Dobien


Inhaltsverzeichnis

20. Wilhelm Wagner (Schuhmachermeister)l

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20. Wilhelm Wagner

Aus dem Leben eines Handwerkers
Die Dobiener Bürger kauften auch bei Schuhmacher W. Wagner, darum
aus Blätter für Heimatgeschichte eine Geschichte dieser Zeit.

Wilhelm Wagner - Lebensgeschichte eines Wittenberger Schuhmachermeister
Die Erinnerungen wurden in den „Blättern für Heimatgeschichte“, herausgegeben von „Wittenberger Zeitung“ und „Neues Zahnaer Tageblatt“, in mehreren Folgen veröffentlicht. Die 16. Folge erschien am 21.Januar 1925, wie aus der Ablichtung am Schluß der Lebenserinnerungen zu erkennen ist. Sie müssen über einen längeren Zeitraum entstanden sein. So heißt es am Anfang „Meine Erinnerungen beginnen vor 80 Jahren um 1840“, was auf 1920 als Entstehungszeit schließen läßt. Andererseits ist an anderer Stelle von der 94 jährigen Mutter die Rede. Dieser Teil wäre dann 1904 geschrieben.

Meine Kindheit

Meine Erinnerungen beginnen um 1840, also vor 80 Jahren.
Wenn das Handwerk auch in der Zeit, da meine persönlichen Erinnerungen beginnen, den viel gerühmten goldenen Boden dank der bereits mächtig gewordenen, heranwachsenden Industrie unter den Füßen verloren hatte, so hatte es doch in jenen stillen Zeiten wenigsten noch den goldenen Faden in seinem Besitz, dessen Schimmer sich durch das ganze Leben des Einzelnen hindurchzog und ihm eine gewisse Weihe verlieh: In engem Kreise zwar, aber fest gegründet stand der Handwerksmeister inmitten seines Berufes. In rastloser Arbeit strebte er vorwärts, bei aller Entbehrung trug er bescheidenen Sinnes sein harten Los, Zufriedenheit aber gab seiner ganzen Stimmung das Gepräge. Er fühlte sich wahrhaft glücklich.
Nachdem mein Vater im Herzogtum Anhalt vier Jahre als Schuhmachergeselle gearbeitet hatte, faßte er im Jahre 1834 den Entschluß, sich wirtschaftlich selbstständig, zu machen und Meister zu werden. Da er aber als geborener Preuße - in den benachbarten Ländchen politisch natürlich ein Fremdling – ohne allen Anspruch auf bestimmte Rechte, als Ausländer galt, so stellten sich seiner Absicht große Schwierigkeiten entgegen. Hatte doch das damals noch in voller Wirksamkeit stehende Zunftwesen in den der immer noch vorhandenen 39 selbstständigen Vaterländer des Deutschen Bundes seine eigenen Gesetze und Bestimmungen, deren peinliche Beobachtung rücksichtslos gefordert wurde. Auch hier war der feinere Luftzug der Stein`schen Ära wieder den dumpfen Nebeln mittelalterlichen Druckes gewichen. So waren für meinen Vater als Fremden allerlei Hemmnisse zu überwinden, um an den Orte, wo er eine Reihe von Jahren ehrsam gearbeitet, wo er sich in einem lieben Bekanntenkreis eingelebt und auch seine Gefährtin zum Leben gefunden hatte, sich als Meister seines Handwerks seßhaft und selbständig zu machen.
Die gesetzlich vorgeschriebenen 3 Jahre Wanderschaft hatte er geleistet. Aber, da seine Braut keine Meistertochter seines Handwerks war, mußte er sich auf lange, unbestimmte Zeit gedulden, bis in der Liste der Angemeldeten, von denen alljährlich eine je nach Bedürfnis bestimmte Zahl zur Meisterschaft zugelassen wurde, die Reihe an ihn gekommen wäre. Daher entschlossen sich beide nach langem vergeblichen Harren in der Heimatstadt meines Vaters den Kampf ums Dasein aufzunehmen und sich, gestützt auf die wenigen Taler, die sie sich in ihrer Armut, mein Vater als Sohn eines Zimmergesellen und meine Mutter, die Tochter eines Häuslers, hatten ersparen können, recht und schlecht durchzuschlagen. Gesund und arbeitsfreudig, mit kräftigem, vertrauensvollen Sinn blickten sie in die dunkle Zukunft.
Solche Zuversicht hatten sie aber vonnöten, wenn sie das Kommende glücklich bestehen wollten. Denn, nachdem mein Vater sich hier in Wittenberg als Meister etabliert hatte, schwanden die wenigen gesparten Taler bald dahin. Das Meisterwerden mit all seinen Formalitäten und unvermeidlichen Strafgelder machten viele Ausgaben nötig. Dazu kam eine kleine, gesetzlich vorgeschriebene Schmauserei, so daß im Umsehen 60 Taler für all diese Verpflichtungen aufgewendet waren. So blieb denn nur eine ganz geringe Summe für die Haushaltseinrichtung übrig, die daher nur sehr kümmerlich ausfiel. Noch weniger konnte leider auf das Geschäft selbst verwendet werden. Da zunächst, ehe das Geschäft weiter bekannt geworden war, die Kundschaft sich nur spärlich einstellte, meine Eltern anderseits nicht untätig sitzen mochten, sondern immer schafften, ohne ein Ausruhen in ihrem ganzen Leben zu kennen, so legten sie sich darauf, einen kleinen Vorrat von Schuhen und Pantoffeln anzusammeln. Damit besuchten sie die Jahrmärkte der Umgegend, die damals noch als Verkaufsplätze blühten, und hatten bei allen Schwierigkeiten solchen Daseins immerhin ein wenig Absatz, vermöge dessen sie sich kümmerlich hinhielten. Besonders drückte es sie und war es bedenklich, daß sie sich bei ihren beschränkten Mitteln in die Hände des Lederhändlers geben mußten, der ihnen gern reichlich Kredite gewährte, weil er das sparsame und arbeitsame Wesen meines Vaters und den haushälterischen Sinn meiner Mutter vorsorglich erkundet hatte.
Vier Jahre gingen so in rastlosen Mühen und Sorgen dahin, ohne daß die gemachten Schulden abgezahlt werden konnten. Waren ihnen doch auch in dieser Zeit zwei Kinder geboren, von denen das eine, ein Mädchen, jedoch bald wieder starb. Im Jahre 1838 erblickte ich als drittes Kind unter solch bedrängten Verhältnissen das Licht der Welt. Da meine Mutter das Marktreisen damals allein besorgte, und sie deshalb jedesmal mehrere Tage von Hause fern sein mußte, so stellte sich die Notwendigkeit heraus, für meine Wartung eine Hilfskraft ins Haus zu nehmen. So wurde ein Lehrling eingestellt, der zugleich in Abwesenheit meiner Mutter, mit Rindermantel und Rutschbeutel ausgerüstet, als meine Wärterin zu fungieren hatte. Wie gewissenhaft er seine Pflichten in dieser Stellung erfüllte, und mit welcher Selbstaufopferung er sich bewährte, bewies er einmal, als er beim Hinabsteigen der dunklen Treppe einen Fehltritt tat und mit mir hinab kollerte. Dabei beschädigte er sich selbst an Armen und Beinen, aber mich selbst bewahrte er vor jedem Anstoß, da er rasch gefaßt das kleine Wesen bei der ganzen Affäre hoch in der Luft gehalten hatte, so daß er stolz auf sein wackeres Verhalten mich unversehrt meiner auf den Tod erschrockenen Mutter in die Arme legen konnte. So unterblieb dann auch die ihm bereits zugedachte Strafe.
Die sehr beschränkte Wohnung meiner Eltern in der Hauptstrasse im zweiten Stock eines sehr baufälligen alten Hauses gelegen, bestand aus der 4 Meter im Geviert haltenden Wohnstube, einer ebenso großen Werkstatt, beides mit zusammen 4 Fenster nach der Straße hinaus, etwas Bodenraum und Keller. Das war alles das Gebiet, auf dem ich meine Jugendzeit verlebt habe. Doch habe ich später, als an Stelle dieses Hauses nach seinem Abbruch ein neuer Bau entstanden war, die Freude gehabt, daß ein heute noch lebender Staatsminister an derselben Stelle sein Heim fand, wo dereinst seine Wiege gestanden hatte.
Da unsere Familie sich stetig vermehrte, wurden nach mir noch drei Geschwister geboren, und die Anforderungen an den Lebensunterhalt sich dann entsprechend steigerten, so war auch dies ein Ansporn zur Erweiterung des Geschäftes. Ein Geselle wurde eingestellt. Noch ein Lehrling angenommen. Schließlich arbeitete mein Vater mit 4 Gesellen und 3 Lehrlingen, und all diese mit einer Großmutter. 15 Personen fanden Platz in ein und denselben 2 Räumen, die im Laufe der Jahre die einzige Änderung erfuhren, daß der Mietpreis sich von 20 auf 22 Taler erhöhte.
15 Menschen also arbeitend, essend und hausend in so bescheidenen Räumen. Heute würde man das als eine rein polnische Wirtschaft bezeichnen, und doch gehörten meine Eltern dem gepriesenen goldnen Handwerker-, dem Mittelstande an, und wir alle fühlten auch gar nichts von all den Miß - und Übelständen, die bei solcher Beengung sich einstellten. Da wir es von Anfang an nicht anders kannten, da wir uns vollständig eingelebt hatten, so kamen uns die Mängel gar nicht zum Bewußtsein. Es mußte so sein. Ja, da sich alles im Frieden abwickelte, erschien uns unser Dasein gar als Wohlergehen und priesen wir uns glücklich, wenn wir uns mit anderen Familien verglichen, denen es schlechter als ihnen erging.
Für 15 Personen mußte täglich 2 mal Kaffee und das Mittagbrot gekocht werden, da Geselle und Lehrling in allen Stücken zur Familie zählten. Diese schwere Arbeit der Frau Meisterin wurde noch wesentlich gesteigert durch den vollständigen Mangel an einer Küche, die vielmehr durch einen Herd, einen sogenannten Kamin im Eingange zum Schornstein vertreten wurden. Zwei Steine und zwei Eisenstäbe, quer darüber gelegt, bildeten die Kochfeuerung, schräg über befand sich in dem engen, finsteren Raume der ebenso konstruierte Herd der Flurnachbarn. Neben meiner Mutter hatte besonders mein damals 13 Jahre alter Bruder unter diesen Schwierigkeiten zu leiden. Waren die Eltern 4 Tage lang, was oft vorkam, zu irgendeinem Markte abwesend, dann hatte er unter meiner, dem 9 jährigen, Assistenz das Hauswesen in Ordnung zu halten, die jüngeren Geschwister zu warten und natürlich auch der Kochkunst zu pflegen. Mit dem Schulbesuch fanden wir uns in solchen Zeiten so ab, daß jeder immer den einen um den anderen Tag zu Hause blieb.
Von dem Umgange mit den richtigen Töpfen in dem engen, dunklen Kochraum hatten unsere Hände einen schwarzen Grundton angenommen, der sich trotz allen Waschens nicht beseitigen ließ. Fielen wir daher im Vergleich mit anderen Kindern dem spähenden Lehrer auf, dann gab es oft noch Schläge auf die Hände, eine Ungerechtigkeit, die uns tief kränkte, die wir aber schweigend hinnehmen mußten. Bei wem sollten wir uns beschweren? Unsere Hände waren ja schmutzig. Woher das kam, danach fragte niemand. Bei alle dem lernten wir uns in die Welt schicken und fügen, wir richteten uns mit dem Vorhandenen ein, so gut es ging und lernten in allen Lebenslagen sich zurechtzufinden, eine Gewöhnung heilsam der Jugend fürs ganze Leben. Bei der Beschränktheit unserer Wohnung mußte jeder täglich solche Tugenden üben. Mußte doch die 16 m2 große Wohnstube fassen 1 Bett für die Eltern, einen Kleiderschrank, ein Sofa, einen Tisch, drei Stühle, eine Kommode, ein Nähtischchen, an welchem meine Mutter emsig mit gewerblichen Arbeiten beschäftigt war. Oft wurde hier auch noch eine Schneiderin untergebracht und im Winter der Feuerungsersparnis wegen im Ofen gekocht. Zu Zeiten mußte auch die Wiege noch Platz finden. Die Fensterfrontseite der zweiten Stube war dem Handwerk gewidmet und nahm ein Drittel der ganzen Stube ein mit einem Podium von 50 Zentimeter Höhe, auf dem meines Vaters rastloses Arbeiten mitten unter dem hämmernden und nähenden Gesellen und Lehrlingen dominierte. Im Sommer von morgens 6 Uhr bis abends halb 9 Uhr. Im Winter dauerte die Arbeit von 7 Uhr bis spät in die Nacht hinein, ja oft die ganze Nacht hindurch. An der gegenüber liegenden Wand standen 2 Betten als Schlafstätte für uns 5 Kinder, so daß das nicht allzu große Zimmer den größten Teil des Tages hindurch 13 Menschen beherbergte. Eine Art Küchenschrank, wo Brot und sonstige Lebensmittel aufbewahrt wurden, stand dem Eingange von der Wohnstube her gegenüber. Die ganze Länge des Podiums hin waren über den Fenstern 30 Zentimeter unter der Stubenecke Bretter angebracht, auf denen Brot und Butter der Gesellen ihren Platz gefunden hatten. Zwei Holzstühle, auf denen wir Kinder abwechselnd Platz für unsere Schularbeiten finden mußten, vervollständigten das Mobiliar.
Gewöhnlich reisten unsere Eltern in der Zeit von 1 - 3 Uhr nachts zum Markte ab. Sie kehrten auch nach einigen Tagen um dieselbe Zeit wieder heim. Ein ganz besonderer wichtiger Tag war es, wenn es den großen Markt in Berlin zu beziehen galt. Früh um 8 Uhr kam der Fuhrmann zum Aufladen, da mußte alles fix und fertig sein. Um halb 10 Uhr ging die Reise los. Ein Wagen hoch beladen mit 14 - 16 schweren Marktkisten und ebenso viele Personen darauf. Die Fahrt dauerte, unserer heutigen Zeit sei es vor Augen gehalten, wenn sie über langsame Beförderung und über Schütteln der Eisenbahnwagen klagt, den ganzen Tag, die folgende Nacht hindurch, bis die gemarterten Reisenden am Nachmittage spät vor der Hauptstadt anlangten. Dabei wurde so manches Hausbrot, das bei Berliner Verwandten in schmackhaft heimischer Erinnerung stand, auf die Frage des gestrengen Zollbeamten nach dem Steuerbaren durch das Tor hineingehuscht.
All die Mühseligkeiten wurden nicht etwa durch Betrachten der damals schon großartigen Sehenswürdigkeiten der Residenz belohnt. In einer großen Stube wurden Strohschütten gelegt, auf denen ungefähr 30 Personen aus aller Welt zum Schlafe ihre Stelle fanden. Und sie schliefen wohl besser als mancher andere auf den weichsten Daunen. Kein Dürsten, kein noch so starkes Schnarchen vermochte den gesunden Schlaf zu stören, bis gegen Morgen die Sorge um das Geschäft den einen nach dem anderen zum Erwachen brachte und zum Aufbruch trieb. Da das Waschen am Brunnen, Kaffeetrinken auch noch Zeit wegnahm, mußte die ganze Gesellschaft um 5 Uhr auf den Beinen sein, um rechtzeitig zur Warenstandesausgabe zu kommen, die ein Konstabler und Hauptmann zu leiten hatte. Nachdem man sich auf seinem Stande eingerichtet hatte, mußte das Geschäft vom frühen Morgen bis zum späten Abend betrieben werden bei jedem Wetter, bei aller Unbill der Witterung. Außer den großen Unkosten, abgesehen von all den geschilderten Mühseligkeiten, sollte auch noch Verdienst dabei heraus kommen. Wenn dieser auch nicht allzu groß war, so muß man doch in Betracht ziehen, daß bei solchem Geschäft mancher Ladenhüter an den Mann gebracht werden konnte. War das Wetter gut, so konnte man immer auf größeren Absatz hoffen, bei ungünstigem Wetter aber wurde oft die bescheidene Hoffnung zunichte und war alle Mühe vergebens aufgewendet.
Schon in meinem neunten Lebensjahre mußte ich diese Fahrten nach Berlin mitmachen, dabei war es vor allem meine Aufgabe, nichtzahlende Abnehmer auf frischer Tat zu ertappen, was mir auch öfter geglückt ist. Stolz auf meinen Erfolg war ich immer, wenn das Geständnis des Diebes von der Polizei aufgenommen war und die entwendeten Schuhe oder Pantoffeln aus dem Versteck hervor gezogen wurden.
Schrecklich für die Berliner Marktbesucher, darunter auch meine Eltern, war der erste Frühjahrsmarkt 1848, denn bei ihrer Ankunft wurden sie von dem grausigen Anblick überrascht, den die auf den Straßen überall umherliegenden Leichen und die Barrikaden machten. Unverrichteter Sache mußten sie wieder abziehen, um 8 Tage später alle die Beschwerden nochmals durchzumachen. Diesmal allerdings machten sie bereits wieder ein gutes Geschäft. So rasch waren die schlimmen Wirkungen, die der Kampf für Handel und Verkehr gehabt hatte, wieder beseitigt. Alle Geschäfte nahmen wieder ihren gewohnten Verlauf, als ob nichts geschehen wäre, was die Uhr der Weltgeschichte einen gewaltigen Stoß vorwärts getrieben hatte.
Die Bevorzugtesten Märkte fielen in der die Zeit von Oktober bis Weihnachten. Im Dezember wurde von früh bis spät in die Nacht hinein gearbeitet und geschafft, um das doch immer kümmerlich bleibende Dasein zu fristen. Welche Fülle von Entsagung und Aufopferung bringt doch solch ein Handwerkerleben all seinen Familiengliedern!!
Und doch wachsen aus solchem gemeinsamen Schuften und Leiden die schönsten Blüten eines glücklichen Familienlebens, wenn Kinder, Lehrlinge, Gesellen und Meistersleute mit gleichem Anteil die Leiden tragen und die bescheidenen Freuden genießen. Wie beglückt fühlten wir Kinder uns, wenn die Gesellen uns in der kurz bemessenen Feierstunde auf den Schoß nahmen, uns hätschelten und uns etwas erzählten. Besonders erinnere ich mich mit Freuden an einen hünenhaften Westpreußen aus Marienwerder, der 4 Jahre bei uns gearbeitet hatte, nachdem er vorher Soldat gewesen war. Begleitet von meinen bittersten Tränen nahm er Abschied mit den Worten: „Hierher komme ich nicht wieder.“ Doch es sollte wider Erwarten anders kommen. Vier Jahre waren wieder verstrichen. Dieselben Gesellen die wir damals gehabt hatten, denn ein Wechsel war damals noch selten, saßen noch an ihren herkömmlichen Plätzen. Da kam ein Regiment Soldaten die Strasse heraufmarschiert, wir alle sahen dem Schauspiel mit dem größten Interesse zu. Da plötzlich erhebt sich schon aus der Ferne in den vordersten Reihen eine winkende Hand, und wie die marschierende Kolonne näher kommt, ruft einer der Gesellen: „Das ist ja der Westpreuße“. Und so war es dann auch. Ein halbes Stündchen später trat er in unsere Wohnung, mich sehen und auf den Arm nehmen, obwohl ich nun schon 11 Jahre alt war, war eins.
Als wir uns von der Aufregung des freudigen Wiedersehens etwas beruhigt hatten und der liebe Gast zum Dienst zurückkehren wollte, sagte er plötzlich zu meinem Vater: „Meister, mir ist gar nicht gut. Ich fühle mich krank und werde wohl ins Lazarett gehen müssen.“ Und so kam es. Am nächsten Tag ließ er durch einen Lazarettgehilfen meinen Vater um seinen Besuch bitten. Doch wie das so geht, mein Vater war gerade sehr stark durch Arbeit in Anspruch genommen. Auch konnte er doch nicht ahnen, daß die Krankheit sich so verschlimmert hatte. Am nächsten Nachmittage gedachte er den Besuch zu machen. Da kam schon am Vormittage ein neuer Bote mit der dringenden Bitte, er möge doch ja schnell kommen, es stünde sehr schlecht. So machte sich denn der Meister schleunigst auf, traf aber nur noch einen sterbenden an, der nur unverständliche Laute von sich geben konnte und im Beisein meines Vaters bald verstarb. In schlichtem Sarge wurde er so fern von der Heimat zur letzten Ruhestätte von einer kleinen Abteilung seiner Kameraden geleitet, denen sich mein Vater mit den Gesellen anschloß. Ich war dem Trauerzuge abseits gefolgt, und als sich alle vom Grabe entfernt hatten, suchte ich Feldsteine zusammen und streute unter reichlichen Tränen auf seinem Grabhügel ein Kreuz, das ich in späteren Jahren noch öfter erneuert habe.
Beim Geburtstage eines Gesellen oder Lehrlinge war es schöne Sitte, den Gefeierten mit einem kleinen Blumenstrauß oder sonst einer bescheidenen Gabe zu erfreuen; besonders an den Geburtstagen der Eltern sowie zum Neujahrstage fehlte nie ein selbstgeschriebenes Gedicht von Seiten der schreibfertigen Geschwister. Bei den beschränkten Räumlichkeiten war dies keine kleine Arbeit. Mußte sie doch, sollte sie ihren Zweck, den lieben Eltern Freude zu machen, vollständig erfüllen, in aller Heimlichkeit ausgeführt werden. Daher vertrat dann meist das Waschhaus oder, war dies belegt, ein Stall die Schreibstube, Papier und Tinte mußten von oben fort hier hinein geschmuggelt werden. Vermißten uns die Eltern bei der uns sonst obliegenden Arbeit und kamen wir endlich vom Hofe hinauf in die Wohnung und konnten wir auf die Fragen nach unserem Verbleib nicht hinreichende Auskunft geben, dann waren noch harte Schläge unser Lohn für die gehabten Bemühungen. Aber wir litten geduldig. Die Arbeit unserer Kindesliebe hätten wir beileibe nicht verraten.
Der von den emsigen Arbeiten ausgehende Dunst und der Öllampenruß, der sich besonders bei den langen Nachtarbeiten entwickelte, scheint uns Schläfern nicht besonders geschadet zu haben, denn wir Kinder waren allesamt gesund und munter, rotbäckig wie die Weihnachtsäpfel. Auch kann ich mich nicht erinnern, daß je eines von uns krank gewesen wäre. Nur ich habe in meinem fünften Jahre ein Vierteljahr lang das sogenannte dreitägige Fieber gehabt, das in unserer Stadt wegen der Kämpfe an der Südseite damals häufiger einstellte.
Ein strenges Regiment führte im Hauswesen die Mutter; wehe dem, den sie die Zeit müßig verbringen sah, besonders wenn sie selbst bei einem bevorstehenden Marktbesuche mit Arbeit überhäuft war. Da sollte den Gesellen vorgearbeitet werden, die eben fertig gewordenen Schuhe und Stiefel mußten zum Markte eingepackt, Anordnungen für unsere heimische Wirtschaftsführung erwogen und getroffen werden. Daneben war die laufende Arbeit zu erledigen. Und so konnte es denn auch nicht fehlen, daß bei solcher Aufregung manche harte und ungerechte Züchtigung auf uns Kinder fiel.
Oft allerdings hätte ich wohl mehr Strafe verdient als verabfolgt. So erinnere ich mich eines Vorkommnisses: Es war Winter, die Gesellen hatten bis 3 ½ Uhr gearbeitet Ihr Aufbruch mochte mich wohl geweckt haben und ich konnte nicht wieder einschlafen. Wir lagen zu dreien im Bett, ich mit dem Kopf zum Fußende. Auf einem Holzstuhl vor dem Bett stand das Backfaß mit 25 kg gärendes Brotteiges, zugedeckt mit dem Holzdeckel und dem Pelze meines Vaters. Aus lieber Langerweile suchte ich den Stuhl in schwankende Bewegung zu setzen, was mir dann auch nach einigen Bemühungen gelang. Da ein Krach, rums – Stuhl und Backfaß lagen am Boden. Der Inhalt ergoß sich unbarmherzig auf Pelz und Fußboden. Ein Aufschrei meiner Eltern: Was ist denn da in der Werkstatt passiert? Sie springen auf und stürzen herein: Da liegt die Bescherung. Schon wollte ich vor Angst vergehen, mein Vater sagte „Das hat der Junge im Schlaf getan.“ Schnell gefaßt nahm ich, obgleich erst 6 Jahre alt, diese Äußerung als rettenden Wink und schnarchte, was ich konnte. So war ich der schon verhängnisvoll drohenden Strafe entronnen. Hoffen möchte ich auch, meine liebe Mutter, die sich trotz ihrer 94 Jahre des drastischen Vorfalls noch erinnern wird, würde mir dieses späte Geständnis freundlich abnehmen, und den damaligen Ärger vergessend, mir die Kriegslist des kleinen Kerls verzeihen.
Wenn auch eigentliche Krankheiten, wie gesagt in der Familie nicht vorkamen, gab es doch manche Vorkommnisse, die durch uns Kinder hervorgerufen wurden und die lieben rastlos im Beruf tätigen Eltern, in Schrecken versetzen. Außerhalb der Wohnung uns selbst überlassen wurden wir früh selbständig. Mußten dabei freilich manche bittere Erfahrung sammeln, ehe wir klug und besonnen wurden. Mit meinen 5 Jahren fand ich eine vollkommene Spielgemeinschaft von Kindern, die ihr Wesen im gemeinschaftlichen Waschhause trieben, das wenn nicht für seine Zwecke benutzt, stets für unser Treiben offenstand. Natürlich wird die große Wäschemangel, die sogenannte „Rolle“ wenn wir Wäschewaschen spielten, in Bewegung gesetzt. Da ich noch der Jüngste war, und bei dem Hauptwerke, dem Ziehen an der Rolle auch nicht zugelassen wurde, doch meinem Tätigkeitstriebe mitwirken wollte, drehte ich mit meinen Fingerchen an den Aufwickelrollen. Doch plötzlich ein Aufschrei. Das erbarmungslose Rollholz war mir über die Finger gegangen. Wie es dann weiterging, kann man sich sicherlich denken. Die Fingernägel lagen abgequetscht auf der Platte. Ein Nachbarsjunge nahm sie ohne weiteres ab und trug sie zu meiner Mutter mit den Worten „hier bringe ich Wilhelm seine Nägel.“ Was für Nägel, rief meine Mutter erstaunt, nicht wissend, was sie daraus machen sollte. Aber schon suchte ich Hilfe bei meiner Mutter, meinen Kopf flehendlich in ihrer Schürze bergend. Nun sah sie mit Entsetzen die Bescherung, die breitgedrückten Finger an denen Fleischspitzen hervortraten. Der Lehrling nahm mich auf die Schulter und trug mich zum Arzt. Einige Wochen nahm die Heilung in Anspruch, die Merkmale sind aber in neugewachsenen, etwas verkümmerten Fingernägeln bis heute geblieben.
Wundern muß ich mich heute, daß meine Eltern bei der vielen schweren Arbeit, dennoch Gelegenheit blieb, unsere Kinderzeit zu verschönen, und mit dem Zauber lieber Erinnerungen, die bis in unser Alter sich erhalten haben, zu schmücken. In der Dämmerstunde besorgte und reinigte ein Lehrling die Lampe für den Abend und die nötigen Einkäufe für die Gesellen und die Wirtschaft; der andere trug das Wasser – die Bequemlichkeit einer Wasserleitung hatte man ja noch lange nicht kennengelernt – für den folgenden Tag aus den nahen Straßenbrunnen herzu, und hatte in der Werkstatt aufzuräumen. Der dritte sägte mit meinem Vater Holz, das er dann auf dem Hofe zu spalten hatte. Er mußte auch das erforderliche Heizmaterial, den Torf, beschaffen.

Mein Vater setzte sich dann, da er den Abendschoppen genauso wenig kannte wie den Frühschoppen, mit meiner Mutter auf das Sofa. Jeder nahm ein Kind auf den Schoß. Wir Größten standen dabei, und nun mußte uns Mutter Märchen erzählen, eine Kunst, in der sie sehr bewandert war. Viele sind mir heute noch in lebhafter Erinnerung, wie Aschenbrödel, singend und klingend Land, Pate Mariechen, die im Himmel sitzt, vom Wolf, der alles Gute verschmähte und zuletzt noch schmachvoll endete usw.. Aber auch Gedichte wußte sie in diesen traulichen Feierstunden eindrucksvoll zu deklarieren, wovon ich manches mir zu Eigen gemacht und behalten habe, z.B. das Gedicht „Wenn der jüngste Tag soll werden“ ein Gedicht, in dem die Mutter die Folgen der Hoffahrt und andernteils die der Gottesfurcht ihren Kindern vor Augen führt, oder das Sterbelied der Königin Luise „Wilhelm komm an meine Seite, nimm den letzten Abschiedskuß.“ Auch Leonore trug sie uns ergreifend vor. Diese Stunden stehen mir noch heute in der Erinnerung als die seligsten meiner Kinderzeit. Alle die, welche heute ihre Abende in Vereinen, beim Sint (sicher ist „Absinth“ gemeint) zubringen, haben keine Ahnung davon, welche Güter fürs ganze Leben sie sich und ihren Kindern dadurch verscherzen und unwiederbringlich vernichten. Die Gesellen verzehrten in dieser Zeit ihr dürftiges Abendbrot, bestehend in Butterstullen ohne allen Belag, öfters sogar trocken Brot.
Zur Abwechslung wurden manchmal für einen Sechser Pellkartoffeln und etwas Fett besorgt, oder ein halber Hering dazu gegessen. Nach solcher Labung ging es wieder unverdrossen an die lang sich hinziehende Nachtarbeit des Winters, einen Tag wie alle Tage mit kurzer Rast von Sonntagmittag an. So war das Leben in en weiten Kreisen unseres Handwerks noch in den 40er Jahren (um 1840) beschaffen, als es noch nicht gelungen war, die Schäden der Kriegszeiten (Wittenberg wurde von den Napoleonischen Truppen bzw. den Preußischen Truppen stark beschädigt) vollständig zu beseitigen, so schwer hatte unser Volk zu arbeiten, um in seiner wirtschaftlichen Lage wieder etwas emporzukommen, bis dann die Segnungen des von Preußens einsichtsvoller Regierung geschaffene Zollvereins und das mehr und mehr sich entwickelnde Eisenbahnwesenweitere Förderung brachten. Darum, wenn wir heute klagen, blicken wir zum Trost rückwärts, in die Zeiten unserer Väter, auf deren Schultern wir immer noch stehen, und die uns bereits im Schweiße ihres Angesichts errungen haben, was wir heute als ganz selbstverständlich genießen ohne ein Bewußtsein davon zu haben, wie sauer sie es sich dereinst haben müssen werden lassen.
Während die Mutter dann am Abend die regelmäßige Mehlsuppe kochte, suchten wir schulpflichtige Kinder, so gut es eben gehen mochte, unsere Schularbeiten anzufertigen. Da es uns an jeder häuslichen Anleitung und an Beihilfe von Seiten unserer stark beschäftigten Eltern fehlte, so mögen bei dem Trubel ringsum im engen Raum unsere Leistungen wohl manchmal recht verbesserungsfähig ausgefallen sein. Aber so viel haben wir beiden Brüder doch erreicht, daß wir die hiesige sechsstufige Bürgerschule durchmachten und drei Jahre (???) in der ersten Klasse hindurch das Pensum uns sicher und fest zu Eigen machten.
War das einfache Abendbrot eingenommen, so mußten meine jüngeren Geschwister zu Bett. Da inzwischen der Raum für uns alle zusammen in der Werkstatt zu eng geworden, so wurde meine Schlafstätte nach dem Heuboden verlegt, was mir gerade keine Freude war. Denn als zehnjähriger Junge auf dem großen Boden mit all seinen finsteren Gelassen und seinem Rumpelkram allein zu hausen, wenn der Wind heulte oder der Schnee durch die lockeren Dachziegel aufs dünne Bettlaken fiel, war recht unheimlich. Daher suchte ich nach Mitteln, den Aufenthalt dort oben möglichst abzukürzen. Bald fand ich dann auch ein Ausweg. Ich konnte nämlich bereits leidlich lesen, daher gehörte zu meinen Obliegenheiten, das wöchentlich einmal erscheinende Kreisblatt in der Werkstatt laut vorzulesen. Weil nun die Gesellen meine Leidenschaft kannten, so forderten sie mich auf, ihnen auch anderes vorzulesen. Aus einer Leihbibliothek wurde ein Buch geliehen, und ich las mit Freude und Begeisterung, zumal wenn ich Ritter- und Raubgeschichten gefaßt hatte.
Nachdem meine Eltern gegen 12 Uhr zu Bett gegangen waren, ging die Geschichte los, und den Gesellen ging die Arbeit, die wie bei allen Meistern nicht vor 2 Uhr beendet wurde, manchmal mit Ausnahme des Montag bis 4 Uhr dauerte, wirklich bei solcher Unterhaltung leichter von der Hand. Und ich habe auf diese Weise mit der Zeit förmlich eine kleine Bibliothek durchstudiert. Einen besonderen Reiz hatte diese Beschäftigung noch für mich, bekam ich doch für jeden vorgelesenen Band von meinen Zuhörern prompt 2 Pfennig ausbezahlt. So konnte ich es auf 6 bis 8 Pfennig die Woche bringen und ein ordentliches Kapital ansammeln.

Meine Lehrzeit

So wuchsen wir Kinder denn heran. Mein älterer Bruder lernte das Handwerk des Vaters. Ich jedoch hatte dafür keinen rechten Sinn, ich wollte etwas werden, wobei meine geistige Regsamkeit ein freieres Feld der Betätigung finde. Am liebsten wäre mir der Lehrerberuf gewesen. Da aber meinen Eltern das zum Bestreiten der Vorbildung erforderliche Geld fehlte, so dachte ich dann bei einem Kupferschmied in die Lehre zu gehen. Aber mein Vater erklärte mir rundheraus: „Ach was, Junge, da bleibst du dein Leben lang Geselle, kannst wegen des Mangels des erforderlichen Kapitals niemals selbständig, niemals Meister werden. Das wäre ein klägliches Dasein. Sieh, mein Freund hat drei Jungens. Die sind alle drei Schuhmacher geworden. Ich habe auch immer Brot gehabt, habe euch allesamt aufgezogen und wenn du ordentlich lebst, wirst du auch dein Brot finden“. So wurde ich denn auch ehrsamer Schusterjunge. Es machte sich insofern günstig, als mein Bruder jetzt gerade ausgelernt hatte, so daß ich ohne weiteres an seine Stelle treten konnte.
Nach 2 Jahren ging mein Bruder, dem Herkommen gemäß in die Fremde, mit dem Plane, sich in Sachsen und Schlesien umzusehen und weiter auszubilden. So ist er dann auch ein tüchtiger und feiner Arbeiter in unserem Fache geworden. Zu Meißen hatte er sich auf Zureden seines Meisters an einem Lotterielos beteiligt, war dann aber fortgezogen nach Görlitz. Da erhielt eines Tages mein Vater einen Brief von meines Bruders Meißener Nebengesellen, mit der Anfrage, wie seine Adresse laute, sein Los sei mit 10.000Talern herausgekommen. Sofort teilte der Vater dieses freudige Ereignis dem glücklichen Gewinner nach Görlitz mit und forderte ihn auf, demnächst mit ihm in Meißen zusammenzutreffen.
Das so freudige Wiedersehen schien schließlich auch getrübt werden zu sollen, da der Meister as Inhaber der Losnummer erklärte, mein Bruder hätte nach seiner Abreise die Ziehungsbeiträge nicht mehr gezahlt. Das konnte aber mein Bruder zum Glück widerlegen, da er als vorsichtiger Mann die Postquittungen aufbewahrt hatte und jetzt den Meister zu dessen größter Verlegenheit vorhalten konnte. So brachte denn mein Vater immerhin 300 Taler mit nach Hause. Mein Bruder kehrte, stolz auf seine Errungenschaft, nach Görlitz zurück und gab seinen Mitarbeitern ein Abendbrot mit dazu gehöriger Würze.
Der Erlös des Loses bewirkte eine neue Epoche im Wirtschaftsleben unserer Eltern und rief eine wesentliche Besserung in unser aller Dasein hervor, da sich Gelegenheit bot, für 725 Taler ein eigenes Häuschen zu erstehen. Trotz der dadurch hervorgerufenen Schuldenlast von 500 Talern, ohne die es sich nicht machen ließ, war doch durch den Gewinn besser und geräumiger Zimmer ein gemütlicheres Wirtschaften möglich geworden. Wie atmeten wir alle nach so langen Jahren endlich erleichtert auf, als nun eine besondere Wohnung für die Familie mit kleinem Laden und eine davon ganz abgesonderte liegende Werkstatt eingerichtet wurde.
Da kehrt plötzlich mein Bruder in der Besorgnis, er müsse Soldat werden, aus der Fremde zurück und entwickelte mit meinem Vater den Plan, sich durch eine Auswanderung nach Amerika dem Militärdienst zu entziehen. Nachdem er die Erlaubnis des Vaters nicht ohne Schwierigkeit erlangt hatte, trat er im Besitz von 80 Talern zusammen mit einem Handwerksgenossen die große Reise an. Als sein Reisekoffer auf einen Handwagen geschafft war, machte das Hin – und Herrutschen auf mich den Eindruck, den ich gar nicht wieder loswerden konnte als ob ein Sarg verladen wurde. Die ganze Familie, Gesellen und Lehrlinge, gaben dem Reisenden das Geleit zum Bahnhofe, sahen wir alle tränenden Auges dem abfahrenden Zuge nach. Nach ungefähr 4 Wochen lesen wir zu unserem Entsetzen in der Zeitung, das Schiff, das sich mein Bruder zur Überfahrt von Bremen nach New York ausgesehen hatte, sei gescheitert und mit Mann und Maus untergegangen. Auf Veranlassung meiner Eltern bat ich die Schiffsreederei in Bremerhafen um Auskunft, erhielt denn auch die tröstliche Antwort, die benannten Personen hätten schließlich ihren Plan noch geändert und hätten auf einem anderen Schiff die Reise nach New Orleans vorgezogen. Erst nach einem halben Jahre zeigte uns der Bruder seine glückliche Ankunft in Amerika an. Da das Flottmachen des ersten Schiffes zwei Tage länger als vorgesehen gedauert hätte, hätten sie in der Besorgnis, als Militärpflichtige noch abgefaßt zu werden, rasch entschlossen ein gerade nach New Orleans abfahrendes Segelschiff bestiegen. Ausführlich gab er uns jetzt Nachricht von seiner Seereise, die volle 9 Wochen sich hingezogen hatte, ohne daß er auch nur einen Anfall von Seekrankheit gehabt hätte.
Er schilderte uns seine Arbeit, seinen Verdienst und betonte die in Amerika überall herrschende Freiheit des Redens und Handelns, vergaß aber auch nicht die Kehrseite mancher Einrichtung nicht. Wenn z.B. dort auch Jagdfreiheit herrsche, so habe man darum den Hasen noch lange nicht. Dazu müsse man ihn zu Gesicht bekommen, ihn zu treffen. Dazu gehören Pulver und Blei, die in Amerika sehr teuer seien. Wenn er auch täglich 4 ½ Mark verdiene, so gehe doch viel drauf, da abgesehen vom Fleisch alles viel teurer wäre als bei uns: ein Glas Bier 50 Pfennige, eine Zigarre rauchbar erst für 20 Pfennige, einmal rasieren 5 Pfennige usw.. Auch sei der Gesundheitszustand dort in der heißen Sumpfgegend wegen des Gelben Fiebers sehr gefährdet. Deshalb gedenke er auch New Orleans bald wieder zu verlassen.
Meine Lehrzeit verbrachte ich nicht anders als die anderen Lehrlinge. Im Sommer hatte ich an der Arbeit gut zu sitzen, von früh 6 Uhr bis abends ½ 9 Uhr. Dann mußte ich Wege gehen, Holzhacken. Nach dem Abendbrot blieb dann noch ein halbes Stündchen zur Erholung in der Luft unserer engen Straße. Punkt 10 Uhr ging alles zu Bett. Im Winter begann die Arbeit um 7 Uhr, dauerten meist bis 2, ja oft bis 4 Uhr nachts, des Sonntags ging es ebenfalls bis 4 Uhr nachmittags hin. Wenn dann die Werkstatt gereinigt war, konnten wir Lehrjungen uns anziehen und nun endlich gings hinaus mit unseren 6 Pfennigen, wenn wir einmal Geld irgendwoher bekommen hatten, mit denen wir weiter nichts anzufangen wußten, als sie in Nichtigkeiten zu vergeuden.
Da in dieser Zeit, Mitte der 50er Jahre, das Zigarrerauchen in Aufnahme gekommen war, unsere Geldverhältnisse uns aber natürlich solchen Aufwand nicht erlaubten, wir aber doch gern , wenn auch heimlich, die Mode mitmachen wollte, so kauften wir uns ein Stück spanisches Rohr und frönten Sonntags nachmittags beim Laster im Schweiße unseres Angesichts und oft mit üblen Folgen an einem abgelegenen Ort. Dann ging es zum Abendbrot, und der so heiß ersehnte Sonntag war wieder einmal vorüber. Dabei hatten wir Lehrlinge, die wir bei unseren Eltern lernten, es den anderen gegenüber noch gut, konnten wir ihnen doch oft noch Wohltaten erweisen. Hatten wir nämlich zur Frühstücks- oder Vesperzeit Gänge zu besorgen, so nahmen wir unser Brot in die Hand und verzehrten es gleich im Gang. Dabei begegneten wir oft Leidensgenossen, die uns baten, etwas abzugeben, da sie so hungerten. Gern geschah diese Teilung.
Nach 3 ½ jähriger Lehrzeit erhielt ich als Meisterssohn (die anderen mußten 4 – 5 Jahre lernen) die Vergünstigung mein Gesellenstück zu fertigen, und wurde ich dann von den Meistern zum Gesellen gesprochen. Auch bei den Gesellen wurde ich nach damaliger Sitte von der Versammlung als Kollege in folgender Form aufgenommen: Ich mußte vor der Tür warten, bis mich der jüngste Geselle aufforderte, in die Versammlung einzutreten, die Mütze unter dem linken Arm und drei Knöpfe des Rockes zugeknöpft. Nachdem ich zur offenen Lade geschritten, fragte der Altgeselle: „Was ist dein Begehr?“. Darauf die Antwort: „Ich wünsche meinen ehrlichen Namen in ein ehrliches Brüderschaftsbuch eingeschrieben zu haben, wo alle ehrlichen Brüder eingetragen sind, mit Gunst“. Hierauf wurden die anwesenden Gesellen gefragt, ob meinem Wunsche ein Hindernis entgegenstehe. Als dies verneint war, hielt der Altgeselle eine kurze Vermahnung und wies darauf hin, wie man sich als ordentlicher Geselle zu führen hätte und daß man sich auch die Welt ansehen mußte, um verschiedene Arbeit kennenzulernen. Auch schloß er daran Vorsichtsratschläge für die Wanderschaft. Alsdann ließ er den Willkommenshumpen füllen und trank mir Brüderschaft zu, ich nahm ihm den Humpen ab und ließ ihn im Kreise herumgehen. So war ich berechtigt, zu allen Handwerksgenossen das vertrauliche „Du“ zu gebrauchen.

Meine Gesellenjahre

Jetzt war man soweit, auf eigene Füße zu stehen, wie man so sagt, und verpflichtet, sich selbst zu versorgen. Leicht war es wirklich nicht, und mancher unserer heutigen jungen Leute würde mich auslachen, wenn ich ihm zumuten wollte, bei solchem Einkommen zu bestehen. Denn wie hoch war der Lohn bei so überlanger Arbeitszeit? Schreib und sage: 3 bis allerhöchsten 5 Mark die Woche, bei Festwochen noch geringer. Davon sollte aber auch alles beschafft werden: Mittagessen, Brot, Butter, Wäsche, Krankengeld und Kleidung, und für das Vergnügen, das doch kein Mensch ganz entbehren will, sollte doch auch etwas da sein. Wie war es nur möglich, dabei auszukommen und doch frisch und munter zu bleiben? Für ein Paar niedere Schuh gab es einen Arbeitslohn von 35 Pfennige. Da aber der Geselle nur den Ausschnitt erhielt, so lag es ihm ob, die betreffende Fußkleidung vollständig herzustellen, während er dagegen heute – dies ist eine Folge der Benutzung von Nähmaschinen – das Oberteil immer in Leder wie Zeug zugestellt erhält. Da wird nun ein Schuhmacher messen können, welche Arbeitsleistung dazugehört, um 2 Paar Schuhe oder etwas mehr an einem Tage zu schaffen. Aber auch andere Professionen hatten nicht mehr Verdienst. Ein Schmiedegeselle erhielt bei 14 Arbeitsstunden wöchentlich 2 Mark, ebenso niedrig wurden Tischler, Schlosser, Böttcher usw. gelohnt. Aber bei diesen war volle Beköstigung am Tische des Meisters die Regel.
Was konnte nun ein Schuhmachergeselle für seine Verpflegung ausgeben? Für Schlafstätte, Kaffee und Mittagbrot zahlte er meist 1,50 Mark die Woche, ½ Pfund Butter kostete 30 Pfennige, Brot 80 Pfennige bis 1 Mark. Brot stand ja damals höher im Preis als heute. Ein Hemd, ein Vorhemd nebst Kragen und ein Taschentuch waschen, kostete 25 Pfennig. An die Krankenkasse war wöchentlich ein Betrag von 10 Pfennig zu zahlen. Strümpfe fanden sich bei 10 Gesellen höchstens drei Paar vor, da ich selbst keine besaß, stelle ich auch kein Waschgeld dafür in Rechnung. Also Summe 2,85 Mark. War nun am letzten Sonntag mit dem Bräutchen ein Tänzchen riskiert, da mußte die Ausgabe für Butter, Zigarren und dergleichen ausfallen oder es mußten Schulden gemacht werden.
Hatte man gerade mal ein paar Groschen mehr in der Tasche, da ging es hoch her, dann zeigte man sich der Dame, die man als Braut besaß oder erringen wollte, nobel, man ließ ihr eine Limonade für 30 Pfennig und für 20 Pfennig Kuchen kommen und trank selbst stolz zwei Flaschen Bier für 30 Pfennig. Ging es einmal ganz hoch her, dann kamen 4 Stück Zigarren für 10 Pfennig, die auch noch in den Anfang der Woche hineinreichten und so ausnahmsweise das Leben verschönten.
Der sogenannte blaue Montag der Schuhmachergesellen, der gewiß als Unsitte schwer zu Tadeln ist, ist einzig und allein die Wirkung der mehr eingerissenen Sonntagsarbeit. Da eben der Mensch seiner Natur nach der Ruhe und Erholung bedarf, so ist es erklärlich, daß, wenn – der Sonntag dafür nicht eintritt, der Montag herhalten mußte. Die Gesellen waren denn wohl in der Werkstatt, aber die rechte Lust zur Arbeit fehlte. Da nun doch die Zeit verbracht werden mußte, so wählte sich jeder eine beliebige Beschäftigung, einer schnitzte sich einen Vogelbauer oder dergleichen, der andere erzählte Neuigkeiten usw.. Mancher arbeitete wohl auch lässig an seinen Stück. So hatte jeder etwas vor. Um das Treiben nun weiter zu würzen und nicht den ganzen Tag trocken zu sitzen, - das wäre zumal dem Deutschen auch damals unmöglich gewesen -, wurde eine Kollekte von 3Pfennig vom Mann erhoben, um Schnaps zu holen. Schon diese 3 Pfennige machten die Stimmung lebhafter, und kam diese Kollekte noch einmal zur Durchführung, dann war es it der Arbeit ganz vorbei: der blaue Montag war fertig in der Werkstatt. In die Öffentlichkeit aber trat er erst, wenn noch ein paar Groschen aufzutreiben waren und man sich im Übermut noch dazu verstieg, eine Kollekte von 10 Pfennig pro Mann einzusammeln. Dann wurde ein großer Krug voll Bier gekauft, der Liter 5 Pfennig, freilich nicht so schmackhaft, wie unser Lagerbier, dafür aber auch lange nicht so alkoholhaltig. Dennoch trat, befördert durch die allgemein kümmerliche Nahrungsaufnahme, gar bald bei manchen Trunkenheit, bei allen eine übermäßige, nicht zu billigende Aufgeregtheit ein. Machte man dann, in der Werkstatt gelangweilt und ihrer dumpfen Luft zu entgehen, einen Gang ins Freie, dann fand das Publikum Gelegenheit, sich über den blauen Schuhmacher aufzuhalten. Denn dann war die Stimmung der Gesellen so herrlich, wieder Himmel mit seiner Blauen Färbung das Menschenherz erfreut.
Auch ich kann nicht leugnen, diesen damaligen Brauch in seinem ganzen Verlauf und mit seinen Wirkungen mitgemacht zu haben. Ja, ich erinnere mich sogar, wie wir uns als Gesellen zu dem Übermut verstiegen, in solch angeheitertem Zustande in ein Hotel einzutreten, um ein Glas Echtes zu trinken. Aber die dafür zu zahlenden 25 Pfennige belasteten unser Budget so schwer, daß in meiner ganzen Gesellenlaufbahn solche Ausschreitung meinerseits nicht wieder vorgekommen ist.
Als ich einige Jahre bei meinem Vater als Geselle gearbeitet hatte, schilderte uns mein nach Amerika ausgewanderter Bruder in ausführlichen Briefen, wie er dort sein gutes Fortkommen gefunden habe. Er hätte in den verschiedensten Gegenden gute Arbeit gefunden, viel Geld verdient, aber freilich auch dabei viel für Reisen auf der Eisenbahn ausgeben müssen, da man wegen der weiten unbewohnten Strecke nicht wie in Deutschland mit dem Felleisen auf dem Rücken zu Fuß wandern könne. Namentlich gefalle es ihm an seinem jetzigen Aufenthaltsorte, dem Städtchen Salem im Staate Indiana, hier gedachte er sich für die Dauer niederzulassen, eine Lederhandlung einzurichten und daneben eine Gemüsegärtnerei zu betreiben, von der er sich gerade dort viel Vorteil verspräche. Dies Vorhaben ins Werk zu setzen, solle ich ihm behilflich sein. Ich solle hier bei einem Krautgärtner den Gemüsebau erlernen und dann zu ihm nach Amerika hinüberkommen. Nach langen Beratungen mit den Eltern ging ich wirklich in die Vorstadt zur Lehre und der Bruder wurde aufgefordert, das Reisgeld zu schicken. Doch als ich 6 Wochen lang nur mit Graben, Düngerkarren und Stallreinigen beschäftigt war, hatte ich den neuen Beruf herzlich satt und kehrte ermüdet zu meinem Schemel zurück.
Nun sehnte ich mich aber danach, die übliche Wanderschaft hinaus in die weite, freie Welt anzutreten. Und da immer noch keine Nachricht und auch kein Geld von unserem Amerikaner eintreffen wollte, so gab mein Vater seine Zustimmung. Ich schnallte in großer Aufregung und in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, mein Felleisen und ging frisch und munter los, geleitet von unseren Gesellen, die mit mir bis über das städtische Weichbild hinausgingen. Schon nach einer flotten Wanderung von 3 Tagen wurde mir Arbeit angeboten, die ich als erste der Sitte gemäß nicht ausschlagen durfte. Meine ganzen Barmittel, mit denen ich meine Studienreise begann, betrugen zwei preußische Talerscheine, die ich in meinem Notizbuche zur Sicherung gegen unliebsame Nachforschungen durch Überkleben eines Blattes zu entziehen wußte. Dieses Kapital versuchte ich durch Arbeit immer auf gleicher Höhe zu halten, war das erreicht, dann zog ich weiter. Mein 45 Pfund schweres Felleisen auf dem Rücken, das Staubhemd über dem Rocke, durch den breiten Ledergurt über den Hüften zusammengehalten, die Tabakspfeife hatte ich in der Brusttasche, das Wanderbuch und sonstige Papiere in der Blechwandertasche eingeschlossen. So marschierte ich wie ein mit Tornister und Brotbeutel ausgerüsteter Soldat, statt des Gewehres den festen Stock in der Hand. So ging es vorwärts, immer vorwärts unter wechselnder Arbeit durch Sachsen, Hannover, Mecklenburg, Holstein, Dänemark und Schweden zu Lande und übers Wasser.
Da immer noch keine Nachricht von meinem Bruder eingetroffen war, kam ich auf den Gedanken, ihn in Amerika selbst aufzusuchen und machte der billigen Überfahrt wegen in Hamburg bei mehreren Reedereien den Versuch mich als Schiffsjunge anwerben zu lassen. Doch als zu alt sah ich mich überall abgewiesen, und dabei mochte meine kleine, nur 5 Fuß messende Gestalt als Hinderungsgrund mitsprechen.
Weil inzwischen meine Gestellung zum Militär notwendig wurde, nahm ich den Rückweg wieder in die liebe Heimat und arbeitete wie früher bei meinem Vater. Nun schon selbständiger geworden, ging ich darauf aus, die Sonntagsarbeit in unserer Werkstatt abzuschaffen. Da ich aber zu befehlen kein Recht hatte, konnte ich diesen Brauch nur für meine Person allein zur Anwendung bringen. Doch folgte man oft meinem nachahmenswerten Beispiele, so daß dadurch die Sonntagsarbeit an regelrechter Ordnung verlor und ich infolgedessen manch heftiges Wort von meinem Vater zu hören bekam, der mir vorwarf ich verderbe ihm die ganze Werkstatt. Auch meine Mitgesellen ließen es nicht an Spott fehlen, da ich die so gewonnene freie Sonntagszeit auch zum Besuche des Gottesdienstes benutzte. Trotz allem Hohn beharrte ich bei meiner Auffassung. Niemals ist sie mir leid geworden., auch in meinem Meisterleben habe ich unentwegt daran festgehallten und mich auch in den ärmlichsten Verhältnissen dabei stets wohlbefunden, auf den Grundsatz bauend und daraus meine Folgerungen ziehend: Der Mensch bedarf nun einmal seiner ganzen Organisation nach der geregelten Arbeit, die sich mit Ruhe abwechseln muß, neben der Ausarbeitung des Körpers ist als Ergänzung erforderlich, die Beschäftigung des Geistes, die Stärkung des Gemütes und Herzens in der Erhebung zu Gott.
Während dieses durch mehrere Jahre hinziehende Gesellenleben hatte ich manche Erfahrungen gesammelt, auch die verschiedenen wirtschaftlichen Zustände vieler Gegenden und Länder mit ihren Sitten und ihrer Lebensweise kennengelernt, und muß nun bei einem Vergleiche leider gestehen, daß in meiner Heimat die dürftigste Lebensführung herrschte und daß bei uns hier der Verdienst am allergeringsten war. So habe ich es an mir selbst kennengelernt, wie schwer es z.B. hielt, sich das zu einem neuen Anzuge erforderliche Geld zu ersparen. Habe ich ihn doch lange Wochen hindurch daran abzahlen müssen, ehe ich ihn ganz mein Eigentum nennen durfte.
Bei solchen Zuständen habe ich denn auch meine nun eintretende Soldatenzeit bei weitem nicht als die schlechteste meines Lebens befunden, obgleich die damalige Verpflegung in Güte und Reichlichkeit bei weitem nicht an das heute Gebotene heranreichte. Frühmordens eine Schüssel dünne Mehlsuppe, mittags eine Portion Gemüse und alle vier Tage ein Kommißbrot bei einer Löhnung von 0 Pfennig, alles dies aber gewürzt mit frohem Sinn und dem frischen Gefühle guter Gesundheit, war hinreichend, mich munter und lebenskräftig zu erhalten. Da ich als Schuhmacher bald auf die Handwerksstätte kam, so wurde mir Gelegenheit geboten, auch noch ein paar Groschen nebenbei zu verdienen. Aber leicht war die Arbeit nicht, so früh von 6 Uhr bis abends 8 Uhr ohne Rast auf dem Schemel zu sitzen und zu hämmern und dann nach dieser Berufstätigkeit noch an den Sachen zu flicken und zu waschen, Sommer wie Winter, Tag für Tag immer einerlei Arbeit zu leisten, die auf ein festes Quantum bestimmt war und ohne Rücksicht auf Zwischenfälle geschafft werden mußte. Kam daher das Kommando zu Scheibenschießen oder Antreten in der Korporalschaft, was öfter geschah, oder sonst eine Unterbrechung dazwischen, dann war Holland in Not und mußte Wohl oder Übel der Sonntag zur Arbeit mit verwendet werden, sonst war kein Fertigwerden möglich. So sehnte ich mich dann auch oft nach dem Frontleben in der Kompanie, da gab es doch öfter einmal etwas Abwechslung und nach getanem Dienst, doch auch mehr freie Zeit. Jetzt gab es für mich nur eine Parole: Jeden Tag bis 8.30 Uhr schuften und um 9 Uhr zu Bette! Der Sonntag, falls ich mich einmal seiner erfreuen konnte, war für mich eigentlich ein kurzer Urlaub aus dem Zuchthaus ins Privatleben.
Doch – es geht im Leben alles einmal vorüber. Die Hauptsache ist: Kopf oben! Geduld! Reserve hat endlich doch auch einmal Ruh.

Meine erste Ehe

Bei diesen Mühen war auch für mich des Sonntags so viel Zeit geblieben, daß auch ich Gelegenheit fand, den Herzenswunsch eines jeden Soldaten in Erfüllung gehen zu sehen. Auch ich hatte das Glück, bald eine Braut zu finden, deren ich mich weder als Soldat noch als ehrbarer Handwerksmann zu schämen brauchte. Ihre achtbaren Eltern besaßen eine Tuchfabrik und Wollspinnerei. Da ich nach meiner Entlassung vom Militär dann auch Gelegenheit fand in der Familie zu verkehren, so sah ich, wie sich meine Braut in der Wirtschaft, wo noch eine Kuh und ein Pferd zu besorgen waren, keiner Arbeit scheute und sich arbeitsfreudig aller Aufgaben unterzog. Ich bemerkte aber auch, daß es trotz des anscheinend großen Grundstücks nur knapp zuging, ja sogar vielfach Entbehrungen herrschten. War doch das Tuchmachergewerbe mit seinem Wasserbetrieb damals infolge der Erstarkung der Großindustrie mit ihrer Dampfkraft längst in unaufhaltsamen Niedergange. Mir machten diese Verhältnisse keine Sorgen, a ich mein Leben lang an solch sparsames Sicheinrichten selbst gewöhnt war, und an das Heiraten mit seinen Anforderungen und Ausstattungen mit Hausrat usw. noch lange nicht dachte. Abends und Sonntags verkehrte ich im schwiegerelterlichen Haus, wo ich mit den drei Söhnen, meine Braut war die einzige Tochter, gern gelitten, bald aufs freundschaftlichste erkehrte. Da auf eine Besserung des schlechten Geschäftsganges überhaupt nicht mehr zu hoffen war, so stand das Werk still. Die Arbeiter hatten entlassen werden müssen. Als ehrbare und gewissenhafte Leute darbten eine Schwiegereltern lieber mit den Ihrigen, ehe sie bei eingetretenem Bankrott irgend jemand, der ihnen vertraute, betrogen hätten. So hatte ich auch hier öfters Gelegenheit als siebenter Tischgenosse an einem Abendessen, bei dem neben Kartoffeln ein Hering als einziges Gericht fungierte, teilzunehmen.
Da bis jetzt die Zinsen immer noch bezahlt waren, so war noch keine Hypothek gekündigt, daß es aber nicht mehr so fort gehen konnte, wurde auch mir mit wachsender Zeit klar. Dabei war nicht Darniederliegen des Geschäftes das eigentlich Schlimmste, sondern das schließlich mein Schwiegervater bei sehr hohen Jahren, nachdem er solange selbst Fabrikant und Eigentümer gewesen, nun in seinen alten Tagen noch als gewöhnlicher Arbeiter gehen sollte. Dieser Gedanke wollte uns schier das Herzzerbrechen.
Doch es sollte sich alles anders entwickeln. Der älteste Sohn hatte sich auf Wanderschaft als Tuchmacher bis nach England durchgearbeitet und dort in einer Fabrik lohnende Arbeit gefunden. In Kenntnis der bedrängten Lage daheim forderte er seinen Vater auf, hinüberzukommen. Der Verdienst dort sei viel höher und das kränkende Gefühl der Armut erträglicher.
Am liebsten wäre die ganze Familie dem Ruf gefolgt, in Folge der täglichen erneuten Not ohne Aussicht auf Besserung zu irgendeiner Zeit. Aber es fehlte dazu an Reisegeld. Es sich durch den schleunigen Verkauf des Hauses oder der Maschinen zu verschaffen, dazu waren die Leute zu ehrlich. Auch durften sie ja die 80 jährige Großmutter, die ihren Auszug von ihnen hatte, nicht im Stich lassen. Im Familienrate, dem auch ich beiwohnen durfte, wurde dann auch beschlossen, zunächst solle der Vater hinüberziehen und dort das Reisegeld mindestens für den zweitältesten, der 19 Jahre zählte, erarbeiten. So trat mir plötzlich die Frage vor Augen, mich zu entscheiden, ob ich die Braut nach England auf Nimmerwiedersehen ziehen lassen sollte oder jetzt heiraten wollte. Bei meinen 24 Jahren ohne das rechte Verständnis fürs Heiraten. Unser Grundkapital bestand in den 90 Talern, die sich die Großmutter in ihrer langen Auszugszeit erspart hatte. Dafür sollte ich aber die alte Frau in meine Familie übernehmen. Meine Eltern hatten gegen meinen entscheidenen Schritt nichts einzuwenden, waren aber auch nicht imstande, mir zu den 2 Anzügen, die ich mein eigen nannte, irgend etwas mitzugeben. Nachdem ich etwas Hausrat und Wirtschaftsgegenstände auf Abzahlung entnommen hatte, mietete ich eine bescheidene Wohnung für 15 Taler jährlich, hinreichend für 3 Leute, und schmückte sie mit eigenen hübschen Möbeln aus, die meine Schwiegermutter dereinst zu ihrer Ausstattung erhalten hatte. Wenn sie auch alt waren, so sahen wir doch mit Freude und Befriedigung auf unser hübsch hergerichtetes Heim.
Da nach einigen Wochen für den zweitältesten Sohne des Vaters, der in England Arbeit in einer Schuhfabrik gefunden hatte, 30 Mark Reisegeld ankamen, so war auch diese Sorge beseitigt.
Von nun an wurden die Abende nicht mehr bei meinen Schwiegereltern vertrödelt. Da mir passendes Holz zur Verfügung stand, so schnitzte ich gleich die für mein Handwerk erforderlichen Leisten. Für den 05.Januar 1862 (Sonntag) war die Hochzeit festgesetzt. Natürlich konnten wir bei unseren ärmlichen Verhältnissen an eine Art Brautstaat nicht denken. In anständigen, wenn auch nicht neuen Kleidern, gingen wir zu der feierlichen Handlung. Meine Frau hatte den Trauring ihrer Mutter, den ich noch am Finger trage. Da ich ihr keinen eigenen kaufen konnte, besorgte ich mir zu dem feierlichen Akte den meines Schwagers. Erst in einigen Jahren konnte ich ihr den darauf zielenden Herzenswunsch erfüllen und ihr einen eigenen schenken.
Da meine Schwiegereltern eine volle Stunde von der Stadt entfernt wohnten, so hielten wir Hochzeiter uns am Polterabend in unserem neuen Heime auf, um hier die in de Tat und wider Erhoffen zahlreich einlaufende Geschenke der Verwandten und Bekannten entgegen zunehmen. Das Menü war freilich sehr frugal, entsprach aber unseren Verhältnissen. Kartoffeln und Hering hatten meine Eltern hergerichtet. Das Getränk spendete ein Krug Wasser dazu. Um 10.30 Uhr abends brachte ich meine Braut nach Hause, um ihr am andern Morgen um 7 Uhr entgegenzusehen und sie im Hochzeitsschmucke zu empfangen. Als um 8.30 Uhr die Trauung stattfand, war es sehr kalt und fast noch finster, so daß ich sehr gut meinen allerersten Überzieher, ein Geschenk aus dem Tuchlager meiner Schwiegereltern, vertragen konnte. Arm also wie eine Kirchenmaus hatte ich doch bei der Trauung eine besondere und unverhoffte Freude, mein letzter Lehrer mochte von meiner Hochzeit doch Kenntnis erhalten haben. Daher hatte er bei dem betreffenden Geistlichen eine Bibel mit Goldschnitt zugestellt, die uns jetzt bei der feierlichen Handlung unter Bezugnahme auf mein in der Schulzeit bewährtes religiöses Interesse überreicht wurde.
Nachdem von meiner Schwiegermutter dann alles Entbehrliche zu Geld gemacht war, reiste sie nach 8 Wochen mit den beiden jüngsten Söhnen ab nach England. Damit waren unsere Flitterwochen zu Ende, denn nun kam die schwache und hilfsbedürftige Großmutter ins Haus. Eine große Last für uns, wie wir sie uns anfangs nicht vorgestellt hatten. Aber wir mußten uns auch darein finden, es war so unser Wille gewesen. Es mußte gehen, es ging auch, aber schwer.
Recht schwer ist aller Anfang, das haben wir an unserem eigenen Leibe und Leben recht eindrücklich erfahren.
Wir waren nun verheiratet und hofften uns bei Lust zur Arbeit, Fleiß und geringen Ansprüchen mit den Werken unserer Hände durchzubringen. Daß das aber, wenn nicht noch ein Notgroschen vorhanden ist, auf den man erforderlichenfalls zurückgreifen kann, sich so leicht nicht macht, das sollen auch wir zu unserer größten Sorge rechtzeitig erfahren. Meine ganze Lebensstellung war nicht derart, daß ich durch sie eine größere Bekanntschaft erlangt hätte, und meine Eltern machten ihr Geschäft meist auf den Jahrmärkten. Da sich also von selbst keine Kundschaft bildete, so kaufte ich zunächst für 40 Taler von meinen 90 Talern Material, um Waren auf Vorrat zu fertigen. Nach 5 Wochen bekam ich den allerersten Auftrag. Für meine Wirtstochter hatte ich einen Ballschuh zu besohlen. Besonders erfreulich war es dabei, daß es dafür sofort bares Geld gab. Wegen der Flitterwochen und all deren Abhaltungen, die die Einrichtung der Werkstatt und sonstige Besorgungen brachte, kam ich zunächst nicht auf den Schemel zu sitzen. Dennoch wurde ein Paar nach dem anderen gefertigt, so daß ich bald ein bescheidenes Schaufenster einrichten konnte. Um dem Publikum zu zeigen, daß dahinter die Fabrik existierte. In der Tat zog dieses Mittel, hin und wieder wurde ein Paar verkauft. Ein Erfolg, der, wenn auch bescheiden, doch neuen Mut und Freudigkeit zur Arbeit erzeugte. Da aber der Umsatz noch nicht ausreichte, die vorhandenen, ja auch bescheidenen Mittel vielmehr zu Ende gingen, so sahen wir uns genötigt, meine Eltern anzugehen, damit sie vielleicht das eine oder andere Paar meines Fabrikates auf dem Markte an den Mann brächten. Das glückte dann auch wiederholt. Unser Ziel war darauf gerichtet, so viel Ware herzustellen, daß wir selbst zu Markte ziehen könnten. Das ließ sich freilich ohne Aufnahme von Geld, also ohne Schulden nicht erreichen. Da wir durch unsere Arbeitsfreudigkeit und Sparsamkeit in der Nachbarschaft als zuverlässige Leute bekannt geworden waren, so sahen wir hier und da unsere Bitte um ein kleines Darlehen nicht abgeschlagen. Bei unserer Kinderlosigkeit, und da nur die Großmutter zu bedienen war, so hatte meine junge Frau auch noch Zeit, sich von mir zu leichter Arbeit anlernen zu lassen. In Folge der emsigen Arbeit von früh bis spät wurde der Vorrat schnell so groß, daß ich mich entschließen konnte, zuerst einmal auf dem Berliner Markte im August 1862 mein Glück zu versuchen. Da ich aber noch keine große Auswahl hatte, konnte ich auch nicht viel verkaufen und mußte mit dem Erlös von 7 Talern zunächst zufrieden sein. Damit war aber doch der Anfang gemacht. Ich hatte es kennengelernt, welche Ware gesucht sei und welche am vorteilhaftesten zu fabrizieren war. Dazu hatte ich durch die Berliner Reise immerhin 4 blanke Taler ins Haus gekommen.
Natürlich mußten wir uns auch weiterhin in Essen und Trinken einschränken. Wöchentlich gab es nur zweimal Fleisch, das dann auch noch jedesmal, mit Mehltunke und Kartoffeln noch den Abendtisch verherrlichen mußte. Kartoffeln, Reis, Bohnen und Linsen, mit etwas Speck oder Talk angemacht, darin bestand unsere Hauptnahrung. Die Arbeitszeit währte, solange es im Sommer hell war. Im Winter ging es gewöhnlich bis nachts 2 bis 3 Uhr. Doch bei alle dem waren wir gesund und kräftig und waren stets guter Dinge, wenn nur immer Geld da war und die Nahrungssorgen uns nicht allzu schwer drückten.
Bei der Erinnerung an diese Zeit, die mir heute noch so lebhaft vor Augen steht, muß ich mich immer wundern, wenn die heutigen Arbeiter meinen, ohne Wurst oder Fleisch zum Butterbrot und ohne ein Glas Bier, ja, wenn es nur bei einem blieb, könnten sie körperlich nicht bestehen. Immer habe ich es beobachtet, daß viel mehr Leute vom guten Leben und vielen Trinken krank werden, als wenn sie nach meine Weise sich gehalten hätten.
So ging es denn bei uns ganz leidlich. Da meine Frau, die sich durch das stete Mitarbeiten auch einige Kenntnisse in meinem Fache erworben hatte, einige in der Nähe liegende Märkte besuchen konnte und dadurch immer etwas für den Erwerb sorgte. Allerdings versagte diese Quelle, als uns im Oktober ein Söhnchen geboren wurde. Doch nicht auf lange Zeit. Denn schon den Weihnachtsmarkt, den wir wegen seines Ertrages nicht versäumen durften, machte er mit. Im Waschkorb gut verpackt, trug er auf dem Marktwagen in 8 bis 10 stündiger Reise den Gefährten seine klagenden Melodien vor. Am Ziele angekommen, wurde er gegen billiges Entgelt bei freundlichen Leuten, die Verständnis für Unsereinen hatte, in Pension gegeben, nur zur Naturalverpflegung wurde er auf seine energische Forderung jedesmal zur Verkaufsquelle gebracht, um dann die Nacht hindurch auf offenem Wagen gefahren, der stillen Heimat wieder zugeführt zu werden. Gewiß eine tüchtige Leistung für einen 9 Wochen alten Jungen, zumal er ohne Schädigung solche Fahrt in 3 Wochen hintereinander dreimal zu machen hatte. Auch für die Mutter eine schwere Aufgabe. Die unmittelbaren Wirtschaftsaufgaben, einschließlich des Kochens, fielen bei solchen Reisen mir zu. Alles das wurde mir leicht, weil ich von Jugend auf an solche Verrichtungen gewöhnt war. Allerdings hatte dabei meine Professionsarbeit dann allemal zu leiden.
Mit den folgenden Ostern erweiterte sich Haushalt und Geschäft, da mir Mitbewohner unseres Hauses, ordentliche, aber arme Schneidersleute, ihren Sohn zu einer vierjährigen Lehre anvertrauten. Dieser, mein erster Lehrling, lebt heute in einer kleinen Stadt als ehrbarer und angesehener Mann in leidlichen Verhältnissen. Oft spricht er bei mir vor, seine Lehrzeit steht ihm in freundlichem Lichte in der Erinnerung. Trotz dieser Erweiterung blieb der Mangel an barem Gelde, wenn es auch nie ganz daran fehlte, uns doch immer fühlbar. Aber was konnte es helfen, wir aßen uns satt und waren stets zufrieden und heiteren Sinnes.
Aber so gleichmäßig und ruhig sollte es doch nicht immer zugehen. Meinen schon seit Beginn meiner Gesellenzeit gepflegten Grundsätzen entsprechend, hatte ich die Sonntagsarbeit gar nicht eingeführt, und an den Winterabenden ließ ich um 11 Uhr aufhören. Nach Beendigung der Arbeit hielt ich im Beisein all der Meinigen eine Hausandacht mit Gebet, und dann ging alles still zu Bett.
Einst im Dezember des selben Jahres waren wir gerade andächtig versammelt, als unser Wirt hastig die Tür öffnete mit dem Rufe „Es brennt in der Kirche. Kommt rasch auf den Hof!“. Hier war nämlich in einem Seitenflügel im untersten Stock ein Saal für kirchliche Handlungen von uns eingerichtet. Vormittags war um 9 Uhr zum Abhalten eines kleines Dienstes geheizt worden. Darüber im 2 Stock hatte der Wirt eine Tischlerei. Als wir voller Angst auf den Hof kamen, brannten einige Bänke in dem Saale. Doch sahen wir große Massen von Funken von oben herabfallen von der Stelle her, wo das Ofenrohr durch die Decke ging. Mit dem Ausrufe „Meine Werkstatt brennt!“ eilte der Wirt vorwärts die Treppe hinauf. Beim Öffnen der Tür aber schlug ihm eine mächtige Flamme entgegen. Die Fenster zersprangen klirrend und infolge des starken Luftzuges stand im Nu das ganze obere Stockwerk in Flammen. Ich war bedacht, die kirchlichen Geräte und was sonst wertvoll war, in Sicherheit zu bringen. Dann stürzte ich in meine Wohnung, die ich bereits voll von hilfsbereiten Leuten fand, die sich beeilten, unsere Sachen zu retten. Im Handumdrehen war unsere Wohnung geräumt, ohne daß ich wußte, wo eigentlich alles geblieben war. Und dabei war diese ganze Mühe noch überflüssig, denn das Feuer blieb auf seinen Herd beschränkt. Aber auch die noch übrigen Stunden dieser Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen, hatte ich doch vergessen, unser bares Vermögen, bestehend aus drei harten Talern, die ich in einer Ecke unseres Glasschrankes aufbewahrt hatte, an mich zu nehmen. Da ich Teller und Tassen hatte ausräumen sehen, auch beobachtet hatte, wie man des bequemeren Transports wegen die Türen des Schrankes ausgehoben hatte. So glaubte ich sicher, das Geld sei auf Nimmerwiedersehen verloren. Wie groß war daher meine Freude, als ich beim Morgengrauen auf den Rettungsplatz lief und hier in dem auf der Straße offen stehende Schrank noch in der selben Ecke meinen Schatz vollständig vorfand. Aber wenn uns auch nichts verbrannt war, so war doch manches in unrechte Hände gekommen. Da wir gegen solche Unfälle nicht versichert waren, so empfanden wir den Schaden immerhin bei manchen Gelegenheiten, trösteten uns aber mit den Gedenken, daß uns ebensogut ein größeres Unglück hätte treffen können. Bald darauf wurde uns ein Töchterchen beschert, aber unser Söhnchen ging nach einigen Monaten heim.
Nachdem das abgebrannte Haus wieder aufgebaut und die Tischlerei nach unten verlegt war, zog auch ich hinein, da ich mir hier eine bessere Werkstatt einrichten konnte, als dies im Vorderhause möglich gewesen war. Der Wirt hatte nämlich die beim Bau abgefallenen Hobelspäne und Holzabgänge in einer sogenannten Leimküche aufbewahrt, in die nun wohl einige Funken vom Schornstein fielen. Nachdem wir uns eines Abends zur Ruhe begeben, meine Frau hatte eine schwere Entbindung von einem Töchterchen durchgemacht und lag noch im Wochenbette, als mich plötzlich der vom Hof herauftönende Feuerruf aufschreckte. Mit der Mahnung an meine arme Frau, zunächst ruhig liegen zu bleiben, eilte ich zur Tür. Als ich sie aber öffnete, drang mir ein so undurchdringlicher Rauch entgegen, daß ich die Unmöglichkeit hier durchzudringen einsah und uns durchs Fenster die herbeieilenden Hausbewohner von unserer Not in Kenntnis setzen mußte. Wie nun durch Anstellen von Leitern die Rettung meiner Frau durchs Fenster ins Werk gesetzt wurde, gelang es das Feuer zu löschen. So waren wir denn wieder einmal mit einem Schreck davon gekommen, auch bei meiner Frau sind keine schlimmen Wirkungen weiter eingetreten.
Nun litt es uns aber nicht mehr in diesem Unglückshause, zumal der Wirt uns trotz alledem steigern wollte. So zogen wir aus und fanden denn auch, wenn auch eine teuere, so doch vorteilhafter gelegene Wohnung, in der das Geschäft sich so hob, daß ich mir einen Gesellen nehmen konnte. Da unsere Schwiegergroßmutter in ihrem nunmehr 83. Jahre schwer an den Gebrechen des Alterns litt, und trotz ihres guten Willens die Wartung unserer 2 Kinder nicht mehr leisten konnte, so wurde sie uns zu einer schweren Last. Wenn sie die Kinder durch Gesang einwiegen wollte, ereignete es sich oft, daß wir die Kleinen in hellem Schreien vorfanden und Großmutter daneben war sanft eingeschlummert. Eine schwere Arbeitslast lag daher auf meiner Frau. Mußte sie doch auf dem Wochenmarkt jedesmal unsere Waren von 8 Uhr früh an feil halten. Vorher mußte die Wirtschaft in Ordnung gebracht, die Kinder gebadet, das Mittagbrot vorbereitet sein. Das Kochen selbst fiel mir nach meiner Vorübung von der Knabenzeit her nicht schwer. Kam meine Frau nachmittags 3 Uhr vom Markte heim, hatte sie noch fürs Geschäft mit Schuhe einfassen reichlich zu tun. Am Sonnabend die Küche gründlich zu reinigen und das Essen gleich für den Sonntag herrichten. Lag für den Abend keine aufschiebbare Leistung vor, so wurde am Sonnabend abends ½ 10 Uhr die Arbeit eingestellt.
Nachdem dann die Werkstatt und die ganze Wohnung gescheuert war, wurde es immer 1 Uhr nachts, ehe wir zur Ruhe kamen. Der Sonntag war damals unser unentbehrlicher Ruhetag, von jeder Arbeit frei und erhielt seine besondere Weihe durch den Besuch des Gottesdienstes, bei dem wir uns für Vormittag und Nachmittag abwechselten. Fühlte sich Großmutter recht wohl, nahmen wir sie auch mit.
Wenn wir bei unserem sich mehr und mehr bessernden Geschäft auch nur soviel erübrigten, daß wir dies oder jenes Stück in der Wirtschaft durch ein Neues ersetzen konnten, so fühlten wir doch, daß wir vorwärts kamen. Daher ist diese Zeit die Schönste meines Lebens. Ein Millionär kann die Freude gar nicht empfinden, wie sie unser Herz erhob, wenn wir uns einen neuen Kleiderschrank oder einen neuen Anzug beschaffen konnten und mit dem ältesten Kinde, das nun schon laufen konnte, des Sonntags nachmittags einen Spaziergang ins Freie machten.
Auch meine Eltern freuten sich über unser gedeihliches Vorwärtskommen. Die Mutter freilich konnte uns wegen ihrer häuslichen Pflichten nur sehr selten besuchen. Mit meiner Frau kam sie nur auf den Marktreisen öfter zusammen. Der Vater stellte sich öfter in der Dämmerstunde ein und freute sich dann, seine Enkelchen auf den Knien schaukeln zu können. Aber das Ende des Jahres 1865 brachte uns allen einen schweren Verlust. Meine kräftige und gesunde Schwester von 2 Jahren, die an einen Sergeanten verheiratet war, starb unerwartet im Wochenbett. Ein Fall, der die allgemeine Teilnahme erregte und den wir lange nicht verwinden konnten.
Auch in diesem Jahre mußten wir die Wohnung wechseln, da uns der Wirt, mit dem wir sonst sehr gut standen, gekündigt hatte. Auf meine verwunderte Frage nach dem Anlaß dieses unerklärlichen Vorgehens, erwiderte er, er könne es uns jetzt noch nicht sagen, in einem halben Jahre würde ich Aufschluß darüber erhalten. Als aber diese Zeit kam, hatte er, sonst ein sehr geachteter Mann, sich erhängt, und so ist uns seine Kündigung ein Geheimnis geblieben. Trotz unserer Erfolge im Geschäft konnten wir an Sparen nicht denken, zumal ein Söhnchen inzwischen unseren Familienstand erweitert hatte. Den Erwerb noch mehr zu heben, suchte ich neue Absatzplätze auf Märkten auf, doch da die Unkosten nicht zu groß werden durften und die Eisenbahn eine 4.Klasse noch nicht kannte, so mußte ich nach Beendigung des Marktes in der Nachtzeit manche Fußtour von 4 Meilen machen, einmal sogar wanderte ich 5 ½ Meilen, (In Preußen entsprach 1 Meile – 7,5 Kilometer), um 2 Taler für die Eisenbahn zu sparen in dem tröstlichen Bewußtsein, daß ich in der aufgewendeten Zeit auf dem Schusterschemel solche Summen nicht verdienen könne.
Nachdem ich in diesem Falle von früh ½ 6 bis 9 Uhr die Werkstatt besorgt, ging ich mit einem Butterbrot in der Tasche los und traf abends 10 Uhr an meinem Marschziele ein. Auf einer Schütte Stroh fand ich nach solchen Anstrengungen erquickenden Schlaf, um am folgenden Morgen von ½ 6 Uhr meine Pflichten auf dem Jahrmarkt bis zum späten Abend zu besorgen.
Nach frugalem Abendbrot das gleiche Nachtlager und dann Tätigkeit auf dem Markte bis zur Mittagszeit. 7 Taler nur waren der Erlös aus dem ganzen Geschäfte, wovon noch 2 Taler 5 Silbergroschen für Fracht und Unkosten abgingen. Wenn ich also auch gerade nicht verdient hatte, so lebte ich doch der Hoffnung, meinen Kundenkreis erweitert zu haben, was denn auch bald geschehen ist. Durch diese Aussicht schon froh gestimmt, machte ich mich wieder auf den abermals 5 ½ Meilen langen Marsch. Solche Tour habe ich auch nicht wieder gemacht, denn was ich an Reisekosten gespart, das verlor ich am folgenden Tag wieder an Erwerb, da die nachhaltige Ermüdung keine Lust zu Arbeit aufkommen ließ.
Das Jahr 1866 sollte von großer Bedeutung für mein ganzes Leben werden. Sehr schlimm und Trübsal bringend fing es an. Meine gleichfalls an einen Sergeanten verheiratete zweite Schwester erkrankte plötzlich, meine Mutter wurde von einem gastrischen Fieber befallen, mein Vater, der sich seit längerer Zeit auch nicht wohl gefühlt hatte, mußte doch, um Materialeinkäufe zu machen, zur Leipziger Messe reisen, kam aber ganz krank von da zurück. So hatte unsere 17 jährige Schwester wochenlang allein den Haushalt zu leiten und die Kranken, meine verheiratete Schwester wohnte im elterlichen Hause, alle zu pflegen. Schwester und Vater litten an Typus, jener Krankheit, die so viel Pflege beansprucht und soviel Mühe verursacht, zumal hier, wo häufig Delirien eintraten. Da das Geschäft mit seinem ganzen Apparate, mit den Gesellen und Lehrlingen nicht liegen bleiben konnte, so fiel mir die Aufgabe zu, neben der Nachtwache auch noch die Werkstatt zu versorgen. Da wegen der Ansteckungsgefahr unser Haus von allem Verkehr ängstlich gemieden wurde, so sahen wir beide, meine Frau und ich, uns genötigt, allein für das Erforderliche zu sorgen. Sie hatte denn auch in unserer Wohnung mit den drei kleinen Kindern und dem Marktgeschäft hinreichend zu tun. Hatte sie doch daneben auch die Großmutter zu besorgen, die mit 85 Jahren immer hilfsbedürftiger wurde.
Bald starb meine Schwester im blühenden Alter von 21 Jahren. Wenn auch ihr Mann während dieser schweren Tage von jedem Dienste frei war, so wurden doch ich und meine jüngste Schwester auch noch von den mit dem Begräbnis verbundenen Aufgaben und Anordnungen sehr in Anspruch genommen. Durch diese Äußerlichkeiten wurden wir etwas von den schweren Sorgen und tiefen Schmerzen abgelenkt. Da meine arme Mutter im Bett bleiben mußte, konnte sie der schmerzlich Verlorenen nicht einmal das letzte Geleit geben und konnte den ergreifenden Choral der Militärmusik nur mit herzzerreißendem Schluchzen begleiten.
Als der Vater einmal, wie gewöhnlich, wenn ihn keine Phantasieträume umgaukelten, ruhig und ohne große Aufregung dalag, hielt ich die Gelegenheit für geeignet, ihm unseren Verlust endlich mitzuteilen. Er verstand auch, was ich sagte, blieb aber ganz apathisch dabei. An diesem passiven Verhalten wurde mir dann doch klar, daß wir auch den Vater bald verlieren würden. Solch Gedanke, den geliebten Vater einmal sterben zu sehen, ist mir von Kindheit auf immer schrecklich gewesen und dieser Eindruck ist mir auch im Mannesalter geblieben. Als aber damals dann das Unglück wirklich eintraf, da blieb ich, muß ich sagen, vollkommen gefaßt, drückte ihm die Augen zu und nahm in stillem Gebet von ihm Abschied. Die großen Aufregungen der ganzen Zeit hatten meine Nerven gar zu sehr mitgenommen, körperliche Mattigkeit und seelische Überanstrengung bewirkten, daß ich wie im Träume einherschlich und kaum Kraft hatte, mir den ganzen Jammer der Lage klar zu machen. Kam ich einmal zur Besinnung, dann lastete ein schwerer Vorwurf auf meinem Herzen.
Beide Ärzte, die wir geholt hatten, hatten meinem Vater gegen den brennenden Durst, von dem er immer gequält wurde, gekühlten Haferschleim und Limonade verordnet. Diese Getränke mochte er schließlich nicht mehr und sehnte sich nach einem Trunk frischen, kühlen Wassers. Oft hat er mich darum gebeten. Da es aber die Ärzte ausdrücklich verboten hatten, so habe ich leider seine innigen Bitten des Gepeinigten nicht zu erfüllen gewagt. Jetzt, nachdem er doch gestorben ist, tat es mir bitter leid, ihm diese Wohltat verweigert zu haben, jetzt kam ich aber auch zu dem festen Entschluß, wenn auch zehn Ärzte dagegen wären, ich würde dennoch dem Kranken eine solche Bitte niemals wieder abschlagen. Zu sehr habe ich in meinem Gemüte unter diesem stillen Vorwurfe leiden müssen.
So hatten wir Kinder abermals die traurige Pflicht, einem geliebten Verstorbenen das Letzte Geleit zu geben. Dabei lag unsere Mutter immer noch recht schwer danieder, doch gewann es zu unserem Trost bei all den Kümmernissen bald den Anschein, als hätte sie die Krise überstanden und neigte es sich zur Besserung. Wenn auch noch sehr schwach, konnte sie endlich doch das Bett verlassen. Doch nun traten auch für meine Schwester die Folgen all der Mühen, der Sorgen und der schlaflosen Nächte ein. Unter den Symptomen eines Nervenfiebers erkrankte auch sie, und auch ich litt unter großer Schwäche und krankhafter Reizbarkeit.
Zum Glück rappelte sich meine Mutter bald wieder heraus und konnte die Wirtschaft wieder besorgen. Dafür wurde aber unsere jüngste Schwester bettlägerig. Als sie eines Tages vom Bett aus meiner Mutter zusah, wie sie Kartoffelklöße und Backobst zum Mittagessen zubereitete, bekam sie plötzlich förmlich Heißhunger auf Klöße und konnte die Zeit gar nicht erwarten, bis sie aufgetragen wurden. Aber die vorsichtige Mutter blieb dabei, ihr ein Brühsüppchen herzurichten. Bei der beharrlichen Bitte der Kranken aber fiel mir das alte Wort meines Vaters ein, daß man bei der Ungewißheit, ob die Krankheit zum Tode führe, den Wunsch eines Kranken erfüllen müsse, und ich trat für Erfüllung der Bitte ein mit den Worten „Ach was, wenn es dir nur schmeckt, kann sie einen und noch einen bekommen.“ Und in der Tat, dieses Gericht hatte ihr wohl getan, der Appetit besserte sich, und bald war sie vollständig wiederhergestellt.
Aber auch mir kam es so vor, ich hatte ein Gefühl seit längerer Zeit, als ob mit meinem Körper nicht alles in Ordnung sei, ich fühlte mich krank. Dazu kam nun im Frühjahr 1866 die Mobilmachung zum Kriege mit Österreich, der nach so langen Aufschubversuchen endlich losbrechen mußte, damit einmal klar wurde, wer eigentlich Deutschlands weitere Geschichte leiten sollte. Ob das ewig hemmende, zurückdämmende Österreich oder das tugendfrische, vorwärts strebende Preußen. Wohl hielt ich es bei den obwaltenden Verhältnissen als einziger Ernährer meiner Familie und nach all den Schicksalsschlägen und bei meiner körperlichen Schwäche für meine Pflicht, meine Reklamation einzureichen. Trotzdem, ehe die Antwort darauf eintreffen konnte, mußte ich der Einberufungsorder Folge leisten und fuhr mit 25 Kameraden auf einem gemeinsamen Leiterwagen unter den fröhlichen Kriegsgesängen nach Torgau. Mich drückten schlimme Sorgen und böse Ahnungen. Aber als auf dem Gestellungsplatze mein Name verlesen wurde, erhielt ich die erfreuliche Mitteilung, meine Reklamation sei berücksichtigt und ich könne sofort abtreten. Diese Freude! Ein schwerer Alp fiel mir von der Brust. Als ich dann zum Glück gerade noch unseren Wagen zum Tore heimwärts hinausfahren sah, fühlte ich plötzlich trotz meiner Schwäche solche Kräfte in meinen Füßen, daß ich laufen konnte, wie nie wieder in meinem Leben. Ich holte wirklich das Fuhrwerk noch ein, lag aber dafür auch vor Ermattung die ganze Reise auf dem Stroh. Wie fröhlich war nun das Widersehen mit all den Lieben daheim?
Da ich selbst gerade einen ordentlichen und zuverlässigen Gesellen hatte, so hatte ich ihm nach Auflösung meiner eigenen Werkstatt die Leitung der Werkstatt meines Vaters anvertraut. Diesem jungen Manne bin ich viel Dank schuldig. Wenn auch nicht von meiner Seite, so ist ihm seine Treue doch später reichlich gelohnt. Es gelang ihm nach Aufgabe seines Schuhmachergewerbes in eine viel höhere Stellung einzutreten, in der er sich durchaus bewährt und das auch hier in ihn gesetzte Vertrauen gerechtfertigt hat.
Wohl fühlte ich mich recht krank und schwach. Aber ich war doch wieder bei meiner Familie und konnte in diesen schweren Zeiten für die Meinen daheim sorgen.
Was ist aus meinen Kriegskameraden geworden, die damals so kriegsmutig mit mir in den hellen Frühlingsmorgen hinausgefahren waren? Sind ihre in Sorgen zurückgebliebenen Familien ebenfalls alle durch ein fröhliches Wiedersehen nachher erfreut? Leider haben 2 von ihnen bei Königsgrätz in dem heißen Kampfe des 4.Armeekorps ihre Ruhestatt gefunden, zwei andere hat die schrecklich hausende Cholera hinweggerafft, und der fünfte ist zum Krüppel geschossen.
Meine Krankheit war zwar nicht gerade schmerzhaft, aber ich mochte anstellen was ich wollte, einmal ließ ich mich in Vorahnung späterer geläufiger Heilmittel im Bett ins Freie bringen, wo ich auch die Nacht verbrachte, kein Mittel war imstande, mir den so willkommenen Schlaf zu bringen, so daß ich in drei Wochen nicht ¼ Stunde geduselt habe, jede ¼ Stunde hörte ich schlagen. Wenn ich dem Arzt lallend, wie ich es nur konnte, davon beichten wollte, meinte er nur, ich spreche im Delirium und doch war ich wirklich bei klarem Verstande. Schmerzen stellten sich nur ein, weil ich eine Stelle durchlag. Ein weiches Rehfell brachte mir einige Erleichterungen. Aber wie tot lag ich da auf einer Stelle, ohne mich auch nur rühren zu können. Als ich nach drei Wochen etwas feste Nahrung zu mir nehmen und das Bett verlassen konnte, hatte ich das Gehen verlernt und konnte mich nur durch Unterstützung vorwärts bewegen. Auf meinem ersten Gange, den ich natürlich zum elterlichen Hause unternahm, trat mir das Getümmel, daß der draußen, Gott sei Dank, in der Ferne tobende Krieg in unserer Festung veranlaßte, eindrucksvoll vor die Augen. Die starke Einquartierung brachte viel Leben. Die Einwohner waren bei Beginn des Feldzuges, da man doch noch nicht wissen konnte, welche Wendungen und Zufälle eintreten mochten, auf den Ernst der Lage durch den Befehl hingewiesen, daß nur jeder die Stadt mit den Seinen zu verlassen habe, der sich nicht für mindestens 6 Wochen mit den nötigsten Lebensmitteln zu versehen vermochte. Eine aus Bürgern der Stadt bestehende Kommission ging von Haus zu Haus, um nach dieser Richtung die Vorräte zu prüfen. Da es aber glücklicherweise bald klar wurde, daß die Kriegsfurie unsere Heimat verschonen und die großartige Geschwindigkeit gerade unseres Korps tief hinein nach Österreich vordrang, so dachte man bald nicht mehr an den gestrengen Befehl und ließ ihn ebenso einschlafen, wie das Verlangen des Kommandanten, es sollten unsere schönen Baumbestände auf den Festungswällen rasiert werden. anfangs hatte er sich nur langsam durch das Versprechen der Bürgerschaft beruhigt, selbst mit Hand anzulegen, falls das siegreiche Vordringen des Feindes die Alarmierung der Festung nach dieser Seite erforderlich machen sollte.
Nachdem ich endlich meine frühere Arbeitskraft wiedererlangt hatte, drängte sich mit Macht die Frage auf, wie ich den neuen Verhältnissen entsprechend meinen Erwerb einzurichten hätte, der wesentlich doch, das konnte ich mir nicht verhehlen, zurückgegangen war. Ob wir mein Geschäft oder das der Eltern auflösen sollte. Meine Mutter war für den ersteren Weg. Sie wünschte, ich möchte ihre Werkstatt, die noch den meisten Zulauf hatte, weiterführen. Sie wollte mich beköstigen für meine Person, mir eine kleine Wohnung im Hause und wöchentlich 6 Mark geben. Anfangs war ich damit wohl einverstanden, dann aber bei genauerem Erwägen kam mir der Gedanke: Ja, was soll werden, wenn zwischen meiner Familie und meiner Mutter irgendein Zerwürfnis eintreten sollte? Mußte ich in solchem Falle mein Geschäft nicht ganz von vorn von Neuem anfangen oder gar wieder als Geselle bei fremden Leuten mein Brot suchen? Daher machte ich meiner Mutter den Vermittlungsvorschlag: Ich wollte unter den von ihr gemachten Bedingungen das Geschäft des Vaters bis Neujahr 1867 weiterführen, um die noch vorhandenen Materialien aufzuarbeiten und dabei die günstigste Verkaufszeit, eben den Herbst auszunützen. Den dann noch verbleibenden Warenbestand wollte ich schließlich selbst käuflich, wenn auch nicht gerade gegen Barzahlung erwerben. Das Haus sollte meiner Mutter verbleiben, und ich wollte für meine Familie eine nicht zu hohe Miete, jährlich 40 Taler, zahlen.
Auf die Bedingungen hin einigten wir uns, und es ging dann auch alles nach Wunsch. Nach dem siegreichen Kriege hob sich das Geschäftsleben überall bei uns. Die Preise gingen hinauf, die Arbeitslöhne besserten sich. Überall machte sich ein freudiges, vertrauensvollen Vorwärtsstreben bemerkbar. Das kam auch mir und den Meinen zugute, so daß wir einen Teil unserer Schulden tilgen und meiner Mutter eine kleine Anzahlung für übernommene Waren leisten konnten. Das Frühjahrsgeschäft zeigte sogleich den Vorteil des Zusammenwirkens, da meine Frau und meine Mutter zusammen die Märkte besuchten, so wurde die beiderseitige Kundschaft erhalten und zusammengebracht. Diese gesteigerten Anforderungen riefen eine Vermehrung des Arbeitspersonals hervor. Ich arbeitete nun mit 6 Gesellen und 3 Lehrlingen. Da diese Zahl für einen gemeinsamen Tisch zu groß war, bekamen die Gesellen ihr Essen nach der Werkstatt geschickt. Die Lehrlinge dagegen durften am Familientische nicht fehlen. Nachdem ich Gott für die Speise, die er uns gegeben, gedankt und sie gesegnet hatte, ging es ans Essen. Dabei stand jedem frei zu nehmen, soviel er wollte. Es war immer für alle hinreichend vorhanden. Das etwa Übriggebliebene wurde vor dem Abendbrot gemeinschaftlich verzehrt, eine Aktion, an der ich immer selbst mich beteiligte, damit sie nicht in Mißkredit geriet. Oft war uns aber ein Handwerksbursche oder sonst ein Armer bei dieser Aufgabe zuvorgekommen.
Das Tischgebet erscheint mir empfehlenswert, nicht allein wegen seines religiösen Wortes und für die Stimmung des Gemütes, sondern es ist sogar vorteilhaft für den Meister. Denn wenn er durch seinen ausgesprochenen Dank die Speise als Gabe Gottes darstellt, so werden die Untergebenen nicht so leicht geneigt sein, das ihnen so Dargebotene geringschätzig und wie es heute zu häufig geschieht, wegwerfend anzusehen. Sonntags- und Nachtarbeit duldete ich nicht sehr. Dafür mußte aber des Montags wie an jedem Wochentage gearbeitet werden. ich suchte allerlei früher unbeachtet gebliebene Verbesserungen einzuführen und befleißigte mich einer geordneten Buchführung.
Natürlich konnte ich unter solchen Arbeiten nicht so fest mehr auf dem Schusterschemel sitzen, und mußte dann auch bei meiner Mutter, die nur danach den Fleiß zu beurteilen verstand, bald eine gewisse Verstimmung bemerken, die sie gerade in einer Zeit des besten Geschäftganges zu dem unwilligen Vorwurf trieb, ich würde wohl durch meine Faulheit das Geschäft nach ganz ruinieren. Jetzt, da sie sich wieder kräftiger fühlte, wurmte es sie, daß sie die Leitung des Geschäftes so eilig aus der Hand gegeben hatte. Bei ihrem resoluten Wesen, das sagte ich mir gleich, ließ sie nun nicht nach. Es kam in unserem bisher so friedlichen Familienkreise zu häufigen heftigen Wortwechseln, um so peinlicher, als dabei vor Gesellen und Lehrlingen keine Rücksicht genommen wurde und alles in der weitesten Öffentlichkeit ausgefochten werden mußte. Schließlich blieb uns nichts weiter übrig, ich mußte also ihre zwei Lehrlinge, die sie mir früher überlassen, zurückgeben. Sie nahm sich zu deren Ausbildung einen selbständigen Schuhmacher ins Haus, so daß nun das Publikum zwei getrennte Schuhmachereien in einem Haus fand. Da sie auf Zahlung meiner Rückstände drang und ich unmittelbar nach dem Besuche der Leipziger Messe natürlich nicht bei Kasse war, befriedigte ich sie durch Überlassung aus dem eigenen Warenbestande, bis meine Schuld ganz gedeckt war. Unter solchen Umständen sah ich mich genötigt, das so schwer zu Schaden gekommene Kompagnie - Geschäft zu lösen und das elterliche Haus wieder zu verlassen. Der häusliche Frieden ging mir denn doch über das Bewußtsein, mich als Besitzer eines größeren Geschäftes zu fühlen.
Nachdem wir uns in der neuen Wohnung eingerichtet , kam es uns vor, als hätten wir uns erst selbst wiedergefunden. Wir fühlten uns alle, nach so stürmischer, unruhevoller Zeit endlich wieder wohl. Wir suchten mit den zwei Gesellen, die ich herübergenommen hatte, unser Geschäft den Verhältnissen anzupassen und uns ehrlich durch die Welt zu schlagen. Meine Frau war unverdrossen und emsig bei der Arbeit, und da sie es verstand, sich in der Wirtschaft mit Wenigem einzurichten und wir nicht zurückkamen, so lebten wir zufrieden. Ja, wir fühlten uns glücklich. Hatten wir ein paar Taler Geld, so ging der Ledervorrat bald aus; war reichlich Leder vorhanden, so wurde uns das Geld knapp; aber es ging ja doch.
Lange konnte meine Mutter ihr Geschäft nicht halten. Die Lehrjungen wollten ihr nicht parieren. Den Geschäftsführer beschuldigte sie, er treibe mit den Jungen Durchstechereien, ihr zum Schaden. Nach einem Jahre gab sie die Schuhmacherei auf. Da wir wußten, daß bares Vermögen nicht vorhanden ist und der Mutter das Haus für ihren Lebensunterhalt lassen wollten, hatten wir drei Geschwister auf alle Erbansprüche Verzicht geleistet. Ruhig sitzen bleiben aber konnte die resolute Frau nicht, sie fing einen Handel mit Schuhwaren an, kaufte von größeren sächsischen Geschäften und Fabriken und lieferte monatlich bestickte Pantoffeln an Berliner Schuhmacher weiter. Dort wird sich wohl heute noch mancher Geschäftsmann dieser geheimnisvollen Handelsverbindung erinnern.
Meine jüngste Schwester hatte den Witwer der Ältesten geheiratet, der ein sehr guter lieber Mann war. Bis zu seinem Ende – er starb 1897 an Halskrebs – ist er mir ein lieber Freund geblieben, nie habe ich mich mit ihm auch nur einem Worte veruneinigt. Auch hat meine Schwester mit ihm recht glücklich gelebt, obgleich sie in seiner Familie viele schwere Krankheiten hat durchmachen müssen. Als er als Eisenbahndirektor nach Berlin versetzt war, konnte meine Mutter bei ihrer Tochter zu den Märkten sich einquartieren. Da meine Schwester ihr hilfreich zu Seite stand, fand sie daran eine wesentliche Unterstützung für ihren nun emsig betriebenen Handel. Das Jahr 1868 bescherte uns wieder ein Töchterchen, sonst war es nach all den Stürmen eine ruhige, glückliche Zeit.
Ich hatte all die Zeit über mit meinen Schwiegereltern in London in brieflichem Verkehr gestanden und ihnen auch das Abscheiden unserer Großmutter mitgeteilt. Nach einiger Zeit drückten sie ihr Beileid und ihren Dank für die Nachricht aus, fügten sogleich die Bitte hinzu, ihnen doch den großen eichenen Tisch, an dem die ganze Familie dereinst in der lieben Heimat ihr Essen eingenommen und die lange goldene Kette, unserer Großmutter Hochzeitsgeschenk, eine Erinnerung an glänzende Tage der Familie, zu übersenden. Da wir beide die Überzeugung hatten, daß es den Verwandten in der Ferne nicht um den materiellen Wert dabei zu tun sei, so machten wir ihnen gern die Freude. Nach einigen Monaten kam dann auch dafür zu unserer größten Freude ein Gegenstand von 40 Talern an, uns selbst sehr gelegen, denn wenn wir im Geschäft nicht zurück gingen, so war doch auch für ein sichtliches Vorwärtsschreiten keine Aussicht, und das bare Geld war bei uns immer zu knapp, wenn wir auch nicht gerade Not zu leiden hatten.
Im Jahre 1869 ging so weit alles gut, freilich wurde uns ein Töchterchen durch den Tod entrissen. In diesem Jahre erhielt ich einen Brief aus Australien (von Adelaide) war von meinem Schwager, der 1863 als Junge von 14 Jahren sich von London aus auf einem Segelschiff bedungen hatte. Nach sechsjährigem Stillschweigen teilte er uns in dem sehr konfusen Schreiben mit, daß er die grausame Behandlung durch den Steuermann nicht mehr hätte ertragen können. Er sei von dem Schiffe desertiert. Nach vielem Ungemach hätte er endlich eine feste Anstellung als Ochsenknecht auf eine Farm gefunden. Dazu schwärmte er für die Freiheiten, denen man sich in Australien erfreute und pries die Möglichkeiten, die jeder dort habe, schnell ein reicher Mann zu werden. Er selbst schien freilich von all diesen Mitteln noch keinen Gebrauch gemacht zu haben. Überhaupt zeigte der Brief solche Unreife, daß wir nur annehmen konnten, er sei von dem mit einer gewissen Schulbildung ausgestatteten jungen Manne in Trunkenheit geschrieben. Trotzdem habe ich bald darauf geantwortet, aber da ich keine Nachrichten wieder erhalten, muß ich wohl annehmen, daß unser Vetter in der Fremde verschollen ist.

Der Krieg 1870/71

Wir hier in der Heimat sollten uns nicht lange des ruhigen Familienglückes erfreuen. Es schien, als solle unser Leben in steter Unruhe und Aufregung seinen Lauf nehmen. Machte doch das große Jahr 1870 durch unsere Aussichten und Hoffnungen im Erwerbs- wie im Familienleben einen starken Strich. Denn bei dem plötzlichen Ausbruche des Krieges mit dem stets unruhigen Frankreich bekam ich und 2 Gesellen Order. Nach 48 Stunden hatten wir uns zum Eintritt zu melden. Natürlich konnten bei so schnellem Wechsel aller Verhältnisse keine eingehende Vorbereitungen für das Wohl der Familie getroffen werden. Alles mußte man der ungewissen Zukunft überlassen. Wehmütige Gedanken, die aufkommen wollten, mußten energisch verscheucht werden, damit ihr Druck die allernotwendigsten Besprechungen nicht hinderte. Ja, beim Umschauen in unseren Bekanntenkreisen, die alle von dem gleichen Schicksale betroffen waren, machten wir die Beobachtung, daß wir beide, durch die mannigfachen Schicksale schon mehr abgehärtet, uns leichter in der Unvermeidliche schickten, als mancher andere. Obgleich auch uns die Trennung tief schmerzte und die Zukunft dunkel verhüllt uns erschien. Auf dem Weg zum Bahnhof, zu dem mir Frau und Kinder Geleit gaben, wurde das Notwendigste noch einmal durch gesprochen. Dann eine letzte Umarmung und Kuß und Gott in Zukunft befohlen. So ging es fort. Jeder blieb seinem Schmerz allein überlassen. Welche Ströme von Tränen hat diese Mobilmachung gekostet! Nachdem wir rasch eingekleidet waren, marschierte das Ersatzregiment, dem ich zugestellt war, sofort ab. Ohne alle Vorbereitung wurden uns sogleich die schwersten Feldzugstrapazen zugemutet. Nachdem wir am 2. Marschtage morgens 1.30 Uhr angetreten, hatten wir bei der Julihitze erst 7 Uhr Rendezvous. Natürlich blieben viele Leute liegen und mußten nachgefahren werden. Mein Nebenmann war mir wegen seines übermäßigen Schwitzens schon immer aufgefallen. Wie wir jetzt auf dem Rande einer Chausseebrücke saßen, verfärbte er sich plötzlich und brach zusammen. Rasch öffneten wir ihm den Rock, rissen die Binde los, doch nur ein kurzes Zucken und dahin war der arme Kamerad.
Als wir endlich nachmittags 2 Uhr unsere Garnison erreichten, ging der Kampf mit der Rücksichtslosigkeit unserer Quartiergeber los. Ich, der Älteste von 4 Mann, die Zusammenliegen sollten, ging mit unserem irrtümlich ausgestellten Quartierzettel zu unserem eigentlichen Wirt, der, ein reicher Mann, gerade zu einem Diner zahlreiche Gäste versammelt hatte. Kurz wollte er uns mit dem Bescheid abfertigen, wir sollten uns auf dem betreffenden Amte nach unserem Quartier erkundigen, erhabe nicht mehr damit zu schaffen. Wie ich sähe, hätte er jetzt keine Zeit für solche Sachen. Da kam er aber bei mir an den Unrechten. Gibt es doch für den Musketier nichts Entsetzlicheres, als wenn er nach langem, mühseligen Marsch nun noch in einer fremden Stadt, wo er sich so schon nicht zurechtfinden kann, noch stundenlang nach seinem Unterkommen herum fragen muß. Darum ließ ich ohne weiteres meine 3 Mann ihr Gepäck mitten im Salon vor all den Herren und Damen ablegen. Ein bißchen mochten sie sich nun wohl schämen. Sie bewirteten uns freundlicher gestimmt mit Kaffee und Kuchen. In kurzer Zeit hatten wir eine hübsche Stube, in der wir endlich zum Ziele kamen und uns wohl fühlten. Nachdem ich mich gesammelt und wie ich nun auf das Überstandene zurückblicke, sagte ich meinen Kameraden, wir hätten alle Ursache, Gott für seinen gnädigen Beistand zu danken. Nach diesen Worten kniete ich nieder. Meinem Beispiele folgten die drei anderen, und wir sprachen ein aus innerstem Herzen kommendes Dankgebet zum Himmel. Da wir dann auch gut mit Essen versorgt wurden, nachdem das Eis einmal gebrochen war, waren wir mit unserem Quartier recht zufrieden.
Nun gestaltete sich mein Soldatenlos auch diesmal günstiger als ich gedacht hatte. Ich wurde Kompanieschuhmacher. Und da wir dem Brauche gemäß mit ganz neuen Sachen ausgerüstet waren, so hatte ich zunächst neben den Ausbesserungen von Tornistern und Riemenzeug wenig zu tun. Diesen Umstand wahrnehmend arbeitete ich in meinem Quartier für einen Meister mit und verdiente mir dadurch einige Groschen für ein Bier oder Zukost. Da wir als Besatzungsmannschaft der Festung Kriegszulage erhielten, hatte ich für 10 Tage über die Summe von 6,20 Mark und eine Mark für meine Schusterarbeit zu verfügen. Dazu kam die doppelte Brotration. Allerdings hatten wir unsere Beköstigung selbst zu bestreiten. Und doch so bescheiden war man damals in seinen Ansprüchen. Hätte dieser Zustand eine Bürgschaft der Dauer gehabt, wäre meine Familie am Orte gewesen, diese Zeit wäre die sorgenfreieste meines ganzen Lebens gewesen. Ja, ich hätte unter den gleichen Bedingungen für meine ganze Lebenszeit kapituliert. Da ich nur zu den allernotwendigsten Diensten anzutreten brauchte, wurde ich bald so dreist, daß ich die mir zur Verfügung stehende Freiheit benutzte, um wiederholt die Meinigen zu ihrer größten Freude daheim zu besuchen. Glücklich bin ich dabei immer durchgekommen.
Bei diesen Besuchen gewann ich über unsere wirtschaftliche Lage die befriedigensten Eindrücke, zumal, da dank unserer Friedensliebe das früher so gespannte Verhältnis zu meiner Mutter sich wieder freundlich gestaltet hatte. Zudem machte sich eine größere Nachfrage nach Hausschuhen für die eingezogenen Landwehrleute geltend, so daß meine Frau Abnehmerin bei meiner Mutter wurde, die immer einen größeren Vorrat führte. So konnte sie mit Hilfe der kleinen Familien - Staatsunterstützung nicht nur die Ausgaben bestreiten, sondern auch noch einige zurück gebliebenen Schulden decken. Als ich nach ¾ Jahren mit 15 gesparten Talern in der Tasche, gleichfalls heimkehren konnte und da wir in dieser ganzen Zeit an Krankheiten nicht zu leiden hatten, so konnte wir wieder zufrieden sein, eine unruhevolle Zeit überstanden zu haben und uns in sicherem Hafen zu finden. Auf wie lange?
Da sich das Geschäft nach der Wiederkehr friedlicher Zustände neu belebt, so konnte ich mit 2 Gesellen und dem Lehrlinge wieder mit froher Aussicht arbeiten. Ein Zustand der Zufriedenheit trat wieder ein, über den ich allein schon recht glücklich war. Geschmälert sollte aber dieses Gefühl der Lebensfreude halt wieder durch den Tod unseres Jüngsten werden, der uns ohne längerer Krankheit wider Erwarten schnell entrissen wurde. Entgegen dem heutigen Brauche war das Begräbnis schlicht und einfach. Der mit Kränzen der Verwandten und Freunde geschmückte kleine Sarg wurde auf den Kinderwagen gestellt, den der Lehrling zog, begleitet von uns und den Unsrigen. So übergaben wir unseren Liebling der ewigen Ruhe.

Meine erste Frau stirbt bei der Geburt von Vierlingen

Meine Schwiegereltern hatten öfters den Wunsch geäußert, uns in unserem Familienleben kennen zu lernen. Doch zeigte sich bei unserer beiderseitigen knappen Lage keine Möglichkeit, diese Sehnsucht jemals zu stillen. Da bekam ich plötzlich im Frühjahr 1872 die Nachricht, meine Schwäger hätten zu dem Zwecke zusammen gesteuert. Meine Schwiegermutter würde Ausgangs April in Hamburg eintreffen und ich solle mich darauf einrichten und sie an einem bestimmten Tage am Hafen in Empfang nehmen. So sollten wir unsere Mutter wieder sehen nach so langer Trennung und konnten ihr unser bescheidenes, aber glückliches Heim zeigen, ihr Mutterherz zu erfreuen. Auch ließen sie meine Schwäger nicht mit leeren Händen reisen. Von ihrem eigenen Fabrikate hatten sie ihr einen massiven Mahagonitisch mitgegeben, wie wir ihn in solcher Konstruktion noch nicht gesehen. Durch drei Einlagen konnte er zu einer großen ovalen Tafel umgestellt werden. Bei allen folgenden Familienfestlichkeiten hat er uns gute Dienste geleistet, und da er massiv ist, kann er noch vielen Generationen bei solchen Gelegenheiten dienen. Auch die große eiserne Bettstelle, die sie zusammengeklappt mitbrachte, war damals bei uns selten im Gebrauch. So verlebte unsere Mutter ein volles Jahr in unserem Kreise. Im Frühjahr 1873 reiste sie wieder zurück nach England mit dem Wunsche und der Hoffnung, es möchte ihr vielleicht noch vergönnt sein, einmal wiederzukehren. Doch es sollte anders kommen, unser Herz sollte in dieser Weise nur einmal erfreut werden. Dieses Jahr 1873 sollte eine besondere Freude, aber auch großes Herzeleid in unsere Familie bringen. Im März saß ich wie gewöhnlich einmal in der Woche in der Restauration, deren Inhaber bei mir arbeiten ließ, um ein oder auch zwei Glas Bier zu trinken.
Mir gegenüber saß ein Zimmermann, ein alter Schulkamerad. Nachdem wir uns von diesem und jenem unterhalten, meinte er plötzlich, ich könnte ihm eigentlich sein Haus abkaufen. Stellte mir einen mäßigen Preis und wies auf die mit dem Eigenbesitz verbundenen Vorzüge und die geringe Anzahlung von 300 Taler als besonders günstig hin. Aber auch diese Summe stand mir nicht einmal zur Verfügung. Trotzdem verlor ich das Angebot nicht aus den Augen. Auch meine Frau war für den Kauf, da wir bei dem Steigen unseres Geschäftes noch einen Gesellen einstellen mußten, für den es uns in unseren Mieträumen an Platz zum Schlafen fehlte. So hab ich es denn ermöglicht, die ganze Summe zusammenzubringen und zwar auf folgender Weise.
Ein guter Freund, der sich von der Gunst des Angebotes selbst überzeugte, lieh mir 100 Taler, meine Schwester fand sich bereit zu 50 Taler und vom Staate, der damals gerade für hilfsbedürftige Veteranen gegen Bürgschaft Summen zur Verfügung stellte, erhielt ich dank dem Eintreten meiner Mutter als Bürge die noch fehlende Hälfte.
So ging alles glatt. Zu Johanni nahmen wir Besitz von unserem eigenen Hause, froh, trotz der bedeutenden Schuldenlast. In der Hoffnung, unsere Verpflichtung bei Fortarbeit und da sich unser Geschäft zusehends weiter hob, recht bald decken zu können. Es war eine glückliche Zeit. Doch wiederum sollten wir uns nicht lange dieser sonnigen Tage freuen. Trübe Wolken zogen bald über unser glückliches Familienleben.
Meine liebe Frau sah über den Herbst ihrer Niederkunft entgegen. Es fehlte nicht an Anzeigen, daß sich etwas Besonderes ereignen würde. Bei ihrer starken Konstitution hatte sie in letzter Zeit noch, wie immer, die Märkte besucht, ja einen 80 Pfund schweren Marktkorb getragen. An einem Sonnabend scheuerte sie des Nachmittags die Arbeitsräume, da kam ihre Stunde. Um 11 Uhr kam ein Mädchen zur Welt, dem in einer halben Stunde das zweite folgte. Da sagte die weise Frau, sie stünde vor einem Rätsel, es wäre nicht alles in Ordnung. Ich möchte lieber einen Arzt holen. Ja, das war leichter gesagt, als ausgeführt. Es war tiefe Nacht. In meiner Angst lief ich zu dem, der uns am nächsten wohnte. Er war nicht daheim, der zweite war vor kurzem von einem Besuch gekommen und lag jetzt im Schweiße gebadet im Bett. Er konnte nicht kommen, endlich folgte der dritte, ein Militärarzt, meiner inständigen Bitte sofort. In einer Viertelstunde waren wir um das dritte Töchterchen bereichert. Doch der Arzt machte ein bedenkliches Gesicht und erklärte schließlich, er getraue sich nicht, allein die weitere Behandlung der Wöchnerin zu führen. Ich möchte noch einen Arzt hinzuziehen. In der größten Angst trabte ich durch das Dunkel der Nacht vorwärts. Nach mir endlos erscheinendem klingeln erschien endlich ein Kopf am Fenster. Als ich mein Begehr mitteilte, wurde mir der Bescheid, ich solle von dem Herrn Stabsarzt eine schriftliche Erklärung bringen, daß er sich die Behandlung allein nicht weiter zu leisten getraue. Empört über solche Herzlosigkeit trabte ich wieder zurück zum Schmerzenslager. Wohl oft habe ich Wohltaten empfangen, die mich zu herzlichem Dank verpflichteten. Aber nie ist mir eine Größere erwiesen, als jetzt von dem Stabsarzt, der, was ich wohl kaum erwarten konnte, den zur Bedingung gemachten Wunsch wirklich niederschrieb und mich damit losschickte. Jetzt hatte ich denn auch Erfolg. Nachdem sich die beiden Herren besprochen und meine arme Frau, die sich den Umständen noch leidlich wohl fühlte, schnell untersucht hatten, wurde sic auf ein Streckbett gelegt und bald waren wir mit dem vierten Kind beglückt. Meine Frau tröstete ich mit dem Hinweis auf den lieben Gott, der weiterhelfen würde. Dadurch war sie beruhigt. Schnell wurde die kleine Schar in Waschkörbe gebettet und gezeichnet. Die Älteste die einem roten, die zweite mit einem blauen, die dritte mit einem gelben, die vierte mit einem grünen Bändchen um Hals und Ärmchen. Es war ein lieblicher Anblick, wie die wohlgebildeten Wesen in ihrem Lager sich regten. Große Freude versprach ich mir davon, wenn Mutter und Kinder gesund blieben.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von diesem seltenen Ereignisse durch die Stadt. Verwandten und Bekannten brauchte ich keine offizielle Mitteilung zu machen, sie kamen alle von selbst, das Wunderbare in Augenschein zu nehmen. Da wir auf solchen Zuwachs denn doch nicht eingerichtet waren, halfen uns freundliche Familien mit der erforderlichen Kinderäsche sofort aus. So wurde diese Verlegenheit rasch beseitigt.
Aber nun kamen Briefe aus allen Weltgegenden, ich konnte sie bei weitem nicht alle beantworten. Zumal viele Genaueres über das Ereignis wissen wollten. Auch Geschenke trafen ein, von einem Herrn ein Krönungstaler, von einem Verein in Berlin 5 Taler. Ihre kaiserliche Hoheit, dir Kronprinzessin Viktoria, sandte 25 Taler. Meine Frau ging es leidlich. Es schien, als ob sie in wenigen Wochen das Bett würde verlassen können. Aber die Kinderchen starben leider innerhalb weniger Tage, alle vier, ein Hügel deckt ihre Gruft. Auch stellte sich Delirium ein, die wirren Reden nahmen zu und eines Abends in der 6. Woche schlief sie, während ich trostlos an ihrem Lager stand, nach so vielen und schweren Lebenskämpfen ruhig ein.
Obgleich wir für gewöhnliche Verhältnisse in unserer Wohnung reichlich Raum hatten, war es in gegenwärtiger Lage eng geworden, zumal ich ein Dienstmädchen hatte annehmen müssen. So blieb mir denn, als meine Frau gestorben war, zum Schlafen kein anderer Raum, als neben dem offenen Sarge. Wie schmerzbewegt und sehnsuchtsvoll habe ich den langen beiden Winternächten zu ihr herübergeschaut, als möchte sie vielleicht wieder erwachen. Aber es blieb alles still, allein stand ich nun in der Welt mit meinen drei unmündigen Kindern, das jüngste erst ein Jahr alt.
Da in diesem Jahr, 1873, gerade die Festungstore niedergerissen wurden, so führte uns zum Begräbnis ein langer Weg um die halbe Stadt herum nach dem Friedhofe. Meine beiden Kinder von 5 und 8 Jahren an der Hand folgte ich mit einigen Verwandten und Freunden dem Wagen, der uns unsere sorgsame Hüterin entführte. Nachdem der Sarg der Mutter Erde übergeben war, betete ich ein lautes Vaterunser. Wir blieben am Grabe stehen, in Andacht versunken, bis der Totengräber sein Werk verrichtet hatte. Still traten wir den Heimweg an. Da auch an dieser ernsten Stätte, in diesem feierlich trüben Augenblicke, sollte ich nicht von der rauhen Unbill dieser Welt verschont bleiben, trat der Totengräber an mich heran und forderte in hartem Ton die Beerdigungskosten. Daran hatte ich in diesen Tagen der Trübsal noch nicht gedacht. Da ich den Mann trotz seines pietätlosen Auftretens nicht sofort befriedigen konnte, mußte er sich darin finden. Aber mir hatte sein Gebaren einen harten Schlag gegeben.
Nachdem man mir ein paar Wochen Ruhe gelassen, kamen die hohen Rechnungen von allen Seiten. Ich sah, die Geschenke, die mir geworden waren, standen zu den jetzt erforderlichen Summen in keinem Verhältnis. Als ich der Hebamme das herkömmliche Honorar geben Wollte, verlangte sie natürlich den vierfachen Preis. Der zuletzt herbeigerufene Arzt berechnete in Anbetracht meiner schwierigen Lage nur 24 Mark, für die Entbindung in der Nacht könne er sonst einen viel höheren Betrag in Ansatz bringen. Der so gütige Herr Stabsarzt hat mich mit einer Rechnung überhaupt verschont, er war mit meinem Danke vollständig zufrieden gestellt.

Ich heirate erneut

Da mein Dienstmädchen den Anforderungen der Wirtschaft und der Fürsorge für die drei Kinder auf die Dauer nicht gewachsen war, so mußte ich mich nach einer besseren Hilfe umsehen. Auf Rat eines Freundes wandte ich mich an eine Familie auf dem Lande, deren Tochter sich für meine Anforderungen eignen sollte. Auf meine Anfrage erhielt ich die Antwort, zum Dienen geben sie ihr Kind nicht in die Stadt. Ja, wenn es zum Heiraten wäre, das wäre etwas anderes. Da alle meine Erkundigungen das Ergebnis hatten, daß ich an ihr meinen Kindern eine sorgsame Mutter und mir eine rechtschaffende, arbeitsame Frau gewinnen würde, so ging ich nochmals zu den Leuten hinaus. Ich traf das Mädchen allein zu Hause, die Eltern waren auf dem Felde. Meine Frage, ob sie Lust hätte, nach der Stadt zu ziehen, bejahte sie ohne zögern. Auf die weitere Frage , ob sie wohl meine Frau werden möchte, schlug sie verschämt die Augen nieder und sagte leise: „ Warum nicht?“. Nun steckte ich ihr den wohlweislich mitgebrachten Ring an den Finger, gab ihr einen Kuß und – verlobt waren wir.
Als die Eltern vom Felde heimkehrten, wurde es mir nicht schwer, ihre Einwilligung zu gewinnen. Nur eine Sorge drückte mich, aber nun einmal im Zuge, brachte ich kurz entschlossen meinen Wunsch vor, 100 Taler bezeichnete ich als wünschenswert. Da ich doch bereits eine Wirtschaftseinrichtung besaß, meine jetzigen Schwiegereltern also jetzt nichts aufzuwenden brauchten, so gingen sie ohne Umstände auf meine Bitte ein. Im Juli 1874, sechs Wochen nach der Verlobung, wurde die Hochzeit in aller Einfachheit gefeiert. Es war hier die Letzte, bei der das Standesamt noch nicht waltete. (Hinweis: In dieser Zeit wurden die Standesämter neu geschaffen)
Die kirchliche Weihe allein fand statt. Da mein Schwager bei einem Fabrikbesitzer in der Nähe als Kutscher in Lohn stand, so war die Hochzeitsequipage, wenn auch nur mit einem Pferde, leicht beschafft. Nach der heiligen Handlung luden wir meine drei Kinder und meine Schwester und ihren zwei Söhnen mit auf unseren Einspänner, und so ging der Hochzeitszug fröhlich hinaus zur reich ausgestatteten Festtafel bei den Schwiegereltern. Nachdem dann meine junge Frau ihre Sachen verpackt hatte, führte uns ein mit zwei Rüben bespannter Erntewagen mein Hochzeitsgut vor die Haustür. Vorher aber hatte ich auf Wunsch der Eltern zugelassen, daß meine Frau Salz und ein Stück Brot in irgendeinem Winkel des Hauses versteckte, als Gewähr für das Walten der guten Geister.
In meiner Frau fand ich nun bei ihrer Einführung in den städtischen Haushalt mit drei Kindern, zwei Gesellen und einem Lehrling eine willige und rasch fassende Gefährtin, die bald in allen ihren Obliegenheiten bewandert war. Nur dem Marktgeschäft konnte sie bei ihrem zurückhaltenden Wesen keine Freude abgewinnen, zumal die Konkurrenz, durch altbewanderte Frauen vertreten, mit drastischen Mitteln zu Werke ging. Wenn es sich darum handelte, einen Käufer am Rockärmel, der dabei häufig einriß, vor den Budenstand zu zerren, einer Frau die Fransen auszureißen, und mit reichem Wortschwall die Kunden zu betäuben, so konnte meine bescheidene Vertreterin mit solchen Kampfmitteln nicht wetteifern. Dieser Gewerbebetrieb machte ihr keine Freude, aber schicken mußte sie sich darin, das ging nicht anders bei unserem Geschäftsbetriebe. Und es ging dann auch, anfangs reiste ich immer mit, machte sie mit den Preisen und allen Erfordernissen bekannt. Verließ auch dann und wann mit Absicht den Verkaufsstand, um sie mehr an Selbständigkeit zu gewöhnen und ihre natürliche Schüchternheit zurückzudrängen, wie es für das Anpreisen der Ware und für den Geschäftsverkehr notwendig war. Nach kurzer Zeit konnte ich sie die wenigen wichtigen Märkte schon allein beziehen lassen.
Nur eine Sorge drückte meine Frau in dieser ersten Zeit aufs schwerste. Die 100 Taler meines Schwiegervaters waren natürlich mit ins Geschäft gekommen. Nun kamen trotzdem die Rechnungen vom Hauskauf her. Von Hause her war sie gar nicht an solchen Geschäftsverkehr gewöhnt, da war nie eine Rechnung gekommen, die nicht sofort bezahlt worden wäre. Nun nahm das hier gar kein Ende. Was sollte nur daraus werden, manche Träne hat sie heimlich deswegen vergossen. Aber mit der Zeit verminderte sich die Sorge. Das Geschäft hob sich mehr und mehr, und so kamen wir auch in die Lage, unseren Verpflichtungen nachkommen zu können und sogar einige Überschüsse zu machen. Meine Frau war ja auch von Hause aus gewöhnt, sich mit Wenigem einzurichten, z.B. mußte ein Lot Kaffee (1 Lot sind etwa 16 Gramm) für 10 Personen ausreichen. Dabei gediehen unsere Kinder zusehends und von Krankheiten blieben wir verschont. Zur rechten Zeit zog meine Frau die mehr und mehr heranwachsende Älteste, sie war jetzt neun Jahre alt, zur Tätigkeit heran, wurden wir doch auch im Jahre 1875 wieder mit einem Töchterchen beglückt. Aber gerade diese Anleitung zur praktischen Betätigung brachte meiner Frau öfter Verdruß. Suchten doch aufmerksame Hausbewohnerinnen und liebevolle Nachbarinnen den Kindern hämische Bemerkungen, Argwohn und Abneigung gegen die sogenannte Stiefmutter einzuflößen. Ist z.B. so ein Kind bei einer leichten Arbeit, etwa ein paar Tassen zu reinigen, flugs sind diese guten Frauen bei der Hand. Beim Zusehen bedauern sie die emsig Tätigen. „Ach, ihr armen Kinder,“ sagen alle, „was müßt ihr nun schon arbeiten, anstatt auf der Straße zu spielen, wenn das eure gute Mutter sehen würde!“.
Nun, meine Töchter sind tüchtige Hausfrauen geworden und wissen es ihrer Mutter dank, daß sie arbeiten gelernt haben. Ohne diese schändlichen und unbedachten Reden hätten meine Kinder wahrhaftig einen Unterschied zwischen ihrer jetzigen und der leiblichen Mutter gar nicht kennen gelernt. Im übrigen ging bis zum Jahre 1877 bei uns alles ruhig weiter. Nur von England kam uns die Nachricht vom Tode meines ersten Schwiegervaters.
Anfang 1878 fragte mich ein Bekannter, was ein Haus wie das meinige kosten würde. Nachdem ich einen Preis genannt hatte, unter dem ich nicht verkaufen würde, kam er kurz darauf wieder und erklärte sich mit dem geforderten Preis einverstanden. Anfangs hatte meine Frau keine Lust zu dem Verkauf. Aber da uns ein Verdienst von 400 Taler, der sofort ausgezahlt werden sollte, in Aussicht stand, wurde der Kauf perfekt. Ich bekam dadurch für meine Verhältnisse eine bedeutende Barsumme in die Hand, von der ich auch mein Kriegsdarlehen zurückgeben konnte.

Wir übernehmen mein elterliches Haus

Da wir uns nun gezwungen sahen, uns ein neues Heim zu suchen, machte ich mich eines Tages auf den Weg um eines von den beiden uns angebotenen Häusern zu besichtigen. Wie ich mich in der Nähe meiner mütterlichen Wohnung befand, passierte mir ein unvermutetes kleines Malheur, ein Hosenknopf sprang mir ab. Um diesem Übelstande rasch abzuhelfen, trat ich bei meiner Mutter ein. Wie ich ihr im Laufe des Gespräches den Anlaß meines Ausganges mitteilte, riet sie mir entschieden von dem Vorhaben ab und bat mich, sie von der Last des elterlichen Hauses zu befreien. Dessen Verwaltung könne sie, die Siebzigjährige, nicht mehr vorstehen. Auch manche Reparaturen am Haus müßten vorgenommen werden. Nach manchem Hin und Her, namentlich ob sie dann bei uns wohnen wollte, einigten wir uns unter Zustimmung meiner Frau dahin, daß meine Mutter, solange sie lebte, jährlich 100 Taler von mir erhielt. Da sie außerdem noch 600 Taler besaß und ich ihr 1000 Taler zur freien Verfügung stellte, so meinte ich hinreichend für sie gesorgt zu haben. So konnte wir denn im Jahre 1878 in unser elterliches Haus zu unserer größten Freude einziehen. Freilich mußten wir, da lange Jahre nichts dazu geschehen war, große Summen für die bauliche Verbesserung des Hauses, Dielung, Ausbessern des Daches, ausgeben, sodaß unser beim Hausverkauf verdientes Kapital bald zusammenschwand. Doch der gute Fortgang unseres Geschäftes, daß sich immer mehr erweiterte, brachte uns über die größten Sorgen hinweg. Denn, da die Bauart des Hauses die Einrichtung eines kleinen Ladens gestattete, und da die Benutzung der Nähmaschine, deren Bedienung meiner Frau oblag, schnelleres Arbeiten zuließ, auch die heranwachsenden Kinder mit herangezogen werden konnten, so hatte ich, meine zehn Gesellen hinzugerechnet, bald einen kleinen Arbeiterstaat organisiert, in dem jeder seine eigene Beschäftigung hatte und wußte, worin seine Aufgabe bestand. Ich selbst besorgte neben der Leitung des Ganzen nur noch den Zuschnitt und kleinere Reparaturen und war mit meiner Frau bestrebt, den Besuch der Wochen- und Jahrmärkte mehr und mehr auszunutzen. In unserer Stadt gab es auch damals schon zwei Wochenmärkte, die 6 bis 8 Schuhmachermeister mit ihren Waren beschickten. Trotz der mannigfachen Unannehmlichkeiten, die mit einer derartigen Verkaufsart zusammenhingen, konnten wir sie doch nicht gut entbehren. Diese Märkte zogen das Publikum heran und so wurde unser Ladengeschäft unterstützt. Weil damals schon ein immerwährender Wechsel in der Mode sich bemerkbar machte, so war das rasche Aufräumen der vorhandenen Vorräte auf diese Art erleichtert. Konnte ich bei diesem Geschäftsbetriebe hin und wieer einen Tag freimachen, so benutzte ich ihn zur Reise nach Berlin, um dann nach dem Beispiel meiner Mutter einige Dutzend gekaufter Schuhwaren an den Mann zu bringen. Bis gegen 10 Mark brachte ich dafür immer nach Hause.

Die Arbeitsbedingungen in meinem Gewerbe ändern sich

In dieser Zeit stand ich auf der Höhe meines Gewerbes, das seit 1866 sich fortschreitend entwickelt hatte. Von nun an aber machte sich auch bei uns der Einfluß des Großbetriebes bemerkbar, weil die ausgedehntere Anwendung der Maschinen die Handarbeit mehr und mehr ausschaltete und dadurch die Macht des Handwerks brach. Dazu kam das Streben der Gesellen nach Erhöhung der Löhne und der sich daraus entwickelnde Streit vernichtete das patriarchalische Zusammenleben und den so segensreichen Verkehr an einem Tische und unter einem Dache. Auch wechselten nun die Gesellen viel zu häufig, als daß sich das alte warme gegenseitige Verhältnis hätte festhalten lassen.
Meine Werkstatt freilich wurde von diesem Umschwunge nicht wesentlich beeinflußt. Stellte ich einen neuen Arbeiter ein, so überzeugte ich mich sofort von seiner Leistungsfähigkeit. War das Ergebnis dieser Prüfung günstig, so vereinbarte ich mit ihm den Lohn und machte ihn mit der Werkstattordnung bekannt. Besonders der Zeitlage entsprechend mit den von mir eingeführten drei Arten der Kündigung. Er konnte gehen, wenn er das einmal übernommene Arbeitsstück fertig gestellt hatte, oder falls es ihm beliebe mit 8 oder 14 tätiger Kündigung. Bei diesem Freistellen in ihr eigenes Belieben bin ich mit meinen Leuten immer zu beiderseitiger Zufriedenheit fertig geworden.
Neben den zehn Gehilfen daheim beschäftigte ich lange Jahre hindurch zwei Meister, die es zu keiner hinreichenden selbständigen Kundschaft gebracht hatten in ihren Wohnungen. So, daß es ihnen nie an Arbeit gefehlt hat, war doch der eine mein Lehrgeselle gewesen und mit dem anderen hatte ich die schweren Lehrlingszeiten zusammen durchgemacht. Diese beiden Männer, die für einen wöchentlichen Lohn von 9 bis 10 Mark täglich 12 bis 14 Stunden auf ihrem Schemel sitzend rastlos hämmerten und klopften, waren auch Veteranen, Kämpfer auf dem weiten Ringplatz der Arbeit. Bei aller Not doch mit ihrem Geschick zufrieden. Denn sie verstanden es, auch mit dem Wenigen auszukommen. Weib und Kind zu versorgen, ohne das etwas von Leid und Not in Wirtschaft und Kleidung zu merken war. Wie haben sich doch in dieser Beziehung die Zeiten geändert. Würde doch kein Zögling unserer Tage, der nur für sich selbst zu sorgen hätte, mit solchen Einkommen zu finden sein, alle würden sie über Hungerlöhne sich beklagen. Freilich Zigaretten rauchten die alten Meister nicht und dem Fahrradsport huldigten sie auch nicht. Sie wußten kaum, wie es in einer Kneipe eigentlich aussieht und doch lebten sie glücklich im Kreise der Ihrigen.
Wenn wir auch in unseren pekuniären Verhältnissen durch Fleiß, Emsigkeit und scharfes Zusammenhalten etwas vorwärts gekommen waren, so bedrückte mich doch, zumal uns 1876 noch ein Töchterchen als fünftes Kind geboren war, die bange Sorge, wie es bei zunehmenden Alter werden sollte. An Alters- und Invalidenversorgung mit Unterstützung des Staates wie wir uns heute in dieser Beziehung gesichert fühlen, dachte man damals noch nicht. Selbst mußte der einzelne für seine Zukunft sorgen. Doch bei dem Troste, daß es uns jetzt immer besser ging als in früheren Zeiten, verjagte ich immer noch solche Schreckgespenster. Wenn ich auch Jahr für Jahr eine Arbeitskraft weniger brauchte, infolge der schädigenden Einwirkungen, die mehr und mehr von der mechanischen Fabrikation ausgingen. Hatten wir früher Berlin mit Schuhen versorgt, so kamen jetzt die Herren Reisenden der großen Berliner Fabriken und boten bei niedrigen Preisen ihre geschmackvollen Erzeugnisse bei uns an. Die solide Handarbeit wurde mehr und mehr zurück gedrängt.
Natürlich wirkte auch diese Entwicklung auf den Hausiererhandel meiner Mutter ein, die immer noch bei ihren 72 Jahren, mit dem Korb auf dem Rücken in Berlin von Laden zu Laden ging, um durch Absatz eines Wenigen etwas heraus zuschlagen. Da sie jedoch schließlich die Reisekosten nicht mehr deckte, gab sie den mühseligen Handel au. Zog zu meiner in Berlin an einen Bahnassistenten verheirateten Schwester, die sie für jährlich 300 Taler in Wohnung und Verpflegung nahm. Doch weil sie sich nicht in fremde Verhältnisse schicken mochte und die Abhängigkeit in Führung des Haushaltes zu drückend empfand, gab sie dieses Verhältnis nach 3 Jahren wieder auf und kehrte nach Wittenberg zurück. Wo sie sich ihrer schon lange ersehnten Freiheit wieder erfreuen konnte. Standen wir doch auch bei nunmehr häufiger eintretenden Unpäßlichkeiten immer hilfreich zur Seite.

Meine Kinder verlassen das Elternhaus

Da unsere Mädchen bei wachsendem Alter etwas lernen mußten, um sich selbständig durchs Leben zu bringen, so übten sie sich im Plätten, Weißnähen und Schneidern. Nachdem es die Älteste hierin zu einiger Gewandtheit gebracht hatte, räumte sie der Zweiten den Platz und vermietet sich, um auch die Aufgaben des dienenden Standes kennen zu lernen, als Jungfer auf ein Rittergut. So fand sie eine für unsere Verhältnisse vielseitige Ausbildung, um, wenn die rechte Zeit und der rechte Mann gekommen, die Pflichten der Hausfrau zu erfüllen.
Gern hätte ich noch bei meinen 50 Jahren die Ausübung meines Handwerks durch Benutzung der Maschinen vervollkommnet, da ich sonst den Niedergang vor Augen sah. Doch war mein Sohn, der 1886 mit tüchtigen Kenntnissen die Schule verließ, für das Schuhmacherhandwerk nicht zu bestimmen. Er wollte Lohgerber werden. als ich ihm das mit dem Hinweis ausgeredet, er könne beim Fehlen der erforderlichen Mittel in diesem Gewerbe niemals daran denken, als Meister selbständig zu werden, entschloß er sich zur Bäckerei, womit ich auch einverstanden war. Nun fehlte mir der Antrieb für die Erweiterung meines Geschäftes. Wozu sollte ich mich und die Meinigen neuer Unruhe und Sorge aussetzen? Wenn ich doch auf einen Nachfolger, für den ich mich mühte, nicht rechnen konnte. Daher entschloß ich mich, zu verzichten und mein Geschäft bei seinem unvermeidlichen Niedergang so gut zu verwerten, wie es die Zeiten gestatteten. Da ich aber bei meinem regen Wesen doch nicht stille sitzen konnte, so fing ich an, die durch die Verhältnisse mir gewordene Zeit mehr dem öffentlichen Leben zu widmen. Der Besuch von Versammlungen und lehrreichen Vorträgen weckten in mir das Nachdenken über öffentliche Fragen und allgemein wirtschaftliche Verhältnisse. So wurde ich dann im Konsumverein bald zum Mitgliede des Aufsichtsrates gewählt und gewann in dieser Tätigkeit schnell einen tieferen Einblick in das Wesen dieser so segensreich wirkenden Vereinigung.
Den selben Entwicklungsgang, wie wir Alten ihn durch gemacht, sehen wir nun auch bei unseren Kindern sich gestalten. Wenn es damit auch der ernsten Zeit entsprechend schneller ging, als bei uns dereinst. Im Jahr 1887 heiratete meine zweite Tochter einen jungen Kaufmann, der trotz geringer Mittel dank seiner Unternehmerlust und Rührigkeit rasch vorwärts kam. Es gelang ihm auf einem größeren Dorfe ein Materialgeschäft rasch zur Blüte zu bringen und auch in der Nähe eine Filiale anzulegen. Da ihm die gleichzeitige Leitung beider Geschäfte zu viel wurde, so verkaufte er die gutgehende Filiale an den Mann meiner älteren Tochter, der ursprünglich Schuhmacher, dann Heizer auf einem Dampfer sich in der weiten Welt umgesehen hatte und unter den anregenden Einwirkungen des betriebsamen Kaufmanns zu einem ganz erfolgreichen Geschäftsmann geworden ist. Ganz besondere Mächte müssen es sein, die auf uns Menschen einwirken und unser Schicksal leiten auf Wegen, die wir uns bisher gar nicht vermutet haben. Aber auch die großen Naturmächte treten dem einzelnen oft plötzlich entgegen mit ihrer zerstörenden Gewalt und stürzen ihn plötzlich in die größte Bedrängnis hinab aus dem einschläfernden Gefühle der Sicherheit, in das uns der sonst regelmäßige Verlauf der Dinge oft einwiegt. Aber die schimmernde Allgewalt eines barmherzigen Gottes im Himmel wird uns gerade in solchen Stunden, da wir in Angst und Sorge verzweifeln möchten, recht eindrucksvoll und unmittelbar gegenwärtig.

Eine Überschwemmung bringt die Familie meiner Tochter in Schwierigkeit

Im September 1890 ging ich an einem hellen Herbstsonntage mit Bekannten hinaus, das Steigen der Elbe zu Beobachten, auf das wir von der Wittenberger Zeitung aufmerksam gemacht wurden. Dabei beruhigte mich ein Bekannter, als ich ihm meine aufsteigende Sorge wegen der Gefahr mitteilte, die meiner zweiten Tochter und ihrer Familie, die eine Stunde von der Elbe entfernt wohnte, möglicher Weise drohen konnte. Da ich bei meiner Heimkehr unsere dritte Tochter, die bei ihrer Schwester zur Taufe gewesen war, wohlbehalten antraf und sie auch nichts von Wassernot wußte, war ich vollständig beruhigt. Zumal mich die Vorbereitungen zum Montagsmarkt auf andere Gedanken brachte.
Da, am Montagmorgen, kommt unser Nachbar ans Fenster und berichtet von der großen Überschwemmung, in der das Haus meines Schwiegersohnes eingestürzt, meine Tochter mit ihrem Kinde ertrunken sei. Von dem Verbleib ihres Mannes wisse man nichts. In furchtbarer Aufregung stürzte ich nach dem Bahnhof, aber wegen Unterbrechung aller Verbindung war an Depeschieren nicht zu denken. Endlich nach langem, sorgenvollen Warten kommt die Nachricht, Haus eingestürzt, über das Schicksal der Familie nichts zu erfahren. Nach einer qualvollen schlaflosen Nacht setzten wir uns auf die Bahn, um der Unglücksstelle so nah wie irgend möglich zu kommen. Am Endpunkt der Bahn angekommen, haben wir eine endlose Wasserwüste vor uns. Auf einem Kahne fahren wir vorbei an Bäumen, an deren Kronen Kürbisse und allerlei Gartenpflanzen trieben. Vorbei an einem Chausseehause, durch dessen oberster Fensterflügel die Wogen rauschten. Ein schauriger Anblick. Dazu die schaurigen Gedanken im Herzen. Nach halbstündiger Fahrt hatten wir festen Fuß auf schlammigem Boden, in dem wir bei jedem Schritte bis ans Knie versanken. Da kam die erlösende Nachricht, wohl sei das Haus eingestürzt, doch unsere Kinder gerettet. Hätten Unterkommen in einem Dachstübchen gefunden. Dieses Wiedersehen! Tränendes Auges schlossen wir uns in die Arme. Bei allem Unglück Gott dankend, daß er alles so gnädig gefügt. Wie wäre doch alles so plötzlich gekommen! Wenn ich vorher sagte, unsere dritte Tochter sei sonntags früh wohlgemut abgereist mit der Erinnerung an ein fröhliches Tauffest, ohne Ahnung, daß kaum 4 Stunden später die gastlichen Räume in eine Ruine verwandelt sein würden. Die Nachricht von den Dammbrüchen war durch reitende Boten den unterwärts liegenden Dörfern mitgeteilt. Einen solchen Boten hatte unsere Tochter vom Küchenfenster aus auf schaumbedeckten Rosse dem Dorf zusprengen sehen. Sie hatte jedoch keine Ahnung von seinem Zweck und legte natürlich der Sache keine weitere Bedeutung bei.
Nach dieser Warnung durch den Boten füllten sich bald die Bäche und Teiche mit Wasser. Die Leute eilten zu dem Geschäfte meines Schwiegersohnes, um sich für alle Fälle zu verproviantieren. So stand der Laden voll von Leuten und mein Schwiegersohn hatte keine Möglichkeit, sich den Zustand der Dinge draußen klar zu machen. Inzwischen stieg das Wasser in der Straße höher und höher. Mit rasender Schnelligkeit stürmten die Fluten unheimlich brausend heran, drückten die Kellerfenster ein und ergossen sich zerstörend in die unteren Räume. Da war es meinem Schwiegersohn in dem Wirrwarr, der nun entstand, als ob sich die Ladendecke bewegte. Mit dem Aufschrei „Das Haus stürzt ein!“ eilte er, alle mit sich fortreißend, wie er ging und stand, aus der Tür ins Freie, hinein in die tobenden Fluten. Kurz darauf senkte sich dann auch die Vorderwand und der ganze Giebel des Hauses. Die ganze Masse stürzte mit krachen in sich zusammen. Erbarmungslos rauschten die trüben Wasser über Waren und Hausgerät. Balken und Sparren streckten sich in wildem Durcheinander wie flehend zum Himmel empor. Nachdem sich die Menge einigermaßen von dem Schreck erholt, fischten sie das Wenige, was an Wirtschaftsgegenständen und Waren zu erlangen war, heraus. Da alle Leute in gleicher Not mit sich selbst zu tun hatten, konnte die Beute bei dem Mangel jeder Hilfe nicht groß sein.
Da die Wasser noch immer mehr stiegen, so blieb allein der Windmühlen – Lug das Ziel, wohin sich alles flüchtete. Hier entstand dann auch bald ein förmliches Feldlager, wo die so plötzlich aus ihrem Heim verjagten Leute das bißchen, was sie an Gerät und Vieh mit Aufbieten aller Kräfte gerettet, in langen Tagen und schwierigen Nächten hüten mußten. Als ich mit meiner Frau eintraf, mußten wir noch die ganze Dorfstraße lang durch tiefes Wasser hindurchwaten.
Zu unserem tiefsten Leidwesen, das ergab sich sofort aufs klarste, war hier ein blühendes Geschäft zu Grunde gegangen. Wie sollte dieser Schaden wieder gut gemacht werden? wohl ging ein herzergreifender Ausruf, Hilfe für die Bedrängten durch alle Zeitungen. Reiche Gaben flossen in den Händen des Hilfskomitees zusammen. Aber mir will es scheinen, als ob bei solchen Katastrophen der sogenannte Mittelstand immer am mangelhaftesten bedacht wurde. So wurden auch hier die größeren Besitzer, die ja auch an Feld und Vieh den schwersten Verlust erlitten hatten, am reichlichsten entschädigt. Den Tagelöhnern schaffte man neues Mobiliar und Kleidung, sicher in besserem Zustande, als sie es je besessen hatten. Aber wie konnte dem Geschäftsmann, wie es mein Schwiegersohn war, eine Spende von 00 Taler aushelfen? Damit konnte er bei vollständigem Verluste aller Mittel den Konkurs nicht abwehren. Daher entschloß er sich nach vergeblichem Versuche, eine neue Lebensstellung rasch zu gewinnen, unter meiner Beihilfe einen Vergleich mit seinen Gläubigern herbeizuführen, der denn auch noch reichlich genug auf 40 Prozent zustande kam.
Wo wir mit Rat und Tat zur Hand gehen konnten, traten wir mit ein. Namentlich opferwillig war meine Frau, die so ihrerseits einmal wieder bewiesen hat, wie ungerecht oft das Urteil der Welt über die sogenannte Stiefmutter ist. So wurde denn das durch die Macht der Elemente so plötzlich, so grausam zerstörte Geschäft wirklich wieder eröffnet, es ging auch zunächst ganz leidlich, da die Lieferanten ein Einsehen hatten und Kredit gewährten. Doch soviel konnte so rasch nicht verdient werden, um allen Gläubigern sofort und pünktlich gerecht zu werden. Als erst eine Exekutive erfolgt war, kamen andere schnell nach, das Vertrauen ging verloren. Nach kaum drei Jahren standen wir trotz aller Sorgen und Mühen auf dem alten Flecke, alles war verloren. Dazu war inzwischen die Kinderschar auf fünf Köpfe gewachsen. Welch ein Anblick für uns Eltern, alle Mühen vergeblich und nun es mit ansehen müssen, wie ein so glückliches Familienleben, ein so friedliches Dasein ohne eigenes Verschulden in Jammer und trostloses Elend gewandelt war.
Bei solchen Schicksalsschlägen regt sich wohl im Herzen de Gedanke, ob es denn wirklich nicht möglich sein sollte, bei unserer Kultur, mit den Mitteln einer großartig entwickelten Technik solchen Katastrophen von Staats wegen vorzubeugen, daß nicht große Teile unseres Volkes Jahr für Jahr vor solcher Not stehen, ohne wie in Zeiten der Unkultur und Wehrlosigkeit gegenüber den Naturmächten einen Finger zur Abwehr rühren zu können.
Man berechne die Unsummen, die an Kapital und sonstigen Besitz mit hinweg schwimmen, dazu die Todesangst und Gefahr für Mensch und Vieh. Glücklich sind wir, wenn die verderblichen Wassermassen vorüberrollen ins Meer, während wir sie dann wieder in den Zeiten der Trocknis so schön verwerten können. Beschämend ist es dazu für uns, daß es ja doch nur kleine Wasseradern sind, deren ungezügeltes Ungestüm das Unheil anrichtet. Könnte bei solchen Verhältnissen nicht einmal Ernst gemacht werden mit unseren Dreibundbeziehungen zu Österreich, so daß die Zuflüsse der Oder, wie hat die wieder im Jahre 1903 gewütet, und der Elbe schon im Gebirge durch Talsperren abgefangen oder sonst unschädlich gemacht würden? Das ist doch wohl eine Kulturaufgabe, des Schweißes der Edlen wert und wichtiger als manches andere, wofür große Mittel aufgebracht werden. Was die alten Ägypter, die Babylonier ganz anderen Wassermassen gegenüber geleistet haben, was die Holländer mit den Fluten des Rheins fertigbringen, sie so zu leiten, daß kein Tropfen anders fließt, als er soll, das, sollte man meinen. Da müßte, zumal mit den heutigen Mitteln und Kanalrissen die deutsche Reichsregierung auch fertig bringen, daß wir endlich von der Not erlöst würden und nicht Hunderttausende von Bürgern unseres Volkes Jahr für Jahr vor den Trümmern ihrer Habe stehen und dem Elend preisgegeben sind, um besten Falles immer von vorn anzufangen und sich abzumühen, bis es den Elementen gefällt, neues Unheil über die Armen zu verhängen.
So hatte es uns damals doch recht schwer getroffen. Doch was nützt das Jammern! Das Glück auf seiner schwankenden Kugel kommt dem Menschen so plötzlich, wie es vorübergeht. Doch auch das Schlimme in unserem mühseligen Dasein muß auch sein Ende einmal haben. Dank meinen unausgesetzten Bemühungen gelang es meinem Schwiegersohn eine Stelle als Reisender zu finden, doch ohne festes Gehalt. Sodaß er nur auf bestimmte Prozente an den von ihm verkauften Waren, auf Provision, angewiesen war, eine schwere Aufgabe, so vom Zufall abhängig, für 7 Köpfe Brot zu schaffen. Denn da die Kinder bei ihrer Jugend noch viel Pflege verlangten, mußte meine Tochter all ihre Kraft auf die Ordnung des Haushalts verwenden und konnte ihrem Mann nicht, wie sie wohl gemocht hätte, helfend und miterwerbend zur Seite treten. Auch meine Mittel waren durch Beschaffen der Ausstattungen und durch all die Leistungen der letzten Zeit erschöpft. Dazu mußte ich doch auch an die berechtigten Ansprüche der anderen Kinder denken und auf mein eigenes Alter Bedacht nehmen, zumal ich einsah, daß mein Geschäft erhöhte Erträge nicht mehr abwerfen konnte.
Bald konnte mein Schwiegersohn denn auch aus eigenen Kräften für die Seinen, die auf 7 angewachsen waren, davon 6 Jungens, wieder sorgen, denn sein Fleiß, seine Zuverlässigkeit, die von einer anderen Firma beobachtet waren, hatten ihm deren Anerkennung erworben. Sie gab ihm eine feste Anstellung mit auskömmlichem Gehalt. So waren denn nach so langen Kämpfen auch diese Sorgen wieder behoben. Nur die Erinnerung daran, was sie uns für Ängste dereinst bereitet, frischen von Zeit zu Zeit die 6 pausbäckigen Jungens wieder auf, wenn sie zu den Ferien ihren fröhlichen Einzug bei den Großeltern halten.
Besonders gern nehmen wir die Söhne meiner Schwester aus Berlin auf, denen als Großstädter das einfache Leben hier und die Bewegung im Freien ein wahres Labsal war. Bei meiner Freude an langen Wanderungen, die mir von alten Zeiten frisch geblieben war, gingen wir morgens in der Frühe los, um erst am Nachmittage heimzukehren. Da die Botanisiertrommeln bald geleert waren, so wurde am Mittag in einer Bauernwirtschaft am Wege eingekehrt. Nachdem hier mehrere Satten Milch uns erquickt, war es dann daheim eine wahre Freude, die verwöhnten Herrchen auf die Erbsen und Bohnen losstürmen zu sehen, die ihnen meine Frau als bescheidenes Mahl der Provinz vorsetzte. Wenn sie mit Weib und Kinder zu Besuch kommen, so verlangen sie heute noch in lebhafter Erinnerung jener schönen Zeit dieselben Gerichte und widmen sich ihnen mit gleichem Appetit. So standen wir immer und stehen wir noch heute „Gott sei Dank!“ mit allen Verwandten in freundlichem Verkehr.

Mein Sohn arbeitet als Bäcker in Berlin
Oft hat denn auch mein Sohn, der jetzt in Berlin als Bäckergeselle sein Brot fand, bei vorkommender Arbeitslosigkeit das gastliche Haus meines Schwagers aufgesucht und bei ihm schützendes Obdach gefunden. Da er im Jahre 1892, wie es wohl so vorkommt, längere Zeit nicht geschrieben hatte, kam mir der Gedanke, einmal selbst nach ihm zu sehen und zu hören, wie es ihm ginge. Eine große Cervelatwurst sollte ihm die Annehmlichkeiten meines Besuches erhöhen. Diese Cervelatwurst, in welche Verlegenheiten und Umstände hat sie mich gebracht! Harmlos dampfte ich abends 7 Uhr mit ihr nach Berlin ab. Da ich mir das Haus in der Straußberger Straße, wo mein Sohn in Arbeit stand, schon früher genau gemerkt hatte und meine Zeit auch sehr beschränkt war, so gedachte ich ihn noch an demselben Abend, es war inzwischen 11 Uhr geworden, aufzusuchen. Aber ich mußte lange vergebens am Fenster der Backstube klopfen. Endlich öffnete sich im ersten Stock ein Fenster. Auf die Frage des Bäckermeisters, als solchen erkannte ich den Mann, was ich wünsche, bat ich ihn meinem Sohne Johannes die Wurst zu geben. Ich sei sein Vater und würde morgen früh wieder vorsprechen.
Als ich dann am anderen Morgen kam, war natürlich nach freundlicher Begrüßung meine erste Frage nach der Güte der Wurst. Doch zu meinem größten Erstaunen wußte weder mein Sohn noch der Meister etwas von der Wurst. Es mußte also doch wohl ein Irrtum meinerseits vorliegen. Vergebens fragte ich im Nebenhause nach. Ich mußte mich in der Straße geirrt haben. Und richtig, in einer Parallelstraße fand sich in ganz derselben Lage, einen Brunnen gleichfalls vor der Tür, eine Bäckerei. Deren Meister auf meine Frage erklärt, er habe die betreffende Wurst an Johannes zitiert, ist natürlich nicht mein Sohn, bekommt aber auch oft ähnlichen Besuch von seinem Vater aus Dahme. Natürlich kann ich aber einen Stummel von meiner also geopferten Wurst zurück erhalten. Meinen Johannes unter diesem Geschicke nun doch nicht so schuldlos leiden zu lassen, steckte ich den kläglichen Rest oberflächlich eingewickelt in meine Überziehertasche und betrete einen mit Kindern dicht angefüllten Fleischerladen, um einen Ersatz für das Verlorene zu erstehen. Nach längerem Warten, wobei ich mich nach dem Gegenstande meiner Wünsche suchend etwas im Laden umgetan hatte, wurde mir zu meinem Erstaunen bedeutet, noch etwas zu warten, während doch andere Leute, die erst nach mir eingetreten waren, abgefertigt wurden. Da brach das böse Geschick in Gestalt eines Schutzmanns über mich Ahnungslosen herein.
Ich hätte hier eine Wurst gestohlen, hieß es, und hätte sie noch in der Tasche. Kein Protest, keine Widerrede half, das Corpus delicti, ein augenscheinlicher Sagenbeweis, fand sich ja auch vor. Auf der Revierwache wurde ein Protokoll aufgenommen, da ich keine Legitimationspapiere bei mir hatte und meine Erzählung wie ich zu dem verdächtigen Wurstzipfel gekommen, als zu abenteuerlich abgelehnt wurde. So mußten die telegraphisch herbeigerufenen Verwandten für meine Unschuld eintreten. Nach zweistündigem Warten konnte ich dann endlich unter herzhaftem Lachen der Beamten meinen Sohn mit der sauer verdienten Schlackwurst beglücken. Nachdem ich daheim meiner Frau von diesem Mißgeschick erzählt habe, ließ sie mich nur mit großen Bedenken verreisen und mahnte jedesmal, unter Hinweis auf die Wurstgeschicke, ausreichende Legitimationspapiere mitzunehmen.

Meine Kinder gründen ihren eigenen Haushalt

Die nächsten Jahre verflossen uns in Ruhe und Gemütlichkeit im Kreise der Familie. Wenn auch mein Geschäft infolge der allgemein ungünstigen Lage des Handwerks mehr und mehr zurückging, so hatte ich doch immer reichlich zu tun mit der Verwaltung einiger kleiner Ehrenämter, die ich übernommen hatte.
Recht erfreut war ich, als mir mein Sohn, der Berliner Bäcker, mitteilte, er müsse Soldat werden. Denn nun bekam ich ihn ja endlich aus dem mir in mancher Beziehung unliebsamen Berlin heraus. Den Wanderstab, wie ich dereinst, in die Hand zu nehmen und sich die Welt zu besehen, dazu hatte ich ihn nie bewegen können. Darum gab ich den für notwendig befundenen Zuschuß von 9 Mark für den Monat recht gern. Ja, nach einem Jahr schon hatte er den Zuschuß nicht mehr nötig, weil er zur Garnisionsbäckerei abkommandiert wurde, wo er sein reichliches Auskommen hatte, wie er selbst schrieb. Also verdorben war er mir nicht in dem bösen Berlin! Aber verdächtig blieb mir die große Stadt doch. Als er daher nach Ableistung seiner Dienstzeit wieder dorthin zurück kehrte, fand ich bei stetem Nachsinnen endlich einen Weg, ihn dauern von dort weg zu bringen, wie wohl er als Werkführer sein gutes Auskommen hatte. Aber für die Zukunft fehlte es ja an jeder Aussicht, daß er einmal selbständig werden könnte, was doch für das bürgerliche Leben immer das wichtigste Ziel ist. In einer sich neuausbauenden Gegend unserer Stadt machte ich ein Haus ausfindig, daß zur Anlegung einer Bäckerei auch meinem Sohn geeignet erschien. Er ging auf meinen Vorschlag ein. Unter meiner Bürgschaft wurde der Vertrag mit dem Eigentümer auf fünf Jahre abgeschlossen. Die Bäckerei wurde eröffnet und eine meiner beiden sich noch zu Hause befindenden Töchter führte dem jungen Anfänger die Wirtschaft. Aber lange dauerte das nicht, denn als sich diese Tochter mit dem Kapitän eines Dampfers verlobt hatte, wurde sie des Wirtschaftens in der Bäckerei satt und mein Sohn mußte sich nach einer Frau umsehen. Da er sie dann in einem trefflichen Mädchen fand, das sich wegen seines sauberen und freundlichen Wesens zur Bäckersfrau eignete, so hatten wir im Herbst die Freude, zwei Hochzeiten in einem Jahr zu feiern, denn der Kapitän wollte auch nicht länger warten.
Es schien, als sollte es mein Beruf werden, neue, junge Hausstände ins Leben zu rufen. Denn, da sich meine andere Tochter aus zweiter Ehe mit einem jungen Unteroffizier verlobt hatte, der hier beim Regiment nicht mehr bleiben konnte, weil sein Hauptmann ihn nicht mehr haben wollte, so hatte ich auch den noch in eine sichere Lebensstellung einzuführen, damit er meine Tochter, die nicht von ihm lassen wollte, glücklich mache.
Da mein ältester Schwiegersohn in seinem Geschäft sehr wohl Hilfe brauchen konnte und auf meinen darauf bezüglichen Vorschlag einging, so trat der Unteroffizier zu einer kurzen Lehrzeit bei ihm ein, um dann, wenn er sich eingearbeitet hätte, auf einem benachbarten Dorfe ebenfalls ein solches Geschäft zu eröffnen. Da mein Schwiegersohn über sein Fähigkeiten und sein Verhalten nur gute Auskunft geben konnte, so gingen wir auf die Suche nach einem Hause. Eines Tages hatten wir schon vier Dörfer durchzogen und trotz eifrigen Suchens nichts passendes gefunden, da schon am späten Abend trafen wir auf ein Haus, daß für unseren Plan geeignet erschien. Da der Besitzer auch zum Verkauf geneigt war, so kam es, wenn auch nach langen Verhandlungen, endlich zum Abschluß. Die Landleute sind nämlich immer schwer bei solchen Geldfragen zur Entscheidung zu bringen. Wenn man denkt, man hat sich mit ihnen auf eine bestimmte Summe geeinigt, dann haben sie wieder allerlei Einwendungen und Bedingungen, so daß die ganze Verhandlung wieder von vorne anfangen muß. Aber endlich kamen wir doch zu einer Einigung. Und nun ging’s mit allem Eifer an den Umbau des Gebäudes und die Beschaffung alles dessen, was zu der ersten Einrichtung erforderlich ist. Nachdem der junge Mann im Juli eine militärische Dienstleistung durchgemacht, sollte er am 01.August das Geschäft eröffnen und vier Wochen später wurde die Hochzeit festgelegt. So war alles gut und schön!
Als der junge Mann nach der Militärübung zu uns zurück kehrte, wunderte ich mich, daß er an dem Ort seiner demnächstigen Wirksamkeit vorbei gefahren war, obgleich der Zug dort hielt. Darum ging ich mit ihm, das Versäumte nachzuholen, am Nachmittag hinaus, zeigte ihm alles, wovon er recht befriedigt war und stellte ihn auch mir bekannten Einwohnern des Dorfes als den zukünftigen Kaufmann vor, der sie mit allem auf das Beste versorgen würde. Er kam mir aber bei dem allem so wortkarg, so gedrückt vor. Bald sollte die Aufklärung folgen. Bei unserer Heimkehr fand ich meine ganze Familie in der größten Aufregung vor, meine Frau und die junge Braut in strömenden Tränen, kaum das sie ein Wort heraus bringen konnten.
Auf meine Frage, was denn vorgefallen sei, beschuldigte meine älteste Tochter, die Lehrmeisterin des jungen Mannes, diesen offen und frei heraus des Diebstahls. Beweise fanden sich leider genug unter seinen Sachen. Bleistifte, Kämme, Gummisauger, auch Geld, lauter kleine silberne 20 Pfennig Stücke. Aus sein Geständnis erklärte ich ihm, daß unter solchen Umständen an eine Verbindung mit meiner Tochter nicht zu denken sei. Er möge sich bitte bessern, dann könne er vielleicht ein anderes Mädchen noch glücklich machen. Aber wir seien geschiedene Leute. Nie haben wir ihn wieder gesehen, auch nichts von ihm erfahren.
Meine Tochter wollte sich anfänglich über ihren Verlust nicht trösten, aber die Zeit heilte auch diese Wunde. Sie verheiratete sich einige Jahre später mit einem Sergeanten der 20er, der dann bei der Steuerbehörde als Zollbeamter an der holländischen Grenze angestellt wurde, wo sie heute noch leben.

1923, ein trauriges Jahr für uns

Da nun alle unsere Kinder versorgt waren, glaubten wir, unsere Tage in Ruhe und Frieden beschließen zu können. Wir gaben unser Geschäft gänzlich auf und vertauschten unser Haus in der Neustraße gegen ein solches in der Halleschen Straße. Hier lebten wir nun glücklich und sorgenlos. Doch der böse Krieg sollte auch uns bittere Wermutstropfen bringen. Die Geldentwertung griff um sich, eine Hypothek nach der anderen wurde mir, in Papiergeld, zurück gezahlt, was mir immerhin als Wohltat empfanden, denn Geld wurde jeden Tag gebraucht. Erhielten wir nun eine solche, angenommen, von 10000 Mark, so konnten wir diese Summe nicht sogleich verausgaben und mußten für späteren Bedarf 5000 Mark zurück behalten. Aber, oh weh, innerhalb acht Tagen hatte sich der Geldwert so verändert, daß man für dieses Geld nicht mehr einen Heller Semmel kaufen konnte. Man konnte in dieser Zeit die Kinder oftmals mit Tausendmarkscheinen spielen sehen.
Im Verhältnis dieser Geldentwertung stiegen die Preise für alle Lebensbedürfnisse. Was konnten wir mit unserem so sauer ersparten Vermögen von 30000 Mark kaufen? An Kleidung oder sonstigen Bedarf konnte nicht gedacht werden. ein zu entbehrendes Wirtschaftsstück nach dem anderen mußte versilbert oder richtiger mit Papiergeld vertauscht werden, nur um den Magen zu befriedigen. Ein Gärtchen, das wir erpachtet hatten, war unsere Rettung. Etwas Gemüse für unseren Bedarf ernteten wir. Auch Stachel- und Johannesbeeren konnte wir verkaufen. Oft habe ich gesagt „Wenn du ein kleines Gärtchen hast, so danke Gott und sei zu frieden, nicht jedem auf dem Erdenrund ist dieses hohe Glück beschieden!“. Ich, wie auch meine Frau waren gewöhnt, Entbehrungen zu ertragen. Wir litten keine Not. Eine andere Not bedrückte meine Frau. Sodaß ich oft Schwermut bei ihr bemerken konnte. Der Grund war folgender. Ich war über 85 Jahr, sie hingegen 70. An einen Verdienst konnte bei diesem Alter nicht mehr gedacht werden. Die Entwertung des Geldes ging aber immer weiter. Man konnte nur noch nach Millionenwerten rechnen. Wenn meine Frau z.B. hörte, daß ein Sarg mehrere Milliarden kostete, so erfüllte sie dieses Grauen. Ihre Gedanken waren, wie sollst du das bestreiten können, wenn dieser Fall eintritt, was doch zu erwarten war. Mein Zureden, Hoffnung zu haben, nahm sie in stiller Ergebenheit an. Aber auch die Umgestaltung sämtlicher Lebensverhältnisse bedrückten sie schwer. Auch für mich war dieser Zustand ein recht bedenklicher.
Das Jahr 1923 brachte uns eine neue Bedrückung durch das neue Mietgesetz. Wir hatten altershalber unser Haus verkauft, um uns von mancherlei Lasten, die auf dem Besitz damals lagen, zu befreien. Ich hatte vorsichtshalber, um beständig im Grundstück eine Wohnung zu haben, im Garten einen Seitenflügel erbaut mit einer kleineren Wohnung, als ich bisher hatte. Mit dem Käufer des Hauses machte ich einen Mietskontrakt, wonach wir, so lange wir lebten, gegen Zahlung von 52 Mark vierteljährlicher Miete gesichert waren. Diese Zahlung konnte wir ganz gut leisten, denn ich hatte am Hause eine Hypothek stehen, deren Zinsen mit im Vierteljahr bei der Abrechnung mit dem Hauswirt noch einen Überschuß von 5 Mark brachte. Die immer weiter schreitende Geldentwertung brachte es mit sich, daß mir meine Hypothek in Papiergeld ohne Wert zurück gezahlt wurde. Meine Mietverbindlichkeit blieb nach dem Gesetz bestehen, es wurde dies ein besonders schwerer Kummer für meine Frau, nichts verdienen zu können und doch zu leben.
Ich habe nie den Mut verloren, im Hinblick auf die Vögel, die auch nicht säen und ernten und doch ernährt werden. Mit Tränen in den Augen habe auch ich in dieser Zeit erfahren, daß die Liebe und Barmherzigkeit noch nicht ganz im deutschen Volk erloschen ist. Denn von einigen Bürgern, die unser Leben kannten, haben wir ohne zu betteln, manche Wohltat erhalten. Auch wurde uns die Kleinrentnerfürsorge zuteil, und so war unser Leben, wenn auch kümmerlich, doch zu ertragen
Das zweite Halbjahr 1923 sollte aber für mich ein recht trauriges werden. Mein einziger Sohn starb an einem Nachleiden des Krieges, währenddem er vier Jahre Soldat war, seine Frau und vier Kinder zurück lassend. Eine Woche darauf starb meine Frau. Sie war durch die harte Zeit schwermütig geworden. Im weiteren Verlauf dieses halben Jahres starben noch zwei Schwiegersöhne, ihre Witwen mit sechs und drei Kindern zurück lassend. Alle meine Kinder hatten dazu beigetragen, die schwere Zeit meines Alters zu erleichtern. Kamen aber nun doch die Todesfälle selbst in Familiensorgen. So stand ich nun allein. 86 Jahre alt, zwar noch geistig rüstig, aber körperlich immerhin hinfällig. Ich suchte trotzdem mein Hauswesen, wie Essenkochen und sonstige Notwendigkeiten, eine Zeitlang durch zuführen. Als aber der Winter mit seiner Kälte kam, wurde mir dieses Dasein doch zur Last. Zumal meine Wohnung sich nur schwer heizen ließ. Ich erzielte höchstens 10° Wärme.
Es ist nichts Angenehmes, zu warten bis die Stube einigermaßen warm wird, daß bißchen Essen selbst zu kochen und in Einsamkeit zu vergehen. Diese Einsamkeit und Langeweile, dazu die kurzen Wintertage mit spärlichem Licht kamen wir wie eine Gefängnisstrafe vor. Ich suchte mir die Langeweile und Einsamkeit zu zerstreuen, indem ich mir ein kleines Lied zusammen reimte, daß bald mein täglicher Abendgesang wurde.

Wenn ich mich so vereinsamt seh,
die Tränen mir im Auge stehn,
wenn`s Herz mich drückt halt gar zu schwer,
dann fühl ich`s Alter um so mehr.

Doch leichter wird mir dann ums Herz,
fühl weniger den tiefen Schmerz,
wenn ich zu meinen Kindern geh,
in ihrem Aug die Mutter seh.

Ja, als die Mutter ging zur Ruh,
als ich ihr drückt die Augen zu,
da mir mein Aug so tränenreich,
wie stand ich da von Leid so bleich.

Doch der da droben kennt das Leid,
und gab zum stillen Trost mir Freud,
komm, sollst zu deinen Kindern gehn,
bei mir die Mutter wiedersehn.

So faßte ich denn zum Weihnachtsfest den Entschluß, bei meinem Schwiegersohn Unterkunft zu suchen. Doch war dies leichter gesagt als getan. Denn es gehörten zur Fahrt bis dahin sechs Billionen Mark. Ich befand mich bei meinem Schwiegersohn sehr wohl und in allem gut versorgt. Da ich aber nichts mehr leisten kann, fühlte ich mich bald wie das fünfte Rad am Wagen. Ich gedenke, diese Last auf alle meine Kinder zu verteilen, und wie ein Vogel dahin zu fliegen, wo ich Witterung und Nahrung zu finden hoffe. Um aber doch eine Stätte zu haben, wo ich sagen kann, hier bin ich zu Hause, und da es mich doch aus alter lieber Gewohnheit immer wieder nach meiner Heimat zieht, wo ich so viele gute und auch böse Zeiten durch gemacht habe, beschloß ich, mir eine Unterkunft im Kaiser Friedrich Siechenhaus zu sichern, wo ich dem Ende meiner Tage in Gottergebenheit entgegen sehe.

Erinnerungen an jüngere Jahre

Anfügen will ich noch einige Erinnerungen aus meinen jüngeren Jahre.
Politische Parteien gab es noch nicht, die Unterhaltung erstreckte sich auf gewerbliche und sonstige Vorkommnisse in der Stadt und deren nächster Umgebung. So waren die sogenannten Feierabende in den Gastwirtschaften gesellige Zusammenkünfte, wo bei zwei Talglichtern ein Schafskopf „gebrochen“ wurde. Das Skatspiel war noch nicht bekannt. Jeder Teilnehmer mußte „einen Sechser“ Lichtgeld zahlen. Wo nur ein Talglicht auf dem Tisch brannte, war das frei. Umsonst konnte jeder Gast die „Fidibusse“ benutzen. Denn Zigarrenrauchen kam erst mit der Erfindung der Streichhölzer auf. Sowie auch der Gebrauch von Feuerschwamm, eine zündende Waffe mit Reibfläche am Schwamm.
Eine nicht doch genug zu schätzende Gabe ist die Erfindung des Streichholzes gewesen. Noch viel mehr des Gases und des elektrischen Lichtes. Wieviel Mühe und Unannehmlichkeiten ist der jetzigen Menschheit erspart. Ich sah meiner Mutter des Morgens zu, wie sie Licht machte. Sie hatte ein eisernes Kästchen, etwa 15 Zentimeter lang, darin waren drei Fächer. In einem Feuerstein und Stahl, im anderen Schwefelfaden und im dritten verbrannte Leinwand als Zunder. Es mußten aus Stahl und Stein Funken geschlagen werden. Dann wurde der aufgefangene Funken aufgepustet, damit man den Schwefelfaden anzünden konnte, und dieser erst konnte die Öllampe in Brand setzen, es war eine umständliche Arbeit.
Die an den Häusern angebrachten Straßenlaternen konnten auch nur ein trübes Licht geben, da als Brennstoff nur Rüböl zur Verfügung stand, und die Lampen in einer einen Fuß hohen und ebenso breiten bauchigen Glocke aus Glas hingen, als deren Decke eine metallene Haube, deren Spitze einen eisernen Stern trug. Bis abends 10 Uhr war die Brennzeit. Das Putzen, Zubereiten und Löschen war kein leichter Dienst. Waren die Lampen gelöscht, so nahm der Nachtwächter seinen Dienst auf. „Vater Seidel“, in der einen Hand eine brennende Laterne, in der anderen eine Hellebarde, verkündete die Stunden durch Absingen des Verses:

„Hört, ihr Herren, und laßt euch sagen,
die Glocke, die hat zehn geschlagen,
und wer noch bei den Karten sitzt
und wer noch bei der Arbeit schwitzt,
dem sei`s gesagt: Nun gute Nacht!
Lobt den Herrn!“
Ein Pfiff mit der Pfeife zeigte die erste, zwei die zweite Stunde an, von 10 und nach 2 Uhr. Die Bewaffnung war wohl eher gut gegen Hunde und sonstiges als gegen Diebe, die es damals noch nicht so viel gab wie heute. Hauptsächlich hatte er auf Feuergefahr zu achten.
Es gab damals nur einen oder zwei Nachtwächter, der andere war mir unbekannt, und nur ein „Polizeidiener“ übte die polizeiliche Gewalt aus. Es war „Vater Hampe“, welcher auf dem „Drachenkopf“ einem Überbau über die Elbstraße zwischen der Apotheke und dem Lanzischen Hause, seine Wohnung hatte und wo auch das Polizeigefängnis war.
Gingen wir in der Elbstraße nur zehn Schritte weiter, so kamen wir zu dem unter dem Wall gewölbten Tor, welches aber in der Länge nicht an das Elster- oder Schloßtor heranreichte. Dann kamen wir über eine Brücke des Stadtgrabens und dann weiter, da wo heute das Bräsesche Haus steht, an, an die Torwache. Schrägüber lag das kleine Steuerhäuschen. Im weiteren Verlauf war noch ein Brettertor, welches abends verschlossen wurde und nachts der einzige Eingang zur Stadt war, da die anderen Tore nachts nicht geöffnet werden durften. Auf der jetzt bebauten Halleschen Straße lagen Palisaden einige Stockwerke hoch aufgeschichtet. Der weitere Weg führte zur Elbbrücke, die etwas weiter östlich stand, da wo noch heute das alte Brückhaus steht. Es war eine Holzbrücke. Das Geländer bildeten die hochaufstrebenden einen Fuß starken vierkantigen Säulen und sonstige Verbindungen. Etwa 50 Meter oberhalb der Brücke standen zwei mächtige Eisbrecher zum Schutze der Brücke und unterhalb derselben lag am jenseitigen Ufer die Schiffsmühle.
Einen besseren Verkehr für die Stadt brachte die Berlin –Cöthener Eisenbahn. Sie führte einige hundert Meter vom Gasthof „Goldener Stern“ in westlicher Richtung nach dem „Schweizergarten“, dessen altes Haus das Bahnhofgebäude war. Ich sah noch, wie die Personenbeförderung in offenen Wagen, nur mit einer Decke versehen, stattfand. Auf dem Tauentzienplatz stand noch eine sogenannte Holländer Mühle, welche sich dort noch befand, als ich Soldat war.
Eine nicht zu unterschätzende Hebung für das Emporkommen der Stadt war die „Große Industrieausstellung“ im Jahre 1869 mit ihren großartigen Bauten in der Rothenmarktkirche.
So kann man wohl sagen, daß Wittenberg große Fortschritte gemacht hat, so daß die Einwohner sich gegen frühere Zeiten, die wohl sehr kümmerlich gegen die jetzigen waren, in materieller Hinsicht sehr wohl fühlen können. Ob dieses Wohlbefinden auch dem zufriedenen und gemütlichen früheren Zeitalter gleichkommt, muß ich sehr bezweifeln, denn das rastlose fieberhafte Streben des Verkehrs vermag wohl leibliche Genüsse aber keinen Seelenfrieden zu bringen, der doch immer das Beste ist

Es folgt eine Ablichtung der „Wittenberger Zeitung“ vom 21.Januar 1925
Aus Blätter für Heimatgeschichte.



Der 90.Geburtstag im Spiegel der Presse
In der Wittenberger Zeitung wurde berichtet:

Feier des 90. Geburtstages von Schuhmachermeister Wilhelm Wagner am 18.05.1928 im Siechenhaus zu Wittenberg

Eine schlichte, aber eindrucksvolle und würdige Feier fand Freitag um 11.°° Uhr im Kaiser Friedrich Siechenhaus statt, an welcher außer dem Personal und den Insassen des Hauses viele Angehörige des Jubilars sowie Innungsmitglieder der Schuhmacher–Innung und der Vorsitzende des Vereins ehemaliger 20er, dem der Jubilar angehört, teilnahmen. Der Raum konnte sie bald gar nicht alle fassen, die gekommen waren, um Anteil zu nehmen an der Feier für diesen alten ehrbaren Handwerksmeister. Wer kennt nicht Vater Wagner, der noch heute seinen Spaziergang täglich unternimmt, die Kinder sehen in ihm immer den Weihnachtsmann, wer kennt nicht seine Geschichte, seinen Lebenslauf. Unsere Zeitung brachte ja in den Heimatblättern seine selbst erzählte Erlebnisse, ein arbeitsreiches Leben liegt hinter ihm.
Zur angegebenen Zeit betritt der 90-jährige in Begleitung vom Anstaltsgeistlichen, Pfarrer Sievers und seiner Tochter und vieler Enkelkinder den Raum und nimmt in einem mit Flieder geschmückten Sessel Platz. Alle Anwesenden haben den Choral „lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren“ angestimmt. Dann fordert der Hausvater Müller zum Gesang des Liedes „Bis hierher hat mich Gott gebracht“ auf. Frau Müller begleitet sämtliche Lieder am Harmonium. Nachdem 3 Verse dieses Liedes gesungen sind, betritt Pfarrer Sievers, Rutzsch, den Altar und verliest den 103. und 71 Psalm „Lobe den Herrn, meine Seele…“. Nun singen die Anwesenden zwei Verse des Liedes „Befiehl Du Deine Wege“, worauf dann Pfarrer Sievers die Predigt hält, in welcher er die Wort Jesaja 46,4 zu Grunde legt. „Ja, ich will Euch tragen bis in das Alter. Sichtbare Zeichen der Gnade Gottes sind es, die den Alten bis hierher geführt haben, gleichsam ein Bild für alle, was Gott an uns tut. Ein Ehren- und Freudentag für seine Kinder und Kindeskinder, für alle, die das Leben, der Beruf mit ihm zusammen geführt hat. Wohl den Kindern, denen es beschieden ist, solange „Vater“ sagen zu können“.
Nun folgt eine Reihe von Ansprachen. Zuerst überreicht Obermeister Peschel im Namen der Schuhmacherinnung einen Blumenstrauß, zugleich auf das frühe gute Zusammenarbeiten mit dem heute Geehrten zu sprechen kommend, und wünscht ihm noch gnadenreiche Tage. Dann spricht im Namen der Rohstoffgenossenschaft Schuhmachermeister Petreina, auch er erzählt aus dem Leben des Jubilars, von der Gründung der Genossenschaft usw. und bringt von dieser die herzlichsten Glückwünsche. Kaufmann Paul Böttger richtet dann liebe Worte an den Alten, nicht nur aus eigenem Antriebe sei er hierher gekommen, sondern in dankbarer Erinnerung an seinen Vater, den eine Freundschaft mit dem Jubilar verband. Dann nimmt Lehrer Tamm als Vorsitzender des Vereins ehemaliger 20er das Wort. Bei Beginn seiner Rede ertönt vom Hofe des Siechenhauses her der Choral „Wir treten zum Beten“, welchen die Jahnke-Kapelle zum Vortrag bringt. Der Redner betont, daß dies Ständchen das Geschenk des 20er Vereins sei, dem der Jubilar noch angehört und bisher noch regen Anteil nahm. Als zweites Lied werde die Musik „Gruß an Hans Sachs“ spielen, auf den Berufskollegen, als drittes „Aus der Jugendzeit“, gedenkend der Jugend Wagners, viertens einen Walzer von Strauß, dabei gedenkend auch froher Tage und zum Schluß dann den Parademarsch der 20er, erinnernd an die frohe Militärzeit. Tief bewegt für alles dankt der Geehrte, er konnte die vielen Blumen gar nicht fassen, die ihm überreicht wurden. Dann spricht Schneidermeister Erfurt tiefbewegende Worte, auch aus dem Leben des heute 90-jährigen erzählend. Er bringt zum Schluß den Glückwunsch der Handwerkskammer, aber auch den Glückwunsch des gesamten Handwerks von Wittenberg dar und überreicht ein namhaftes Geldgeschenk. Nun überreicht im Namen der Männer des Siechenhauses der Insasse Jannasch, früher Holzpantoffelmacher, einen Blumenstock, er streift in seinen Worten, wie sie beide sich vor 40 Jahren kennen lernten und damals keiner daran dachte, daß heute beide in diesem Hause den 90.Geburtstag feiern können. Als letzter nimmt Hausvater Müller das Wort, betont, daß heute Nachmittag das Geschenk des Siechenhauses, Kaffee und Kuchen, für alle überreicht wird und wünscht zum Schluß, daß alle hier noch den 100. Geburtstag erleben mögen. Nun ist die Feier beendet. – Wir erwähnen noch, daß früh um 7°° Uhr bereits das Personal des Kaiser Friedrich Siechenhauses zwei Choräle „Lobe den Herren mein Seele“ und „Oh, daß ich tausend Zungen hätte“ zu Ehren des Tages gesungen hatte. Die Anwesenden verweilten nun zumeist auf dem Hofe des Kaiser Friedrich Siechenhauses, wo die Jahnke-Kapelle konzertierte. Der 90-jährige Wagner hatte daselbst auf einem Stuhle Platz genommen, als das letzte Musikstück, der Parademarsch der 20er, ertönte, schulterte er seinen Spazierstock und führte einen Parademarsch vor, um den ihn mancher viel Jüngere beneiden könnte, ein Zeichen der Rüstigkeit.
Tief bewegt nahm er von allem Kenntnis. Auch von der Straße her nahm man Anteil an dem Geburtstag, die Kinder, die aus der Schule kamen, strömten in den Hof und brachten „ihrem Weihnachtsmann“ die Glückwünsche dar. Auch wir schlossen uns diesen an und beglückwünschten den Alten, der uns ja kein Fremder ist. Mögen die letzten Tage und Jahre ihn noch in guter Gesundheit und Rüstigkeit sehen!

Er starb im Alter von 92 Jahren am 02.11.1930

Zeitungsausschnitte aus dieser Zeit.