11. Grüntalmühle

1926.04.30. Wittenberger Zeitung

Die Grüntalmühle

Erholungsheim Grüntalmühle
im Erholungsheim der Ortskrankenkasse I

Grüntalmühle! Mühle im grünen Tal!
Ist das die Mühle, von der der Dichter singt:

In einem grünen Grunde,
da geht ein Mühlenrad“


O ja, das Wort konnte früher, bis zum Jahre 1919,
wo sie den Besitzer wechselte, sehr gut auch auf die
Grüntalmühle Anwendung finden.
In stiller Abgeschiedenheit, fern von dem Hasten und Jagen
der geschäftigen Welt, bot sie in idyllischer Ruhe das Bild
der Mühle am Bach.
Und heute?
Auch hier ist neues Leben aus den Ruinen gesprossen,
das klappern der Mühle hat aufgehört, der Bach ist abgeleitet
worden und zieht jetzt einen weiten Bogen um die Baulichkeit.
(Ob das treulose Mädchen hier gewohnet hat, wage ich nicht
zu behaupten.)
Dank dem Entgegenkommen des Vorstandes der Ortskranken-
kasse I war es mir kürzlich möglich, eine eingehende Besichtigung
des Erholungsheimes vorzunehmen, wobei mir der Geschäftsführer
der Kasse Hackebeil mit Auskünften bereitwillig zur Seite stand.
Die Grüntalmühle liegt etwa 6 Kilometer nördlich von
Wittenberg entfernt.
Man kommt zu ihr auf leidlich gutem Fußwege entweder,
daß man in den Fußweg in dem Dorfe Teuchel rechts von der
Dorfstraße abbiegt und diesen entlanggeht, über den Exerzierplatz hinweg bis zu dem landwirtschaftlichen Gehöft „Die Krähe“ und
dann halbrechts durch den Wald, ein anderer Weg, jedoch nicht unwesentlich weiter, aber für Fuhrwerke ausgebaut, führt über
Dobien, von hier aus halbrechts zur Erholungsstätte.
Automobilstraßen gibt es hier noch nicht, und somit ist die
Luft durch Benzinqualm nicht verunreinigt. Es herrscht hier
eine idyllische Ruhe.
Am Eingange des Hauptgebäudes werden wir von dem
Verwalter des Erholungsheims König und dessen Gattin
freundlich begrüßt und dann durch die einzelnen Räume
sowohl die für die Erholungsbedürftigen bestimmten als auch
die für Wirtschaftszwecke geführt, von den früheren Baulichkeiten
ist außer den Hauptgebäuden nicht viel mehr übriggeblieben.
Die Müllereianlage ist vollständig verschwunden und hat einer
eigenen elektrischen Anlage mit einem Deutzer Rohölmotor Platz machen müssen. Diese Einrichtung hat sich recht gut bewährt,
da das Heim, abgesehen von der größeren Feuersicherheit und der bequemeren Handhabung, den Bedarf an Kraft und Licht selbst zu erzeugen in der Lage ist.
Es muß von vornherein gesagt werden, daß das Heim, das für 79000 Mark erworben wurde, nicht auf den Betrieb als Erholungsheim allein beschränkt worden ist, sondern, daß es sich in ausgedehnten Maße
mit Landwirtschaft beschäftigt.
Während bei der Eröffnung des Heimes 57 Morgen Acker, Wiesen,
Wald und Brachland vorhanden waren, sind im Jahre 1924
15 Morgen Acker neu erworben worden, dazu kommen noch
15 Morgen Acker, von Gutsbesitzer Meißner in Teuchel erpachtet
und 6 Morgen Elbewiesen, über die mit Stadt Wittenberg ein dreijähriger Pachtvertrag abgeschlossen worden ist.
An Personal sind vorhanden außer dem Verwalter König und
dessen Gattin und einer Tochter zwei landwirtschaftliche Arbeiter,
unter ihnen in altbewährter Treue als erster Hofmeister Schuster,
und drei Dienstmädchen.
Es war für den Vorstand der Kasse seinerzeit nicht leicht, eine
geeignete Person für die Verwalterstelle zu finden, Bewerber
waren genug da und die Wahl deshalb nicht leicht.
Das aber auch hier das Richtige getroffen wurde,
zeigen heute die Ergebnisse.
Peinliche Sauberkeit, strenge Ordnung im Heim und der tadellose Zustand, in dem sich der Betrieb befindet.
Der Verwalter, seines Zeichens Zimmermann, hat sich so trefflich
in seine Aufgabe, sich auch als Landwirt, Gärtner usw. in
vielseitigster Weise zu betätigen, hineingefunden, daß er hierin
seinen Mann stellt, ebenso wie seine Frau als Hausverwalterin,
Köchin usw..
Bei der Anlage der Landwirtschaft herrschte die Absicht vor,
das Heim möglichst unabhängig von dem Bezuge wichtiger Nahrungsmittel zu machen.
Kartoffeln, Brot, Eier, Milch, Butter und der gleichen, und das
ist so reichlich gelungen, daß von einzelnen dieser Sachen
sogar noch Abgaben an den öffentlichen Markt erfolgen können.
Der Viehbestand umfaßt gegenwärtig drei Pferde (ein weiteres
soll demnächst veräußert werden), etwa ein Dutzend Kühe und
Kälber, ebenso viele Schweine und zahlreiches Geflügel.
Der Betrieb des Erholungsheimes ist in der Weise aufgezogen,
daß sich links vom Hauptgebäude in einen besonderen Hause
die Unterkunftsräume für weibliche Personen, rechts diejenigen
für männliche Personen befinden.
Je nach Größe der Zimmer sind diese von einer bis
vier Personen belegt.
Sehr angenehm berührte die peinliche Sauberkeit und tadellose Ordnung die in den Räumen herrschen, schneeweiße Wäsche
auf den Betten, die fortgesetzt ausgewechselt und erneuert wird.
Die Verpflegung ist eine gute, reichlich und trefflich zubereitet.
Ich hatte Gelegenheit, daß Abendbrot der Patienten zu sehen,
Rührei mit Bratkartoffeln und Würstchen.
Das ist es sicherlich kein Wunder, daß dadurch mehr oder
weniger erhebliche Gewichtszunahmen zu verzeichnen sind,
die bis zu 18 Pfund betrugen.
Die ärztliche Beaufsichtigung des Heims erfolgt in wöchentlichen Zwischenräumen durch Sanitätsrat Dr. Krüger, Wittenberg,
der sich der selben opferbereiten mit hoher Sachkenntnis
widmet, und der an den beachtenswerten Erfolgen des Heimes hervorragenden Anteil hat.
Die gesundheitlichen Folgen des Aufenthalts im Erholungsheim sind nach den statistischen Angaben sehr gute, und zwar ergaben sich
z.B. im Sommer 1925 folgende Ziffern:
ausgezeichnet 34
ausgezeichnet bis gut 14
gut 66
gut bis befriedigend 8
befriedigend 5
unbefriedigt 1 Patient,
bei dem anscheinend ein beginnendes Lungenleiden vorlag.
Es muss ausdrücklich hervorgehoben werden, daß Erholungsheim
keine Lungenheilstätte sein will, sondern eine Anstalt in der die Besucher durch Ruhe, Aufenthalt in frischer Luft, durch reichlich
guter Verpflegung usw. in ihrer Gesundheit gefestigt und
gefördert werden sollen.
Wenn auch im allgemeinen, so heißt es in den letzten ärztlichen Berichten im Sommer 1925, nur soll solche Kassenmitglieder aufgenommen werden, bei denen die Wiederherstellung der Arbeitsunfähigkeit und Besserung der Gesundheit mit Sicherheit
zu erwarten war, so ist doch auch einzelnen alten oder sonst
invaliden Kranken die Wohltat einer Erholungskur nicht
vorenthalten worden.

Die Besucherzahl belief sich in der Zeit des Bestehens der Anstalt im Jahr 1920 auf 42 Personen,
1921 auf 109 Personen und 34 Kinder,
1922 188 Personen und 101 Kinder,
1923 117 Personen und 29 Kinder,
1924 142 Personen und 12 Kinder und
1925 148 Personen und 46 Kinder,
zusammen 1238 Personen.
Wie man sieht, eine erhebliche Zahl, die einen beachtenswerten
Faktor für die sanitären Verhältnisse darstellen.
Die Belegungsfähigkeit beträgt durchschnittlich
40 bis 50 Personen (ohne das eigene Personal).
Gegenwärtig ist man dabei den Platz vor dem Hauptgebäude
gärtnerisch zu verschönern. Mit gutem Geschick sind hier
Rasenplätze angelegt worden, deren Umrahmung aus roten
Rosen bestehen wird.
An den landwirtschaftlichen Arbeiten sind die Pfleglinge
nicht beteiligt.
Es ist erklärlich, daß der Mangel an Mitteln manche gute Anregung
auf weiteren Ausbau der Einrichtung nicht zur Erfüllung kommen
läßt. So fehlt es vor allem an Vorkehrungen zur Beschäftigung der Patienten an Regentagen, wohl sind Unterhaltungsspiel der mannigfachsten Art vorhanden, aber sie genügen nicht für eine
größere Zahl von Personen.
Eine Liegehalle fehlt ebenfalls, soll aber, wie man mir sagte,
geplant sein.
Und ein anderes noch, das Radio, von dem die Insassen sofern
sie es nicht selbst kennen, soviel lesen und hören.
Vielleicht kann der Vorstand der Ortskrankenkasse I auch diesen Wunsch noch erfüllen.
Noch mancherlei ließ sich auch den vielseitigen Betriebe des Heims
noch berichten.
Für heute mag das Vorstehende genügen.
Dem Vorstehenden der Ortskrankenkasse I Anerkennung für
das geleistete zu zollen, ebenso wie der umsichtigen Verwaltung,
vom ärztlichen Berater bis zum jüngsten Dienstmädchen,
ist mir eine angenehme Aufgabe.
Möge die Grüntalmühle ihrer Bestimmung noch sehr lange
erhalten bleiben.

1998.03.21. Mitteldeutsche Zeitung

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