Dobien

Inhaltsverzeichnis

01. Urkundliche Erwähnung
02. Der Wallberg in Dobien
03. Wallberg – Spruch
04. Aus alten Zeitungen
04. Burggrafen von Dobien
05. 800 Jahre Dobien
06. Burg Ließnitz
07. Die Dobiener Werke 1926
08. Der Krähebach
09. Die Mühlen am Rischebach
10. Die neue Brikettfabrik
11. Die Dobiener Werke 1933
12. Quarzsandgewinnung
13. Grüntalmühle
14. Dobiener Schulgeschichte


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01. Urkundliche Erwähnung

Dobiener Chronik
A.Stadelmann 1935
S.8/9

Dobien (Silbermoor) ist älteren Datums als Reinsdorf.

Erste Urkundliche Erwähnung
Nach Albrecht des Bären Tode - regierte von 1134-1170 - wurden seine Länder unter seinen Söhnen geteilt. Der ältere, Otto, bekam die Markgrafenwürde und Brandenburg, während der Jüngere, Bernhard die Länder an der unteren Saale, Bode und mittleren Elbe, und somit auch unsere Gegend erhielt. Als Heinrich der Löwe geächtet war, erhielt Bernhard zu seinem Besitztum den größeren östlichen Teil des Herzogtums zugesprochen. Obwohl er nicht vermochte, sich in den Besitz dieser Gebiet zu setzen, erhielt er doch vom Kaiser Barbarossa (1132 - 1191) auf seine Bitte das Recht, sich Herzog von Sachsen zu nennen. Unsere Heimat führt seit dieser Zeit 1179 den Namen „Herzogtum Sachsen“. 1356 wurde es Kurfürstentum. Unter seiner Regierung wird Dobien neben Wesenbrurch (Wiesenburg), Albiane, Cohswitz (Coswig), Alstermunde (Elster) und Zcane (Zahna) genannt und zwar in den Verzeichnissen des „Promonstrotanser Mönchsklosters“ Leitzkau i.A.. Nach einer im Jahre 1161 in Magdeburg erteilten Order erhielt das genannte Kloster das Archidiakonat über die genannten Schloßbezirke.

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02. Der Wallberg in Dobien


Der Wallberg in Dobien
Günter Göricke
Aus: Freiheit, 6. April 1979.

Aus urgeschichtlicher Zeit und aus dem Mittelalter gibt es im Kreis zahlreiche, noch heute sichtbare Bodenaltertümer, die sogenannten Bodendenkmäler. Im wesentlichen handelt es sich hierbei um Hügelgräber, Grabanlagen aus der jüngeren Bronzezeit und Burgwallanlagen aus dem Mittelalter. Der Wallberg in Dobien, einem Ortsteil von Reinsdorf, ist eine solche mittelalterliche Burgwallanlage, und sogar ein Paradestück. Weit im Umkreis gibt es keinen so großen und gut erhaltenen Burghügel. Der Schloßberg bei Meuro ist ein sehr ähnlicher Burghügel, der aber vermutlich nie vollendet wurde.(1)
Der Wallberg besteht aus einer künstlich abgeböschten Anhöhe, dem Turmhügel, mit umlaufendem Graben und davorliegendem Wall. Der anschließende Friedhof ist nur durch einen Graben von dem höheren Burghügel getrennt. Ein Wall ist hier nicht zu erkennen. Daraus ist zu schließen, daß der heutige Friedhof, oder ein Teil desselben, eine Vorburg gewesen ist, in der sich der Wirtschaftsteil und die Unterkünfte für die Burgmannschaft befanden.(l)
Auf dem Hügel stand ein fester, sicher aus dicken Eichenstämmen erbauter Wehr- und Wohnturm, als letzter und sicherster Verteidigungspunkt. Eine stabile Palisade aus dem Material dürfte auf dem Wall und um die Vorburg gestanden haben. Solche Burgen wurden in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts errichtet. Tatsächlich fällt auch die erste Erwähnung in diese Zeit. 1179 wird in einer Urkunde ein Otto de Dobin genannt. Für die Bedeutung dieser Burg spricht eine Urkunde des Klosters Leitzkau um 1187, in der neben den Burgwarden Coswig, Wittenberg, Zahna und Elster ein "burchwardum Dobien" aufgeführt wird. Burgwarde waren Verwaltungszentren über bestimmte Gebiete und gleichzeitig militärische Stützpunkte. Dies trifft uneingeschränkt auch auf die Burg Dobien zu, an der zwei Nordsüdhandelstraßen vorbeiführten. Es war u.a. Aufgabe solcher Burgen, die Sicherheit auf den Straßen zu gewährleisten. Diese Schutzaufgabe legte der Dobiener Burgherr mit seinen Mannen bald recht eigenwillig aus und überfiel so manchen Kaufmannswagen. Lange ließen sich die Wittenberger solche Raubrittereien nicht gefallen. Um 1200 kam es zum Sturm und zur Zerstörung der Burg. Damit war auch der Wegelagerei der Dobiener Burgherren ein Ende gesetzt. (2)
Eine Kirche oder eine Kapelle war in dieser Burg sicher schon von allem Anfang. Im Jahre 1301 gingen Kirche und Dorf in den Besitz des Wittenberger Hospitals zum heiligen Geist über. Noch lange übte die Stadt Wittenberg das Patronatsrecht über die Kirche Dobien aus. Wann dieses Recht vom Hospital an die Stadt übergegangen ist, bleibt offen. (3)

(1) Paul Grimm "Die vor- und frühgeschichtlichen Burgwälle der Bezirke Halle und Magdeburg", Berlin 1958.
(2) A.M. Meyner "Geschichte der Stadt Wittenberg", Dessau 1845.
(3) Paul Hinneburg "Der Dobiener Wallberg", Wittenberger Tageblatt vom 1. und 2. Februar 1936

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03. Wallberg - Spruch


Spruch zum Wallbergfest
von Ralf-Jürgen Winterstein

Hoch oben, steht noch immer stolz, die Burg gebaut aus Stein und Holz.
Manch Krämerseele liegt erschlagen,
beim plündern neben seinem Wagen.
So werde ich weiter foltern, morden,
mit meinen wilden Räuberhorden.
Ich, euer Herrscher- Ihr seid das Volk,
der liebe Gott hat`s so gewollt.
Errichtet pünktlich Euren Fron,
für meinen stolzen Ritterthron.
Und solltet Ihr mir was verstecken,
dann jag ich Euch mit Angst und Schrecken.
Ihr Lumpenpack und Ihr Gesindel,
sonst nehm ich Euch das letzte Bündel.
Doch heute lass ich mal das morden,
will feiern hier mit meinen Horden.
Der Wein soll heut in Strömen fließen,
auch Weiber wolln wir heut genießen.
Darum saufet und tanzet ohne Sorgen,
bis das ergraut der Tag am Morgen.
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04. Die Artikel entstammen der Wittenberger Zeitung aus den Jahren ab 1874

Alte Zeitungen berichten wichtig und manchmal empört von den Vorfällen in Dobien.                                                                                        Manches mutet aus heutiger Sicht etwas sonderbar an!

1873.03.25.

Civileinwohnerzahl nach der Zählung vom 01.12.1871

Dobien          241

Braunsdorf    163

Reinsdorf       281

 

1873.04.18.

                                        Aufforderung.

Diejenigen Einwohner Wittenbergs, an welche der Fuhrmann Gottlieb Retzke aus Klein-Wittenberg in den Monaten December v.J. und Januar, Februar, März d.J. Kohlen von der Grube Germania in Dobin (orig. Schreibweise ) verkauft resp. geliefert hat, bitte ich hiermit dringend, ihre Adresse gefl. an Unterzeichneten unfrancirt abzugeben. Weitläufigkeiten und Unannehmlichkeiten erwachsen den Herren dadurch nicht, da es nur gilt, Betrügereien, welche vorgefallen sind, auf die Spur zu kommen.

   Piesteritz                            Alb.W. Stursberg

 

1873.08.09.

Wittenberger Getreide-Preise

                                          thl.   sgr.   pf.        thl   sgr   pf.

Weizen  pro Centner von    4     18     9   bis   4     23    3

Roggen pro Centner   "      3      10    0    "     3     13     2

Hafer    pro Centner   "      2       25   0   "      3      0     0

1873.08.15.

Werth des österreichischen Silberguldens ist an den Börsen-Plätzen

                                        18Sgr. 9 Pf.

Das Comité.

 

1874.07.01.

Bekanntmachung

Als Gemeindevorsteher in Dobien wurde gewählt, Schering, Gottfried Halbhüffner

Als Schöffen Hennig, Gottfried Hüffner und Schering, Christian Hüffner

 

1874.05.10.

Die Pfarrscheune zu Dobien soll den 14.Mai nachmittags 3 Uhr an den Meistbietenden auf Abbruch verkauft werden. Nähere Bedingungen zu erfahren in der Pfarre.

 

1874.09.28.

In den Braunkohlendruben zu Dobien, welche seit einigen Fahren durch Ankauf in einer Hand vereinigt sind und wesentliche Verbesserungen und Erweiterungen ( erhöhter Maschinen- und Grubeneisenbahnbetrieb erfahrenhaben, ist während des ganzen Sommers und Herbstes nur sehr wenig für den Verkauf gefördert worden. Da mit dem Etablissement eine große die ausgedehnteste Fabrikation berechnete Dampfziegelei verbunden ist, so ist der eigene Verbrauch ein sehr bedeutender, und hat sich daher der Verkauf an vielen Tagen nur in Hunderten von Hectolitern bewegen können. Hauptsächlich ist diese geringe Förderung aber durch Umfassende Grubenbauten, die sich nach und nach nothwendig gemacht hatten, veranlaßt worden.

Wie wir aus guter Quelle vernehmen, wird sogar eine Vertiefung des Schachtes für den nächsten Winter beabsichtigt, da die Ergiebigkeit des jetzigen Flachbaues zu Ende geht. Durch die diversen Bauten aber, welche die gedachte Tiefschachtung nothwendig im Gefolge haben muß, wird die Förderung und der Kohlenverkauf in den Dobiener Kohlengruben in nächster Zeit voraussichtlich ganz aufhören. dem Kohlen consumirenden Publikum wird es freilich nicht lieb sein, dies zu vernehmen.

 

1875.04.16. 

                                           Bekanntmachung

Der Ziegeleibesitzer Franz Mussil beabsichtigt auf seiner unweit des Dorfes Dobien an der Wittenberg-Dobiener Straße belegenen Ziegelei einen neuen Ziegelbrennofen zu erbauen.

Indem wir dies in Gemäßheit des § 17 der Gemeindeordnung vom 21. Juni 1869 zur öffentlichen Kenntnis bringen, fordern wir hierdurch auf, etwaige Einwendungen gegen die Anlage binnen 14 Tagen präclusivischer Frist bei uns anzubringen und bemerken, daß nach Ablauf derselben Einwendungen in dem Verfahren nichts mehr gemacht werden können.

Situationsplan und Zeichnung liegen in unserm Bureau zur Einsicht aus.

Wittenberg , den 15.April 1875

Der Kreis-Ausschuß des Kreises Wittenberg

   v. Koseriß, Königlicher Landrath

 

1875.08.09. 

Am Montag verunglückte die Frau des Müllers in der Grünthalmühle dadurch, daß Sie mit ihren Kleidern dem Getriebe zu nahe kam und von demselben erfaßt wurde. Schrecklich verstümmelt und selbstredend todt wurde die bedauernswerthe Frau vorgefunden und herausgezogen.

 

 

1875.08.23.

Der von Teuchel nach Dobien führende Communicationsweg bei Grube Germania ist wegen der Unsicherheit in Folge leicht eintretenden Bruches für den öffentlichen Verkehr gesperrt.

Das betheiligte Publikum wird daher hiermit angewiesen, dafür den bei jener Stelle entlang laufenden Privatweg der Grube Germania zu benutzen.

 Amt zu Piesteritz, den 23.08.1875

                       Der Amtsvorsteher.

                             Liepe.

 

1875.09.29.

Arbeiter,

die sich für Berg-Tiefbau qualificieren, finden dauernde und lohnende Beschäftigung.

Kohlengrube und Dampfziegelei "Germania"

Dobien bei Wittenberg /Elbe

 

Braunkohle in bester Qualität, trocken, auch Stück- und Knorpelhaltig, zu Haushaltungen und industriellen Feuerungsanlagen gleich bewährt, für den Preis pro Hectoliter

     Stückkohle  45 Pf.,

     Knorpelkohle  35  "

      Förderkohle 28  "

      klare Kohle 15  "

ab Grube zu haben und kann jeder Anforderung Genüge geleistet werden.       Aufträge resp. Lieferungen werden prompt erledigt

  

1876.02.24.

Der Buchbinder Franziskus jun. hier hat jetzt zwei seltene Thiere ausgestopft, die er Liebhabern von Naturmerkwürdigkeiten gern vorzeigt. Es ist ein Hase von ganz merkwürdig heller Isabell-Farbe und eine Fischotter. Wenn nun auch der Hase, der auf der Bleesernschen Flur geschossen ist, nur eben eine Spielerei der Natur ist, so hat die Fischotter, die mit einer in einem Bache hinter Dobien gefangen wurde, doch einen gewissen wissentschaftlichen Werth und ist deshalb und ihres hier seltenen Vorkommens wegen wohl des Ansehens werth.

 

1878.03.12.

Der Director Busse von den Werken der Germania in Dobien hat der Stadt Wittenberg ein sehr schönes Geschenk aus der mit den Werken verbundenen Kunsttöpferei gemacht.

Es ist die Natur der Weisheit, eine weibliche Figur von 1,30 Meter Höhe, eine große Vase von derselben Größe und zwei kleine Schalen.

Die Gegenstände sind von gebranntem Thon, haben eine sehr schöne gelbliche Farbe und zeichnen sich die beiden größeren durch ihre klassische Formen aus. Besonders ist die Vase mit ihrer reichen, im italienischen Styl gehaltenen Ornamentirung, ein Meisterwerk der Kunsttöpferei. Die Gegenstände sollen zum Frühjahr in den Anlagen aufgestellt werden und werden dort einen wesentlichen Schmuck derselben bilden.

Erst durch diese Schenkung wird Wittenberg von dem Dasein einer Kunstanstalt unterrichtet, die sich in aller Stille bereits einen guten Ruf in weiteren, besonders Baukreisen erworben hat und die schon seit längerer Zeit durch Lieferung von Bauornamenten, Gesimsen und Wappen zu Rohbauten mit Erfolg mit älteren Anstalten dieser Branche concurrirt, worin sie durch die künstlerische Ausführung und durch den ansprechenden Farbenton ihrer Erzeugnisse wesentlich unterstützt wird.

 

1910.02.04.

Wie sich die Ortschaften in der Nähe Wittenbergs in der Richtung nach Straach zu vergrößern, zeigt das ehemals kleine Dorf Braunsdorf, wo zum 01.April d.J. eine Gemeindevertretung gewählt wird. An Wählern sind vorhanden: 3 in der ersten, 7 in der zweiten und 30 in der dritten Abteilung.

Dobien hat sich in 10 Jahren an Größe verdoppelt. Die Belziger Chaussee ist heute mit den Nebenstraßen schon mehr als die Dorfstraße ( Alt-Dobien ). Bei der Wahl der Gemeindevertretung kommen nicht weniger als 80 Wähler in Betracht.

 

1910.02.11.

Verschüttet. In dem zur Dampfziegelei "Germania" bei Dobien gehörigen tiefen Tonschacht, stürzte am Dienstag eine Tonwand plötzlich ab und verschüttete den Arbeiter Hermann Bresigk aus Dobien. Da das Unglück von den in der Nähe beschäftigen Arbeitern bemerkt worden war, so wurde sofort die Bergung des Verschütteten aufgenommen, und derselbe dem Paul-Gerhardt-Stift hier zugeführt, wo zwar keine Knochenbrüche, wohl aber innere Quetschungen festgestellt wurden. Auch schmerzhafte Abschürfungen im Gesicht hat der Verunglückte davongetragen.

 

1910.04.20.

 Durch die Explosion einer Dynamitpatrone wurde Montag der 11 Jahre alte Knabe Otto Schering von hier so schwer verletzt, daß er in das Paul-Gerhardt-Stift in Wittenberg aufgenommen werden mußte. Während die Mutter mit häuslichen Arbeiten beschäftigt war, sollte derselbe die Aufsicht über das kleine Brüderchen übernehmen. Dabei räumte er in einem Schranke herum und fand eine Dynamitpatrone, die schon seit 2 Jahren an dieser Stelle lagerte, wo sie vom Steinsprengen übrig geblieben war. Der Junge nahm die Patrone, deren Gefährlichkeit er nicht kannte, trug sie in den Hof und warf einen Stein darauf. Die Patrone explodierte und verletzte den Knaben an den Händen, am ganzen Körper und im Gesicht schwer. Das eine Auge dürfte verloren sein.

 

1911.10.02.

In preußischen Schulen wurde die 45 minütige Unterrichtsstunde eingeführt.




04. Burggrafen von Dobien

Dobiener Chronik
A.Stadelmann 1935
S.9
Die Burggrafen von Dobien und deren Geschlecht
Auf dem „Wallberg“, der zu diesem Zwecke besonders erhöht wurde, ließ Albrecht der Bär eine Grenzfestung errichten. Der Berg war damals von drei Seiten mit Sumpfgelände umgeben und somit geschützt. Nur von Osten her war er leicht zugänglich. Auf der Burg saßen die Burggrafen von Dobien - auch Dobin - Tobin - Thobien. Mit der Zeit arteten sie aus, indem sie die Kaufleute, namentlich aus Wittenberg, das nebenbei bemerkt 1293 Stadtrecht erhielt, überfielen und beraubten. Herzog Bernhard, der in Wittenberg residierte, erlaubte deshalb den Wittenbergern, die Burg zu zerstören. Und das geschah dann auch ganz gründlich. Später wurde auf dem Berge eine Wallfahrtskapelle errichtet, die weit und breit von Flämingbewohnern besucht wurde. (Vergl. Bölke: Nöte auf dem Fläming). In den bösen Jahren 1637 wurde auch diese Kapelle zerstört. Die Reste haben die Einwohner sicherlich zum Wiederaufbau ihrer verwüsteten Wohnstätten benutzt, vielleicht auch beim Kirchenbau.Angehörige der Burggrafen waren auch in Wittenberg ansässig. Noch zur Zeit der Reformation findet sich Ihr Name vor. Im 13.Jahrhundert gab es eine Reihe Magdeburger Domherren mit dem Geschlechtsnamen de Dobien, Dobin, Tobin. Sicherlich bestanden zwischen diesen und den Dobiener Burggrafen verwandtschaftliche Beziehungen. Unter den Magdeburger finden sich folgende mit dem Geschlechtsnamen de Dobien: 1214 Otto, 1215 Wernerius, 1238 Theodorus, 1249 abermals Wernerius und 1262 wiederum ein Otto de Dobien.Im 14. Und 15. Jahrhundert findet man die Familie de oder von Dobien in Rostock und Lübeck, wo sie angesehene Stellungen im dortigen Patriziat und in der Gelehrtenwelt einnahmen. Ferner finden wir 1285 einen Heinrich de Dobin als Komthur in Graudenz, 1292 einen Komthur gleichen Namens zu Balga (Dorf bei Heiligenteil in Westpreußen) und 1303 - 1306 einen Komthur de Dobyn in Thorn. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wanderte ein Teil der Familie aus Deutschland nach dem Baltikum (Estland, Livland, Kurland) aus. Das älteste bekannte Glied der Familie de Dobien lebte in Reval; es war Barthelt de Dobien und gehörte zu den dortigen Patrizierfamilien. Er stand in verwandtschaftlicher Beziehung zu dem Revaler Bischof Arnold II 1537 - 1551. Die Nachkommen dieses Barthelt zogen nach Kurland, wo sie große Güter erwarben und dem Kurländischen Adel angehörten. In Kurland ausgestorben, lebt die Familie de Dobien, Tobien noch heute fort. Im Mai 1905 meldete sich in Wittenberg wegen genealogischer Nachforschungen (die Abstimmung betreffend) Alexander von Tobien, Abteilungschef in der Kanzlei der Livländischen Ritterschaft - gestützt auf die Tatsache, daß seine Familie im 16.Jahrhundert aus Deutschland nach Livland ausgewandert war. Er wurde dort ausgewiesen, wie auch Pfarrer Brade, der die Familie kennt, und wohnt in Bad Elmen bei Magdeburg.

Urkunden:
1.Codex der deutschen Ordensbeamten und Momenta Historiae Warnagensis
2.Mecklenburgische Urkunden Band X
3.Urkundbuch der Stadt Goslar 1.Teil
4.Riedel: Codex Diplomatikus Brandenburgensis Band VIII, XXII, XXIV
5.von Mülverstedt: Regaster archipiscopatus Magdeburgensidi.

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05. 800 Jahre Dobien

Einwohner und Gäste feiern Jubiläum
G.Schönemann
Aus:Freiheit, 6.September 1988.
Die älteste urkundlichen Nachrichten reichen zurück bis in das Jahr 1187. In einer Urkunde des Klosters Leitzkau wird der Ort Dobien erstmalig als Burgward erwähnt, womit die Ortsgründung und Entwicklung verbunden ist. Der heutige Wallberg, der die Umgebung überragt, hat diesen Burgward, die Wallburg getragen. Am Fuße des Berges und unter dem Schutz dieses Burgwards siedelten sich dann die ersten Bewohner an. Im 17. Jahrhundert waren Kirche und Schule in Dobien Mittelpunkt für die Orte Reinsdorf, Braunsdorf und Schmilkendorf. Im Jahre 1847 sind für den Ort Dobien bereits 17 Grundstückbesitzer, Kossäthen und Hüfner ausgewiesen, deren Anwesen sich entlang der heutigen Dorfstraße am Fuße des Wallberges plazierten. Um diesen Dorfkern entwickelten sich dann in späteren Jahren die weitere Bebauung, die sich dann besonders an der Belziger Straße und in einigen Nebenwegen ausbreitete. Im Jahre 1902 hatte Dobien 356, 1926 etwa 750 Einwohner und 1989 bereits etwa 1500 Einwohner.
Mit dieser Bevölkerungsentwicklung vollzog sich die Umstrukturierung von einem ehemaligen Bauerndorf zu einer Industriegemeinde. Dobien verlor seine zentrale Stellung auch durch die Schaffung der Schulen in den Nachbargemeinden Reinsdorf 1903, Braunsdorf 1926 und Schmilkendorf, und dann endgültig 1937 durch die Vereinigung mit Reinsdorf.

Stand: 31.12.2000 hatte Dobien bereits 1546, Reinsdorf 1004, Braunsdorf 411 Einwohner.

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06.  Burg Ließnitz


Die Zerstörung der Burg Ließnitz
Die Hand der Giftmischerin.
Sagen und Geschichten aus dem Kreis Wittenberg Teil II.
Schriftenreihe des Stadtgeschichtlichen Museums Wittenberg
S. 9-11.
Die Burg Ließnitz wurde nach urkundlichen Erwähnungen um dieselbe Zeit wie die Wallburg in Dobien erbaut, aber weit stärker befestigt. Diese durch drei Wassergräben geschützte und mit Wällen und Holzwehren umgebene Wasserburg lag an der Stelle des heutigen Schlosses Kropstädt.
Um das Jahr 1350 gab es neben den hölzernen Bauten der Knechtshäuser und Ställe das große steinerne Haus des Ritters Otto von Dyben und einen hohen Wartturm, aus Feldsteinen mit Quark und Ochsenblut gemauert. Otto von Dyben suchte nach weiteren Einnahmen zur Fortführung des einst so sorglosen ritterlichen Lebens. Die Abgaben seiner Bauern in weiter Runde konnten nicht mehr gesteigert werden, denn viele, die ihm zinsten und für ihn frondeten, waren schon vor seiner Willkür und harten Hand geflüchtet. In die Städte waren sie gezogen, auch nach Wittenberg, und vor den Toren lebten einige sicher im Schutz der Stadt und des Fürsten. Um sich und seinen Leuten in der Burg Lebensmittel und den täglichen sonstigen Bedarf zu beschaffen, fühlte Otto von Dyben sich nicht mehr an die alte Ordnung und an das Gesetz gebunden und wurde so zum Räuber und Raubritter. Es war auch keiner da, der ihm sein Tun wehrte. Die Herzöge, früher mächtig und stark, waren machtlos. Es regierten und herrschten in den einzelnen Gebieten viele kleine und große Feudalherren. Sie kamen sich wie Könige vor, die sich weder von den Kurfürsten noch vom Kaiser etwas sagen oder in ihrer Selbständigkeit beschränken ließen. Untereinander befehdeten sich die großen Herren, und die Ritter auf ihren Burgen überall im Lande taten es nicht anders. Es herrschte das Faustrecht; Gewalt und Räuberei machten sich breit. Die reichen Kaufherren, die Pfeffersäcke und die Tölpel von Bauern zu überfallen und ihres Besitzes zu erleichtern, war standesgemäß, ritterlich und verdienstreich. Lösegeld von den Angehörigen der gefangenen Händler zu erpressen, war eine lohnende Einnahmequelle.
Mit einem Überfall Ottos von Dyben auf den großen Wagenzug eines reichen Stettiner Kaufmannes, der mit riesigen Warenmengen von der Leipziger Messe kam, hatte es angefangen. Es folgten fette und lustige Tage auf der Ließnitzburg. Der Ritter und seine Knechte hatten Geschmack an den Beutezügen gefunden. Im Keller lagen immer noch ein paar Fässer Wein von der ersten Beute. Nach kurzem Ausruhen folgte dann ein Überfall dem anderen auf die vorbeiziehenden Wagenzüge und auf die umliegenden Dörfer. Besorgt blickten die friedlichen Kaufleute, wenn sie in die Nähe von Ließnitz kamen. Auch Umwege nützten wenig, denn der Ritter hatte seine Späher überall und war immer dort, wo er Beute witterte. Aus jedem Busch konnte er hervorbrechen. Schließlich wurde die Straße, nachdem die bewaffnete Wagenbegleitung auch keinen sicheren Schutz mehr bot, völlig gemieden. Die Bauern flüchteten, wenn der Ließnitzer nahte und sich Ernte und Vieh holte. Manches Dorf lag schon wüst. Besonders während der Ernte drohten räuberische Überfälle, um den Bauern das Korn, den Buchweizen und den Flachs samt Wagen und Pferden zu rauben. Bis vor die Tore und Mauern von Wittenberg, Zahna und Treuenbrietzen dehnte der Ritter seine Raubzüge aus. Keiner hinderte das Treiben Ottos von Dyben. Man schrieb das Jahr 1389, da riß den Wittenbergern die Geduld. Die Stadt, die sich gut entwickelt hatte und aufgeblüht war, bangte um ihren Handel und um die Sicherheit ihrer Lehnsdörfer und die Versorgung der Bürger.
Die Bauern hatten ebensoviele Klagen wie die Kaufleute gegen den Ließnitzer vor das Gericht gebracht. Rat und Bürgermeister handelten jedoch, und warteten nicht erst eine Entscheidung des Gerichtes ab. Sechs Fähnlein der Zünfte rückten aus, ihnen schlossen sich Reisige und Kleinbürger an, die im Zeughaus beim Marstall, wo der Rat eigene Waffenvorräte und Harnische bereithielt, ausgerüstet worden waren. Bauern aus Teuchel und Trajuhn, aus Euper und Thießen, aus Mochau, Köpnick und Jahmo bewaffneten sich mit Knüppeln, Mistgabeln und Dreschflegeln und schlossen sich dem Wittenberger Kriegsvolk an, denn sie hatten alle unter dem Ließnitzer gelitten und waren voller Wut auf ihn. Der Stadthauptmann hatte den Oberbefehl. Hinter den Fähnlein fuhren die Heerwagen mit Belagerungsgeräten und Verpflegung. Am Schluß gingen zwei Franziskanermönche, die etwaige Verwundete verbinden sollten. Auf den sandigen Wegen kamen die Wittenberger nur langsam vorwärts und brauchten drei Stunden. Schließlich gelang es ihnen, auf den weichen Waldwegen unbemerkt bis dicht an die Burg heranzukommen. Dort ordneten sich die Angreifer. Auf ein Zeichen stürmten sie mit großem Geschrei auf die Burg los. Auf Stegen wurden die Gräben überschritten und die Mauern mit Leitern erstiegen. Es half nichts, daß der Turmwächter ins Lärmhorn blies. Ehe die überraschten Burgbewohner sich recht besinnen konnten, waren die Stürmenden im Burghof. Die wenigen Knechte wurden schnell überwältigt. Zu spät kam der Ritter herbei. Er hatte in der Freude über die am Tage zuvor gemachte reiche Beute mit seinen Gesellen bis weit nach Mitternacht gezecht. Als die Fähnlein der Zünfte heranrückten, lag er noch in tiefem Schlaf. Unsanft mußte ihn ein Knecht wecken. Mit einem gotteslästerlichen Fluch sprang der Wegelagerer auf. Ein Blick durch die Fensterluke überzeugte ihn, daß schon alles verloren war. Er stürzte mit dem Degen in der Hand auf den Hof. Doch kaum hatten ihn die Angreifer erblickt, als sie ihn schon mit großem Geschrei umstellten und schnell entwaffneten. Wütend mußte der Räuber einem Knecht den Schlüssel zum Burgverlies im Turm geben, wo die Gefangenen eingekerkert waren. Wenige Augenblicke später traten die Gefangenen heraus. Alle waren verwundet und wurden sofort von den Mönchen verbunden. Tief verneigten sich die Befreiten vor dem Bürgermeister und dankten ihm und den Bürgern Wittenbergs. Dann gab der Bürgermeister Befehl, Feuer in die Burg zu legen und sie gründlich zu zerstören. Nur der Wartturm widerstand, er überragte noch immer mit seinem festen Mauerwerk den brennenden Rest der Burg.
Ohne Verluste kehrten am Abend die Sieger nach Wittenberg zurück, mit ihnen der gefangene Ritter und seine Untertanen. Lange Zeit saß er hier im Turm, bis man ihm und den Knechten den Prozeß machte. Er mußte Urfehde schwören. Dann wurde er mit Schimpf und Schande aus der Stadt und dem Lande gejagt, nachdem man ihm unter Androhung, ihn zu hängen, verboten hatte, sich jemals wieder in Ließnitz anzusiedeln. Die Burg wurde zur groben wüsten Stätte, als man auch den Turm abgetragen hatte. Die Bauern der Umgebung holten die Steine zum Bau ihrer Häuser und Katen. Nach der Sitte der Zeit wurde der Pflug über die Stätte gezogen und Salz in die Furchen gestreut. Das sollte bedeuten, daß diese Stelle nicht wieder bebaut werden dürfe. Seitdem galt der Ort als grobe, das heißt verfluchte Stätte.
(26/8. 371; 17/1956 S. 102
Die Zerstörung der Burg Ließnitz
Die Hand der Giftmischerin.
Sagen und Geschichten aus dem Kreis Wittenberg Teil II.
Schriftenreihe des Stadtgeschichtlichen Museums Wittenberg

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07. Die Dobiener Werke 1926


Die Tonwerke AG in Dobien
Rundgänge durch die Wittenberger Industriestätte
P.W.
Aus: Blätter für Heimatgeschichte Nr.8, April 1926.

Die Bedeutung des Namens Wittenberg habe ich leider bisher nicht ergründen können, das Bild unseres Stadtwappens gibt darüber keinen Aufschluß, ein Geschichtswerk, das sich mit den Uranfängen unserer Stadt beschäftigt, existiert noch nicht. Allzuhoch wird man das Alter der Stadt nicht schätzen können, denn sie ist zuerst urkundlich im Jahre 1180 erwähnt worden. Vor altersgrauer Zeit, als die Stelle, auf der die Stadt und Umgebung heute steht, noch unbesiedelt war, mögen die hier an die flachen Elbufer herantretenden Höhen weiße Sandberge gewesen sein, und dieser Anblick mag dem vorüberfahrenden Schiffer, dem ersten Kulturpionier, Veranlassung gegeben haben, diese Stelle die witten, das heißt weißen Berge zu nennen. Sand genug hat die Umgebung von Wittenberg, leider; den Besitzern der Felder wäre es gewiß lieber, wenn hier Weizen und Rüben wachsen wollten. Aber der liebe Herrgott hat es einmal anders eingerichtet, und hat dafür gesorgt, daß die „witten Sandberge“ schließlich doch auch wieder manche wertvollen Bestandteile in sich enthalten, die den Menschen zu seinen Bedürfnissen allmählich zu nützlichen Erfindungen verholfen haben.
So ist den Einwohnern von Dobien und Umgebung schon lange bekannt gewesen, daß sich in den welligen Sandbergen um ihren Ort herum und auch bei den Orten Nudersdorf und Braunsdorf mehr oder minder tiefe, vereinzelt gelagerte Rippen von wertvollem Ton befinden, dessen Gewinnung und Aufbereitung zu einer bemerkenswerten keramischen Industrie geführt hat.
Hart südlich Dobien, dort wo die Chaussee die ersten höheren Sandwellen überquert, hat sich im Jahre 1918 das Tonwerk angesiedelt und aus kleinen Anfängen zu stattlicher Größe entwickelt, das trotz der Ungunst der Lage zu einer größeren Bahnstrecke und der damit bedingten Verteuerung des Bezuges von Brennwerk sich dennoch tapfer weiter entwickelt hat und jetzt als durchaus gesichertes Unternehmen dasteht.
Das Tonwerk ist wirtschaftlich hervorgegangen aus dem früheren Zastrow-Werk, das in der Nähe des Lutherbrunnens eine Ziegelei und ein Majolikawerk betrieb. Letzteres brannte ab und ist nicht wieder aufgebaut worden; und der Ziegelbetrieb mußte eingestellt werden, weil in der nächsten Umgebung die Tonausbeutung aus den Sandbergen versagte und die Heranschaffung des Tons aus den Elbwiesen sich als zu kostspielig und unrentabel erwies. Nachdem man in den Sandbergen von Dobien, vielfach allerdings schon auf Teucheler Flur durch systematische Bohrungen Tonvorkommen in ausgedehnten Rippen festgestellt hatte, die von guter Beschaffenheit lohnende Verwertung versprachen, ging man dazu über, das alte Zastrow-Werk in der Nähe des Lutherbrunnens abzubrechen und bei Dobien wieder zu errichten. Dort liegt es nun auf Wittenberger Flur wie auf einer Insel, während die Felder ringsherum schon zu anderen Nachbarorten gehören. Das Tonwerk hat sich seit 1918 durch An- und Neubauten sowie Verbesserungen aller Art, ständig vergrößert, stellt ein vorzügliches Material her und hat sich dadurch einen festen Abnehmerkreis gesichert, der es ihm ermöglicht hat, den Betrieb über die augenblickliche Geschäftsstille auf dem Baumarkt wie auf allen Gebieten des Handels und Verkehrs soweit hinüberzuretten, daß er nicht stillgelegt zu werden brauchte. Er konnte, wenn auch nicht immer in vollen Schichten, aber doch ohne Unterbrechung Dank der äußerst sachgemäßen kaufmännischen und technischen Leitung in Gang gehalten werden.
Zur beständigen Sicherung der Gewinnung des wertvollen blauen Tons aus den umliegenden Sandfelder hat das Tonwerk mit den Besitzern der angrenzenden Ländereien langfristige Pachtverträge abgeschlossen, die es ihm ermöglichen, nach ganz bestimmten Gesichtspunkten die Tonrippen systematisch abzubauen, und um dies näher in Augenschein zu nehmen, müssen wir uns auf die sandigen Höhen, von denen man übrigens einen prachtvollen Rundblick auf eine ganze Reihe der nächsten Ortschaften hat, hinausbegeben.
Vom Werk führt eine Schmalspurbahn, die von einer etwa 50 pferdigen Lokomotive mit kleinen Kippwagen befahren wird, hinaus zu den Tonschächten. Diese liegen mehr oder minder tief unter dem Sande und weisen zunächst oben eine dunklere, magere Schicht, weiter in der Tiefe den helleren, sogenannten blauen, fetteren Ton, das Hauptmaterial auf, das eine ziemliche Zähigkeit besitzt; denn um ihn mit Vorteil von Ort bewegen zu können, muß er nach Anbohrung gesprengt werden, damit er mit den zerfallenen Stücken leichter verladen werden kann. Ein gut wirkender Sprengschuß löst mindestens soviel Trümmer ab, wie zwei Kippwagen aufnehmen können. Durch Sprengen und Ausschaufeln bringt man in die Rippen eine vertiefte Bahn hinein, auf der dann wieder Gleis verlegt werden kann, so daß nunmehr die Arbeiter von beiden Seiten die Wagen befüllen und bequemer hantieren können.
Die ausgehobenen Massen werden nun mit der Kleinbahn auf eine Halde dicht bei der Fabrik gebracht und dort nach jahrelanger Erfahrung in gewisser Mischung übereinander abgeladen und zwar der blaue Ton in der Hauptsache, daneben der dunklere Ton zur Färbung und Magerung, dazwischen etwas Sand usw. Das Ganze wird häufig gewässert und bleibt ungefähr ein Vierteljahr liegen, damit es zu einer homogenen Masse zusammensindert , wie sie das Fabrikat nun einmal erfahrungsgemäß erfordert.
Dieser Vorratsberg, der horizontal aufgeschichtet wurde, wird nun wieder mit Spitzhacken vertikal abgebaut, um die ungleichartigen Bestandteile weiter gleichmäßig zu verteilen und mittels Förderwagen in die Fabrik gezogen, wo ein Zubringer das Gemenge automatisch in den Kollergang abgibt. In diesem laufen zwei schwere aufrecht gestellte Mahlsteine mit nachfolgenden Kratzeisen auf einer kräftig durchlochten Platte umher, zerreiben die Tonmassen und mischen sie nochmals innig miteinander und drücken sie durch die Löcher der Bodenplatte hindurch. Ein Förderband nimmt die wurstförmigen Preßstücke hoch und schüttet sie auf ein ungleichmäßig laufendes Walzenpaar, das sie wiederum zerreißt und zu feinem Brei verarbeitet, der nun schon eine ziemlich gleichartige Zusammensetzung zeigt. Eine Förderschnecke preßt den Brei durch eine Form, und aus dieser kommt nun der Stein als langes Band zum Vorschein, um alsbald mit einer Drahtschneide zu einzelnen Steinen zerteilt zu werden. Die noch stark feuchten Steine, die ungefähr 1 Kilogramm Wasser enthalten, daß sie nach vollendeter Trocknung und bewirktem Brennen die sich immer gleichbleibenden, in ganz Deutschland als Norm festgelegten Maße von 25 mal 12 mal 6,5 Zentimeter bekommen. Frisch aus der Presse genommen, hat der nasse Stein deshalb zum Beispiel in der Länge etwa 2 Zentimeter mehr, also 27 Zentimeter. Sobald der Stein hinter der Presse abgeschnitten ist, wird er auf ein Förderband gehoben, und diese führt ihn an endloser Kette zu den Trockenräumen.
Diese bestehen entweder aus offenen Schuppen mit Holzgestellen und Auflagebrettern oder in Trockenhorden über dem Ringofen. Auf diesen wird im Winter und bei feuchter Luft, in offenen Schuppen im Sommer getrocknet. Die großen Trockenschuppen können 160 000 Steine bergen und ebenso viele Steine faßt der Ringofen bei voller Beschickung. So ein Ringofen ist eine im Grunde genommen sehr einfache, aber doch wiederum sehr sinnreich ausgedachte und nur auf Grund jahrzehntelanger Erfahrung zur jetzigen Vollendung gebrachte Einrichtung, um durch das eigentliche Brennen der Steine der nächstfolgenden Kammer vorzuwärmen, weiter zu trocknen und so allmählich für den eigentlichen Brennprozeß vorzubereiten.
Die Arbeitsweise im Ringofen geht folgendermaßen vor sich: Der Ringofen besteht aus 18 Kammern, und das Feuern und Herausnehmen sowie das Wieder vollpacken der Steine geschieht ungefähr diametral gegenüber in dem länglichrunden Ofen. Wenn also zum Beispiel in der Kammer Nr. 1 gefeuert wird, hat sich Nr. 8 inzwischen soweit abgekühlt, daß sie ausgepackt werden kann, während Nr. 9 leer steht und Nr. 10 wieder voll gesetzt wird. Das eigentliche Befeuern geschieht durch Zuschütten von Braunkohle durch röhrenartige Schächte von oben in die bereits zu einer gewissen Glut vorgewärmte Kammer, die ihre Hitze aus der daneben liegenden erhalten hatte. Durch das Beschicken mit Kohle wird die höchste Hitze von ungefähr 1200 Grad erzielt, bei welcher der Stein in ungefähr 1 ½ Tagen fertig gebrannt wird. Ist diese Kammer fertig, so wird die nächste bereits auf 900 Grad gebrachte Kammer mit Braunkohle beschickt usw. Beim Einsetzen der frischen Steine in eine Kammer wird diese gegen die Vorkammer mit Papier abgesperrt, um das Nachströmen kalter Luft zu verhindern. Diese Papierwand geht später, wenn die von Kammer zu Kammer stärker werdende Hitze sie erreicht hat, von selbst in Flammen auf und gestattet nunmehr der immer höher steigenden Wärme den vollen Zutritt. Dieses bewirkt man für die einzelne Kammer nacheinander durch Ziehen einer Glocke, deren Gestänge durch die Decke des Ofens nach oben hindurch reicht und von dort bedient werden kann. Der Ringofen faßt in seinen sämtlichen 18 Kammern zusammen genommen 160 000 Steine und diese können bei regelmäßigen Gange in zehn Tagen fertig gebrannt sein.
Das Werk erzeugt im Jahre gegen 8 Millionen Steine bzw. andere Gebilde in Form von Röhren, Hohlsteinen, Formsteinen usw., diese letzteren aber auf Mauersteine in obiger Zahl umgerechnet.
Der nasse Stein, wie er die Ziegelpresse verläßt, sieht dunkelgrau, ins bläuliche schimmernd, aus, der fertige Stein hat durch das Trocknen und Brennen eine schöne gelbe, leuchtende Farbe angenommen, die sich vorzüglich für Fassaden besserer Gebäude eignet und einem kunstverständigen Architekten ein großes Feld der Verwendung nach Schönheits- und Festigkeitsmomenten frei gibt.
Neben den Normalziegelsteinen werden Lochsteine zur Hintermauerung und für Zwischenwände, Hohlsteine mit besonderem Profil für Decken, ferner Röhren der verschiedensten Kaliber hergestellt.
Ein Anschlußgleis der Wittenberg-Straacher Nebenbahn führt bis auf den Werkshof und bringt die Braunkohle heran, die von besonderer Art sein muß, um die an sie gestellten Ansprüche für eine gute Befeuerung der Kammern zu befriedigen. Ein teil dieses Anschlußgleises durchzieht den Werkshof vertieft, so daß die Fertigware wie zur ebener Erde bequem in die Wagen verladen werden kann. Das Werk beschäftigt ungefähr 300 Arbeiter und Angestellte, erstere zumeist aus den umliegenden ländlichen Ortschaften, womit den Ansässigen auf den leichten, wenig ertragreichen Sandböden der nächsten Umgebung lohnender und sichrer Verdienst zugewendet wird, der um so mehr zu begrüßen ist, als diese Leute sonst womöglich zur Auswanderung gezwungen wären, und dann dem deutschen Vaterlande erfahrungsmäßig zum größten Teil für immer verloren gehen.

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08. Der Krähebach

Dobiener Chronik
A.Stadelmann 1935
S.74.
Der Krähebach, benannt nach der Teuchler Feldmark Krähe, hat seinen Hauptquell östlich von Thießen auf dem Wiesengrundstück des Bauern Otto Schubotz daselbst. Der Bach bekommt Verstärkung durch den Mochauer Bach, der von dem Mochauer Wiesengelände kommt und der Mochauer Renne, die im „Wenzel“ bei Grabo am Lehmberg ihre Quelle hat. Dieser Bach wurde 1847 dem Krähebach durch Verlegung des Bachbettes nach Süden vereinigt zum Betrieb der 1848 erbauten „Thalmühle“. Vom Schmilkendorfer Revier, vom Fuchsloch und dem Siebertschen Feldteich aus erhält der Krähebach reichlich Zufluß. Das Bett dieses durch saftige Wiesengründe fließenden Gewässers wurde vor einigen Jahren durch den Hilfsdienst erweitert und vertieft. In Dobien erhält der Krähebach ebenfalls Verstärkung durch die Löbigkbäche. Vor dem I. Weltkrieg wurde endlich eine Brücke über den Bach gebaut und vor einigen Jahren die Brücke in der Gartenstraße.

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09. Die Mühle am Rischebach

Geschichte der Wittenberger Papiermühlen

Heinrich Kühne
Aus Fläming, Aue und Heide
Wittenberg 1989. (S. 55-71)

Die erste Wittenberger Papiermühle vor dem Elbtor
Die Papiermühle in der Clausstraße
Die Rothe Papiermühle zu Prühlitz
Die Papiermühle in Piesteritz
Die „Birkenbuschpapiermühle" bei Nudersdorf
Die wirtschaftliche Lage der Wittenberger Papiermühlen
Literatur und Archivalien

Anmerkungen
Der Stammvater der berühmtesten sächsischen Papiermacher im 16. Jahrhundert war Michael Schaffhirt. Er hatte je eine Papiermühle in Bautzen und in Dresden. Seine Söhne setzten die Geschichte dieser Familie mit der gleichen Tätigkeit in Dresden, Bautzen und in Freiberg fort. Einer aus der Dresdener Familie war Martin Schaffhirt. Er wollte den Aufschwung der Buchdruckerkunst und das Fehlen von billigem Schreibpapier ausnutzen und erhielt auf sein Gesuch vom Kurfürsten August von Sachsen (1553-1586) im Jahre 1554 das Privileg zur Errichtung einer Papiermühle in Wittenberg. Daraus geht hervor, daß der Papiermacher „obengenannter Merten Schaffhirt solche Papiermühle des Orts aufbaue, die vor sich seine Erben und Nachkommen, besitzen vnd gebrauchen muge, ohne meneglichs Einrede oder Vorhinderung, Vnd soll das Wasser seinen Gang behalten, wie es denselbigen jetzo hat."
Aber es stand von Anfang an kein glücklicher Stern über dem Unternehmen. Weder das eigene noch das aus seiner Familie mitgebrachte Geld reichte aus, ein solch großes Gebäude zu errichten. Doch die Stadt Wittenberg war stark daran interessiert, daß mit der Produktion von Papier in ihrem Territorium begonnen wurde, und lieh ihm „vmb gewonlichenn Zins" 35 Schock, wovon sie selbst von der Universität Wittenberg 26 Schock 25 Groschen bekam. Schaffhirt bezog nun Baumaterialien aller Art aus der städtischen Ziegelscheune. Doch die genannten Kapitalien hätten bei weitem nicht ausgereicht, den Bau zu finanzieren, er muß also auch anderswoher Geld aufgenommen haben. Aber es gab noch andere Schwierigkeiten, die ihm zum Verhängnis wurden. Da war einmal die ungünstige Lage nahe der Festungsmauer, dazu die stark eingeschränkten Wasserverhältnisse. Die Wasserräder bekamen nicht genug Wasser, weil der Kurfürst ja ausdrücklich beim Privileg betont hatte, daß der Zulauf nicht geändert werden durfte. Er konnte keinen Stau und keinen besseren Zulauf anlegen. Zwar baute ihm die Stadt Wittenberg 1555 eine andere Wasserrinne, doch das hielt sich alles in einem bescheidenen Rahmen. In trockenen Jahren war zu wenig Wasser vorhanden und in strengen Wintern alles erstarrt. Diese Standortfaktoren führten schließlich dazu, daß die Mühle nur im Jahre 1556 produzierte. Aus diesem einen Jahr sind mir Papierbogen mit dem Wasserzeichen Schaffhirts bekannt, weitere sind bisher nicht gefunden worden. Die Qualität des Papiers war mittelgut, aber andere Papiere aus Obersachsen waren auch nicht viel besser.
Martin Schaffhirt war schließlich den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen und den Anfeindungen nicht mehr gewachsen. Er starb um 1556, denn ein Jahr später berichtet ein Brief, daß minderjährige Kinder vorhanden waren, deren Vormünder das Mühlenprivileg für sie bewahren wollten. Sie beabsichtigten sicherlich, später die Papiermühle an einem anderen Standort bei Wittenberg wieder zu errichten. Die inzwischen herangewachsenen Söhne oder Enkel, Zacharias und Josef Schaffhirt, bewarben sich 1623 beim Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen (1611-1656) vergebens um Erneuerung des Mühlen
1556 Wasserzeichen des ersten Wittenberger Papiermachers Martin Schaffhirt in der Elbtorpapiermühle.
1576 Conrad Rühel benutzte als Signet der bei ihm verlegten Bücher seine Initialen C R, die er auch bei seinem Wasserzeichen anbrachte, dazu das Wittenberger Stadtwappen mit den Stadtkirchtürmen und den beiden Wappen der Askanier und Wettiner, geschöpft in der Clausstraßenpapiermühle.
Kurfürst darüber von dem Wittenberger Amtsschösser Bericht erstatten ließ, stellte man fest, daß sich bis auf einen alten Mann aus dem Vorwerk Bleesern niemand mehr auf das Bestehen einer Papiermühle vor dem Elbtor besinnen konnte. Er sagte aus, daß wohl das Stampfen, verbunden mit dem dauernden Krachen, das Studium der Studenten beeinträchtigt hätte. Ferner hätte man Schaffhirt dafür verantwortlich gemacht, daß die gefürchtete Pest wieder grassierte. Schuld daran wäre das Stapeln und Verarbeiten von verseuchten Lumpen und Leinen in der Mühle gewesen. Später erteilte der Rat der Stadt dem Weißgerber Kersten die Erlaubnis, in einem Teil der großen Gebäude eine Gerberei einzurichten. Dafür mußte er 31 /2 Schock jährliche Erbpacht zahlen, doch durfte er in dem Gebäude nicht wohnen und keine Feuerstätte einbauen.
So scheiterte die erste Gründung einer Papiermühle in Wittenberg hauptsächlich an den schwierigen Standortfaktoren. Man hätte ohnehin nicht den ganzen Bedarf aus der Produktion dieser Mühle in Wittenberg decken können. Die zahlreichen kurfürstlichen, städtischen und kirchlichen Behörden kauften nach wie vor bei den großen Buchhändlern ihr Papier, das zwar teuer war, aber von guter Qualität. Sie brachten es von der Frankfurter Messe mit in ganzen Ballen und verkauften es riesweise. (Ries = Zählmaß für Papier - l Ries = 480 Bogen; seit 1877 = 1000 Bogen).

Die Papiermühle in der Clausstraße
Im zweiten Drittel des 16. Jahrhunderts machte sich das Fehlen von Papier in Wittenberg immer drückender bemerkbar. Die zahlreichen Bücher, die von hier bis in ferne Länder gingen, konnten wegen des Mangels an Papier nur zögernd gedruckt werden. Den Nachteil hatten die zahlreichen Buchdruckgesellen und ihre Familien. Das aus dem südwestdeutschen Raum nach hier gelieferte Papier wurde damals immer teurer. Da besann sich der profilierte Buchhändler und Verleger (Buchführer) Conrad Rühel darauf, daß es Zeit wäre, eine Papiermühle zu errichten. Er stammte aus Bad Nauheim und heiratete hier die Tochter von Moritz Goltz, der zusammen mit Christoph Schramm und Bartholomäus Vogel das Druckprivileg der gesamten Luther-Bibel hatte. Goltz legte sich später ganz auf die Herausgabe der niederdeutschen Bibeln, und dies setzte Conrad Rühel nach dem Tode seines Schwiegervaters fort. Damit wurde Rühel einer der reichen Buchverleger in Wittenberg. Er versuchte nun, sein Kapital in der Produktion arbeiten zu lassen, und reichte beim sächsischen Kurfürsten den Antrag auf Erteilung eines Privileges zur Errichtung einer Papiermühle am Ende der damaligen Clausstraße (heute Puschkinstraße) ein. Unter dem 19. Dezember 1566 genehmigte Kurfürst August (1553-1586) das Gesuch, und Rühel tauschte ein Jahr später sein Gartengrundstück am Rischebach (ehem. Bruchmühle) gegen eine wüst liegende ehemalige Lohemühle in der Clausstraße, auf die der Lohemüllcr Schechter noch alte Rechte hatte. Diese Lohemühle baute er zu einer Papiermühle um. Danach errichtete er neben der noch jetzt stehenden Neumühle nahe der Rothemark eine weitere Mühle mit Stampfen als Nebenbetrieb. Das Schöpfen des Papiers erfolgte jedoch in der Clausstraße. Rühel begann sofort mit der Produktion von Papier, denn in den städtischen Kämmereirechnungen von 1569 sind die Lieferungen vermerkt.
Der Professor der Rechte an der Wittenberger Universität Dr. Veit Winsheim d. J., der dort selbst eine Mahlmühle aufbauen wollte, verunglimpfte gemeinsam mit den von ihm aufgestachelten Anliegern des Rischebaches Conrad Rühel beim Kurfürsten. Er gab an, daß das Wasser durch die Stampfwerke verseucht würde, daß Rühel das Wasser staute und Änderungen am Bachbett vornehmen würde. Vor allem sagten sie aus, daß die vom Kurfürsten so gern gegessenen Forellen daran zugrunde gehen würden. Der Kurfürst verfügte darauf hin den Abriß der gerade neben der Neumühle errichteten Mühlenstampfe, was einen Schaden von 800 Gulden für Rühel bedeutete. Winsheim hatte sein Ziel erreicht und baute neben der alten Mühlstätte eine neue Mahlmühle. Rühel mußte sich notgedrungen nach einem anderen geeigneten Platz für die Stampfwerke umsehen und fand ihn schließlich auf Trajuhner Flur am dortigen Bach. Rühel, der selbst lange Jahre im Rat saß und auch einmal Bürgermeister war, wußte, daß er dort kaum mit Schwierigkeiten zu rechnen hatte, weil Trajuhn dem Rat der Stadt Wittenberg gehörte. Jetzt ging die Papierproduktion rüstig weiter, doch Rühel war ein gebrochener Mann geworden und starb auf einer Geschäftsreise in den ersten Monaten des Jahres 1579. (Die genannte Mühle mit den Stampfwerken wurde im Dreißigjährigen Krieg durch die Schweden zerstört und nicht wieder aufgebaut. Erst um 1800 wurde hier eine Mahl- und Walkmühle errichtet.)
Rühels Sohn, Magister Joachim Rühel, trat das Erbe an. Er produzierte nun ungehindert den dringend benötigten Beschreibstoff. Doch Erbstreitigkeiten und schlechter Umsatz seiner verlegten Bücher führten bald zum völligen Ruin des einst so gut gehenden Unternehmens. Er starb am 12. November 1597.
Aus der Erbmasse bekamen sein Schwiegersohn und seine Tochter die Papiermühle in der Clausstraße, verkauften sie aber bald 1604 für 1600 Gulden an den Wittenberger Universitätsprofessor Georg Wecker, der sie 1622 mit Gewinn an den Wittenberger Buchhändler Paul Helwig veräußerte. Helwig starb 1631, seine Söhne erlebten das Unglück des Abreißens sämtlicher Grundstücke in der Clausstraße, weil der Festungskommandant beim Nahen der Schweden die Schußfreiheit haben wollte. Dabei erlitt auch die Papiermühle das gleiche Schicksal wie alle anderen Grundstücke in den Vorstädten von Wittenberg.
Erst um 1670 müssen wir einen Neubau der Papiermühle ansetzen, obgleich darüber bisher keine näheren Angaben zu finden sind. 1693 wird als Besitzer der Mühle der Papiermacher Jacob Unruh genannt. Nach seinem Tod 1715 wechselte der Besitzer mehrfach. Bemerkenswert ist, daß die Mühle die Schrecken des Siebenjährigen Krieges überstand. Aber 1806 forderte der französische Festungskommandant, General Lapoype, sie dem Erdboden gleichzumachen. Nach dem Befreiungskrieg wieder aufgebaut, brannte die Mühle 1848 völlig ab, wurde aber durch den letzten Papiermachermeister Carl August Vernau schnellstens wieder errichtet und produzierte bis Anfang 1867. Dann verkaufte Vernau den gesamten Besitz an den Schönfärber Wilhelm Hermann Bienengräber, der hier eine Schönfärberei einrichtete. In der Folgezeit diente das Grundstück bis 1924 als Mahlmühle. Heute beherbergt sie Wohnungen und Möbelspeicher.

Die Rothe Papiermühle zu Prühlitz
An der alten Landstraße Wittenberg-Lausitz-Schlesien lag das Dorf Prühlitz (heute trägt, nach der Zusammenlegung mit dem nahen Dorf Hohndorf, der Ort den Namen Mühlanger). Das alte Prühlitz war ein sogenanntes Ratsdorf und gehörte der Stadt Wittenberg seit 1425. Hier produzierte seit 1546 eine vom Zahnaer Bach getriebene Walkmühle. Zum Bau einer Mahlmühle war es nicht gekommen, denn die anliegenden Mühlenbesitzer hatten mit Erfolg dagegen protestiert. Die zahlreichen Tuchmacher rings um Wittenberg nahmen dort das Walken und Herrichten ihrer Tuche vor. Darunter befanden sich auch laut Vertrag vom 12. August 1606 die Handwerker aus Zahna. Die Stadt Wittenberg kassierte von ihnen das sogenannte Stückgeld für jedes in Arbeit genommene Stück Tuch. Wer dagegen verstieß, mußte mit einer Strafe von einem Silberschock rechnen. Bald hatten die Zahnaer Tuchmacher aber eigene Wege beschriften und bauten eine eigene Walkmühle, die Wittenberger Handwerker brachten die halbverfallene Walkmühle vor dem Elstertor wieder instand. Als 1609 der Vertrag abgelaufen war, nutzten sie bald ihre eigene Walkmühle. Nun blieben die Einnahmen für die Stadt Wittenberg aus, und die Mühlräder standen oft still. Die Errichtung einer Mahlmühle schlug fehl, denn zu den am Zahnaer Bach liegenden Mahlmüllern gesellte sich noch der Wittenberger Amtsmüller, sie alle protestierten dagegen.
So entschloß sich der Rat der Stadt Wittenberg zum Bau einer Papiermühle. Er beauftragte den Dresdener Mühlenbaumeister und Mühlenvogt Andreas Schwartz, einen Kostenanschlag einzureichen. 1611 verzögerte der Rat noch den Beschluß zur Errichtung einer Papiermühle. Endlich 1615 bat man beim sächsischen Kurfürsten in Dresden um das Privileg. Der übliche angeforderte Bericht, den der Wittenberger Amtsschösser dem Kurfürsten zu erstatten hatte, fiel äußerst günstig aus. In hellen Farben schilderte der Beamte, daß der Wert bei 1200 Gulden lag, jetzt aber immer noch 1100 Gulden beträgt. Stuben und Kammern waren aus Eichenholz, stabil wäre der Unterbau. Die Mühle sei oberschlächtig, zwei Gänge wären aufgesetzt, und immer sei genügend Wasser vorhanden, so daß die Mahlmüller keine Klage führen könnten. Auch im Winter ist kaum mit Eis zu rechnen. Der Berichterstatter ließ durchblicken, daß der Rat der Stadt Wittenberg unter Umständen die Mühle mit dem ganzen Grundstück verkaufen würde.
Da entschloß man sich in Dresden zum Ankauf des Mühlengrundstücks und wollte 800 Gulden zahlen. Doch der Rat der Stadt Wittenberg verlangte kein Bargeld, sondern 16 Morgen Wiesen im Krebshorn, weil das nach seiner Ansicht sicherer wäre als das Geld. Später klagte die Stadt darüber, daß die Wiesen ständig unter Wasser standen und die Grundsteuern zu hoch wären. Interessant ist, daß weitere 6 Morgen der Wittenberger Bürgermeister Clanen und der Amtsschreiber Abel Volck erwarben.
Nun ging man zum Bau der Papiermühle über. 1621 war sie fertig, da der mit dem Bau beauftragte Meister Schwartz die Verhältnisse seit 10 Jahren genau kannte. 1621 wurde die Rothe Papiermühle, wie sie bis in unsere Zeit hieß, auf drei Jahre an den Papiermachermeister Andreas Ziegenbein verpachtet. Das Wertvollste war aber das Lumpensammelprivileg. Es erstreckte sich über die Ämter
1639 Andreas Ziegenbein bringt die wettinischen Kurschwerter im Wappen an und setzt die Buchstaben AZ darunter. Geschöpft, wie auch die beiden anderen, in der Rothen Mühle bei Prühlitz: 1731 Anton Wiese und 1766 Carl Gottlob Mönch.
Wittenberg, Seyda, Schlieben, Schweinitz, Torgau, Annaburg, Eilenburg, Düben, Bitterfeld, Delitzsch, Zörbig, Gräfenhainichen, Belzig, Mühlberg, Gommern und Elbenau (im heutigen Krs. Schönebeck). Daß ein solch großes Territorium einbezogen wurde, war einmalig.
Besonders beklagten sich darüber später die Papiermühlenbesitzer im obersächsischen Raum. Ziegenbein zahlte dafür jährlich 250 Gulden Pachtzins. Die fest angestellten Lumpensammler waren vereidigt, trugen eine Legitimation bei sich und konnten ungehindert aufkaufen.
Die sächsische Regierung hatte im angelaufenen Dreißigjährigen Krieg andere Sorgen, als sich um die staatseigene Mühle zu kümmern, deshalb verkaufte sie die Rothe Mühle 1629 an Andreas Ziegenbein. Nicht ohne Bedenken ging dieser auf den Kauf
ein, wollte er doch schon 1627 kein Bargeld, sondern Papier an das Amt liefern und die Pacht um 50 Gulden gesenkt haben. Immer wieder klagte er über die schlechten Zeiten, sie seien „schwer, trübselig, gefährlich", er wissen kaum, wie er Weib und Kinder durchbringcn solle. Von der Kaufsumme von 3000 Gulden sollte die Hälfte innerhalb eines Jahres gezahlt werden, der Rest als Hypothek bei 6 prozentiger Verzinsung stehenbleiben. Doch die sächsische Regierung traute ihm nicht und verlangte zwei Bürgen, die für je 500 Gulden gutsagten. Es wurde für die beiden Wittenberger Buchhändler Matthes Selfisch und Paul Helwig ein teurer Spaß. Rücksichtslos ließ der Kurfürst alle außenstehenden Forderungen gewaltsam einziehen, und - da von Ziegenbein nichts zu holen war - mußten die beiden Bürgen ihre Bereitwilligkeit bitter büßen, noch 1659 zahlten die Erben von Helwig davon ab. Wenn auch die Rothe Mühle die Kriegszeit überstand, so trat doch ein schlimmer Feind ins Haus: die Pest. Daran verstarben Andreas Ziegenbein am 19. Oktober 1637, auch seine Tochter Anna und sein Sohn Andreas. Ziegenbeins Witwe führte das Unternehmen weiter und übergab es ihrem Sohn Siegmund Ziegenbein. Er erbte alle Schulden mit, und man hatte bis zu seinem Tode am 5. Juni 1659 noch einen großen Rückstand, der im Jahre 1663 mit 2400 Gulden angegeben wurde, weil erst 600 Gulden bezahlt worden waren.
Siegmund Ziegenbeins Witwe heiratete den Papiermachermeister Johann Heinrich Möring, der vermutlich bereits schon längere Zeit die Mühle leitete, bis der Besitz für die Kaufsumme von 2000 Gulden an den Wittenberger Festungskommandanten Oberst Hans Heinrich Kuffer zu Hemsendorf im Jahre 1668 überging. Dieser setzte den genannten Möring als Meister ein. Kuffer besaß ferner die Neumühle bei Rothemark, eine Mahlmühle, die einst Professor Dr. Veit Winsheim d. J. erbaut hatte. 1692 starb Kuffer und wurde in Hemsendorf beigesetzt. Schon vor seinem Tode ging die Mühle in den Besitz von Johann Berger über, 1700 wird ein Papiermachermeister Johann Deutsch genannt, vermutlich war er in Diensten bei dem Besitzer Johann Gregor, der die Rothe Mühle um 1681 besaß, doch 1686 nach Roßlau ging. Als weiterer Besitzer erscheint 1709 Johann Caspar Stoltze. Einer der leistungsfähigsten Papiermacher war der Besitzer der Rothen Mühle ab 1724: Anton Friese. Im Alter von 70 Jahren tauschte er seine Prühlitzer Mühle mit der Papiermühle von Piesteritz, weil er gern „Kirche und Gottesdienst in der Nähe" haben wollte, während der Piesteritzer Papiermühlenbesitzer Johann Gottfried Schwitzing die Rothe Mühle übernahm und nach Prühlitz übersiedelte, (1752).
Nach 10 Jahren übergeben die Eheleute Johann Gottfried und Maria Rosina Zwitzsching die Rothe Mühle ihrem Sohn, dem Papiermacher Johann Gottfried Zwitzsching d. J. Im Jahre 1765 kommt es wieder einmal zu einem Tauschgeschäft, denn Johann Gottfried Zwitzsching d. J. übergibt die Rothe Mühle seinem Schwager, dem Papiermühlenbesitzer Carl Gottlob Mönch in Tornau bei Düben, dadurch geht Zwitzsching mit Familie in die Dübener Heide und Mönch kommt nach Prühlitz. Nach langem Schriftwechsel erlangt Mönch das ersehnte Lumpensammelprivileg 1793 durch den sächsischen Kurfürsten Friedrich August III. (1763-1827). Die beiden Söhne der Eheleute Mönch wurden ebenfalls Papiermacher, übrigens waren die Mönches genau wie vorher Anton Friese tüchtige Papiermacher, deren Produkte noch heute in alten Akten von hervorragender Qualität Zeugnis ablegen. 1799 starb der Besitzer der Rothen Mühle, Carl Gottlob Mönch, auf seiner Mühle. Sein Sohn Carl Gottlob Mönch wurde nun Besitzer. Er war aber kränklich und verstarb als lediger Mann im Jahre 1808 im Alter von 48 Jahren in Wittenberg, wohin er verzogen war, „um in hiesiger Stadt den Arzt in der Nähe zu haben", an Nervenfieber. Der kranke Carl Gottlob Mönch d. J. muß schon 1801 die Mühle im Erbgang an seinen Bruder Johann Gottfried Mönch abgetreten haben, beide werden in den Kirchenbüchern nunmehr als Papierfabrikanten genannt.
Als die Franzosen im Jahre 1806 durch Wittenberg zogen, wurde er noch als Papiermühlenbesitzer erwähnt Wenn auch die Mühle diese bösen Zeiten überstanden hatte, so war doch der Absatz des Papiers nicht gewährleistet. Die Schulden wuchsen dem Papiermacher über den Kopf, die Gläubiger drängten, es kam zum Konkurs. Aus der Konkursmasse kaufte der Papiermacher Friedrich August Heerde von den Gläubigern die Rothe Mühle für 4000 Taler im Jahre 1815. In den Hausakten von Wittenberg finden wir die Familie Mönch nun im eigenen Haus Nr. 173. Hier stirbt am 19. März 1832 der in Tornau geborene und einstige Besitzer der Rothen Mühle, Johann Gottfried Mönch, im Alter von 66 Jahren.
Heerde scheint noch einmal gut gewirtschaftet zu haben, denn von 1828 bis 1831 liefert er Papier nach Halle. Am 26. September 1845 stirbt der letzte Papierfabrikant Friedrich August Heerde auf der Rothen Mühle im Alter von 72 Jahren. Die Söhne Karl Friedrich und Theodor Hugo Heerde, beides Papiermacher, kehrten nach ihrer Wanderschaft nicht nach Prühlitz zurück. Seit 1821 befand sich bereits ganz in der Nähe der Papiermühle eine Mahlmühle, aber auch ihr Mühlrad drehte sich 1906 das letzte Mal.

Die Papiermühle in Piesteritz
Das alte Dorf Piesteritz (heute Ortsteil von Wittenberg) lag an einem Bach, „die Piestritz" genannt. Die heutige Alte Dorfstraße erinnert noch daran und gibt uns ein Bild der Dorfstätte.
Piesteritz war ein sogenanntes Universitätsdorf, d. h. alle Abgaben mußten an die Wittenberger Hochschule gezahlt werden, die Einwohner waren Untertanen der Hochschule mit allen Rechten und Pflichten. An dem Piesteritzer Bach ließ die Wittenberger Universität im Jahre 1693 eine Papiermühle errichten.
Anstoß gaben die Wittenberger Buchdrucker Christian Schrödter, Johann Wilcke, Martin Schultze und Johann Hake. Sie teilten unterm 12. Juni 1693 der Universität mit, daß sie unbedingt dafür sorgen müßte, den Papiermangel zu beseitigen, „damit sie einem jeden nach Begehr aufwarten und die Studenten mit ihren öffentlichen Disputationen fördern können, woran sie bisher durch den Papiermangel verhindert worden sind, so daß sie an ihrer Nahrung Schaden leiden (l)."Das teure auswärtige Papier war kaum zu bezahlen. Daraufhin wandte sich die Hochschule an das Konsistorium mit der Bitte um eine diesbezügliche Unterstützung beim Kurfürsten von Sachsen, Johann Georg IV. (1691-1694). Sie erwähnte dabei, daß in früherer Zeit eine Papiermühle in Piesteritz gestanden hätte und man gewillt sei, eine neue dort wieder zu errichten. Um den nötigen Lumpenbedarf zu decken, wäre es aber nötig, daß man die Hadern aus dem großen Sammelgebiet der Prühlitzer Papiermühle mit erhalte. Da dieses Schreiben im September 1693 abgefaßt wurde, ist kaum anzunehmen, daß noch im gleichen Jahr eine Papiermühle gebaut wurde. Dennoch wird das Jahr 1693 in den wenigen Unterlagen, die überhaupt vorhanden sind, stets als Baujahr angegeben. Es kann aber auch sein, daß die Universität einfach mit dem Bauen begann, ohne weitere Bestätigungen aus Dresden abzuwarten. Fest steht, daß bereits Andreas Schwartze, der vordem in der Birkenbuschpapiermühle bei Nudersdorf tätig war, 1645 als Papiermeister genannt wird. Schwartze stand vermutlich als Leiter der Mühle in Diensten der Wittenberger Universität Er starb 1728.
Ein Jahr vorher wird der Papiermacher Johann Gottfried Zwitzsching (Zwitzschke, Schwützing, (Schwetzkce) als Geselle der Piesteritzer Papiermühle genannt Im Jahre 1740 erscheint er in den Kirchenbüchern als Papiermachermeister. 1752 fand der Tausch mit Anton Friese aus Prühlitz statt. Auf einer Landkarte der Ämter Wittenberg und Gräfenhainichen vom Jahre 1749 ist auch die Piesteritzer Papiermühle eingezeichnet
Vermutlich hatte der alte Papiermühlenbesitzer Anton Friese inzwischen einen jungen Meister als Leiter und späteren Besitzer eingesetzt. 1755 erscheint Johann Ferdinand Hentschel im Kirchenbuch als Papiermeister, als seine Ehefrau Anna Justina am 7. Juli des genannten Jahres den Sohn Johann Ferdinand gebar. Aus dem Jahre 1770 liegt ein Bericht vor, in dem ein Umsatz von 1767 bis 1770 mit 240 Talern angegeben wird. Zur Mühle gehörte kein bestimmtes Sammelgebiet, damit wird also gekennzeichnet, daß das damalige Gesuch der Universität, einen Teil vom Prühlitzer Hadernprivileg abzubekommen, nicht realisiert wurde. Aus Geldmangel konnte Hentschel, der inzwischen Besitzer der Mühle war, keinen „Holländer" kauten (= Mahlwerkzeuge zum Zerkleinern der Lumpen, sie lösten die veralteten Stampfen ab). Inzwischen war der Sohn Johann Ferdinand d. J. herangewachsen und wird 1774 als Geselle genannt. 1785 ist er Besitzer der Piesteritzer Papiermühle. 1797 erscheint nach meinen bisherigen Forschungen letztmalig der Name Hentschel, als der Sohn Carl Friedrich geboren wurde, der aber kurz danach verstarb und in Dobien beerdigt wurde.
Es ist bisher nicht bekannt, wann der neue Besitzer Hertel die Piesteritzer Papiermühle käuflich erwarb. Die Familie Hertel ist eine alte Papiermacherfamilie und war über ganz Sachsen verbreitet. Sie besaß auch die Birkenbuschpapiermühle bei Nudersdorf um diese Zeit. Von hier kam dann der neue Besitzer der Piesteritzer Mühle etwa um 1800. 1816/17 zahlt er an die Gemeinde Piesteritz das Weidegeld für zwei Kühe, welche der Gemeindehirte auf die gemeinsame Dorfhütung trieb. 1819 leistet Hertel noch einmal, diesmal letztmalig, das Weidegeld, dann hört die Papiermacherei in Piesteritz auf, und das ganze Grundstück geht in die Hände der Tuchfabrikanten Liepe und Busse aus Luckenwalde über, die dort eine Spinnfabrik errichten. Damit war auch die Erwerbsquelle der bisher beschäftigten Fachkräfte und Handarbeiter der Papiermühle versiegt So erfahren wir, daß der von der Birkenbuschpapiermühle nach Piesteritz umgesiedelte Papiermachergeselle Johann Gottlieb Hühnichcn in Piesteritz, wo er zuletzt als Auszugskossäte wohnte, im Alter von 58 Jahren verstarb. Der Sohn
1765 Johann Ferdinand Hentschel (F H) besitzt die Papiermühle in Piesteritz. Er zeigt in der Mitte die kursächsischen Wappenschilde, umrandet von einem Doppelkreis, in dem das Wort BIESTRIZ steht, Palmwedel umrahmen den Kreis, oben eine Krone.
der Eheleute Hühnichen hatte auch das Papiermacherhandwerk erlernt, führte es aber nicht mehr aus und wohnte als Arbeiter in Wittenberg, wo er ein Hausgrundstück im Elsterviertel hatte. Im Jahre 1848 mußte der Fabrikbesitzer Liepe den Konkurs anmelden. Später entstand auf dem Fabrikgrundstück die Wittenberger Steingutfabrik.

Die „Birkenbuschpapiermühle" bei Nudersdorf
Die Birkenbuschpapiermühle, im folgenden nur Birkenbuschmühle genannt, lag idyllisch am Straacher oder richtiger am Rischebach. Ihren Namen hat sie von dem Waldgebiet, das ringum liegt und eigentlich „Brückenbusch" heißen muß, wie es ja Jahrhunderte der Fall auch war. Es ist nicht ganz klar, ob der Erbauer der Mühle der berühmte Kanzler dreier Kurfürsten, Gregor Brück d. Ä., war. Fest steht aber, daß sich die Papiermühle im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts in der Hand der Familie Brück befand. Am 9. April 1578 kaufte der Rechtsgelehrte und Professor an der Wittenberger Universität Dr. jur. Veit Winsheim d. J., dessen mißliches Treiben gegen Conrad Rühel schon bei der Clausstraßenmühle behandelt wurde, die Birkenbuschmühle von seinem Schwager Gregor Brück zu Borstendorf, dazu gehörte ein Waldstück. Dieser Brück ist aber nicht mit dem obigen Kanzler der Lutherzeit zu verwechseln. 1611 war Winsheim noch Besitzer der Mühle, denn die Ehefrau des Papiermachergesellen Simon Scheibe verstarb „auff Winsheims Bapiermüel", wie es im Kirchenbuch heißt.
Inzwischen war Winsheim 1587 als königlicher dänischer Rat und Kanonikus nach Hamburg gegangen. Es ist anzunehmen, daß er oder seine Erben kein Interesse am Besitz der Papiermühle mehr hatten, denn 1622 verkaufte der dritte Veit Winsheim im Auftrag seines Vaters die Mühle für 3500 Gulden mit allem Zubehör an Wilhelm Löser, Erbsasse auf Kropstädt bei Wittenberg. In dem Schicksalsjahr 1637, als die Schweden rings um Wittenberg alles verwüsteten. einen Teil der Elbbrücke abbrannten und Dörfer in Flammen aufgehen ließen. und noch einmal 1641 wird der Papiermacher Simon Otto auf Birkenbusch genannt. Daher ist kaum anzunehmen, daß die Mühle vernichtet wurde, wie es vor über 50 Jahren einmal geschrieben wurde. Im Jahre 1658 muß eine Erbregelung unter den Lösers stattgefunden haben, denn der Enkel von Wilhelm Löser, Heinrich Löser, hatte die Papiermühle seit einiger Zeit in Besitz und verkaufte sie an die Ehefrau seines Bruders Magnus Löser. 1672 hören wir von einem Georg Heinrich Löser als Besitzer, dem neben der Papiermühle auch die Mahlmühle in Nudersdorf gehörte.
Die adligen Besitzer verpachteten die Mühlen an Fachleute. So finden wir 1672 den Papiermachermeister Simon Otto als Pächter der Birkenbuschmühle. Wenige Jahre später, nämlich 1677 wird der kurfürstliche Kammerjunker Johann August von Spohr auf Schlörbig als Besitzer der Birkenbuschmühle erwähnt, die er dem Papiermachermeister Lorenz Schwarz aus Roßlau in Pacht gibt. Schwarz zahlt dafür ein jährliches Pachtgeld von 70 Gulden, er kann auch für 10 Taler Brennholz im Forst selbst schlagen. Am 18. Dezember 1682 leistet der aus Glauchau (oder Glaucha) stammende Papiermacher Benjamin Scheibenpflug den Bürgereid in Wittenberg. Er ist ein erfahrener Papiermacher und kauft gemeinsam mit seiner Frau Justina Magdalena, geb. Schwarz (vermutlich die Tochter von Lorenz Schwarz) die Birkenbuschmühle in öffentlicher Subhastation (Versteigerung) für nur 400 Gulden. Die Universität Wittenberg hat ein großes Interesse daran, daß das knappe Schreibpapier produziert wird, und zwei Professoren, darunter der Rektor der Universität, Dr. Deutschmann, lassen jeder 250 Gulden als Hypo-
1739 und 1747 benutzt der Besitzer der Birkenbuschpapiermühle, Meister Johann Michael Sienhold, die schönen Tierzeichen Reh und Bär und bringt seine Initialen M S an.
thek eintragen, um die Papierherstellung in Gang zu halten. Um 1720 ist der Sohn Johann Christoph Scheibenpflug (manchmal auch Scheibenpflock geschrieben) Besitzer der Papiermühle, während nun die Mahlmühle durch die „hochadlige Herrschaft zu Nudersdorff" anderweitig verpachtet wird. Im Jahre 1735 muß Besitzer der Birkenbuschmühle der Papiermacher Johann Michael Sienhold gewesen sein, denn er streitet sich mit dem Papiermühlenbesitzer der Rothen Mühle in Prühlitz wegen des Hadernsammelns. Noch 1748 wird Sienhold, der aus einer alten Papiermacherfamilie stammte, als Meister des Papiermacherhandwerks bezeichnet.
Ein Jahr später erscheint auf der Birkenbuschmühle der Papiermeister Johann Gottfried Steidinger und 1751 als Meister Christian Friedrich Baumann. Es war also eine ziemliche Fluktuation, bis endlich durch die alte Papiermacherfamilie Uhlmann wieder Ruhe eintrat. Da finden wir 1769 als ersten aus der Familie den Papiermachergesellen Johann Georg Uhlmann (Uhlemann), der auch in den folgenden Jahren noch in der Birkenbuschmühle tätig ist, bis er 1792 mit kurfürstlicher Erlaubnis eine Papiermühle in Tornau in der Dübener Heide errichtet. 1783 wird Johann Peter Uhlmann in der Birkenbuschmühle genannt. 1801 erfahren wir, daß immer noch Uhlmann Mühlenbesitzer hier ist. Doch dann erscheinen die Meister aus der alten Papiermacherfamilie Hertel.
Zuerst hören wir 1802 von David Gottlob Hertel, der aus Auerbach im Vogtland stammte, wo sein Vater eine Papiermühle besaß. Er stirbt am 24. Juni 1808 im Alter von 42 Jahren an Entkräftung, nachdem er sich nach Wittenberg begeben

1820 Auf diesem Wasserzeichen erkennen wir den preußischen Adler. Als Wittenberg durch den Wiener Kongreß 1815 an Preußen gekommen war, reagierten die einst privilegierten sächsischen Papiermühlenbesitzer sofort und ließen den sächsischen Rautenkranz und die Wettiner Schwerter weg. Dafür kommt nun bei allen - wie hier bei Haertel in der Birkenbuschmühle - der preußische Adler zum Vorschein.
hatte, wo er auf Genesung hoffte. Karl August Hertel gibt später an, daß er die Birkenbuschmühle von 1809 bis 1839 besessen hat. Diese Angaben stimmen mit der Tatsache überein, daß der nachmalige Besitzer Karl Schumann, der Müller und Mühlenbauer, aber kein Papiermachcr war, nach dem Brande der Birkenbuschmühle im Jahre 1840 die Legung des Fachbaumes und die Regulierung des Markpfahles beim Landratsamt in Wittenberg beantragte. Er verkaufte die Birkenbuschmühle an den Papiermacher Görgaß. Von diesem ging sie im Jahre 1868 in den Besitz des aus Merseburg kommenden Papierfabrikanten August Bickel über. Im Jahre 1879 übernahm dessen Sohn Karl Bickel das gesamte Mühlengrundstück für 80 000 Mark. Dieser ließ nun Dampfkraftmaschinen einbauen und sonstige Apparate zur Herstellung von Schrenzpapier. Er verpachtete 1893 den Betrieb an den aus Sachsen stammenden Unternehmer Hardenstein, der aber 1895 in Konkurs ging. Dann übernahm der Besitzer Bickel wieder die Herstellung von Schrenzpapier bis 1905.
Im Jahre 1906 kaufte der Papiergroßhändler Alexander Flinsch den gesamten Besitz. Er baute sofort die Produktionsanlagen ab und errichtete dafür ein schmuckes Wohnhaus. Hier sollte seine an Lungen-Tbc erkrankte Tochter Ines Erholung und Genesung finden. Zu diesem Zweck schuf er im angrenzenden Gelände einen reizvoll gestalteten Ruhe- und Erholungssitz in einem herrlichen Park. Nach dem Tod seiner Tochter ließ er im Park ein Mausoleum bauen und von dem bekannten Bildhauer Klimsch eine Frauengestalt in Marmor schaffen. Als Flinsch starb, wurde auch er hier beigesetzt.
Die Birkenbuschpapiermühle ist unter den in Wittenberg und der näheren Umgebung einst bestehenden Papiermühlen diejenige, die am längsten produzierte und sich der neuen Zeit anpaßte. Der letzte Produzent Bickel ging 1906 nach Wittenberg und errichtete hier ein Papierverarbeitungswerk, heute VEB (B) Papierverarbeitung.

Die wirtschaftliche Lage der Wittenberger Papiermühlen
Bei der vorliegenden geschichtlichen Betrachtung der Papiermühlen in Wittenberg und Umgebung konnten die wirtschaftlichen Belange nur gestreift werden. Allgemein muß man erkennen, daß zu keiner Zeit eine der hier behandelten Mühlen den Bedarf an Papier in Wittenberg decken konnte. Bis zum Bau der zunächst kurfürstlichen Papiermühle in Prühlitz, der Rothen Mühle, im Jahre 1621 wurden nebenher stets die Ballen auf der Frankfurter Messe gekauft oder aus dem obersächsischen Raum bezogen. Es ist natürlich, daß dadurch das Ries teurer war als aus der heimischen Produktion, weil der weite Transportweg hinzukam. Der Rat der Stadt Wittenberg kaufte einmal eine größere Menge in Leipzig, und der Stadtkämmerer entschuldigte sich über den hohen Betrag in der Rechnungslegung damit, daß in der Nähe kein Papier zu bekommen war.
Nach dem Bau der kurfürstlichen Papiermühle in Prühlitz wurde die Lage etwas besser, war sie doch so privilegiert, daß fast in ganz Kursachsen die Hadernsammler für sie aufkaufen konnten. Das war für die übrigen Unternehmer ein schweres Hemmnis und gab immer wieder zu Klagen Anlaß. Der Besitzer der Clausstraßenmühle, Vernau, erklärte einmal, daß er nur existieren konnte, weil ihm sein Verwandter in Jeßnitz die in Anhalt gesammelten Lumpen abgab. Die Papiermühlen untereinander hatten sehr unterschiedliche Arbeitsbedingungen. Die wirtschaftlich stärkste Mühle war zweifellos die Rothe Mühle in Prühlitz. Sie hatte drei Räder und arbeitete mit drei Geschirren mit je 20 Stampfen, sowie mit 2 Bütten, während die anderen nur mit l Bütte arbeiteten. Außerdem besaß sie einen Mahl- und Schneidegang, bevorzugt wurde aber die Papierherstellung. Nach dem Neubau um 1826 war auch ein „Holländer" vorhanden, den die anderen Mühlen aus Geldmangel nicht anschaffen konnten. Mit dem „Holländer" konnte beim Zermahlen der Lumpen in 5 bis 6 Stunden so viel erreicht werden, wie sonst mit einem Stampfwerk in 24 Stunden. (2)
Hier sei auf eine Statistik verwiesen, aus der im Jahre 1770 hervorgeht, daß es in ganz Kursachsen 70 Papiermühlen gab, davon befanden sich im Kurkreis Wittenberg sechs. Sie gliederten sich wie folgt: Amt Belzig l, Amt Liebwenwerda 1, Amt Wittenberg 4. Der jährliche Umsatz dieser Mühlen war sehr unterschiedlich, wie aus nachstehender Aufstellung hervorgeht:

Wahrenbrück (Amt Liebenwerda) 2360 Taler
Belzig (Amt Belzig) 1177 Taler
Prühlitz (Amt Wittenberg) 872 Taler
Nudersdorf (Amt Wittenberg) 765 Taler
Wittenberg (Amt Wittenberg) 714 Taler
Piesteritz (Amt Wittenberg) 240 Taler

Alle Papiermühlen unseres Heimatkreises bekamen ihr Wasser vom Fläming. Oft war bei heißen Sommern zu wenig Wasser vorhanden, bei starkem Frost aber der Mühlenstauteile zugefroren. Nachdem auch die einstmals kurfürstliche Papiermühle in Prühlitz an einen Unternehmer verkauft wurde, handelt es sich bei allen Mühlen um Familienbetriebe. Die heranwachsenden Söhne wurden fast

1848 Beim letzten Papiermachermeister auf der Clausstraßenmühle finden wir als Wasserzeichen neben vielen anderen einen Fisch, der vermutlich auf die damals in großer Anzahl vorhandenen Forellen im Rischebach hinweisen soll.
durchweg Papiermacher, einer erbte die Mühle, die anderen Söhne heirateten irgendwo ein oder gingen auf Wanderschaft. Manche wurden auch Buchdrucker. Die Töchter bekamen Papiermachcr als Ehemänner, weil sich ein Geselle niemals eine solche teure Mühle aus ersparten Mitteln kaufen konnte. Fast in jeder Papiermühle kam es zu Unglücken, oft mit tödlichem Ausgang. In der Regel arbeiteten neben einem Sohn, dem späteren Nachfolger des Besitzers, ein oder zwei weitere Fachleute im Betrieb. Sie wurden durch Handarbeiter und Ablegerinnen unterstützt. Eine kleine Landwirtschaft war meist als Nebenbetrieb dabei. zum Abtransport der Fertigware dienten Fuhrwerke.
Die Birkenbusch-Papiermühle war die einzige, die sich auf Maschinenbetrieb umstellte. Dabei kam es zur Spezialisierung bei der Herstellung von Schrenzpapier (= Packpapier). Die übrigen Mühlen gingen fast wie überall den Weg von der Papiermühle zur Mahlmühle zurück, woraus sie sich meist in früheren Jahrhunderten entwickelt hatten. Aus der Piesteritzer Papiermühle wurde eine Spinnfabrik (Wollspinnerei). Obwohl bei den meisten Papiermühlen in unserer Gegend zwar die Standortfaktoren für eine Weiterentwicklung mit maschinellem Antrieb vorhanden waren, kam es aus Mangel an Kapital nicht dazu.

Literatur und Archivalien
A. Schmidt: Geschichte der Wittenberger Papiermühlen. In: Zeitschrift für Buchkunde. Leipzig 1925, S. 21 ff. Der Verfasser versuchte als Ortsfremder zu einigen Punkten Stellung zu nehmen, was hier und da zu Irrtümern führte. Leider kamen nicht seine gesamten Forschungsergebnisse zur Veröffentlichung, weil die genannte Zeitschrift einging.
Heinrich Kühne: Die 300 jährige Geschichte der Papiermühle in der Clausstraße zu Wittenberg (1566-1867). Maschinenschrift. Wittenberg 1988.
F. v. Hößle: Papiermühlen der Provinz Sachsen. In: Wochenblatt für Papierfabrikation. Biberach (Riss), 1934, Nr. 27, S. 483 ff. Hößle kannte die Örtlichkeiten seiner bearbeiteten Papiermühlen nicht und machte dadurch viele Fehler.
Stadtarchiv Lutherstadt Wittenberg: Mühlenband Nr. 25; Kämmereirechnungen: Copialbuch Nr. 272; Brandakte Vernau von 1848, Nr. 455; Adreßbücher von Wittenberg.
Kirchenbücher der Evangelischen Kirchengemeinde Lutherstadt Wittenberg mit Vororten, Stadtkirche St. Marien, ferner von Straach.

Anmerkungen
(1) Schreiben der Universität Wittenberg vom 9. September 1693 an das Oberkonsistorium. Vergl. Unv.-Archiv Halle, WUA Tit. XXIII Nr. 6 Bl. 20 u. 20 a, abgedruckt unter Nr. 828 in: W. Friedensburg: Urkundenbuch d. Unv. Wittenberg, T. 2, 1611-1813. Magdeburg 1927, S. 300-301.
(2) T. Weiss, Herausgeber W. Weiss: Handbuch d. Wasserzeichenkunde, Leipzig 1962, S. 28.
(3) Weiss a. a. O., S. 7
Während China das Ursprungsland der Papierherstellung ist, ist das Wasserzeichen eine europäische Erfindung. Handgeschöpfte Büttenpapiere tragen alle diese Zeichen als Erkennungsmerkmale, Herkunftszeichen und Meistermarken. Sie sind Gegenstand spezieller Forschungen und nach Dr. Wisso Weiß „Denkmäler einer vergangenen Kunst und Technik".
Alle gezeigten Wasserzeichen sind echte Stücke aus der Zeit der Handschöpferei.
Die erste Wittenberger Papiermühle vor dem Elbtor
Die Papiermühle in der Clausstraße
Die Rothe Papiermühle zu Prühlitz
Die Papiermühle in Piesteritz
Die „Birkenbuschpapiermühle" bei Nudersdorf
Die wirtschaftliche Lage der Wittenberger Papiermühlen
Literatur und Archivalien
Anmerkungen
Geschichte der Wittenberger Papiermühlen


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10. Die neue Brikettfabrik

Gang durch das neue Industriewerk in Dobien


Aus Wittenberger Tageblatt 20.Januar 1941

Wir berichteten bereits wiederholt von der neuen im Landkreis eingerichteten Brikettfabrik, deren Aufgabe es ist, zusätzliche Kohlenmengen für die Verbraucher im Stadt und Landkreis Wittenberg und verschiedene benachbarte Kreise herzustellen. Die Kreisverwaltung Wittenberg hatte den Plan aufgegriffen, eine solche Fabrik anzulegen, als der Reichskommissar für die Kohlenwirtschaft dies zum ersten Male anregte. Landrat Holtz und Direktor Linnemeyer bearbeiteten mit großer Überlegung und Tatkraft das Projekt, und es gelang ihnen, durch den Abschluß weitsichtiger Verträge die neue Brikettfabrik einzurichten. Damit hat Wittenberg durch die Schaffenskraft der Kreisverwaltung ein Industriewerk erhalten, das in der gleichen Art in Großdeutschland nur noch in Dresden, Nürnberg und Wien entstanden ist.
Wir hatten in diesen Tagen Gelegenheit, zusammen mit Vertretern der Partei, des Regierungspräsidenten, der staatlichen und kommunalen Behörden die neue Anlage in Reinsdorf-Dobien in voller Tätigkeit zu besichtigen. Auf dem Eisenbahnweg (bei entsprechendem Wetter auch auf dem Wasserweg) erhält die in der großen Ziegelei der Gebrüder Schach untergebrachte Brikettfabrik täglich 1000 Zentner böhmischen Braunkohlenstaub angeliefert. Mit kleinen Loren wird der Kohlenstaub, der besser ist als der in der mitteldeutschen Gegend gewonnene Braunkohlenstaub, in die Fabrik befördert. Die bessere Beschaffenheit ist darauf zurückzuführen, daß der böhmische Braunkohlenstaub beinahe dem Kohlenstaub der Steinkohle entspricht.
In der Fabrik befindet sich ein Kollergang, das heißt eine große Trommel, in der sich zwei schwere Eisenräder dauern drehen, um den Kohlenstaub zu zerkleinern, ein ähnliches Verfahren, wie es die Hausfrau bei der Benutzung eines Mörsers anwendet. In diesem Kollergang wird Kohlenstaub Wasser und eine andere Zugabe beigefügt, daß ein dicker, zäher Brei den Gang verläßt, um in die Brikettpresse zu gelangen. Heißluftanlagen umgeben die Presse, aus der in einem zusammenhängenden Bloch die Kohle herausquillt und durch einen Draht in die Brikettform geschnitten wird. Es ist möglich, in der Sekunde zwei bis drei Briketts herzustellen. Die fertigen Briketts werden mit einem Förderband auf den Trockenboden gebracht, wo sie einige Tage liegen müssen, um den Wassergehalt, der 16 v.H. beträgt, zu verdunsten, ist die Kohle „abgewelkt“, das heißt, so weit getrocknet, daß sie an den Verbraucher geliefert werden kann, so hat das Brikett nur noch einen Wassergehalt von 12v.H., während andere Braunkohlen einen solchen von 15.v.H. aufweisen.
In diesen Tagen hat nun bereits der Verkauf dieser Briketts begonnen, deren Preis sich auf 1,45 Reichsmark je Zentner stellt. Der einzige Unterschied für den Laien besteht in der Form der Briketts, denn die von der durch das Kreiswirtschaftsamt gegründete GmbH hergestellten sind dicker als die gewöhnlichen Briketts, so daß man sie gegebenenfalls bei Gebrauch einmal brechen muß. Bisher wurden 40 Tonnen je Tag verarbeitet, doch ist eine Steigerung bis 100 Tonnen je Tag möglich. Die GmbH nimmt an, daß sie theoretisch je Kopf der Bevölkerung des Stadt- und Landkreises einen Zentner zusätzliche punktfreie Kohle liefern kann. Die Verteilung der Kohle soll an erster Stelle den Landwirtschafts- und Siedlungsbetrieben zugute kommen, soll aber auch dort helfen, wo Verbraucher mit ihren Punkten aus irgendwelchen Gründen nicht auskommen. Somit verdankt es der Kreis Wittenberg der Initiative der Kreisverwaltung, daß das Kohlenproblem für uns und auch für die benachbarten Kreise überhaupt kein Problem mehr ist.

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11. Die Dobiener Werke

Dobiener Werke
A.Stadelmann
Aus: Unser Heimatland 23.Dezember 1933

Wenn man sich ein Jahrhundert zurückversetzt oder auch nur 40 bis 50 Jahre, wie ganz anders sah es aus in unserer engeren Heimat, besonders im Fläminggebiete. In den Dörfern gab es noch viele mit Stroh gedeckte Häuser, die nicht selten aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges stammten. Die Hofräume und Ställe waren vielfach eng und muldenförmig, vielfach ungepflastert, recht unwirtlich. Und da, wo sich heute große reichtragende Feldmarken ausbreiten, wo herrliche Wiesenflächen nicht nur das Auge des Beschauers entzücken, indem sie das Landschaftsbild so angenehm beleben, sondern auch dem Besitzer reiche Erträge liefern, da war ehedem recht unwirtliches Gelände, teilweise im Urzustande, vielfach völlig unzugänglich wegen der Stauwässer, die seit ewigen Zeiten standen, weil man ihnen keinen Abfluß verschaffte.
Ein solches unwirtliches Gelände war auch die auf der Teuchler Flur Löbigkau (Laubenau) gelegene Löbigke. Sie grenzt an die Dobiener, Reinsdorfer und Wittenberger Gemarkung und wird von der in den Jahren 1866/67 erbauten Belziger Chaussee durchschnitten. - Diese Löbigke war und ist heute noch teilweise ein gefährliches Sumpfgelände, wie schon angedeutet, in welchem außer den bekannten Sumpfhölzern auch die jetzt so seltene Moosbeeren - Vaccinium Oxycoccos - von den Einheimischen Knappsäcke genannt, viel vorkamen. - Das Gebiet, an dem die Teuchler Hüfner Möbius, Göricke, Lindemann, Meißner Knape, Lehmann und Wollschläger teil hatten, diente vorwiegend als Hutung. Da ist es nicht selten vorgekommen, daß ein Stück Vieh versank und nur mit Mühe gerettet werden konnte. In recht strengen Wintern, wo alles fest zugefroren war, wurden hier Fuchsjagden veranstaltet, daher auch der Name Fuchsberg für die höchste Erhebung im Gelände. - Durch das Gebiet führte ein Zugangsweg, der an der Belziger Straße endete, - An diesen Weg grenzten die wenigen Ackerstücken. Hier sei eingeschaltet, daß der Löbigberg beim Chausseebau ausgeschachtet wurde. Diese Arbeit leitete der Schachtmeister Gottlieb Lehnert aus Reinsdorf. Die Arbeiter erhielten für jede Tagesleistung 65 Pfennige.
Seit 1871 firmiert das zirka 300 Morgen große Gelände unter dem Namen „Dobiener Werk“.
Gehen wir auf den Anfang zurück. Spekulative Leute hatten schon immer ein besonderes Interesse an der Löbigke. Im Jahre 1840 kaufte Pinkert aus Wittenberg einen Teil an, baute hohe Trockenschuppen und legte regelrechte Torfstiche an. Er beschäftigte zirka 30 Arbeiter, welche dem Torfmeister Adler aus Dobien unterstellt waren. Bei den Arbeiten wurden eine Anzahl starker Eichen zutage gefördert, deren schwarzes konserviertes eisenfestes Holz von den Tischlern gern gekauft wurde. - Der Stechtorf, dieses so wertvolle Brennmaterial, namentlich in damaliger Zeit, wurde in der Umgegend verkauft. - Die Torfstiche lagen mehr in der Mitte der Löbigke. - Im Jahre 1855 kaufte Salzmann aus Wittenberg - später Salzmann- Förster, Berlin - noch Gelände an, nachdem sie sich durch Bohrungen von dem Vorhandensein ergiebiger Kohlenflöße, die allerdings schräg einfielen, überzeugt hatten. Mit 1 - 2 Meter Abraum wurden diese freigelegt und die Kohle im Tagebau gefördert.
Die Arbeiten, bei denen 30 Arbeiter tätig waren, leitete Schachtmeister Gottlieb Lehnert, Reinsdorf und der sachkundige, rührige Steiger Christian Korbien aus Dobien, später Grunewald. - Bei den Erdarbeiten wurden vielfach 15 - 20 Strafgefangene aus Wittenberg unter Aufsicht des Kriminalwachtmeisters Eidiner beschäftigt. Sie erhielten 40 Pfennig Tagelohn, 20 Pfennig bar und 20 Pfennig wurden auf Brot gerechnet.
Neben Salzmann und Förster tauchten auch bald der Steiger Erich auf (der Vater von Gustav Erich, dem Neuerbauer der Talmühle). Er war vorher tätig in der Andreeschen Kohlengrube in Reinsdorf. - Erich kaufte Grundstücke vom Hüfner Lehmann, Teuchel und legte ebenfalls einen Tagebau an. Er beschäftigte auch 30 Arbeiter. Die teilweise recht stark auftretenden Wassermassen bei den Arbeiten wurden damals noch mit Handpumpen beseitigt.
Im Jahre 1860 kaufte die „Dessauer Credit Bank“ Gelände an und ließ 30 Meter tiefe Schächte anlegen. Das Wasser wurde mit 7 Dampfpumpen beseitigt. - Diese neue Anlage hatte für die beiden Anlieger den Vorteil, daß sie das Wasser aus ihren höher gelegenen Schächte mit los wurden und nun tüchtig Kohle fördern konnten. Diesen Vorteil sollten sie aber nicht lange genießen, und daran waren sie selbst schuld, indem sie den Nachbarn die angemessene Entschädigung für ihre Leistung verweigerten.
Bei den Dessauern war der Häusler Christian Lieder aus Dobien Maschinist, bei den anderen sein Sohn Johann Vorarbeiter. Eines Tages sagte Lieder sen. zu seinem Sohne: „Du, paß auf, ihr müßt bald einpacken, der Steiger Lorenz läßt euch versaufen!“.
Und richtig, bald konnten sich die Besitzer der Tagebauten vor Wasser kaum retten. Als sie aber trotzdem bei ihrer Weigerung beharrten, so änderten sich die Verhältnisse nicht, und so gaben sie den Betrieb auf. Erich ging als wohlhabender Mann nach Gniest und kaufte sich dort an. - Nun wurden die Tagebaue von den Dessauern erworben.
Aus den Schächten wurde die Kohle mittels Haspel befördert. Im Jahre 1869 stellte auch diese Gesellschaft den Betrieb ein, weil ihnen die Wasserverhältnisse zuviel zu schaffen machten.
Zwei Jahre herrschte Ruhe im Gelände. Da war es die bekannte Weltfirma Statien und Becker, Pächter der Bernsteingruben auf der Halbinsel Samland , die den ganzen Betrieb erwarb und ihn durch Ankauf neuer Grundstücke beträchtlich erweiterten. Die neue Firma entfaltete eine großzügige Tätigkeit. Ihr kam es darauf an, neben der Kohle auch die gewaltigen Tonlager auszubeuten und Steine zu fabrizieren. Zu diesem Zwecke ließen sie acht deutsche Ziegelöfen bauen, Öfen, die zum großen Teil in der Erde standen. Die Steine hierzu lieferte die derzeitige Ziegelei auf der Kolonie Mochau von Löwe. Auch wurde der schon oben erwähnte Zugangsweg, der durch das Gelände führte, angekauft.
Unter Leitung des Obersteigers Schwennicke wurden Schächte angelegt, gewaltige Kessel und Maschinen aufgestellt, damit man erst einmal des Wassers Herr wurde. An Stelle der deutschen Öfen wurde gar bald, es war in den Jahren 1876 bis 1878, in der Nähe und Richtung der Belziger Straße, zwei große Gasringöfen gebaut und hohe Schornsteine errichtet.
Bei der Firma arbeiteten ständig 60 bis 70 Maurer. Für die Einwohner in Dobien und die umliegenden Ortschaften brach eine neue Zeit an. Viele fanden bei regelmäßiger Arbeit lohnenden Verdienst, den damaligen wirtschaftlichen Verhältnissen entsprechend 1 Mark bei einer Tagesleistung von früh 6 Uhr bis abends 6 Uhr. Besondere große Baracken dienten zur Aufnahme fremder Arbeiter, Polen, besonders aber Lipper unter einem besonderen Meister. Dreihundert Arbeiter waren tätig. In dieser Zeit blühte namentlich der an der Belziger Chaussee an der Grenze von Teuchel, Dobien und Reinsdorf zu Reinsdorf gehörige Gasthof „Stadt Brandenburg“, im Volksmunde „Letzte Groschen“ genannt. Der Besitzer Franz Strömer und seine Frau geborene Strentzsch aus Wittenberg, verstanden es ausgezeichnet, sich den günstigen Verhältnissen vorteilhaft anzupassen. Mit der Gastwirtschaft verbanden sie eine flottgehende Bäckerei, außerdem unterhielten sie zwei Gespanne Pferde zum Personen- und Frachtverkehr.
In dieser Zeit haben auch die Einwohner von Dobien, Heinrich Studer, Karl Schüßler, Waigandt, Friedrich Angelroth und Friedrich Gätzschmann durch regelmäßige Kohlenabfuhr mit ihren eigenen Gespannen in die nähere und weitere Umgegend, bis nach Dessau, schönes Geld verdient. Von der Grubenverwaltung selbst wurden 14 Gespanne gehalten. Die Kohle war gut, sie wurde teilweise in großen Stücken zu Tage gefördert.
Im Jahre 1879 am 24.Mai verunglückte tödlich der junge Maschinist Wilhelm Lehnert aus Reinsdorf, er geriet in das Getriebe und wurde arg zerstückelt. Ihm folgte leider in demselben Jahre sein Vater Gottlieb, es war am 15.Dezember. Er, als Sprengmeister, wollte gefrorene Sprengpatronen am heißen Ofen auftauen lassen, und da geschah der gräßliche Unfall!
Im Jahre 1880 wurde unter Leitung des Obersteigers Borkenstein der große Moritzschacht am Fuchsberg angelegt. Dieser war 40 Meter tief. Zu ihm führte eine von Bergmann Wilhelm Buder angelegte 40 Meter lange schiefe Ebene, die später um 12 Meter vertieft wurde.
In dem großen Maschinenhause am Abhange des Fuchsberges waren 7 große Dampfkessel, ein Dampfsammler, ferner 200 und 400 pferdige Maschinen und Pulsometer in Tätigkeit. Der junge Borkenstein wird als ein außerordentlich fachkundiger, gewissenhafter, wohlwollender Beamter gerühmt. Öfter mußte er dem Drucke der Direktion nachgeben und mehr liefern, als zur Aufrechterhaltung eines sachgemäßen, sicheren Abbaues nötig war. Er mußte Raubbau treiben! Die von ihm befürchteten und öfter vorausgesagten schlimmen Folgen blieben denn auch nicht aus. Die Arbeiten im Schacht wurden immer gefahrvoller, denn die Wassermassen, vielfach mit Triebsand vermischt, nahmen überhand und konnten kaum bewältigt werden. Hier sei folgendes beigefügt: Borkenstein, dieser pflichttreue Mann, hatte das Unglück, daß ein Junge in einen Schacht fiel und erstickte. Borkenstein bekam ein halbes Jahr Gefängnis!
Ein andermal verfielen die Arbeiter Gremer und Dannenberg aus Dobien und Damm aus Wittenberg. Borgenstein wurde abermals vor Gericht gestellt. Die Gerichtsverhandlung dauerte lange und war sehr aufregend, aber auch interessant insofern, als mehrere technische Vorrichtungen im Gerichtssaale aufgebaut waren, deren Zweck und Handhabung den Richtern vor Augen geführt wurden. Als Sachverständiger fungierte Oberbergrat Hecker aus Halle. Der Staatsanwalt beantragte vier Jahre Gefängnis. Durch den tüchtigen Verteidiger, Rechtsanwalt Wölfel, Merseburg, Vater des ehemaligen hauptmann Wölfel bei den Zwanzigern in Wittenberg, wurde Freispruch erzielt. - Borkenstein gab seine Stelle in Dobien auf und wanderte nach Rußland aus. Bald aber wurde er von der Firma zurückgeholt und in deren Bernsteingruben in Palnicken eingestellt. - Auf den hiesigen Werken nahm Obersteiger Richter seine Stelle ein. Er mußte ebenfalls dem Drucke der Direktion nachgeben, und so trat bald ein, was Borkenstein vorausgesagt hatte, der große Schacht und mit ihm die anderen „ersoffen“. Der Moritzschacht am Fuchsberg wurde mit doppelten Buhlen zugedeckt, ein anderer Schacht blieb offen. - Nur der mehr nach Nordosten liegende Schacht blieb im Betrieb. Im Jahre 1885 wurde das Werk an den Bankier Ebers, Berlin, verkauft, der seinen Neffen Georg Evers und Alexander von Krottnauer zu Direktoren einsetzte. Das Werk erhielt Bahnanschluß an die Eisenbahnlinie bei Klein Wittenberg. - Von Evers ging das Werk 1889 in den Besitz des Bankiers Ludwig Kappel, Berlin, über. Dieser stellte Franz Marquardt, einen geborenen Magdeburger, als Direktor ein. Marquardt brachte den Betrieb tüchtig in Schwung. Er ließ zunächst alle notwendigen Reparaturen vornehmen, die Schornsteine erhöhen und im großen Steine herstellen. Brennmeister war der Häusler Franz Schreiber, Dobien. Der Ton wurde aus dem großen Tonschacht an der Dobien-Teuchler Grenze mittels Seilbahn über das Schüßlersche und das dem Ortsvorsteher Studer gehörige Feld nach den Pressen geleitet. Der Schacht hinter dem Fuchsberg, der den Namen Olga nach der Frau des Direktors erhielt, wurde in Betrieb erhalten vom Obersteiger Müller und dem alten bewährten Steiger Christian Korbien. Der Schacht selbst war 25 Meter tief und der Sicherheit halber mit starken Eisenschienen versteift. Die Strecken liefen nach Nordosten und Osten. Ich selbst habe diese, dunkeln dumpfen Gänge mit meinem alten guten Freunde Korbien durchwandert. Auf einer starken Leiter wurde der Ab - und Aufstieg vollzogen. Im Maschinenraum oberhalb war der Häusler Friedrich Lehnert, Reinsdorf, tätig.
Nach mehreren Jahren mußte auch der Betrieb des letzten Schachtes der Wassergefahr wegen eingestellt werden. Otto Korbien aus Dobien kaufte Schornstein und Kesselhaus, brach alles ab und verwandte die Steine zum Aufbau seines schönen Wohnhauses.
Neue große Tonlager wurden erschlossen auf den angekauften Grundstücken des Häuslers Gottfried Schering, Dobien. Der Ton wurde mittels Feldbahn, die lange Zeit von dem Häusler Friedrich Schmidt, Reinsdorf, geführt wurde, an Ort und Stelle befördert wurde. Schacht- und Sprengmeister war der umsichtige, gewissenhafte und fleißige Häusler Johann Lieder aus Dobien. Gesprengt wurde mit Dynamit, später mit Westfalit. Das Gewölbe zur Aufbewahrung des Sprengmaterials befand sich im Fuchsberg. Die Dobiener Steine waren von vorzüglicher Qualität, wie sie es auch heute noch sind. Sie brauchten allerdings 1400°C Hitze, während die Nudersdorfer und Bitterfelder nur 800°C benötigten. Bei einer Jahresproduktion von fünf Millionen gingen die Steine viel nach den großen Städten, namentlich nach Berlin. Auch beim Bau des Nord- Ostseekanals fanden sie Verwendung.
Der Preis pro Mille schwankte zwischen 25 - 40 Reichsmark. Auch wurden die allegorische Plastiken hergestellt. Figuren, welche die durchgeführte Personifikation abstrakter Begriffe in der Kunst darstellen: Religion, Liebe, Gerechtigkeit, Krieg, Frieden, Frühling usw. werden als lebende Wesen handelnd und redend gestaltet. Zwölf dieser Kunstwerke zieren das Reichstagsgebäude in Berlin. Hier in der Heimat sind solche noch zu sehen im Kreisgarten zu Wittenberg und im Garten des verstorbenen Meister Puff in Reindorf, Dobiener Weg Nr.4. Direktor Marquardt ließ auch die kahlen Rücken mit Kiefern aufforsten. Das geschah unter der sachkundigen Leitung des Häuslers Eduard Zäper, Schmilkendorf.
Die Schonungen entwickelten sich recht gut. Sie belebten das gesamte Landschaftsbild nicht nur angenehm, sondern sie boten auch dem Wilde gute Deckung. Die jagdlichen Verhältnisse besserten sich sehr; es fand sich Rehwild als Standwild ein, und in einem Jahre hatte der Jagdpächter das Glück, sechs gute Böcke zu erlegen. War das ein reges Leben auf den Werken! Früh 5.45 Uhr rief die Fabrikpfeife die vielen Arbeiter zur Arbeit, die dann pünktlich um 6 Uhr begann.
Direktor Marquardt war zwölf Jahre lang hier tätig. Er kannte das Terrain ziemlich genau und wollte nach dem vorhandenen Bohrplan, der später aber abhanden gekommen ist, weitere Tonlager erschließen. Von dem neuen Besitzer, Gumpel, Berlin, wurde ihm deutlich zu verstehen gegeben, daß er nicht genug Fachmann sei, um den Betrieb weiterhin rentabel zu gestalten. Er räumte deshalb das Feld und übernahm die Teuchler Ziegelei am 01.März 1902 unter der Firma Beutel und Marquardt. Der neue Besitzer war der Meinung, man müßte es nur richtig anfassen, um den Betrieb leistungsfähiger zu gestalten. Er stellte den Direktor Löser ein, einen jungen Mann von 25 Jahren. Der ging nun sehr großzügig zu Werke: Ein neuer Kohlenschacht wurde angelegt, aber sein Betrieb bald wider eingestellt. Neue kostspielige Brennöfen (Patent) wurden unter der Leitung des Bautechnikers Thondorf, Wittenberg, gebaut und zwar zur Fabrikation von Glasursteinen und Figuren. Die Sache funktionierte leider auch nicht, und so waren die ganze Weisheit und die bedeutenden Kosten vergebens. Eine Unlust bemächtigte sich der Arbeiter. Die, welche unter Marquardts Leitung manchmal gemurrt hatten, hörte man öfter sagen: „Wenn doch bloß Marquardt wieder käme“. Löser wurde von Hempel auf Schadensersatzleistung verklagt; er hat aber den Prozeß gewonnen. Nach Gumpel war Lindner, und dann Oberförster a.D. Hähnert Besitzer der Werke.. Hähnert stellte den Obersteiger Ericht ein. Dessen Gutachten lautete dahin, daß der neu anzugreifende Bergbaubetrieb nur mit erheblichen Kosten 36 000 bis 40 000 Reichsmark aufrecht zu erhalten sei. Und bald stand der Betrieb wieder still. Das Werk wurde dann übernommen von der Hannoverschen Kreditanstalt, die Hypothekengläubigerin war. Von dieser Gesellschaft erwarb es eine Bromberger Firma, die während der Kriegsjahre eine Anlage schuf zur Erzeugung von Futtermitteln aus gekochtem, gebeizten Stroh, eine bräunliche Masse von sehr zweifelhafter Qualität. Bald stand der ganze Betrieb wieder still.
Im Jahre 1917 kaufte Bauunternehmer Köppe, Wittenberg, das Werk für 90 000 Reichsmark. Er ließ den großen Schornstein niederlegen, den großen Brennofen und die Wohn- und Wirtschaftsräume abbrechen. - Seit 1920 ist die Firma Mücke, Dobiener Bergbau, Besitzer. Durch Direktor Otto wurden vielfach Bohrungen vorgenommen. Der Bohrmeister aber verließ gar bald das Feld seiner Tätigkeit! Nun trug man sich mit dem Gedanken, die Ziegelei wieder aufzubauen, und auch der Aufschluß der Kohlengrube begann. Den Teichen wurde Abfluß verschafft, und so der Wasserspiegel bedeutend gesenkt, die Abraummassen dienten zur Eindämmung eines großen Teiles des untersten Teiches. Es wurde ein Zick-Zackofen gebaut und eine Presse neu erworben. 1922-23 wurde die Dresdener Ziegelei abgebrochen und das Material per Kahn hierher gebracht; der Geldgeber war Hiller, Berlin. Die Ziegelei wurde erbaut durch Märzdorf, Bethke, und Schlamann. Seit1923 wurde mit Hochdruck gearbeitet, eine Sandwäsche und eine Gebläsekieswäsche erbaut, letztere aber nicht in Betrieb gesetzt, weil das Material fehlte.
Im Oktober 1923 übernahm Fischer die Leitung des Werkes; zwei Jahre darauf kam der Konkurs. Die schönen Waldungen, im besten Wuchs, wurden verkauft und zum Teil abgeholzt. Die Ländereien wurden verkauft (1927). Das Werk blieb liegen. 1927 im Juni wurde der Betrieb wieder aufgenommen unter Leitung Fischer-Puff. Im Oktober 1927 brannte das Brennhaus nieder. Es wurde wieder neue Pressen eingebaut, die Sandwäsche blieb liegen. Im Jahre 1928 bei dem Besitzer Krukenheimer wurde mit Hochdruck gearbeitet. Die Jahresproduktion betrug 10 Millionen Steine. Im Jahre 1929 ging das Werk in die Hände des Professors Schilling über. Die Sandwäsche wurde ausgebaut, alles übrige im großen Maßstabe hergerichtet, mit modernen Pressen und Kollergänger , mit einem Kostenaufwand von 75 000 Reichsmark.
Die Öfen und Trockenanlagen wurden neugebaut. In den Jahren1930 bis 1931 wurde das Werk von Fischer gepachtet. Am 18.Juni 1932 ging das Werk abermals in andere Hände über. Die bebaute Fläche 3,7375 Hektar und sonstige 52,5031 Hektar, insgesamt also 56,2406 Hektar und 225 Morgen erwarben die Gebrüder Zscharch, Leipzig, welche den Betrieb unter der Bezeichnung Dobiener Ziegelwerke G.m.b.H weiterführen wollen. Möge ihnen ein guter Stern leuchten im neuerwachten, langersehnten Dritten Reich!
Das Gelände hat in seinen untern Teile drei große Schachtteiche, deren Ufer teilweise mit Schilf bedeckt sind. Diese Teiche sind fast das ganze Jahr hindurch von Wassergeflügel belebt. An der Südseite befindet sich ein schönes Birkenwäldchen. Schade, daß die leeren Tonschächte nicht aufgeforstet sind. Pappeln auf der Talsohle müßten dort ausgezeichnet wachsen und hoch emporstreben. Brombeerhecken, Rosen- und Johannesbeersträucher sind in Mengen vorhanden. Im Jahre 1890 wurde der Ertrag der Brombeeren auf vierzig Zentner geschätzt, gewiß nicht zu hoch! - Im August jeden Jahres prangt das Gelände im Schmuck des Heidekrautes. Früher hüteten die Teuchler Hüfner ihre Schafe auf der Löbigke.
Als Entschädigung hatten sie zu Marquardts Zeiten jedes Jahr einen fetten Hammel zu liefern. Im Jahre 1891, in einem sehr trockenen Sommer, gerieten die Torfschichten zwischen den Teichen und dem Fuchsberg in Brand, aus welcher Ursache, ist nicht bekannt, und dieser Brand konnte auch nicht gelöscht werden, wurde auch nicht angedämmt durch drei schwere Gewitter mit wolkenbruchartigem Regen. Namentlich wurden die Einwohner von Dobien öfter durch die weißen, schwefeligen, stinkenden Rauchschwaden des Moorbrandes, der 1 ½ Jahre anhielt, öfter arg belästigt. Daß in der Nähe des Geländes schon vor Christi Geburt menschliche Ansiedlungen gewesen sind, beweisen die zahlreichen Aschenurnenfunde, ein Meter tief unter der Erde - auf dem Grundstück des Häußlers August Pötzsch.
Von einem eigenartigen Geschick wurde der Kaufmann Theodor Heydrich aus Wittenberg betroffen. Als Jagdpächter des Geländes wollte er eines Tages nach Enten ausspähen und überschritt einen durch den großen Teich aufgeführten Feldbahndamm. Als er an der Seite entlangschritt, gab der Damm, der durch den oberen angestauten Teich gelockert worden war, nach. Heydrich versank in die Tiefe - verlor aber die Geistesgegenwart nicht - und wurde durch die Gewalt des Wassers, ehe der Damm ganz durchbrochen wurde, nach oben gehoben. Schnell faßte er das Schienengleis fest und schwang sich nach oben. Das schöne Jagdgewehr ging natürlich verloren; der Hund war ein Stück voraus, ihm war nichts geschehen.
Es soll ausdrücklich betont werden, daß das Betreten des Geländes mit Gefahr verbunden ist; deshalb sei man gewarnt! Früher befahrene Stecken sind versumpft - zwei bis vier Meter grundlos geworden - und trügerisch mit langen Gras überwuchert. Das ist namentlich südlich vom Fuchsberges der Fall. Achtung! besonders bei Schulausflügen. Wie schon erwähnt, wurde im Jahre 1925 Gelände verkauft. Dieses ist - namentlich im Westen an der Chaussee von tüchtigen Landwirten kulturfähig gemacht worden, und es ist eine wahre Freude zu sehen, wie sich die Mutter Erde unter sachgemäßer und fleißiger Bearbeitung stets dankbar erweist.

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12. Quarzsandgewinnung

Ein neuer Industriezweig für Wittenberg:
Die Quarzsandgewinnung.
Aus:Wittenberger Zeitung 12.September 1924
Vor den Toren unserer Stadt, in der Umgebung von Dobien, Reinsdorf und Nudersdorf, da, wo dürftige Kieferwaldungen hageren Heideboden bedecken und wo nicht einmal die anspruchlose Erika so recht vorwärts kommen will, da hat sich in neuer Zeit eine Industrie entwickelt, die weitere Verbreitung nehmen dürfte und welche geeignet erscheint, der Kette der industriellen Anlagen unserer Stadt ein weiteres Glied hinzuzufügen: die Gewinnung von Quarzsand, also desjenigen Materials, das in Verbindung mit anderen Stoffen zur Herstellung von Glas in allen seinen Formen und Verwendungsmöglichkeiten und anderen schönen Sachen dient.
Quarz 1) ist ein hexagonales 2) Mineral, das vorwiegend in Pyramiden, oft mit Prismenflächen krystalisiert, eingesprengt als körniges bis scheinbar dichtes Aggregat, als Geschiebe, Gerölle und Sand vorkommt (das letztere ist bei Wittenberg der Fall); er ist an sich farblos, durchsichtig und wasserhell, dabei glas- bis fettglänzend. Als Schleif- und Scheuermittel, als Formsand und bei verschiedenen metallurgischen Arbeiten verwendet.
Dem Entgegenkommen des Herrn Bergwerksdirektors a.D. Otto Busch (in Firma Kohlenhandlung J. Waymeyer Nachflg.), eines auf dem Gebiete der Geologie, der Hydrographie 3), des Berg- und Hüttenwesens usw. wohlvertrauten und vielbewährten Fachmannes, der uns erst vor wenigen Wochen durch allgemeinverständliche wohlbegründete Vorträge über die Entstehung, Gewinnung und Verwertung der Braunkohle in der heiztechnischen Ausstellung erfreute, verdanken wir eine Einladung zur Besichtigung der zwischen Dobien und Reinsdorf , nahe der Zweigbahn Kleinwittenberg - Straach auf dem Grund und Boden des Mühlenbesitzers Bollmann in Reinsdorf neu entstandenen ausgedehnten Anlagen der Wittenberger Glassandwerke GmbH, die seit einiger Zeit den Betrieb aufgenommen hat und ihn, gestützt auf gründlicher Fachkenntnisse, fortführt. Es würde zu weit gehen, wollten wir hier den ganzen Gewinnungsprozeß des Quarzsandes von der Ausschachtung im Tagebau bis zur Versendung an die Glas- usw. Fabriken schildern, nur das eine möchten wir mitteilen, daß hier alle erprobten Neuerungen der Zeit sowohl in der Befreiung des Sandes von fremden Beimengungen als auch der Wäsche desselben, bei denen die Elektrizität die Betriebskraft liefert, nutzbar gemacht worden sind. Der Vertrieb des fertigen Erzeugnisses liegt in den Händen der Firma O. Busch & Co., Quarzsand-Vertriebs-Gesellschaft, Wittenberg, der es bereits gelungen ist, einen weiten Kreis namhafter Fabriken als Abnehmer zu gewinnen. Das Werk selbst, erst im Frühjahr dieses Jahres begonnen, bietet große Ausdehnungsmöglichkeiten.
Wie schon erwähnt, befinden sich in der Umgebung Wittenbergs weitere Unternehmen dieses neuen Zweiges der Volkswirtschaft, die uns namentlich leider nicht alle bekannt geworden sind, und auch sie möchten wir, wie die oben genannte Firma, von unsern guten Wünschen auf geschäftliche Erfolge ausschließen.
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1 Quarz, die unterhalb 870)ºC stabile Form des kristallisierten Siliciumdioxids, SiO2 (wasserfreie Kieselsäure); Dichte 2,65)g/cm3, Mohshärte7. Man unterscheidet zwei Modifikationen: a-Qu. (Nieder- oder Tief-Qu.), der bis 573)ºC beständig ist (häufig einfach als Qu. bezeichnet), und den oberhalb 573)ºC stabilen b-Qu. (Hoch-Qu.). Oberhalb von 870)ºC geht Qu. ist nach den Feldspäten das am weitesten verbreitete gesteinsbildende Mineral.- Qu. wird in der Technik sehr vielseitig verwendet; insbes. Qu.sand als Rohstoff in der Glasindustrie. Qu.kristalle dienen wegen ihrer opt. und elektr. Eigenschaften als Bauelemente in der Optik, Elektronik und Nachrichtentechnik.
2 sechseckig
3 Gewässerkunde


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13. Grüntalmühle

Erholungsheim Grüntalmühle
Im Erholungsheim der Ortskrankenkasse I
Adolf Tietze,
Aus: Wittenberger Zeitung 30.04.1926

Grüntalmühle! Mühle im grünen Tal!
Ist das die Mühle, von der der Dichter singt:

In einem grünen Grunde,
da geht ein Mühlenrad“

O ja, das Wort konnte früher, bis zum Jahre 1919,wo sie den Besitzer wechselte, sehr gut auch auf die Grüntalmühle Anwendung finden. In stiller Abgeschiedenheit, fern von dem Hasten und Jagen der geschäftigen Welt, bot sie in idyllischer Ruhe das Bild der Mühle am Bach. Und heute? Auch hier ist neues Leben aus den Ruinen gesprossen, das klappern der Mühle hat aufgehört, der Bach ist abgeleitet worden und zieht jetzt einen weiten Bogen um die Baulichkeit.
(Ob das treulose Mädchen hier gewohnet hat, wage ich nicht zu behaupten.) Dank dem Entgegenkommen des Vorstandes der Ortskrankenkasse I war es mir kürzlich möglich, eine eingehende Besichtigung des Erholungsheimes vorzunehmen, wobei mir der Geschäftsführer der Kasse Hackebeil mit Auskünften bereitwillig zur Seite stand.
Die Grüntalmühle liegt etwa 6 Kilometer nördlich von Wittenberg entfernt. Man kommt zu ihr auf leidlich gutem Fußwege entweder, daß man in den Fußweg in dem Dorfe Teuchel rechts von der Dorfstraße abbiegt und diesen entlanggeht, über den Exerzierplatz hinweg bis zu dem landwirtschaftlichen Gehöft „Die Krähe“ und dann halbrechts durch den Wald; ein anderer Weg, jedoch nicht unwesentlich weiter, aber für Fuhrwerke ausgebaut, führt über Dobien, von hier aus halbrechts zur Erholungsstätte. Automobilstraßen gibt es hier noch nicht, und somit ist die Luft durch Benzinqualm nicht verunreinigt. Es herrscht hier eine idyllische Ruhe.
Am Eingange des Hauptgebäudes werden wir von dem Verwalter des Erholungsheims König und dessen Gattin freundlich begrüßt und dann durch die einzelnen Räume sowohl die für die Erholungsbedürftigen bestimmten als auch die für Wirtschaftszwecke geführt.. von den früheren Baulichkeiten ist außer den Hauptgebäuden nicht viel mehr übriggeblieben. Die Müllereianlage ist vollständig verschwunden und hat einer eigenen elektrischen Anlage mit einem Deutzer Rohölmotor Platz machen müssen. Diese Einrichtung hat sich recht gut bewährt, da das Heim - abgesehen von der größeren Feuersicherheit und der bequemeren Handhabung - den Bedarf an Kraft und Licht selbst zu erzeugen in der Lage ist. Es muß von vornherein gesagt werden, daß das Heim, das für 79000 Mark erworben wurde, nicht auf den Betrieb als Erholungsheim allein beschränkt worden ist, sondern, daß es sich in ausgedehnten Maße mit Landwirtschaft beschäftigt. Während bei der Eröffnung des Heimes 57 Morgen Acker, Wiesen, Wald und Brachland vorhanden waren, sind im Jahre 1924 15 Morgen Acker neu erworben worden, dazu kommen noch 15 Morgen Acker, von Gutsbesitzer Meißner in Teuchel erpachtet und 6 Morgen Elbewiesen, über die mit Stadt Wittenberg ein dreijähriger Pachtvertrag abgeschlossen worden ist. An Personal sind vorhanden außer dem Verwalter König und dessen Gattin und einer Tochter zwei landwirtschaftliche Arbeiter, unter ihnen in altbewährter Treue als erster Hofmeister Schuster, und drei Dienstmädchen. Es war für den Vorstand der Kasse seinerzeit nicht leicht, eine geeignete Person für die Verwalterstelle zu finden, Bewerber waren genug da und die Wahl deshalb nicht leicht. Daß aber auch hier das Richtige getroffen wurde, zeigen heute die Ergebnisse: peinliche Sauberkeit, strenge Ordnung im Heim und der tadellose Zustand, in dem sich der Betrieb befindet. Der Verwalter, seines Zeichens Zimmermann, hat sich so trefflich in seine Aufgabe, sich auch als Landwirt, Gärtner u.s.w. in vielseitigster Weise zu betätigen, hineingefunden, daß er hierin seinen Mann stellt, ebenso wie seine Frau als Hausverwalterin, Köchin u.s.w.. Bei der Anlage der Landwirtschaft herrschte die Absicht vor, daß Heim möglichst unabhängig von dem Bezuge wichtiger Nahrungsmittel zu machen: Kartoffeln, Brot, Eier, Milch, Butter und der gleichen, und das ist so reichlich gelungen, daß von einzelnen dieser Sachen sogar noch Abgaben an den öffentlichen Markt erfolgen können. Der Viehbestand umfaßt gegenwärtig drei Pferde (ein weiteres soll demnächst veräußert werden), etwa ein Dutzend Kühe und Kälber, ebenso viele Schweine und zahlreiches Geflügel.
Der Betrieb des Erholungsheimes ist in der Weise aufgezogen, daß sich links vom Hauptgebäude in einen besonderen Hause die Unterkunftsräume für weibliche Personen, rechts diejenigen für männliche Personen befinden. Je nach Größe der Zimmer sind diese von einer bis vier Personen belegt. Sehr angenehm berührte die peinliche Sauberkeit und tadellose Ordnung die in den Räumen herrschen; schneeweiße Wäsche auf den Betten, die fortgesetzt ausgewechselt und erneuert wird. Die Verpflegung ist eine gute, reichlich und trefflich zubereitet. Ich hatte Gelegenheit, daß Abendbrot der Patienten zu sehen: Rührei mit Bratkartoffeln und Würstchen. Das ist es sicherlich kein Wunder, daß dadurch mehr oder weniger erhebliche Gewichtszunahmen zu verzeichnen sind, die bis zu 18 Pfund betrugen.
Die ärztliche Beaufsichtigung des Heims erfolgt in wöchentlichen Zwischenräumen durch Sanitätsrat Dr. Krüger, Wittenberg, der sich der selben opferbereiten mit hoher Sachkenntnis widmet, und der an den beachtenswerten erfolgen den Heims hervorragenden Anteil hat. Die gesundheitlichen Folgen des Aufenthalts im Erholungsheim sind nach den statistischen Angaben sehr gute, und zwar ergaben sich z.B. im Sommer 1925 folgende Ziffern:
ausgezeichnet 34
ausgezeichnet bis gut 14
gut 66
gut bis befriedigend 8
befriedigend 5 unbefriedigt ein Patient, bei dem anscheinend ein beginnendes Lungenleiden vorlag.
Es muss ausdrücklich hervorgehoben werden, daß Erholungsheim keine Lungenheilstätte sein will, sonder eine Anstalt in der die Besucher durch Ruhe, Aufenthalt in frischer Luft, durch reichlich guter Verpflegung u.s.w. in ihrer Gesundheit gefestigt und gefördert werden sollen. „Wenn auch im allgemeinen, so heißt es in den letzten ärztlichen Berichten im Sommer 1925„ nur soll solche Kassenmitglieder aufgenommen werden, bei denen die Wiederherstellung der Arbeitsunfähigkeit und Besserung der Gesundheit mit Sicherheit zu erwarten war, so ist doch auch einzelnen alten oder sonst invaliden Kranken die wohltat einer Erholungskur nicht vorenthalten wurden.“ Die Besucherzahl belief sich in der Zeit des Bestehens der Anstalt im Jahr 1920 auf 42 Personen, 1921 auf 109 Personen und 34 Kinder, 1922 188 Personen und 101 Kinder, 1923 117 Personen und 29 Kinder, 1924 142 Personen und 12 Kinder und 1925 148 Personen und 46 Kinder, zusammen 1238 Personen. Wie man sieht, eine erhebliche Zahl, die einen beachtenswerten Faktor für die sanitären Verhältnisse darstellen. Die Belegungsfähigkeit beträgt durchschnittlich 40 bis 50 Personen (ohne das eigene Personal).
Gegenwärtig ist man dabei den Platz vor dem Hauptgebäude gärtnerisch zu verschönern. Mit gutem Geschick sind hier Rasenplätze angelegt wurden, deren Umrahmung aus roten Rosen bestehen wird. An den landwirtschaftlichen Arbeiten sind die Pfleglinge nicht beteiligt.
Es ist erklärlich, daß der Mangel an Mitteln manche gute Anregung auf weiteren Ausbau der Einrichtung nicht zur Erfüllung kommen läßt. So fehlt es vor allem an Vorkehrungen zur Beschäftigung der Patienten an Regentagen; wohl sind Unterhaltungsspiel der mannigfachsten Art vorhanden, aber sie genügen nicht für eine größere Zahl von Personen. Eine Liegehalle fehlt ebenfalls, soll aber, wie man mir sagte, geplant sein. Und ein anderes noch: das Radio, von dem die Insassen sofern sie es nicht selbst kennen, soviel lesen und hören. Vielleicht kann der Vorstand der Ortskrankenkasse I auch diesen Wunsch noch erfüllen.
Noch mancherlei lies sich auch den vielseitigen Betriebe des Heims noch berichten. Für heute mag das Vorstehende genügen.
Dem Vorstehenden der Ortskrankenkasse I Anerkennung für das geleistete zu zollen, ebenso wie der umsichtigen Verwaltung, vom ärztlichen Berater bis zum jüngsten Dienstmädchen, ist mir eine angenehme Aufgabe. Möge die Grüntalmühle ihrer Bestimmung noch sehr lange erhalten bleiben
Erholungsheim Grüntalmühle

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14. Dobiener Schulgeschichte

Dobiener Chronik und „Festschrift zur Einweihung der Grundschule am 03.November1956“

In jeder Schule mußte auf Anordnung der Zuständigen Behörde früher schon eine besondere Chronik geführt werden, in welcher die Belange der Schule, der Kirche und der Gemeinde verzeichnet wurden. Diese Anordnung ist nun im neuen Staate mehr Angelegenheit der „Gemeinde“ geworden und soll intensiv betrieben werden. Und diese Maßnahme ist, wie so viele im neuen Staate, mit Freuden zu begrüßen, denn Wissen um die Heimat, das ist der Faktor, der den Staat mit Volkstum erfüllt und ihm die Führer gibt, die ihn in die große nationale Zukunft führen. In erster Linie wird es immerhin Aufgabe des Lehrers sein, der es sich besonders angelegen sein muß, in seiner Schule Orts- und Heimatkunde in rechter Weise zu betreiben, so Heimatpflege, Heimatschutz und Naturdenkmalpflege. Die Heimatpflege in der Heimatschule führt zum Erkennen der Heimat. Die Folge des Erkennens ist die Heimatliebe. Die Heimatschule ist eine Schule der Anschauung, der Wahrheit, der Lebensgemeinschaft, sie ist eine Erziehungs- und Tatschule. Auch der kleinste Erdenwinkel muß den Kindern Leben sein und Leben geben. Erwandert muß die „Heimat im weiteren Sinn“ werden. Heimatliebe, Heimatpflege, Heimatschutz erwachsen aus den Erkennen und Verstehen der Heimat. Um aber zum Verständnis der Heimat zu kommen, müssen die Schüler eingeführt werden in die Heimatscholle, Landschaft, Siedelung, Kultur und Kunst. Einige Stoffe der Behandlung, deren Gipfel die Schönheit der Örtlichkeit ist, sind:
Werden des heimatlichen Bodens, Form der Landschaft, Wasser, Pflanzen, Tiere, Naturdenkmäler, Bauweise, Volkstum, Siedelung, Siedelungsarten, Baudenkmäler
( alte Kirche!), Persönlichkeiten, Feste, Trachten, Geschichte.


Über Schule und Schulmeister

Johann Jakob ist erst im Jahre 1564 Custos geworden, denn bis zu Ostern des Jahres war er des Ambrosius Mulig . Weil er sich nach einer besseren Stelle umsehen wollte, soll er von dem damaligen Burgvogt Helliger seines Amtes entsetzt werden. Vom Konsistorium in Wittenberg wurde er aber in Schutz genommen. Er bittet, bis Ostern in der Küsterei wohnen zu dürfen. Wie lange Jakob im Küsteramte blieb, war nicht zu ermitteln.
Des Pfarrers Bruder Jakob, Johann war zu gleicher Zeit Schulmeister und Küster in Dobien. Beide Männer sind bei der Kirchenvisitation 1575 genannt und wegen ihrer tadellosen Amtsführung gelobt. Pfarrer Paul Jakob hat auch die formula concordiae eines der „Symbolischen Bücher“ der lutherischen Kirche unterschrieben.
Anmerk.: Diese sollte die Zerwürfnisse ausgleichen, die zwischen den Lutherischen und der Melanchthonschen Theologenschule nach Luthers Tod entstanden waren.
Im Jahre 1561 ließ der Magistrat zu Wittenberg eine Kollekte zum Aufbau der Kirche in Dobien zusammenbringen und schickte deshalb ein Bittschreiben an die Magistrate vieler Städte umher. Die Bescheinigungen der milden Gaben sind noch in den Akten vorhanden. Wahrscheinlich wurde nun die Kirche zu Dobien angefangen mit Aufbauen. Das ist auch geschehen vom 12.Oktober ab, weil die alte Kirche samt dem Turm am 15.desselben Jahres zusammengebrochen war.
Mehrere Piesteritzer Bauern schickten ihre Kinder in die Schule nach Dobien, um ordentlich Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen; dafür mußten sie wöchentlich pro Kind 6 Pfennig zahlen. 1617 heißt es : "„Der Küster hält gute Schule, daß auch Leute von anderen Orten ihre Kinder zu ihm schicken“. Es war des Pfarrers Bruder Johann Jakob.

Küster - Schulmeister - Lehrer in Dobien,
die zur Zeit der Reformation dort schon und bis heute in Dobien amtierten. Die bestimmten Nachrichten fangen erst mit dem Jahre 1559 an, wo Paul Jakob Pastor in Dobien wurde. 1559 - 1593.
1564 wurde des Pfarrers Bruder Johann Jakob Custos in Dobien. Er bittet, in der Küsterei wohnen zu dürfen. Beide Brüder sind bei Kirchenvisitation 1575 genannt und wegen ihrer tadellosen Amtshandlung gelobt. Wie lange Johann Jakob im Küsteramt verblieb, habe ich nicht ermitteln können.
Ihm folgte Daniel Curting, der aber, wie sein Nachfolger in seinem Bewerbungsschreiben sagt, erfroren ist im Jahre 1635.
Am 11.März 1635 wurde der bisherige Küster zu Lübnitz bei Belzig, Johann Müller, als Custos in Dobien votiert.
Nach dessen Tode - Müller flüchtete 1637 nach Wittenberg, wo er mit seiner Frau und 3 Töchtern innerhalb drei Tagen verstarb!
Vociert wurde am 18.März 1637 der bisherige
Buchdrucker und Bürger von Wittenberg, Johann Menschkern.
Am 25.05.1650 wurde Balzer Kürsten zum Custos in Dobien ernannt.
Sein Nachfolger Christian Drachstedt hatte an 16 Jahren im Küsterhäuschen zu Schmilkendorf gewohnt und Bat 1675, daß er das Küsterhaus in Dobien beziehen durfte, was auch bald geschah. Er starb im Januar 1692.
Ihm folgte der bisherige Katechet in Schmilkendorf Hans Raute 1692, gestorben den 27.Januar 1730.
Dessen Nachfolger war sein Sohn Johann Gottlieb Raute, seit 7 Jahren dessen Subsitut. cum spe succederdi .
Betrifft Anstellung des Lehrers Johann Gottlieb Xanter, Sohn des Schulmeisters Xanter in Dobien. 13.Juni 1722. Auf Anordnung des Raths der Stadt Wittenberg hat sich Xanter vom General - Superintendenten Dr. Wernsdorf (Bild in der Stadtkirche) vor seiner Anstellung prüfen zu lassen, überhaupt soll dessen Meinung gehört werden. Dr. Wernsdorf wird am 17.Juni 1722 vom Stadt - Sekretär Büttner benachrichtigt. Er prüft daraufhin Xanter und berichtet darüber folgendes: Der p. Xanter konnte zwar ziemlich !!
lesen und schreiben, aber nicht rechnen. Weil nun das Rechnen in der Kirchenordnung ausdrücklich gefordert wird, und der Pfarrer zu Euper, der schon längst hätte Schulmeister in Dobien werden wollen, aber immer abgewiesen worden sei, gegen die Anstellung des Xanter opponiert hätte, so müsse man abwarten, wie das künftige Examen ausfalle. Der General - Superintendenten Wernsberger hält davor, daß zu diesen schlechten und unerträglichen Verhältnissen in Dobien eben kein großer Schulmeister werde nötig sein, überdies möchten sich die Bauern in Dobien (immer ist damit der Schulverband gemeint) nicht viel um das rechnen bekümmern!! Inzwischen wäre nötig, den Kandidaten zur Probe gehörig aufzustellen. Die angesetzte Probe ist dann auch dem Kreisamtmann Leihsell angemeldet worden. Sie wurde abgehalten am 19.Juli 1722. Dabei hat Xanter folgende Lieder gesungen: Wer nur den lieben Gott läßt walten - Herr Jesu Christ, dich zu uns wend - Herr, sei gepreiset - aus Scrivers Hauspostille das Sonntags- Evangelium verlesen - mit den Jungen Katechismus examiert. Mit dem Segen des Pfarrers und dem Gesange des Liedes: Nun Gott Lob, es ist vollbracht! Wurde die Probe beendet. Die Eingepfarrten gaben zur Antwort, daß, wenn sich Xanter mit seinem Vater verträgt und sie zu seinem Unterhalt nichts beitragen müssen, sie gegen die Anstellung nichts einzuwenden hätten.
Aus den Akten der Dobiener Schule auf dem Rathaus zu Wittenberg Wittenberg den 29.Oktober1820 Dörffurt, Bürgermeister.
Bevor der neue Lehrer einzieht, soll das Schulhaus restauriert werden. Schulvorstands-mitglied Andreas Schering (gewiß Ortsrichter) zu Dobien zeigt am 21.10.1820 an, daß die Gemeinde zu Dobien bereit sei, ihren Beitrag zu zahlen, die anderen Gemeinden, auch Schmilkendorf, sich weigern, ihrer Beitragspflicht zu genügen. Der Königliche Landrat, von Leipziger, wurde vom Rate ersucht, zur Einigung darüber einen Termin anzuberaumen. Dieser verfügt deshalb unterm 24.10.1820, daß die Gemeinde - Vertreter sich unweigerlich zum anberaumten Termine einzufinden haben und namentlich Schmilkendorf sich seiner Beitragspflicht nicht entziehen dürfe und könne.
Vocation und Berufung des Lehrers Zschoch von der Königlichen Regierung zu Merseburg am 01.11.1820. Ephoral Gebühren liquidiert 5 Thaler 18 Groschen 6 Pfennig bezahlt aus der Kirchenkasse zu Dobien am 04.01.1821. Zschoch bittet am 12.06.1832 um eine Unterstützung aus dem Kirchenvermögen. Der Rat der Stadt Wittenberg beschließt den 26.06. 1832, vorstehende Bitte zu gewähren und eine Unterstützung zu zahlen. Auf Superintendent D. Heubners Fürsprache sollen 25 Thaler aus den Kirchenärarien Dobien, Reinsdorf, Braunsdorf und Schmilkendorf genommen werden, und zwar nach demselben Beitragsverhältnis, wie die gedachten Ärarien zu der Pension des kürzlich verstorbenen Pfarrers Thalwitzer von Dobien beigetragen haben. Zu den bewilligten 25 Thaler 25 Groschen, Schmilkendorf 12 Thaler 25 Silbergroschen, Reinsdorf 6 Thaler 20 Groschen, Braunsdorf 20 Groschen.
27.06.1832. Gesuch um Unterstützung des Lehrers Zschoch.
Zschoch ist unterstützt worden. Meyner, Pastor
Dr. Heubner bittet abermals um Unterstützung für Zschoch am 14.12.1832. Aus den Kirchenärarien werden vom Magistrat am 19.12.1832 zehn Thaler bewilligt.
Die Einkünfte des Lehrers Zschoch
I. zur Zeit betrugen außer Wohnung, Benutzung der Wirtschaftsräume, Schweine- Kuhstall, Garten mit 160 Obstbäumen 14 Thaler, 42 Scheffel, 13 ¼ Metzen Korn (Wittenberger Maß) 66 Thaler 15 Groschen 9 Pfennig, 32 Brote 8 Thaler 12 Groschen, 32 Würste 2 Thaler 2 Groschen, von den Hüfnern der vier Dörfer.
II. Schulgeld jährlich 40 Thaler von allen Dörfern. Von jedem Kinde 1 Thaler (1807 nur 13 Silbergroschen) Speisegeld 4 Silbergroschen von der Gemeinde Reinsdorf, Brot- und Wurstgeld 16 Silbergroschen von den Kossäthen zu Dobien.
III. Ertrag des Neujahrsumganges 4 Thaler Accidenzien von Taufen, Trauungen und Beerdigungen 10 Thaler von den Eingepfarrten Mayengeld? Jährlich 6 Silbergroschen aus dem Kirchenvermögen.
Summa 146Thaler 2 Silbergroschen 9 Pfennig
Das Beitragsverhältnis zu den Schulunkosten war von jeher nach dem „Mannschaftsfuß“ geregelt. Dobien 7 ½ Mann, Reinsdorf 7 Mann, Braunsdorf 6 ½ Mann = 21 Mann.

Zschoch amtierte bis zum Herbst des Jahres 1838. Er wohnte eine Zeitlang beim Kossäthen Schering (Damm-Schering) und starb 1839 und liegt an der Nordseite der Kirche begraben. Bis Ostern 1839 vertrat L. Baumann aus Wittenberg in Dobien.
Nachtrag: Die Vorgänger von Zschoch: Johann Christian Gätzschmann, der bis 1770 im Amte war. Er starb emeritiert beinahe 74 Jahre alt, 1808. Ihm folgt sein Subsistut Johann Gottlieb Sieker, früher Hilfslehrer beim Mädchenlehrer Böttcher in Wittenberg. Er verwaltete sein Amt nur 6 Jahre, starb am 01.04.1814, 34 Jahre alt, am Nervenfieber. Darauf folgte Friedrich August Trojand, der bis 1820 in Dobien Lehrer war. Er war sehr musikalisch (seine Nachkommen sind heute noch in Klein Wittenberg ansässig). Karl Gottlob Richter 01.01.1839 - Ostern 1871, geboren in Wittenberg am 17.02.1808, starb am 06.01.1878, liegt auf dem Wittenberger Kirchhofe, wo sein Grab heute noch gepflegt wird von seinem Enkel R. Kaufmann in Wittenberg. Richter hatte neun Kinder,
sechs Söhne und drei Töchter, gewiß eine Leistung, diese zu betreuen, dazu noch in dem
Alten Schulhause.
Dieses war ein einfacher Fachwerkbau 1 stöckig mit Stroh gedeckt, und stand weiter westlich von dem späteren am Anberg. In der Mitte war der Hausflur, links davon das Schulzimmer, in welchem 2 Betten für die Kinder standen. Rechts war eine 2 fenstrige Stube, dahinter ein 1 fenstrige Kammer. Mehrere Kinder schliefen in Betten, die auf dem Boden standen. Richter setzte den großen Garten in guten Zustand, pflanzte allerhand Obstbäume an. 2 und der Nußbaum sind heute noch vorhanden, ebenso die Haselnußhecke an der Westseite des Grundstücks. Zur Betreibung der Seidenraupenzucht pflanzte er eine größere Anzahl Maulbeerbäume an. 5 große Bäume standen noch 1888 der Schule gegenüber am Kirchweg und spendeten im heißen Sommer den Schulkindern kühlen Schatten. 1 Baum steht noch neben der Schule. Der am Abort stehende Apfelbaum - grüner Königsapfel - war der Mission geweiht bezüglich seines Ertrages.

Das neue Schulhaus
wurde im Jahre 1852 fertiggestellt und bezogen. Weil der Bau mehr südlich angelegt wurde, so waren größere Erdbewegungen nötig. Links führte die Tür, wie heute noch in das von 3 Seiten beleuchtete große Schulzimmer, dessen Decke in der Mitte durch eine hölzerne Säule gestützt wurde. Von der offenen Küche führte eine hohe Treppe nach dem geräumigen Keller mit Feuergelaß, Waschkeller mit Kessel (den man selbst beschaffen mußte) und der Backofen. Auf der rechten Seite des Hausflures liegen 2 fenstrige Zimmer (erst von mir durch eine Tür verbunden), an der Südseite ist das 3 fenstrige geräumige zweite Wohnzimmer, oben befanden sich zwei große einfenstrige Dachzimmer und zwei Verschlagräume,das südliche ist gedielt. In dem westlichen Dachzimmer hatte Lehrer Richter seine einträgliche Seidenraupenzucht.
Der Bau wurde ausgeführt von Zimmermann und Mühlenbauer Winkler aus Reinsdorf für den Preis von 1200 Thaler? „Hauptmann Winkler!) Spitzname!
Von 1872 - 1874 amtierte Lehrer Freund, welcher den Deutsch - Französischen Krieg mitgemacht hatte, ein strenger Held, 1874 in Senst Gründer des Köselitzer L. Vereins, starb in einer Nervenheil - Anstalt.
Fibler hat 1874 - 1876 in Dobien amtiert,
er wurde aus „gewissen Gründen“ seines Amtes enthoben.
Lehrer Lehmann von 1876 - 01.10.1881.
Rudolf Heinrich Otto 01.11.1881 - 31.03.1885
Vikar Hermann Schröter bis 16.10.1885, dann
Friedrich Anton Hermann Müller, ein Weißenfelser bis 30.09.1887.
Karl Lange aus Dahme, Sa. Elsterwerda von 15.10.1887 - 11.04.1888.
Der großen Kinderzahl wegen, es waren am 01.04.1888 208 Kinder, welche oft auf den sehr schlechten Wegen von den zum Schulverband Dobien gehörigen Orten, denen auch die „Teuchler Mark“ (Dobiener Werke) angeschlossen war, oft mit nassen Füßen, die meisten Kinder kamen in Holzpantoffeln den weiten Weg zur Schule (man wußte es nicht anders seit alters her), war beschlossen worden, einen Anbau am Schulhause zu schaffen mit Wohnung für einen unverheirateten 2. Lehrer. Der Anbau hat 3 Zimmer, 2 zweifenstrige und ein einfenstriges, dazu eine kleine Küche mit 1 Fenster, Kohlenkeller wurde geteilt, auch das erweiterte Schulzimmer wurde geteilt und eine Tür nach der offenen ! Küche hin geführt, durch welche auch, nämlich durch die Küche, der 2. Lehrer die Treppe hoch über den großen gedielten Boden hinweg nach seiner Wohnung gelangte, ein recht unerquicklicher Zustand!
Der Bau wurde ausgeführt von Maurermeister Rehfeld, Mochau.
Sange unterrichtete während der Bauzeit die Kinder im kleinen Saale des Gastwirts Werner, Gasthaus „Zum grünen Tal“.
Oskar Hermann Arno Stadelmann, 01.04.1888 - 31.03.1902, geboren am 10.02.1868 zu Oberreißen im Großherzogtum Sachsen-Weimar als Sohn des Landwirts und Schmiedemeisters Manilius Amandus Stadelmann und Frau Anna geborene Wagenknecht, beide in Oberreißen. Nach dem Besuch der Volksschule, einklassig, des Heimatortes, bezog ich am 01.04.1882 die Präparande und nach 3 Jahren das Königliche Seminar zu Weißenfels an der Saale. Am 24.03.1888 in dem ereignisvollen Jahre, auch durch den strengen, schneereichen Nachwinter, zog ich ohne Sang und Klang ein in die feuchten Räume, war aber nun doch 2. Lehrer von Dobien, welche Wonne!!
Nun ging es freudig an die Arbeit. Das Schulsystem war nun dreiklassig mit 2 Lehrern. Der 1. Lehrer war zugleich Küster und Organist. Mir waren von den 208 Kindern 140 zugeteilt, die Unterstufe und Mittelstufe. Die Kinder der Mittelstufe erhielten im Sommerhalbjahr an 6 Tagen von 7 - 10 Uhr, die Kleinen von 10 - 12 Uhr Unterricht. Im Winterhalbjahr kam die Mittelstufe jeden Tag von 8 - 11 Uhr, die Unterstufe an 4 Tagen von mittags 1 - 4 Uhr in Betracht.
Viel Ärger und Verdruß bereitete mir die Unpünktlichkeit vieler Schüler beim Erscheinen zum Unterricht und vor allem aber das unheimliche Verwechseln von „mir und mich“, „dir und dich“, „ihnen und sie“, wie es heute noch in dem Sprachgebiet existiert und viel vergebliche Arbeit erfordert. Der 1. Lehrer Sange erkrankte ernstlich, leider durch seine Schuld, und mußte Ostern 1889 das Elisabeth - Krankenhaus aufsuchen. Auf dem Transport nach seiner Heimat entschlief er im Zug am 22.05.1889.
Von Ostern 1889 an hatte ich die Arbeitslast inclusive Kirchendienst usw. Allein zu tragen. Kirchendienst bei den oft schlechten Wegen, auch in Schmilkendorf, und ungeheizte Kirchen, namentlich vor Weihnachten und Ostern bei den „Unterredungen mit der konfirmierten Jugend“! Nun, immer Ruhe! „Viel Dienst, viel Ehr!“
Lehrer Richard Erfurth aus Weißenfels war auch ½ Jahr als 2. Lehrer hier tätig.
Mitte September 1889 erhielt ich die 1. Lehrerstelle, aber das Gehalt derselben erst von meiner Einführung als solcher, die eine geraume Zeit später fiel!! Ja so war es1 „die gute alte Zeit“. Das erste, was ich nebenbei tat, war, daß ich mit Hilfe von stets willigen Schülern durch Aufschüttung von Steinen und Sand den seit ewiger Zeit , vor Nässe kaum passierbaren Fußweg zur Schule durch die
Wiese passierbar machte, eine Kleinigkeit, durch welche die Kinder trockenen Fußes zur Schule gelangen konnten. Ebenso wurde über den Bach statt der wackeligen schmalen Bretter ein breiter, befestigter gang aus alten Dielen gebaut. Der Bach, der bis 1848 als Hauptbach (siehe Mühlen) in vielen breiten Windungen Garten und Wiese trennte, wurde geradlinig geführt, von Häusler Dorn, das dichte Erlengesträuch beseitigt und das alte Bachbett eingeebnet. Die Wiese hatte meiner zeit der Häusler Gottfried Schering, der „Kärchenrot“, der erst kurz vor Weihnachten noch mit der Sense dort hantierte. Den Acker bewirtschaftete und auch den Grabgarten der Brennmeister Schreiber, Teuchler Mark von Teuchler Mark brachten mir die Kinder alle Monate (1 ½ Jahre lang) das Schulgeld mit, das ich auch von einigen zwangsweise einziehen lassen mußte.
Am 11.10.1889 verheiratete ich mich mit Wilhelmine Möbius, Tochter des Ortsrichters und Hüfner Gottfried Möbius und seiner Ehefrau Friederike, geborene Schering aus Braunsdorf. Zwar war ich noch jung, aber es heißt: „Jung gefreit, hat nie gereut“. Und das hat sich glänzend bewahrheitet. Ich hatte und habe sie bis heute noch, eine liebe, kluge Frau mit echter Herzensbildung und Sauberkeit. Wie manch versorgte Mutter, die mit blutendem Herzen zu „Frau Kantern“ kam, wurde von dieser in verständnisvoller Weise beraten und getröstet. Ich hatte nun meine Ordnung, an die ich von Jugend an gewöhnt worden war, und Ordnung ist das halbe Leben!
Drei Kinder wurden uns geschenkt: Sidonie, geboren 14.08.1890; Erna, geboren 07.11.1891 gestorben 17.11.1892 und Martin, geboren 09.10.1903. Sidonie war verheiratet mit dem Lehrer an der hiesigen Mädchenschule in der Zimmermannstraße Kurt Pötzsch, der im Weltkriege am 17.06.1915 den Heldentod fürs Vaterland starb bei Traciani - Litauen. Er liegt umgebettet auf dem alten Kirchhofe zu Calwarja, vorher war er von seinen Landsleuten aus Wittenberg neben der griechisch - katholischen Kirche beerdigt worden.
Die Tochter Susanne, Kindergärtnerin in Piesteritz, ist verheiratet mit dem Stadtinspektor Hans Oemer in Teltow, und deren am 06.06.1936 geborenen Tochter Bärbel macht auch besonders uns Urgroßeltern viel Freude, und schon öfters bin ich die 83 Kilometer lange Strecke nach Teltow mit dem Fahrrad schlankweg passiert!! Martin hat das hiesige Gymnasium glatt durchlaufen, studierte alte Sprachen und Geschichte, später Religionsgeschichte. Leider wurde der Jahrgang 1912 „abgebaut!!“ nach dem Kriege, den Martin als Kriegsfreiwilliger mitmachte, er war zum Beispiel auch 17 Monate lang in der Türkei im Hauptquartier, und mußte dort viele Arbeiten erledigen, wozu die anderen zu dumm oder zu faul waren, aber ihren einträgliche Posten energisch verteidigten. Martin hat sich verschiedentlich betätigt bei Vertretungen an Schulen, Banken, als Leiter eines Marmorwerkes im Harz. Nach seiner Verheiratung mit Meta Grabo in Nordhausen, Tochter Ilse, 15 Jahre alt, bekam er Anstellung an der städtischen Mittelschule in Beelitz in der Mark und war nun in dieser Stadt „fest verankert“, ein Glück! Er war von Anfang an, also nach dem Kriege : „rechtsstehend“, wie man es damals allgemein nannte. Seine Behörde war außer den „Provinzialen Schulkollegium“ in Magdeburg (Links - Männer!!), die „preußische Regierung“ in Potsdam nunmehr. Auf Martins Gesuch nach Magdeburg wurde er an das Staatliche Gymnasium in Fürstenwalde berufen, wo er sich in kurzer Zeit die volle Sympathie des Lehrerkollegiums erwarb. Achtung!! Als das Schreiben von Magdeburg in Potsdam einging, wurde Martin vom dortigen Schulrat sofort telegraphisch dahin beordert: Dort der Rat: Mein Lieber, jetzt aber Vorsicht, man stellt ihnen eine Falle!! Man rechnet nämlich damit, daß Sie sich in Beelitz lossagen. Sind sie nun in Fürstenwalde, so können Sie sicher sein, daß Sie nach kurzer Zeit für immer erledigt sind.

Ich gebe Ihnen den Rat, den Sie unbedingt befolgen werden, nein, in Ihrem Interresse befolgen müssen: Sie nehmen das Angebot an, aber Sie stellen für sich in Beelitz einen Vertreter, damit Sie mit der Stadt verankert bleiben (Der Bürgermeister in Beelitz war auch einer von „der Sorte im vorigen Regime“). Und Martin war, auch auf sein Anraten verständig und tat, was ihm von wohlwollender Seite her geraten worden war.
Na, und wie kam es weiter? Lange ließ man ihn nicht in Fürstenwalde, dann kam er an das Gymnasium zu Eberswalde. Da er keine Aussichten hatte, ging er wieder zurück nach Beelitz. Von dort wurde er, der besseren Schulverhältnisse wegen, Tochter besucht das dortige Oberlyzeum , nach Brandenburg an der Havel versetzt an die Mädchen - Oberschule, wo er als Konrektor tätig. In Brandenburg, dieser altehrwürdigen Stadt, ist er auch verankert! Die versprochene Anstellung an ein Gymnasium ist bisher nicht geschehen, schadet nichts: Jeder an seinem Platze! Martin fühlt sich da recht wohl und da die Kriegsjahre doppelt zählen, so hat er auch ein recht auskömmliches Gehalt, was auch im neuen Reiche, trotz der Kürzungen, am 1. Jeden Monats regelmäßig ausgezahlt wird. Und man kann recht zufrieden sein, daß das geschieht.
Diese Mitteilungen auf Seite 112, 113 und 114 dürfte namentlich die Herren Kollegen in späterer Zeit interessieren.
Viel zu den mißlichen schulischen Verhältnissen trug die Ausweisung der vielen Kollegen aus den geraubten Landstrichen bei. Und da diese Ärmsten die Anstellung - Wiedereinstellung nur in Preußen fanden, so waren z.B. 3500 Akademiker in Preußen verdammt, sich nach irgendwelchen Posten umzusehen.
Von Ostern 1891 zum 09.09. des Jahres war Vakanz der 2. Klasse. Da lag die Last wieder auf meinen Schultern. Nun handelte es sich um Vertretungskosten und um den Mehrteil der allgemeinen von der Regierung bewilligten Gehaltsaufbesserung. Letztere war seit 1 ½ Jahren in Rückstand bei mir (auch bei vielen anderen Kollegen). Pfarrer Neumann, der jede berechtigte Forderung „seiner Lehrer“ stets energisch behandelte, hatte auf vier an die Königliche Regierung zu Merseburg keine Antwort bekommen. Und da meine Forderung nicht verjähren sollte, wandte ich mich mit einem Schreiben, Instanzenweg einhaltend, an den Kultusminister Dr. Bosse in Berlin. Und was geschah? Nach 8 Tagen bereits überbrachte mir Pfarrer Neumann die Mitteilung, Daß der Herr Minister die Kreiskasse in Wittenberg telegraphisch angewiesen habe, mir die rückständigen 375 Mark schleunigst auszuzahlen. Weshalb nun??
2. Lehrer Otto Lieske aus Damsdorf bei Liebenwerda vom 03.09.1891 - 31.03.1893.
Karl Franz Baake aus Loitzsch bei Wolmirstedt 01.04.1893 - 30.09.1894.
Nachtrag: Johann Gustav Reuhse aus Spröta bei Delitzsch, ein Sonderling, abergläubisch 01.10.1890 - 31.03.1891
Johannes Paul Bernhard Schimpfkäse aus Mockritz bei Torgau vom 16.10.1894 - 31.07.1897.
Richard Krüger aus Meltendorf bei Seyda, 16.08.1897 - 30.03.1901, ein geschickter Lehrer , leichtsinnig, wurde in Roitzsch seines Amtes enthoben.
Wilhelm Heuke aus Nachterstedt ,seit 01.04.1902. 1.Lehrer, 2. Lehrer Hugo Trautmann.
Am 01.04.1902 nahm ich von Dobien mit meiner Familie Abschied. Am Tage vorher war die letzte feierliche Entlassung meinerseits, an der von Pfarrer Neumanns heimliche Einladung hin sämtliche Mitglieder des Schulvorstandes und Gemeindekirchenrates teilnahmen. Es war für mich ein ergreifender Moment, als ich auch die Konfirmanden verabschieden mußte, die bei meinem Amtsantritt in Dobien kleine, hilflose Kinder waren.
Noch nachtragen möchte ich folgendes: Kinderfeste wurden jedes Jahr am 02.09. in Dobien am Wallberg abgehalten. Im Jahre 1895 stellte die Königliche Regierung zu Merseburg das Thema zur Bearbeitung zu den beiden Hauptkonferenzen: „Elternhaus - Schule und Elternhaus“. Ich auch,hatte dieses Thema zu bearbeiten und zwar im Spezialkonferenzbezirk, Pfarrer Neumann war nun gleich dabei, Elternabende einzurichten. Da diese aber recht wenig Anklang fanden, wurden sie unter der Mitwirkung der Schuljugend, Mittel - und Oberstufe, zu wirklichen Familienabenden ausgestaltet, die allen sehr gefielen, und die deshalb immer recht gut besucht waren. Sie sind seit der Zeit in anderen Orten auch in Aufnahme gekommen. Für mich, und für die Kollegen überhaupt, verursachten diese Abende ein großes Opfer an Mühe, zumal, da sie abwechselnd in den Ortschaften stattfanden. Pfarrer Neumann ließ nicht nach, bis in Dobien eine „ländliche Fortbildungsschule“ mit wöchentlich 2 x 2 Abendstunden eingerichtet wurde für die männliche Jugend. Es wurde unterrichtet, weiter geübt, in bürgerlichen Rechnen, Berufskunde, Bürgerkunde, Geschichte und Heimatkunde. Die Abendstunde wurde mit 1 Mark honoriert, wozu das Landratsamt in Wittenberg einen Betrag beisteuerte.
Der Kultusminister Dr. Bosse hatte einmal geäußert, daß es zweckdienlich wäre, wenn auch der Lehrer dem Schulvorstand angehören würde. Pfarrer Neumann griff das auf, und obwohl sich der Landrat dagegen sträubte, setzte er es energisch durch, daß ich dem Schulvorstand als ordentliches Mitglied zugeteilt wurde, der erste Fall im Kreise.
1897. Nach dem Besoldungsgesetz vom 13.03. des Jahres beträgt das Grundgehalt der1.Lehrer- Küsterstelle 1000 Mark, 250 Mark für Kirchendienst 1250 Mark, Wohnung 90 Mark. 2. Lehrerstelle 1000 Mark, 75 Mark Wohnung. Alterszulage alle 3 Jahre vom 7.Dienstjahre an 100 Mark. Die Gemeinden bekamen bedeutende Zuschüsse von der Regierung. Feuerungsgeld für den eigenen Bedarf 45 Mark, für die Schulzimmer 40 Mark inclusive Anfuhr. Die Heizung des Schulzimmers war Sache des Lehrers!
Das Läuten der Glocke in Dobien besorgte gegen Entschädigung Wilhelm, später Hermann Richter. Für die Reinigung der Kirche, Auskehren, erhielt ich 1,38 Mark. Das Vorläuten in Reinsdorf besorgte Vater Göricke, in Braunsdorf Vater Schmidt. Das Einläuten in den besagten Orten besorgte ich eigenhändig!!
Da in der Reinsdorfer und Braunsdorfer Kirche keine Orgel war, so mußte ich die Kirchgänger, die meist recht zahlreich erschienen waren, durch meinen Gesang führen.
Anfang der 90. Jahre stiftete Helene , Freifrau von Freyberg in Reinsdorf für die Kirche ein schönes Harmonium und ein Altarbild. In dieser Zeit wurde auch in Braunsdorf ein kleines Harmonium beschafft für 50 Mark!, einem Betrag, der von ungenannten Spendern einging (Hüfner Wilhelm Schering und Frau zur Erinnerung an ihren Verstorbenen Sohn Wilhelm).
Am 01.04.1905 wird L. Heuke an die Präparandenanstalt in Sömmerda versetzt.
01.04.1905 als 1. Lehrer Artur Duderstedt, mit ihm zu gleicher Zeit als 2. Lehrer Ernst Wesenberg aus Merz bei Beeskow in der Mark. 25.09.1905 ging Duderstedt zum Militär, einjährig. Bis Ostern Vertretung durch L. Dannenberg, Schmilkendorf.
Lepzien und Wesenberg.
01.04.1906 Max Reiniger aus Dahme, hat seinem Nachfolger viel Arbeit hinterlassen.
01.10.1907 Wesenberg verläßt Dobien, dient einjährig.
Bis Ostern Vacanz.
01.02.1907 Artur Küster 2. Lehrer, wird eidlich verpflichtet vom Kreisschulinspektor Pfarrer Matthies, Wittenberg.
Vor ihm, dem Kreisschulinspektor, waren als solche tätig: 1888 Professor D. Reinecke, Direktor im Predigerseminar in Wittenberg, Dr.? für Wittenberg - Stadt: Archidiakonus Schleußner, dann Wagner, Superintendent Orthmann, für Land Matthies und Dunkmann Lic. später Universitätsprofessor.
01.04.1908 - 01.04.1912 Richard Besser aus Liebenwerda, lungenleidend, verstarb, ein lieber, tüchtiger Lehrer, 1908. Aufgenommen wurden Ostern 42 Kinder.
Nach dem neuen „Volksschulunterhaltungsgesetz“ werden die Schullasten von jeder Gemeinde zur Hälfte nach dem „Steuerfall“, zur Hälfte nach der Kinderzahl berechnet.
Lehrer Besser erhielt von den Gemeinden Reinsdorf und Schmilkendorf je 5 Mark zur Heizung im Konfirmandenunterricht. 5 Mark erhielt ich auch von der Gemeinde Schmilkendorf, aber erst in den letzten Jahren.
1909/1910. Nach dem neuen Besoldungsgesetz beträgt das Grundgehalt1400 Mark. Alterszulage alle 3 Jahre 200 Mark. 400 Mark wurden für die Dobiener Küsterstelle bewilligt, also Gesamtgehalt 1800 Mark. Die Nachzahlung konnten erfolgen, nachdem der Schulverband eine Anleihe von 1000 Mark aufgenommen hatte. Die Fortbildungs- schule wird nach zweijährigem Ruhen wieder mit 17 Schülern eröffnet 1911/1912. Die Naturalbezüge werden endlich abgelöst und in Geld erstattet. 1912/13 Schülerzahl 220. Nach Bessers Abschied vertrat vom 01.05. - Ende 09. Schulamtskanditat Chemnitz aus Eilenburg. Nachfolger Ernst Kühn aus Schneidemühl wurde am 05.10.1912 vom Kreisschulinspektor Pfarrer Haupt aus Wittenberg eingeführt.
01.04.1913: 1. Lehrer und Küster Fritz Richter. Während des Jahres wurde die Schule fünf mal durch Pfarrer Haupt revidiert , 2. Lehrer! Was jedenfalls seine Gründe hatte.
Verhandlungen über den Bau einer Schule zerschlugen sich an der Uneinigkeit der Gemeinden. Braunsdorf - Schülerzahl 250, ein 4 klassiges Schulsystem wird eingeführt, so daß an 4 Nachmittagen von 13 - 15 Uhr Unterricht erteilt wurde. Jeder Lehrer erhielt monatlich 40 Mark Entschädigung.
1914. Die beiden Lehrer treten ins Heer ein. Lehrer Häsler, Piesteritz bis 14.09., dann werden in Piesteritz von 11 Lehren 5 eingezogen.
1914 am 16.10. Schulamtskandidat Karl Bartsch wird unterstützt vom Schulamts-kandidaten Erich Landmann, Schmilkendorf, der an zwei Tagen sechs Stunden unterrichtet. Ober - und Mittelschule haben an 3 Tagen von 8 - 13 Uhr Unterricht.
Karl Bartsch wurde Soldat am 02.12.1914, seit 3 Jahren amtiert er als Rektor an der Mädchenvolksschule hier in Wittenberg, Falkstraße. Vertretung übernahm Lehrer Kurt Winkler und Pfarrer Gütling den Unterricht in der Unterklasse.
Achtung! Bezüglich der Entschädigung sagte er zu den Mitgliedern des Schulvorstandes: „Ja was denken sie wohl, mein Unterricht ist dreimal soviel wert als der des Lehrers!!“. Das sah ihm ja ähnlich!
Holzapfel W. war Kreisschulrat. Den hätte man lieber mit ins Feld schicken sollen!!
L. Winkler mußte in Schmilkendorf mit unterrichten, weil der dortige Lehrer auch Soldat war.
Am 11.06. mußte auch L. Winkler ins Heer eintreten.
Willy Hetzer übernahm den Unterricht mit in Schmilkendorf.
Gelegentlich der Explosion auf den „Reinsdorfer Werken“ am 11.08.des Jahres abends 9 Uhr machte sich auch Lehrer Hetzer auf die Suche nach entlaufenen Kindern (aus Furcht aus den Häusern gestürmt!). Hetzer wurde in Klein Wittenberg als verdächtig 1. Tag lang in Haft genommen! Hetzer mußte am 01.05.1916 Soldat werden, gerade in dem „Kohlrübenjahr“, schrecklichen Gedenkens.
Lehrer Hesselbarth tritt von Euper aus in Dobien an. 1. und 2. Klasse 32 Stunden. Pfarrer Gütling erhält für 14 zu erteilende Stunden wöchentlich das volle Lehrergehalt!! Also hat man Ihm doch recht gegeben.
01.09.1916:SchulamtsbewerberZierke. Hesselbarth wurde zum 01.11. einberufen, konnte aber vorher seine 2. Prüfung noch machen.
Grundmann vom 16.10.1916 - 30.09.1918.
Schlegel vertretungsweise vom 17.04.1917 - 15.11.1918.
Gerecke vom 20.10.1918 ab.
18.11.1918 Hesselbarth verrichtet wider Dienst. Mit Beginn des Schuljahres 1919 wurde die Schule in eine vierklassige mit drei Lehrern umgewandelt. Am 29.04.1919 Clemens 3. Lehrer (Seminar Jüterbog). Kinderzahl Klasse 1. 58, 2. 61, 3. 58, 4. 36. Die Stundenzahl erhöhte sich von 60 auf 88 wöchentlich. Die Gemeinde war mit dieser Einrichtung durchaus nicht zufrieden.
Lehrer Gericke bis 30.11.1920, Clemens bis 31.10.1919, Lehrer Berdt vom 01.02.1919 - 05.04.1922 und Velfe 01.12.1920 - 05.04.1922. Ein Elternbeirat wird gewählt. Am 05.04.1922 verließen Wilhelm Berdt und Erich Velfe die hiesige Schule. Der 3. Lehrer wohnte beim Müller August Lehmann.
Von Wittenberg kam Karl Werner, aus Jahmo Otto Streller.
Ein neues Stallgebäude wurde im Garten gebaut, von W. Rehfeld.
Hesselbarth wird am 01.05.1925 beurlaubt. Aus einer heiklen Sache, die Schulrechnung stimmte nicht, kam er „ohne“ davon. Durch Vermittelung des Schulrats Seemann, der öfter bei Hesselbarth als Gast war, die Stelle in Goltewitz, wechselte mit Paul Barthel. Während seiner Beurlaubung war Hesselbarth Weinreisender und Automobilverkäufer. 1932 erhielt er eine Gefängnisstrafe von 2 Monaten wegen Betrug. Ein merkwürdiger Mensch, Größenwahn!
Am 01.05.1925 übernimmt Karl Wernicke die Schulleitung.
Kinderzahl 155.
Am 05.01.1926 Einweihung der neuen Schule in Braunsdorf am Möllensdorfer Weg durch Schulrat Seemann. Die Festrede hielt der Ortspfarrer. Schulkindergesang, geleitet vom jungen Lehrer, Schulamtsbewerber Dortschack, verschönte die Feier, 35 Kinder waren in Braunsdorf eingeschult worden, die am Nachmittag im Gasthaus Hartmann in einen Gemeindetag ausklang.
Das Amt des Verbandsvorstehers ist nach Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht durch den Minister Hoffmann (Zehn - Gebote - Hoffmann) von diesem eingerichtet. Seit 1930 versieht dieses Amt Lehrer Karl Förster, Nudersdorf, der auch die von der Behörde vorgeschriebenen Spezialkonferenz leitet.
1927/1928 Auseinandersetzung zwischen Schule und Kirche. Von der Kirchengemeinde wurden am Nordgiebel des Schulhauses 2 Zimmer aufgebaut.
Am 01.10.1927 siedelte Wernicke nach Wittenberg über als Lehrer an der Knabenvolksschule. Lehrer Schade aus Kretzschau bei Zeitz tritt als 2. Lehrer ein, ein Älterer Lehrer, Junggeselle. 1928 erhält die Schule neue Subsidien. Reg. gewährt, 1300 Mark Beihilfe und laufenden Zuschuß von 2000 Mark bis Ostern 1929.
Hilfslehrer Knoof aus Wittenberg arbeitet in Dobien. Vom 01.04.1929 ab Hilfslehrer Rudolf. Kreisschulrat war der ehemalige Seminarlehrer aus dem Ostland Chrosciel, ein wohlwollender Mensch. Am 01.12.1929 wird Lehrer Schade pensioniert. Lehrer Möhr trat an seine Stelle.
In dem Jahre wird auch der Brunnen am Berge angelegt, der aber wenig und gutes Wasser gibt. Der Brunnen hinter der Kirche auf der Höhe dagegen gibt aus geringerer Tiefe reichlich klares Wasser zum Gießen der Gräber.
Nachbemerkung: Im Juni 1924 wurden die ersten Schritte zur Einpfarrung der „Teuchler Mark“ in die Kirchengemeinde Dobien unternommen, die aber erst nach langen Verhandlungen 1928 erfolgte. Damit war dem eigenartigen Zustand ein Ende gemacht, daß die Bewohner der Teuchler Mark kirchlich von Dobien betraut wurden, Kirchensteuer aber nach Wittenberg zahlen mußte!!!
Über die Schule in Reinsdorf enthält die dortige Schulchronik Genaueres.
Siehe Seite
Zweites Schulhaus von Dobien, aus Fachwerk erbaut und mit Stroh gedeckt von 1648 - 1852. Das erste Schulhaus - Lehmbau - wurde 1637 zerstört.

Die Gemeindeverwaltung
Wo Weisheit und Gerechtigkeit
ein Land und Volk regieren,
wo jeder sucht nach Möglichkeit
sein Tagewerk zu führen,
daß es auch andern Nutzen bringt:
Da ist man selbst in Fährlichkeit
um Hilfe nicht verlegen.,
wenn man baut auf Gegenseitigkeit,
wenn alle treu sich regen, dann der Gemeinde Wohl gelingt.
Organisation der Gemeinde
Bürgermeister: Paul Kehlitz
Beigeordnete: Betriebsmeister Wilhelm Krämer, Bauer Franz Schering,
Schneidermeister Wilhelm Höhne
Gemeinderäte: Munitionsinspektor Hinrich Harms, Vorarbeiter Ernst Schulze,
Betriebsmeister Karl Schwenke, Vorarbeiter Friedrich Richter,
Vorarbeiter Friedrich Wassersleben, Vorarbeiter Franz Schulze
Direktor Willi Fromm, Kaufmann Blumenthal,
Gemeindediener Hermann Kluge
Krankenschwester: Selma Otto
Kreisfachgruppe Ziegenzüchter des Landkreises Wittenberg: Wilhelm Krämer
Kriegskameradschaft: Vorsitzender Otto Moritz
Stellvertreter Lehrer Otto Alder
Lehrer: Otto Alder, zugleich Küster Erich Monden
Reichsbund für Leibesübungen: Richard Schulze (seit 26 Jahren)
Gesangverein Sängerlust: Vorsitzender Gustav Weber
Schieß - Verein Richard Höhne
Kranken - Unterstützungsverein: feierte am ??? sein 40 jähriges Stiftungsfest
Vorsitzender Hermann Kluge
Vieh - Versicherung: Vorsitzender Karl Schwenke
NS Frauenschaft: Vorsitzende Else Erdmann
Heimbürgin : früher Mutter Lerm, Schmilkendorf dann
jetzt Frau Rettig, Dobien,
Hebamme: früher Amalie Knopf, Dobien
jetzt Frau Auguste Bärsch
Verwaltungsangestellte: nebenamtlich seit 01.03.1935, hauptamtlich seit 01.01.1937
Wilhelm Steinbrecher
Kirchliche Organisation
Vorsitzender Pfarrer Brasche
Kirchenälteste Dobien: Franz Schering, Otto Gätzschmann, Hermann Schulze, Gottlieb
Wildgrube, Emil Heinrich
Reinsdorf: Gustav Buder, Karl Schwenke, Gerhard Bollmann, Otto Klinge,
Theodor Schmidt,
Braunsdorf: Gottlieb Wendt, Franz Halbenz, Gustav Rettel, Emil Schering
Schmilkendorf: Wilhelm Gallin, Hermann Müller, Karl Winkler, Willi Zurleit.

Die neu restaurierte Kirche wurde im Herbst 1935 eingeweiht. Sie ist zeitgemäß ausgestattet mit elektrisch Licht, Heizung, schönem Harmonium. Das Herrenchor an der Südseite ist beseitigt worden.
1911.10.02. In preußischen Schulen wurde die 45 minütige Unterrichtsstunde eingeführt.
Dobiener Chronik und „Festschrift zur Einweihung der Grundschule am 03.November1956“

In jeder Schule mußte auf Anordnung der Zuständigen Behörde früher schon eine besondere Chronik geführt werden, in welcher die Belange der Schule, der Kirche und der Gemeinde verzeichnet wurden. Diese Anordnung ist nun im neuen Staate mehr Angelegenheit der „Gemeinde“ geworden und soll intensiv betrieben werden. Und diese Maßnahme ist, wie so viele im neuen Staate, mit Freuden zu begrüßen, denn Wissen um die Heimat, das ist der Faktor, der den Staat mit Volkstum erfüllt und ihm die Führer gibt, die ihn in die große nationale Zukunft führen. In erster Linie wird es immerhin Aufgabe des Lehrers sein, der es sich besonders angelegen sein muß, in seiner Schule Orts- und Heimatkunde in rechter Weise zu betreiben, so Heimatpflege, Heimatschutz und Naturdenkmalpflege. Die Heimatpflege in der Heimatschule führt zum Erkennen der Heimat. Die Folge des Erkennens ist die Heimatliebe. Die Heimatschule ist eine Schule der Anschauung, der Wahrheit, der Lebensgemeinschaft, sie ist eine Erziehungs- und Tatschule. Auch der kleinste Erdenwinkel muß den Kindern Leben sein und Leben geben. Erwandert muß die „Heimat im weiteren Sinn“ werden. Heimatliebe, Heimatpflege, Heimatschutz erwachsen aus den Erkennen und Verstehen der Heimat. Um aber zum Verständnis der Heimat zu kommen, müssen die Schüler eingeführt werden in die Heimatscholle, Landschaft, Siedelung, Kultur und Kunst. Einige Stoffe der Behandlung, deren Gipfel die Schönheit der Örtlichkeit ist, sind:
Werden des heimatlichen Bodens, Form der Landschaft, Wasser, Pflanzen, Tiere, Naturdenkmäler, Bauweise, Volkstum, Siedelung, Siedelungsarten, Baudenkmäler
( alte Kirche!), Persönlichkeiten, Feste, Trachten, Geschichte.

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