07. Dampfziegelei Germania

                                                          

1875.09.14. Wittenberger Tageblatt

Die Dampfziegelei Germania       

Auf der rechten Seite der Straße, kurz vor Dobien, bezeichnen zahlreiche, hohe Schornsteine zunächst die Dampfziegelei von Mussil und dann das, über 200 Morgen ausgedehnte Kohlengruben und Dampfziegelei umfassende Becker’sche Etablissement „Germania“.
Nach einem dreiviertelstündigen eintönigen Weg, der indessen von seinen Höhen einen angenehmen Rückblick auf das Panorama von Wittenberg gestattet, findet man sich in einer mit Gas geschwängerten Luft, die vom fröhlichen Leben und Treiben, von wohlgeordneter Thätigkeit widerhallt.
   Noch vor fünfundzwanzig Jahren war an dieser Stelle, der zu Teuchel
gehörigen Wüstenmark Löbbecke, keine Spur wahrzunehmen, die zu der Hoffnung auf irgendwelche nennenswerthe Industrie berechtigte.
Der sumpfige Boden brachte wenig und saures Gras hervor, und in den feuchten Thaleinschnitten wurde ein geringer Torf, ein damals aber gesuchtes Brennmaterial gewonnen.
Von den nach Millionen zählenden Werthen, die der sterilen Boden deckte, hatte Niemand eine Ahnung.
Erst Anfangs der fünfziger Jahre entdeckte der Wittenberger Chirurg Förster beim Torfgraben, daß die Erde Kohlen enthalte, und beschloß den Schatz zu heben.
Es ist aber ein eigen Ding jetzt mit der Schatzgräberei; eifersüchtiger als je hüten die Geister der Tiefe ihr Gut vor den nimmersatten Menschen, und die beim Vollmond von Haselstrauch geschnittene Wünschelruthe hat längst ihre Kraft eingebüßt.
Wer heute Schätze heben will, muß eine Wünschelruthe von Geld anwenden, und schwer, sehr schwer muß sie sein, und statt der früheren verhältnismäßig billigen Springwurz muß er die Berge öffnen und ihre Güter bezwingen mit Dampf.
Beides hatte Förster, der Entdecker der Dobiener Kohlenfelder nicht und er ging deshalb an seinem Unternehmen elend zu Grunde.
Nach ihm kamen Andere, die mit mehr oder weniger Glück ihr Heil versuchten, bis die verschiedenen kleinen Unternehmungen von der
Dessauer Creditbank vereinigt wurden.
Vor etwa zweieinhalb Jahren endlich ging das Ganze für einen namhaften Preis in die Hände des Herrn Becker, der sich durch seine Bernsteingräbereien und Baggereien schon einen Weltruf erworben hat, über, und der die Ausbeutung der gewaltigen Thon- und Kohlenlager in rationellster Weise in Angriff nahm.
Aus den einfachen Kohlengruben, die kaum den Abbau lohnten, ist seitdem ein industrielles Etablissement ersten Ranges entstanden, das sich besonders, seit es vor einundeinhalb Jahren der jetzigen Direction unterstellt wurde, rapid entwickelt.
Sieben hohe Schornsteine künde, wie weithin sichtbare Fanale, dem Nahenden an, daß hier etwas Ungewöhnliches, etwas Großartiges vor sich geht; und es ist in der That etwas Ungewöhnliches, 8 Dampfmaschinen in einem Werke arbeiten zu sehen, wie es bei der Germania geschieht. Acht Dampfmaschinen mit zusammen 1200 Pferdekraft schnurren und pusten und brausen, um Futter für die verschiedenen Ziegelöfen herbeizuschaffen und zu bereiten.
Drei mächtigen Pressen drücken die Ziegel in alle gewünschten
Formen, vom einfachen Mauerstein bis zum künstlich facionirten
Gesims mit einer peinlichen Ruhe und Sauberkeit; nur auf sinnreich construirten Wagen, auf Eisenbahnen, werden die fertigen Steine
nach den Scheunen zum Trocknen geschafft, 300 000 Stück Woche
für Woche.
18 Ziegelscheunen von je 220 Fuß Länge sind bereit, jede 4 Millionen Steine aufzunehmen, um sie getrocknet an die Oefen abzugeben.
Das Brennen der Steine geschieht in mehreren gewöhnlichen, einem Ringofen und einem Gasringofen mit 20 Kammern, jede zu 11 000 Steinen. Außerdem steht ein Kasseler Ofen zu Probebränden und zum Brennen von modellirten Thonwaaren bereit.
Der eben erwähnte Gasofen ist ein Unicum in unserer Gegend; die Steine, die mit keiner Spur Kohle in Berührung kommen, werden in 36 Stunden nur mit Gas gebrannt, der in sechs Generatoren aus selbst gewonnenen Kohlen bereitet wird.
Die Kohlengewinnung ist eine besondere, interessante Seite des Etablissements. Aus zwei Schächten fördern die Maschinen unaufhörlich die schwarzen Massen aus der Tiefe. Alle drei Minuten ertönt ein Signal, die Maschine setzt sich in Bewegung und zieht an einem Drahtseil den mit 4 Hectolitern gefüllten Hund auf der schiefen Ebene an Tag, während gleichzeitig ein leerer in den schwarzen Schlund verschwindet.
Eine 300 pferdige Dampfmaschine hält die Schächte von Wasser frei,
ein wahres Ungethüm von Maschine.
Das Schwungrad hat einen Durchmesser von 22 Fuß und der Zylinder einen solchen von 33 Zoll; ersterer wiegt die Kleinigkeit von 175,
letzterer 80 Zentner, und mit den Doppelpumpen von 12 Zoll lichter Weite vermag sie in der Minute 120 Kubikfuß, das ist 240 Eimer Wasser, zu heben. Wie ein reißender Gebirgsbach strömt die Wassermasse heraus und kommt, nach der Dobiener Mühle geleitet, dieser als Trinkwasser zu Gute.
Interessanter als der unterirdische Kohlenbau ist, für den Laien wenigstens, ein Tagbau, weil er dem Beschauer ein vollständiges Profil des Berges bietet, gleichsam einen Blick in die Werkstatt der Natur gestattet.
Der Fuß steht aus lauterer Kohle und der Blick mißt erstaunt die soliden
haushohen Kohlenwände aus denen die hineingetriebenen Probegänge
geheimnisvoll, düster herausschauen.
Sehr gut lassen sich in den Wänden ganze, starke Baumstämme und
knorrige Reste erkennen. Oben auf liegt außer einer dünnen Sandschicht eine mächtige Lage Thon, und aus demselben Thon, der den früheren Besitzern als unnützer Abraum die Kohlen zu sehr vertheuerte, werden jetzt in Berlin moderne Paläste, in Lichterfelde reizende Villen erbaut; derselbe Thon, der den Entdecker der Dobiener Kohlen ruinierte, sichert dem jetzigen Besitzer, durch seine rationelle Verwendung den erstrebten Gewinn.
  Die Verbindung zwischen den einzelnen Arbeitsplätzen der Germania wird durch 14 000 laufenden Schienen vermittelt

alte Loren…

und ebensoviel vermitteln den Verkehr unter der Erde; hierzu wird in kurzer Zeit noch eine Drahtbahn kommen, welche die Thon- und Kohlenwagen durch die Luft befördert. Maschine und Gerüst ist bereits aufgestellt.
Augenblicklich beschäftigt dir Germania 240 Arbeiter, die, ungerechnet die Beamtengehälter, einen Wochenlohn 45,00 Mark beziehen;
diese einfache Zahl wird darthun, daß das Etablissement auch für Wittenberg von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist.
Für die fremden Arbeiter ist in der humansten Weise gesorgt;
ein freundliches, helles Haus, das an beiden Seiten in eine Veranda ausläuft und im Innern nach Art der Zwischendecke auf großen Auswandererschiffen eingerichtet ist, bietet bequem Raum für 120 Mann. Und damit dem nationalen Geschmack keine Gewalt angethan wird, ist an jeder Seite des Arbeitshauses eine Küche erbaut, von denen die eine für das Menü der Westfalen, die andere für das der Ostpreußen sorgt. Wohin man den Blick richtet auf dem großen Werke, praktisch ist Alles, was man sieht, von der schon genannten riesigen Dampfmaschine bis zum massiven Thonwagen, den dennoch ein Knabe regieren kann, und bis zur einfachen Hemmvorrichtung an den Kohlenhunden.
Neben der Ausbeutung des Werkes wird auch dessen zukünftige
Ertragsfähigkeit nicht aus den Augen gelassen; es werden auf den ausgenutzten Strecken Baum- und Weidenpflanzungen angelegt,
die wunderbarer Weise, trotz der mangelnden Ackerkrume, größtentheils einen recht frischen Stand zeigen.
   Wie Vieles und Großes nun aber auch in kurzer Zeit an der Germania
geschaffen wurde, so ist doch das Werk noch im Entstehen und muß
nach seiner Vollendung ein außerordentlich umfangreiches, großartiges
Etablissement bilden, wie es selten im Privatbesitz vorkommen mag.
   So ist außer der schon erwähnten Drahtbahn, die ihrer Vollendung entgegen geht, die Fabrikation von Flaschen und Thonröhren in Aussicht genommen, und die Krone wird dem Werke die projectirte Schienenverbindung mit der Anhalter Bahn bei Kleinwittenberg
mit normaler Spurbreite aufsetzen. Daß der Anlage dieser Bahn keine
allzu großen Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden, ist sowohl
im Interesse der Absatz-, das heißt der Concurrenzfähigkeit mit
anderen ähnlichen Werken, als auch des Straßenpflasters wegen dringend zu wünschen.                                r.

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