Die Einweihung des fertigen Baues geschah am Sonntag, den 28. Juli 1912, gleichzeitig mit der Jubelfeier des fünfhundertjährigen Bestehens der Wittenberger Schützengesellschaft.
Die Stadt hatte hierzu reichen Festschmuck aus Tannengewinden und Fahnen angelegt.
An den Haupteingängen, am Bahnhof, Elstertor, Schloßtore u.a. Orten waren hohe Ehrenpforten errichtet.
Das Doppelfest wurde am Vorabend durch einen Festabend im Saale des neuen Schützenhauses unter Mitwirkung der vereinigten Männergesangvereine und der Regimentsmusik eingeleitet.
Am Festtage früh 6 Uhr fand großes Wecken statt.
Im Laufe des Vormittags hielten die von auswärts kommenden Schützen sowie eine Abordnung der Torgauer Geharnischten ihren Einzug in die Stadt, deren Straßen bald von einer dichten Menschenmenge erfüllt waren.
Um 10½ Uhr erfolgte vom Schützenhause aus unter Glockengeläut ein gemeinsamer Kirchgang zur Stadtkirche, an dem sich außer der festgebenden Schützengesellschaft sämtliche anwesenden fremden Schützen mit ihren Fahnen beteiligten.
Die Festpredigt hielt Pfarrer Haupt über Spr. Salom. 14 B. 35.
Den Glanzpunkt des Tages bildete der malerische Festzug, der sich mittags bald nach 12 Uhr vom Schloßtore aus durch die Hauptstraßen der Stadt bewegte.
Voran ritt ein Herold, dem zwei Standartenträger zu Pferde mit dem Reichswappen und dem Wappen der Stadt Wittenberg folgten.
Dann kam eine berittene Musikabteilung in altdeutscher Tracht, der sich die zehn Torgauer Geharnischten in ihren glänzenden Rüstungen anschlossen.
Die nächste Gruppe eröffneten vier Pritschenmeister in mittelalterlicher Tracht.
Hinter ihnen schritt eine Abteilung Wittenberger Schützen, denen die Ehrengäste in mehreren Wagen folgten.
Nun nahte eine Musikabteilung in der Uniform aus der Zeit Friedrichs d. Großen, an die sich 27 auswärtige Schützengilden mit ihren Fahnen sowie der Wittenberger Scharfschützenklub anreihten.
Den Schluß bildete eine Abteilung der Wittenberger Schützengesellschaft und eine Abordnung der hiesigen Sanitätskolonne.
Im ganzen marschierten in dem farbenreichen Festzuge 600 Schützen mit 37 Fahnen und 6 Musikabteilungen.
Gegen 1 Uhr traf dieser auf dem Marktplatze ein und nahm dem reich geschmückten Rathause gegenüber Aufstellung.
Von dessen Vorhalle aus begrüßte Stadtrat Merker in Vertretung des verhinderten Stadtoberhauptes namens der Stadt die Festgäste. Hierauf setzte sich der Zug nach dem Festplatze wieder in Bewegung, wo er sich nach dem Abbringen der Fahnen auflöste.
Während des Festmahls im Saale des neuen Schützenhauses wurde an Kaiser Wilhelm II. ein Huldigungstelegramm gesandt.
Für das bis zum Donnerstag, den 8. August dauernde Jubiläums-Preisschießen waren von den verschiedensten Seiten wertvolle Preise gestiftet, die in einem besonderen Gabentempel aufgestellt waren.
Als Zeichen der kaiserlichen Anerkennung wurde der Schützengesellschaft der von ihrem jeweiligen Führer zu tragende Schützenadler verliehen.
Aus Anlass der Jubelfeier erschien eine reich aus gestattete Festschrift*), in welcher die 500 jährige Geschichte und Entwicklung der Wittenberger Schützengesellschaft dargestellt ist.
*) Die Schützengesellschaft zu Wittenberg.
Festschrift zur Feier ihres 500 jährigen Bestehens, von Richard Erfurth)
Das Jahr 1912 war überhaupt reich an Jubelfeiern.
Am 9. Juli beging der Männer- Turnverein von 1862 das Fest seines fünfzigjährigen Bestehens, durch einen Festabend und einen Festzug, an dem sich rund 1 000 Turner, darunter zahlreiche auswärtige Turnvereine, mit 20 Fahnen beteiligten.
Daran schloss sich die Weihe einer neuen Vereinsfahne und ein Wettturnen auf dem Tauentzienplatze.
Die gleiche Feier beging am 19. September der Männergesangverein durch einen Festabend im Balzerschen Saale, an dem sämtliche hiesigen Gesangvereine teilnahmen.
Gleichsam als Vorfeier hierzu hielt am 23. Juni der Sängerbund an der mittleren Saale in Wittenbergs Mauern sein 57. Gesangsfest ab, an dem sich 11 zum Bunde gehörigen Gesangvereine beteiligten. Die Sängerschar wurde auf dem Marktplatze namens der Stadt durch Bürgermeister Dr. Schirmer begrüßt
Den Höhepunkt des Festes bildete das im Balzerschen Saale gegebene Konzert, dem sich ein Festabend anreihte.
Auch der Evangelische Männer- und Jünglingsverein konnte sein fünfzigjähriges Bestehen durch eine größere Feier im Balzerschen Saale begehen.
Am 12. Mai stattete der Magdeburger Zweigverein des Evangelischen Bundes in Stärke von 400 Mann unter Begleitung der Magdeburger Kurrende unserer Stadt einen Besuch ab, um die Reformationsstätten zu besichtigen.
Zu dem gleichen Zwecke kehrte am 7. und 8. Dezember der Wartburgbund (evangelische Studentenvereinigung der Universitäten Berlin-Halle-Leipzig) hier ein.
Bei dem am 7. Dezember im Balzerschen Saale stattfindenden Festabend sprach Pfarrer D. Buchwald aus Leipzig über das Lutherwort:
„Meinen Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen“.
In der am 8. Dezember in der Schlosskirche veranstalteten Feier hielt Superintendent Orthmann eine Ansprache.
Daran schloss sich eine Nachfeier in „Sichlers Garten“.
Auch der Evangelisch-Kirchliche Hilfsverein in Gemeinschaft mit der Sächsischen Frauenhilfe erkor Wittenberg in diesem Jahre zum Tagungsort und hielt hier am 22. Oktober in Balzers Saal sein Jahresfest ab.