Das Jahr 1913 zeichnet sich durch eine Reihe vaterländischer Gedenkfeiern aus.
Die Jahrhundertfeier der Erhebung Preußens wurde am 10. März durch Schulfeiern, Festgottesdienst und Paradeausstellung der Garnison gefeiert, an der auch der Kriegerverein, die Freiwillige Sanitätskolonne und der Jungdeutschlandbund teilnahmen.
Am 13. Juni beging die hiesige Reitende Abteilung des Torgauer Feldartillerie Regiments Nr. 74 die Feier ihres 100 jährigen Bestehens durch Paradeaufstellung der Batterien und Festmahl. Stadt und Kreis Wittenberg sowie die Offiziere des Infanterieregiments Nr. 20 überreichten dem feiernden Regimente silberne Armleuchter als Ehrengeschenk.
Zum 25. Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms II. am 15. und 16. Juni hatte sich die Stadt festlich mit Tannengrün und Fahnen geschmückt.
Am Augusteum und vor dem Rathause waren Ehrenpforten errichtet.
Am 15. Juni sanden in sämtlichen Kirchen Festgottesdienste statt, und am Nachmittag veranstalteten die Krieger und Militärvereine als Vorfeier in „Sichlers Garten“ ein Familienfest mit Konzert.
Mit Rücksicht auf den Todestag Kaiser Friedrichs war der 16. Juni als eigentlicher Festtag bestimmt.
Er wurde früh 6 Uhr durch das große Wecken eingeleitet. Daran schlossen sich im Laufe des Vormittags Fest-Appell bei den einzelnen Truppenteilen und ein Konzert der Regimentsmusik nebst großer Paroleausgabe am Kriegerdenkmal.
Nachmittags von 1 Uhr ab versammelten sich die Schülerinnen und Schüler sämtlicher Schulen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern am Melanchthon-Gymnasium und marschierten von hier aus unter Musikbegleitung in einem rund zwei Kilometer langen Zuge, der 3600 festlich gekleidete Kinder umfasste, durch die Hauptstraßen nach dem Marktplatze.
Hier richtete Gymnasialdirektor Siebert an die Jugend eine Ansprache, die in ein Hoch auf den Kaiser ausklang.
Nach dem Gesange von „Heil dir im Siegerkranz“ begaben sich die einzelnen Schulen nach den ihnen zugewiesenen Festplätzen, wo die ärmeren Kinder seitens der Stadt aus Mitteln der Zimmermann-Stiftung mit Kaffee und Kuchen bewirtet wurden.
Aus Anlass des Festes verteilte der Magistrat ferner an 60 bedürftige und würdige Kriegsteilnehmer die Summe von 3 000 Mark.
Ein noch glänzenderes Fest sah Wittenberg vom 29. Juni bis 1. Juli. In diesen Tagen feierte das Infanterieregiment Graf Tauentzien von Wittenberg (3. Brandenburgisches) Nr. 20 unter zahlreicher Beteiligung von ehemaligen Regimentsangehörigen von nah und fern und freudiger Anteilnahme der Bürgerschaft sein hundertjähriges Bestehen.
Die Stadt hatte sich hierzu in ein reiches, prächtiges Festgewand gehüllt, das teilweise an jenes vom 31. Oktober 1892 (Einweihung der Schlosskirche) heranreichte.
Eingeleitet wurde das Fest am 29. Juni durch einen Begrüßungsabend in den Räumen der Offizier-Speiseanstalt, zu dem auch der neu ernannte Chef des Regiments, Generaloberst von Kessel, Kommandeur der Marken, von Berlin eintraf.
Am Vormittag des zweiten Festtages hielt das Regiment auf dem Tauentzienplatze Wetzturnen, Preisfechten und Wettspiele mit anschließender Preisverteilung ab.
Nachmittags 3½ Uhr wurden in der Offizier- Speiseanstalt die Ehrengeschenke überreicht.
Die Stadt Wittenberg schenkte eine kunstvoll aus Silber gearbeitete Prunkschale.
Daran schloss sich um 4 Uhr im Garten die Aufführung eines Festspiels, das in lebenden Bildern mit verbindendem Texte die Geschichte und die Heldentaten des Regiments veranschaulichte. Um 5 Uhr begann in den Räumen der Speiseanstalt das Festmahl. Den Schluss des Tages bildete der große Zapfenstreich.
Am Hauptfesttage, dem 1. Juli, rückten die Kompagnien vormittags 9 Uhr nach dem Tauentzienplatze, auf dem bald darauf auch etwa 2000 ehemalige Angehörige des Regiments von Berlin aus mit Sonderzug eintrafen.
Um 10½ Uhr begann hier der Feldgottesdienst, bei welchem der evangelische Garnisonpfarrer Herrmann und der katholische Garnisonpfarrer Wand Ansprachen hielten.
Daran schloss sich der Parademarsch, an dem auch die Vereine ehemaliger 20 er teilnahmen.
Den Abschluss des Festes bildeten die Mannschaftsfeiern der einzelnen Kompagnien in den verschiedenen Sälen der Stadt und der nächsten Umgebung.
Der hundertjährige Gedenktag der Völkerschlacht bei Leipzig wurde gleichfalls festlich begangen.
Am 18. Oktober hielten die einzelnen Schulen Festfeiern ab, und mit einbrechender Dunkelheit lohten von den umliegenden Höhen Freudenfeuer ins Land.
Am folgenden Tage, einem Sonntag, wurde des Tages im Festgottesdienste gedacht, während am Abend die hiesige Kreisgruppe des Deutschen Flottenvereins in dem überfüllten Balzerschen Saale unter Mitwirkung der Turnvereine und der Regimentsmusik eine öffentliche Festfeier veranstaltete.
Hierbei gelangte ua. das Festspiel
„Der Trommeljunge von Dennewitz“
von Paul Matzdorf zur Aufführung.
Die Festrede hielt der Vorsitzende des Flottenvereins Lehrer Erfurth.
Zur Hebung des Verkehrs in unserer Stadt wurde am 14. März ein Verkehrsverein gegründet und dem Hausbesitzerverein angeschlossen.
Die Entwicklung des städtischen Gemeinwesens ließ die Anstellung, eines juristisch gebildeten Beigeordneten (2.Bürgermeisters) notwendig erscheinen.
An Stelle des in den Ruhestand getretenen bisherigen Beigeordneten Große wählte die Stadtverordnetenversammlung am 15. Mai von 65 Bewerbern den Magistratsassessor Dr. Thelemann aus Neukölln.
Seine Einführung geschah in der Stadtverordnetensitzung am 3. September.
Ein anschauliches Bild von der Entwickelung unseres heimischen Gewerbes gab die vom 2. bis 12. Oktober in den Räumen des Balzerschen Grundstücks veranstaltete Gewerbeausstellung für Gastwirtschafts- und Hotelwesen, Kochkunst und verwandte Gewerbe, die reich beschickt war und sich eines zahlreichen Besuchs erfreute.
In einer Sonderabteilung waren Obst und gärtnerische Erzeugnisse ausgestellt, die in ihrer Reichhaltigkeit und Güte ein rühmliches Zeugnis von dem hohen Stande unserer heimischen Gartenbaukunst und des Obstbaues ablegte.
Von Anfang an war der im Jahre 1910 gegründete Verein für Heimatkunde und Heimatschutz bemüht, heimatgeschichtliche Gegenstände und Erinnerungen zu sammeln.
Seine Sammlung war zunächst in einem Zimmer des Rathauses untergebracht, das sich aber bald als zu klein erwies.
Auf die Bitte des Vereins wurde diesem von den kirchlichen Körperschaften die unbenutzt stehende Kapelle zum heiligen Leichnam zur Einrichtung eines Heimatmuseums überlassen.
Am 9. Oktober wurde dieses mit einer schlichten Feier eingeweiht und eröffnet.
Die ständig wachsende Einwohnerzahl der westlichen Vororte hatte schon seit langem den Wunsch nach einem Verkehrsmittel zwischen diesen Orten und der Stadt Wittenberg geweckt.
Am 18. Oktober trat dieses in Form eines Auto-Omnibusbetriebs ins Leben.
Die Stadtverordnetenversammlung bewilligte dem Unternehmer, Kaufmann und Stadtverordneten Paul Friedrich, hierzu eine Beihilfe, die im ersten Betriebsjahr 1 000 Mark und in den beiden folgenden Betriebsjahren je 500 Mark betrug.