150 Jahre „Zum Schiffchen“

Mit der Eröffnung der vollkommen rekonstruierten Gaststätte
„Zum Schiffchen“ an traditionellem Ort wurde am 5. Juni nicht nur einem echten Bedürfnis der Bevölkerung entsprochen, sondern auch eine alte Gaststättenbezeichnung neu belebt.
Im Wittenberger Kreisblatt vorn 30. Dezember 1837 veröffentlichte damals der Gastwirt vom „Zum goldenen Schiff“, Heinrich Vogel, folgende Anzeige:
„Ich nehme Veranlassung, dem geehrten hiesigen und auswärtigen Publikum meinen in Kleinwittenberg Nr.2 gelegenen, neu eingerichteten Gasthof, „Zum goldnen Schiff“ benannt, hierdurch bestens zu empfehlen. Da derselbe zur Aufnahme von Fremden besonders zweckmäßig und bequem eingerichtet, auch ein Billard für meine Gäste aufgestellt ist, so schmeichle ich mir eines zahlreichen Besuchs und verspreche in jeder Hinsicht billige und reelle Bedienung mit Speisen und Getränken und bitte um gefällige Berücksichtigung“. Das Grundstück Nr. 2 in Kleinwittenberg befand sich „in der vorderen Reihe, an der Landstraße von Wittenberg nach Coswig von Morgen nach Abend“ (Ost nach West. d. A.) in Höhe der heutigen Grundstücke Straße der Neuerer 15 und 16.
Der Gastwirt Vogel hatte dieses Grundstück vom Schankwirt Günther käuflich erworben und diese Lokalität entsprechend der Nähe zum Fluss umbenannt.
Bis dahin hieß diese Gaststätte „Zum goldenen Hirsch“.
Neben Fremdenzimmern hatte das „Zum goldnen Schiff“ bereits eine Kegelbahn. Diese ist auch auf einem Stadtplan Kleinwittenbergs aus dem Jahr 1824 eingezeichnet.
Hier wurden bei den regelmäßigen Fastnachtsveranstaltungen mehrere gebratene Gänse und Enten ausgekegelt.
Am 2. März 1862 wurde noch ein Tanzsaal eingeweiht, bei dessen Eröffnung wurde den Tanzlustigen zwei Stunden freier Tanz gewährt.
Ein noch größerer Kundendienst des Gastwirts ist folgendem Inserat vom 22. Oktober 1842 zu entnehmen:
„Bei ungünstiger Witterung sollen alle Sonntage, Montage und Dienstage meine Wagen zum Herausfahren meiner, werthen Gäste, von Nachmittag halb 3 Uhr an, am Schloßthore bereitstehen“.
Sonntags wurde „ergebendst durch Unterhaltungsmusik (Fortepiano) und frischem Kuchen“ um regen Zuspruch geworben.
In den Jahren 1856 bis 1885 wechselten die Besitzer des Gasthofes „Zum goldnen Schiff“ öfter.
1886 wurde im Zuge der Erschließung der Straße An der Elbe ein neues, größeres Gasthaus erbaut.
Es war zu dieser Zeit nicht nur wegen des Baustils und der Größe das erste Haus am Platze. Es wurde zum Domizil der 1452 gegründeten Fischerinnung. Hier wurden die halbjährigen Quartale (Hauptversammlungen) abgehalten und viele Jahre der 7,5 kg schwere silberne Ehrenbecher der Innung (1806 wurde er der Innung durch den Kurfürsten Friedrich August von Sachsen nach einer besonderen Tat übergeben) neben den umfangreichen Innungsakten in einer Lade aufbewahrt.
Auch der Schifferverein „Viktoria“ wurde 1896 in diesem Haus gegründet und hatte hier bis zu seiner Auflösung 1945 seine Heimstatt. Das gesamte gesellige Leben des Schifferortes Kleinwittenberg wurde hier vorbereitet oder durchgeführt. Während des Aufbaus des Stickstoffwerkes 1915 war ein Teil der Aufbauleitung in den Gästezimmern dieses Hauses untergebracht. Viele Schiffsreedereien der Elbe nutzten das „Goldne Schiff“ (der Name wurde mehrfach abgewandelt) als Poststation und gleichzeitig als Vertretung.
Bis 1980 meldeten sich die Schiffe der tschechoslowakischen Reederei CSPLO noch akustisch bei der zu dieser Zeit 81jährigen Wirtin, die die Passage der Fahrzeuge zur Zentrale nach Magdeburg weiterleitete.

Karl Jüngel

Quellen: Freiheit vom 18.07.1987

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