Die Zinngießer

1993.11.12. Mitteldeutsche Zeitung

Vom alten Wittenberger Zinngießerhandwerk

Das aus China stammende Porzellan war im Mittelalter unerschwinglich und konnte vom Stadtbürger nicht gekauft werden. Selbst, als die berühmte Meißner Porzellanmanufaktur 1710 gegründet wurde, kamen die Er­zeugnisse des „weißen Goldes“ nicht in die Küchen der Patrizieraus und der normalender Bürger, vom Lande ganz zu schweigen. Der Bauer löffelte aus irdenen Töpfen und Holznäpfen, der Bürger aber hatte zinnernes Hausgerät. Seit dem 15. Jahrhundert fand das Zinn­geschirr in Europa Eingang und
wurde immer beliebter. In den folgenden Jahrhunderten wurde ein regelrechter Aufwand mit Küchen- und Tafelgeräten aus Zinn betrieben. Man machte aus diesem Metall Schalen und Teller, Becken, Flaschen, Kannen, Krüge, Becher, Dosen, Löffel und Leuchter. Dieses silberweiße, weiche, leicht schmelzbare und biegsame Metall, das schon in vorgeschichtlicher Zeit mit Kupfer zusammen zur Bronze verarbeitet wurde und damit einer ganzen menschlichen Kulturepoche, der Bron­zezeit, ihren Charakter gab. Man kann sich heute kaum vorstellen, welche große Bedeutung das Zinngeschirr, aus praktischen Zwecken, aber auch für Repräsentationen, in bürgerlichen und patrizischen Häusern der früheren Jahrhunderte zu finden war, hatte.
Im Wittenberger Ratsgewölbe, in den Innungsstuben der hiesigen Handwerker und in den Gasthäusern war es zur Zeit der Reformation vorhanden und auch in den folgenden
Jahrhunderten bis etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts spielte das Zinn eine wichtige Rolle. Allerdings sind nicht allzu viele originale Gegenstände dieser Epoche auf uns gekommen, denn zu Kriegszeiten, die unsere Stadt durchzumachen hatte, ließen die Bürger das Zinn einschmelzen und behielten es so als wertbeständiges Metall im Schlupfwinkel.
Sodann wurden manche Zinngefäße, dem Zeitgeschmack entsprechend, umgegossen. So wurden die schweren Prunk- oder Schleifkannen der Renaissance immer seltener, weil man durchaus zierlichere Barock- und Rokokogefäße herstellte.
Auch die bekannte Krankheit, die zinnernes Gerät zuweilen angreift, die Zinnpest, ließ manches alte, feine Stück des Mittelalters zerfallen.
Nürnberg galt als Zentrum der Zinngefäßherstellung, doch auch hier ging das schöne Handwerk im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts zugrunde, so daß man sich auf die Herstellung der berühmt gewordenen Nürnberger Zinnfiguren, der Zinnsoldaten und derlei Spielsachen verlegte.
Auch in unserem Melanchthonhaus haben wir Zinnfiguren aus der alten Reichsstadt, die immer wieder die Besucher zum Betrachten anregen.
In Sachsen, zu dem wir bis 1815 gehörten, legten die Kurfürsten besonderen Wert darauf, daß die Zinngießer oder Kannengießer, wie sie auch genannt wurden, ehrliche Arbeit lieferten.
Das geht aus den kurfürstlichen Verordnungen von 1614, 1674 und 1708 hervor.
Vor allem sollten die Hausierer beobachtet werden, daß sie nicht mit „halbem Gut“, mit „böser Arbeit“ die Leute betrügen.

Kandelgießerspruch

Es war nicht eine polizeiliche Maßnahm; sondern bei dem soge- nannten „Falschlot“ konnten auch gesundheitliche Schäden für die Menschen eintreten, nämlich dann, wenn das vorgeschriebene Mischungsverhältnis durch zuviel Bleizugaben hintergangen wurde. Es bestand 10 zu 1:
das heißt, auf 10 Pfund Zinn kam nur 1 Pfund Blei. Wurde zuviel Blei genommen, kam es zu Vergiftungserscheinungen.

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