelblaue Waffenrock, der zurück geknöpft werden kann und dann zugleich die Stelle des Mantels vertritt.
Erst gegen 12 Uhr nachts war der lange Zug seiner traurigen Last entladen.
Am folgenden Morgen, gegen 4 Uhr, traf abermals ein Eisenbahnzug mit 250 verwundeten französischen Kriegsgefangenen hier ein, die in gleicher Weise nach den sorgfältig eingerichteten und reichlich ausgestatteten Hilfslazaretten überführt wurden.
Es waren dazu in der Stadt eingerichtet:
– „Schweizergarten“,
– „Kaisergarten“,
– „Ackermanns Garten“,
– „Loge zum treuen Verein“,
– „Bürgergarten“,
– „Balzers Saal“,
– „Schrebergartenschänke“,
– „Freudenbergs Saal“,
– „Reichspost“ (Muth) und
– „Schützenhaus“.
Dazu kamen in Kleinwittenberg „Elbhafen“ und „Kronprinz“.
Mithin waren sämtliche Säle in der Stadt belegt.
(Der Hannemannsche kleine Saal in der Collegienstraße war zum Stadtquartier für die Stickstoffwerke eingerichtet.) Theatervorstellungen usw. konnten nur in dem außerhalb der Stadt gelegenen „Goldenen Stern“ abgehalten werden.
Für Versammlungen, Familienabende und sonstige religiöse und vaterländische Veranstaltungen wurde die Stadtkirche, der Festsaal des Melanchthongymnasiums und die Turnhalle der Mittelschule bereitgestellt.

Am 8. September wurde der erste französische Kriegsgefangene, der auf dem Transport seinen Wunden erlegen war, auf dem alten Friedhof rechts der Dresdener Straße beerdigt.
Dem schlichten schmucklosen Sarge vorauf schritt der hiesige katholische Geistliche mit den beiden Chorknaben.
Hinter dem Sarge, der von deutschen Soldaten getragen wurde, folgte eine Abteilung des Ersatzreserve-Bataillons unter Leitung eines Feldwebels.
Unsere Bevölkerung begegnete dem Leichenzuge, ebenso wie allen späteren Beerdigungen von Kriegsgefangenen, mit ehrfurchtsvollem Schweigen.
Um so nichtswürdiger war es, daß die deutsch-feindliche „Neue Züricher Zeitung“ die auf die angeblichen Aussagen englischer Offiziere sich stützende unwahre Beschuldigung erhob, die Einwohner Wittenbergs hätten die Leichenzüge von Kriegsgefangenen verhöhnt.
Diese Verunglimpfung unserer Bürgerschaft erfuhr in der Stadtverordnetensizung die verdiente Zurückweisung.

Am 7. September fiel die französische Festung Maubeuge, wobei 40 000 Gefangene, darunter 4 Generale den Siegern in die Hände fielen.
Die Siegesnachricht, die hier am Nachmittag des 8. September eintraf, wurde in üblicher Weise durch Siegesgeläut, Flaggenschmuck und Zapfenstreich des Jung-Deutschland-Bundes begrüßt.
Am folgenden Tage fiel der Unterricht in den Schulen aus.

Bis Mitte September 1914 waren in Deutschland rund 300 000 unverwundete Kriegsgefangene untergebracht.
Bald bekam auch Wittenberg die ersten dieser Gäste zu sehen.
Für ihre Unterbringung war draußen im Westen der Stadt, in der Nähe der Christuskirche, auf dem Gelände, das begrenzt wird von der Dessauer Straße und der Dessauer Eisenbahn, ein Barackenlager errichtet.
Dieses bedeckte ohne Lazarett und Wirtschaftsgebäude eine Fläche von 12,1 ha.
Seine größte Belegung betrug (im Dezember 1914) rund 16 000 Mann, die sich auf 55 Baracken von je 52 x 12 Meter verteilten.
Sämtliche Baracken waren mit Dielung versehen, die zum Schutz gegen Feuchtigkeit und Kälte 20 cm über dem Erdboden lag.
Jede Halbbaracke wurde während der kalten Jahreszeit durch einen großen eisernen Mantelofen geheizt.
Breite Zwischenräume trennten die einzelnen Baulichkeiten von einander und bildeten so gerade Straßen, die den Verkehr nach allen Teilen des Lagers vermittelten.
Das ganze Lager war mit einem hohen doppelten Zaun von Stacheldraht umgeben. An den Eingängen standen deutsche Landsturmleute, die eine scharfe Kontrolle ausübten.
Ohne Ausweis durfte niemand das Lager betreten.
Als erste trafen französische Kriegsgefangene ein, denen bald auch Russen folgten, die aber von ihren Bundesbrüdern ob ihres Kulturzustandes nicht eben freundlich begrüßt wurden.
Etwas später folgten Engländer und Belgier und Anfang November 1917 noch 7 000 Italiener.
Die Gefangenen, vor allem die Russen, trafen meist in verlaustem und schmutzigen Zustande im Lager ein, wo sie bald nach der Ankunft einer gründlichen Reinigung des Körpers und der Kleider unterzogen wurden.
In der Zeit vom 1. November 1914 bis 1. August 1915 wurden hierzu 1 681 kg Seife verabfolgt und für das Lazarett überdies noch 830 kg. Für jeden Mann war eine Matratze vorhanden, außerdem erhielt jeder von vornherein zwei wollene Decken.
Die Bekleidung war die von den Gefangenen mitgebrachte.
Wenn im Anfang, besonders bei den Engländern, einige Kleidungsstücke fehlten, so war dies eine Folge ihrer Spielwut, die sie verleitete, ihre Kleider zu verkaufen und den Erlös als Einsatz zu benutzen.
Die Russen waren jedenfalls im Gelderwerb praktischer. Sie verfertigten mit bewundernswerter Geschiecklichkeit und mit den einfachsten Hilfsmitteln Fingerringe, Modelle von Flugmaschinen, Spielwaren und andere Sachen, die sie gegen bescheidenen Lohn durch die gefälligen Landsturmmannschaften vertrieben.
Überhaupt bewiesen sich die russischen Kriegsgefangenen viel williger, auch bei Übernahme von Arbeiten, als die französischen Vogesenjäger und vor allem die Engländer, die vielfach mit Gewalt zur Unterordnung gezwungen werden mußten.
Da jene wohl die Lagerwachen, die anfangs noch ihre Zivillleider mit einer Armbinde trugen, für Zivilpersonen ansahen und der Meinung waren, Wittenberg sei von Soldaten entblößt, so sollte ihnen ein anschaulicher Begriff von unserer noch im Lande befindlichen Truppenmacht gegeben werden.

Am 13. Oktober marschierte daher die hier befindliche Infanterie – ein kriegsstarkes Regiment – und eine starke Artillerieabteilung an den im Lager in Reih und Glied aufgestellten Gefangenen vorüber, die angesichts dieser zahlreichen, strammen Krieger ein recht erstauntes Gesicht zeigten.

Die Verpflegung durfte den Verhältnissen entsprechend, namentlich in den ersten beiden Kriegsjahren, als gut und ausreichend gelten. Ja, in der Bevölkerung war die Meinung vorherrschend, daß diese gegenüber jener der Einwohner „zu üppig“ sei.
Es erhielt jeder Gefangene für den Tag;
– 180 gr. Fleisch oder 125 gr. Speck,
– 125 gr. Hülsenfrüchte oder 100 gr. Reis,
– Grieß, Graupen, Grütze, oder 180 gr. frisches Gemüse
oder 1000 gr. Kartoffeln,
– daneben 500 gr. Brot,
– Kaffee usw.

Mit der durch unsere Feinde veranlassten Lebensmittelknappheit mussten natürlich auch die Kriegsgefangenen eine Kürzung und Beschränkung ihrer Bezüge erfahren.
Die Lagerkommandantur war jedenfalls ehrlich bemüht, zu tun und zu geben, was ihr nur immer möglich war, und es war zum mindesten unbillig, daß der amerikanische Botschafter Gerard, der als Vertreter der Interessen Englands zu einer Zeit, da Amerika noch „neutral“ war, das Gefangenenlager besuchte, an der Beköstigung allerlei Ausstellungen machte.
Obgleich ihm in verbindlicher Form Abhilfe zugesagt wurde, sandte er dennoch einen sehr abfälligen Bericht über das Wittenberger Gefangenenlager an die englische Regierung, von der er in aufgebauschter Form in die feindliche Presse überging, was zu Erörterungen im Deutschen Reichstage Veranlassung gab.
Eine Folge davon war, daß der bisherige Lagerkommandant Generalmajor v. Dassel seinen Abschied nahm.

Mit dem zunehmenden Mangel an Arbeitskräften wurden die Kriegsgefangenen immer mehr zur Arbeit in der Landwirtschaft und Industrie herangezogen.
Am willigsten und geschicktesten hierzu zeigten sich die Russen und Franzosen, während Engländer und Belgier sich ablehnend verhielten. Späterhin wurde auch für die beschäftigungslose männliche Zivilbevölkerung aus den besetzten Gebieten Belgiens, die zur Arbeit nach Deutschland überführt war, im Wittenberger Gefangenenlager eine Sammelstelle errichtet.

Bei dem verwahrlosten Zustande, in welchem die Kriegsgefangenen vielfach hier ankamen, konnte es nicht ausbleiben, daß trotz der getroffenen gesundheitlichen Vorkehrungen Krankheiten im Lager ausbrachen. Vor allem war es das Fleckfieber, das zahlreiche Opfer forderte. Um ein Übergreifen der Seuche auf die Einwohner nach Möglichkeit zu verhüten, wurden die Toten auf einem in der Nähe des Gefangenenlagers geschaffenen Begräbnisplatze unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln bestattet.

Am Schluß des Jahres 1914 waren in Deutschland Kriegsgefangenen überhaupt untergebracht:
81 380 Offiziere und 577 875 Mann.

Diese Gesamtzahl setzte sich folgendermaßen zusammen:
– Russen:        3575 Offiziere (18 Generale) +     306 294 Mann.
– Franzosen: 3459 Offiziere (7 Generale)    +     215 905 Mann.
– Belgier:           612 Offiziere (3 Generale)    +         36 852 Mann.
– Engländer:    492 Offiziere                                 +          18 824 Mann.

Nach einer Zusammenstellung vom 1. Februar 1917 befanden sich an diesem Tage in deutscher Kriegsgefangenschaft;
17 474 Offiziere + 1 673 257 Mann, = 1 690 731 Mann
Insgesamt waren zu dieser Zeit in Gefangenschaft der Mittelmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und Türkei)
27 620 Offiziere + 2 846 651 Mann, = 2 874 271 Mann.
Nach der Staatsangehörigkeit verteilten sich diese folgendermaßen:

Offiziere:             Mannschaften:              Zusammen:
Russen                           14 230                    2 066 469                    2 080 699
Franzosen                       6 329                        362 278                        368 607
Engländer                       1 706                           43 535                            45 241
Italiener                           2 234                           95 783                            98 017
Belgier                                  658                            41 779                            42 437
Rumänen                         1 536                           77 497                             79 033
Serben                                   896                        153 734                          154 630
Montenegriner                    31                              5 576                                5 607

Im September 1914 wurde die 1. Kriegsanleihe (zu 5 Prozent, im Kurs von 97,50 M.) aufgelegt.
Im Kreise Wittenberg wurden dazu gezeichnet 3 980 200 M.
Die städtische Sparkasse beteiligte sich daran mit 1 Million Mark (einschließlich des Guthabens der Sparer), die Kreis Sparkasse mit ¾ Million Mark. Im Deutschen Reiche wurden insgesamt 4 491,8 Millionen Mark gezeichnet.

Noch größer war die Beteiligung an den folgenden Kriegsanleihen, deren Ergebnisse hier folgen:
– II. Kriegsanleihe (März 1915):
Wittenberg 7 784 050 M.; im Reiche:   9 106,5 Mill. M.
– III. Kriegsanleihe( Dez. 1915):
Wittenberg: 10 523 500 M.: im Reiche: 12 160 Mill. M.
– IV. Kriegsanleihe (April 1916):
Wittenberg: 8689 400 M.; im Reiche:      10 768 Mill. Μ.
– V. Kriegsanleihe (Oktober 1916):
Wittenberg: 9349 000 M.; im Reiche:      10 699 Mill. M.
– VI. Kriegsanleihe (April 1917):
Wittenberg: 12 210 900 M.; im Reiche:    13 122 Mill. M.
– VII. Kriegsanleihe (Oktober 1917):
Wittenberg: 12159900 M.; im Reiche:      12500 Mill. M.
– VIII. Kriegsanleihe (April 1918):
Wittenberg:11 645 400 M., Kr. Wittenb.: 13 269 400 M.
im Reiche: 145 00 Mill. M.

Insgesamt ergaben sämtliche 8 Kriegsanleihen die Summe von 87 Milliarden 347,3 Millionen Mark.

Für die letzten Anleihen wurde namentlich auch in Wittenberg eine rege und umfassende Werbetätigkeit entfaltet.
Fast in jeder Nummer der beiden Ortszeitungen erschienen Werbeanzeigen, Werbeaufsätze, Gedichte usw.
An den Anschlagsäulen, in und am Rathause, in den Schaufenstern wurden große Werbeplakate angebracht.
In den einzelnen Ortschaften veranstaltete man aufklärende Vorträge mit Lichtbildern.
An die Schüler verteilte man besondere Bilderbogen, Gedichte, ein „Lied vom feldgrauen Gelde“, Mahnworte unserer Heerführer, vor allem Hindenburgs, wurden überall verbreitet, und selbst der Kinematograph wurde in den Dienst der Werbetätigkeit gestellt. Der letzte Sonntag vor Schluß der 6. und 7. Kriegsanleihe war als „Nationaltag für die Kriegsanleihe“ in besonderer Weise der Werbearbeit gewidmet.
Die Zeichnungsstellen blieben auch an diesem Tage von 11-1 Uhr mittags geöffnet, und von 12 bis 1 Uhr ließen die Glocken von den Türmen ihren mahnenden Ruf erschallen.
Auch die Schülerinnen und Schüler der Wittenberger Schulen beteiligten sich an der Zeichnung der Kriegsanleihen in umfassender Weise mit Beträgen von 5 M. an. So brachten die Kinder der Volksschulen allein zur 4. Kriegsanleihe den Betrag von 106 560 M. zusammen. Dieser verteilt sich auf 1 313 Zeichnungen, und zwar 796 Zeichnungen unter 100 M. im Betrage von 17 980 M. und 517 Zeichnungen über 100 M. im Betrage von 88 580 M.

Als Belohnung wurde den Schülern ein schulfreier Tag gegeben, und jede der gewonnenen großen „Finanzschlachten“ wurde durch Fahnenschmuck begrüßt.
Hätte man freilich das Schicksal dieser angeblich sichersten Kapitalanlage“ gewusst, dann wäre wohl die Begeisterung weniger groß gewesen.

Am 22. September rückte das in Wittenberg und seinen Vororten Kleinwittenberg, Pratau und Eutzsch einquartierte Reserve-Artillerieregiment zum Bahnhofe, um zunächst nach Posen befördert zu werden.
Mannschaften, Pferde, Wagen usw. waren reich mit Eichenlaub und Blumen geschmückt.
Noch größer war die Anteilnahme unserer Bürgersschaft am Ausmarsch des Ersatzbataillons vom 20. Infanterieregiment, das am 3. Oktober unter Vorantritt der Kühnschen Kapelle nach Frankreich auszog.
Unter den 150 Kriegsfreiwilligen des Bataillons befanden sich zahlreiche Wittenberger Bürgerssöhne, bisherige Gymnasiasten, Studenten aus Wittenberg und Umgegend.
Eine große Zahl von Verwandten und Freunden begleitete die blumengeschmückten jungen Krieger zum Bahnhofe, und viele heiße Abschiedstränen der Zurückbleibenden flossen.
Aber die Ausziehenden ließen sich in ihrer Begeisterung nicht anfechten; mit frohen Marschliedern sangen sie sich das Abschiedsweh vom Herzen, und noch von fernher vernahm man den Kehrreim des beliebtesten Soldatenliedes:
„In der Heimat, in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn!“
Leider hat sich diese Hoffnung bei vielen von ihnen nicht erfüllt; gar mancher hat sein Leben dem Vaterlande zum Opfer gebracht. Besonders ergreifend ist das Schicksal der Familie von König im nahen Zörnigall, von der fünf Söhne auf dem Felde der Ehre blieben.

Das Kommen und Gehen der Truppenmassen hielt auch in den folgenden Monaten an. So rückte am 20. Oktober der neue Jahrgang der Rekruten in einer Stärke von rund 1 500 Mann in begeisterter Stimmung und unter dem Gesange von Vaterlandsliedern hier ein. Da die Kasernen noch von Reserve und Landsturm besetzt waren, so erhielten Hausbesitzer wie Mieter von neuem starke Einquartierung.

Währenddessen verfolgten die Einwohner mit steigender Bewunderung den Siegeslauf unserer unvergleichlichen Heere im Westen wie im Osten.
Antwerpen, das letzte feste Bollwerk Belgiens, fiel am 9. Oktober in deutsche Hände; in der letzten Hälfte des November zerschmetterte Mackensen die Russenheere in den Kämpfen bei Woclawek, Kutno, Lodz, Lowicz und Lomsk.
Die neue russische Offensive in Polen wurde durch Hindenburgs Feldherrnkunst für die Riesenheere des Zarenreichs zu einer vernichtenden Niederlage, die den Deutschen 136 600 Gefangene, 100 Geschütze, 300 Maschinengewehre ua. als Siegesbeute in die Hände lieferte.
Mit Stolzer Freude sahen wir auf das todverachtende Heldentum unserer Flotte. Bei Coronel (Chile) lieferten am 1. November unsere wenigen Auslandskreuzer unter dem Befehle des Grafen von Spee den Engländern ein siegreiches Gefecht, das die Mär von der „unbesiegbaren englischen Flotte“ gründlich zerstörte.
Jubelnde Begeisterung auf unserer Seite, knirschende Wut bei unseren Feinden lösten die verwegenen Taten des Kleinen Kreuzers „Emden“ aus, der in kühner Kaperfahrt nahezu 60 feindliche Schiffe versenkte, bis er nach einer beispiellosen Heldenlaufbahn am 9. November bei den Cocosinseln (Keeling Island) dem weit überlegenen Feinde nach tapferer Gegenwehr erlag.
Der zur Zerstörung der feindlichen Kabelstation ausgesetzte Landungszug schlug sich bekanntlich mit größter Kühnheit auf dem gebrechlichen Schoner „Ayesha“ nach einem niederländischen Hafen durch und erreichte von dort glücklich das Gebiet der befreundeten Türkei.
Wenige Tage vorher, am 7. November, musste sich das deutsche Bollwerk des Ostens, Tsingtau, nach heldenhaftem Widerstande gegen einen vielfach stärkeren Feind den Japanern ergeben.
Einen Monat später erfüllte sich auch das unabwendbare Schicksal des unter dem Kommando des Grafen von Spee stehenden Geschwaders.
Nachdem die englischen, französischen, russischen und japanischen Kriegsschiffe im Stillen Ozean ein wahres Kesseltreiben gegen dieses veranstaltet, wurde es bei den Falklandinseln von einem weit überlegenen englischen Geschwader nach einem todesmutigen Kampfe vernichtet. Sein wackerer Führer nebst seinen beiden Söhnen sanken mit ihm ins Wellengrab.
Gleiche Bewunderung zollten wir den Taten von „U 9“, das unter seinem auserlesenen Kommandanten Otto Weddigen an einem Tage drei englische Panzerkreuzer versenkte.
Fahnenschmuck und Siegesgeläut grüßte immer wieder die einlaufenden Siegesnachrichten, und der Jung-Deutschland-Bund ließ sich’s nicht nehmen, seiner Freude wiederholt durch Zapfenstreich seines Trommler- und Pfeiferkorps Ausdruck zu verleihen.

So kam das Weihnachtsfest heran das erste Kriegsweihnachten. Niemand ahnte wohl, daß ihm noch drei weitere Kriegsweihnachten folgen würden.
Der Gedanke an die Millionen deutscher Väter und Söhne, die im fernen Lande im schweren Kampfe standen, die Trauer um die Tausende, die schon in fremder Erde ruhten, der Anblick der zahlreichen Verwundeten und Krüppel dämpfte die Weihnachtsfreude und umflorte die Kerzen des Weihnachtsbaumes. Diese ernste Stimmung sprach auch aus den zahlreichen Weihnachtsfeiern, bei denen werktätige Liebe sich der Bedrängnis und Armut annahm, die ja in der Kriegszeit doppelt schmerzlich empfunden wird.
Auch in unseren Hilfslazaretten wurden erhebende Christfeiern abgehalten, für welche die Stätten des Leides weihnachtlich geschmückt waren.
Während der beiden Festtage erfreute der Frauenchor des Straubeschen Gesangvereins die wunden Krieger durch den Vortrag von Liedern.

Den gleichen ernsten Grundton trug die Feier von Kaisers Geburtstag. Der gewohnte bunte Schmuck der Kasernen fehlte. Auch die Festausschmückung der Schaufenster unterblieb bis auf geringe Ausnahmen. Selbstverständlich kamen auch die militärischen Feiern in Wegfall, ebenso die üblichen Festmahle und die Vereins-Festfeiern. Die festlichen Veranstaltungen beschränkten sich im wesentlichen auf die Schulfeiern, Festgottesdienste, Festappelle der einzelnen Truppenteile und auf einen Kriegs-Familienabend in der Turnhalle des Mittelschulgebäudes, bei dem die Schülerinnen und Schüler der sämtlichen hiesigen Schulen sowie Angehörige der Garnison mitwirkten.
Die Begrüßungs-und Schluss Ansprache hielt der Landrat von Trotha, die Festrede Mittelschulrektor Bodesohn.

Daß trotz des Ernstes der Zeit unsern braven Feldgrauen selbst im Schützengraben der Humor nicht ausging, beweist folgende Anzeige im „Wittenberger Tageblatt“:

Jene junge Dame, die in Nr. 86 des „Wittenberger Tageblattes“ einen Kavalier als Ehegatten sucht, wird gebeten,
sich heute Abend in der Nähe des Schützengrabens in
Feindesland um 8 Uhr einzufinden.

                                 3 Unteroffiziere des Infanterieregiments Nr. 20.

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