
Wehende Fahnen, Laubgewinde und Blumen, Feststimmung in den Häusern, Feststimmung in den Herzen unserer Bürgerschaft, die sich wieder spiegelt in erwartungsvollen, freudigen Gesichtern:
das sind die Kennzeichen für die Jubelfeier unseres Infanterie-Regiments Nr. 20.

Und wie könnte es auch anders sein!
Wittenberg und seine 20er, sie gehören eng zusammen.
Von dem Tage an, wo im Jahre 1868 die ersten zwei Bataillone des Regiments die Lutherstadt Wittenberg als Garnison bezogen, haben sich die 20er einen Platz im Herzen unserer Bewohner erobert und ihn behalten in Freud und Leid, und er wird ihnen auch in der Zukunft gesichert bleiben.
Stark und zahlreich sind die Bande, welche die ehemaligen wie die jetzigen Angehörigen des Regiments an unsere alte Lutherstadt fesseln.
Diese Bande hat die Zeit nicht gelockert, wohl aber immer fester und inniger gestaltet.
An allen Ereignissen im 20. Infanterie Regiment, seien sie freudiger oder ernster Art hat Wittenbergs Bürgerschaft von jeher den innigsten Anteil genommen.
Wir erinnern nur an den Ausmarsch des Regiments in den Kampf mit Frankreich, im Jahre 1870, an die Feier seiner Sieges- und Ehrentage, an den festlichen Empfang nach seiner Rückkehr aus Feindesland ua..
Und wer noch Zweifel hegen sollte über das der 20ern und unseren Einwohnern, der braucht nur eine der Kompagnie Feiern über das herzliche Verhältnis zwischen den zu Kaisers Geburtstag und bei anderen festlichen Gelegenheiten zu besuchen und er wird sehen, welchen innigen Anteil die Bürgerschaft an den Freuden seiner 20 er nimmt.
Pflegt doch die Beteiligung aus allen Kreisen der Stadt stets so zahlreich zu sein, daß kaum noch ein Plätzchen im Festsaale übrig bleibt.
Dieses innige Verhältnis zwischen Bürgerschaft und Regiment machen es erklärlich, daß zwischen beiden niemals ernstliche Differenzen entstanden sind.
Und wenn schon einmal eine Störung drohte, so wurde sie durch beiderseitiges Entgegenkommen rasch beseitigt, daß keinerlei Trübung zurückblieb.
Vor hundert Jahren, in einer Zeit, die ihresgleichen nicht in der Weltgeschichte hat, in einer Zeit der vaterländischen Not und des deutschen Ringens wurde das Regiment gebildet, durch Zeiten der Not, in Kampf und in Gefahr ist es gehärtet worden und hat in jeder Lage sich als ein Vorbild aller soldatischen Tugenden bewährt; mit unerschütterlicher Tapferkeit ist es allzeit für König und Vaterland eingestanden mit jener Treue, die durch den Tod besiegelt und geadelt wird.
Die Tage von Spichern, Vionville, Coulomiers, Le Mans usw. sind allzeit leuchtende Ruhmessterne in der Geschichte des Regiments.
Und das dieser Heldenmut auch in der Gegenwart noch in diesem fortlebt, das lehrt das Beispiel derer, die freiwillig auf ihres Kaisers Ruf hinaus zogen in die Kämpfe in China und Südwestafrika und dort unter den schwierigsten Verhältnissen den alten Ruhm des 20. Infanterie-Regiments bewährten.
Wie sehr aber König und Vaterland die Verdienste des braven Regiments zu schätzen wußten, das zeigt sich jetzt in den zahlreichen Auszeichnungen, welche seinen Offizieren und Mannschaften verliehen worden sind.
Mit berechtigtem Stolze kann darum das Regiment bei der der hundertjährigen Jubelfeier auf auf seine Vergangenheit zurückblicken.
Tausende von ehemaligen 20ern kommen, um im trauten Kreise der Kameraden den Jubel und Freudentag ihres alten lieben Regiments zu feiern.
All den lieben Gästen öffnet Wittenberg weit die Häuser und die Herzen.
Die Bürgerschaft und städtischen Behörden haben alles getan, um alle würdig zu empfangen und ihnen den Aufenthalt hier sο angenehm wie möglich zu machen.
Wenn dann die Festtage verrauscht sind und die lieben Gäste uns wieder verlassen, mögen sie die Überzeugung mit sich fortnehmen: Wittenberg ist im Laufe der Zeit größer und auch schöner geworden, aber eins ist gleich geblieben: die Liebe und Anhänglichkeit der Bürger an ihre 20er und ihre schon oft bewährte Gastfreundschaft.
Unserem Infanterie-Regiment Nr. 20 aber drücken wir zu seinem Jubelfeste die innigsten Glück- und Segenswünsche aus.
Möge es sich auch in der Zukunft als ein Hort aller Soldatentugenden bewähren und möge ihm auch in der Friedensarbeit stets Erfolg und Anerkennung beschieden sein. Wenn aber dereinst in der Stunde der Gefahr der Kaiser seine alten und jungen 20er zum Kampfe rufen wird, dann werden diese – des sind wir gewiß – mit gleicher Begeisterung und dem gleichen Heldenmute wie einst diesem Rufe folgen, getreu der alten Preußenlosung und Helmzier:
„Mit Gott für König und Vaterland!“
Möge dann neuer Sieg und neuer Ruhm ihren Fahnen beschieden sein. In diesem Sinn und Geist rufen wir allen zu:
Herzlich willkommen in der Lutherstadt!
Richard Erfurth †