Dobien

Inhaltsverzeichnis

15. Papiermühlen in Wittenberg
16. Seuchen
17. Explosionsunglück in der WASAG
18. Das Jahr 1938
19. Die Kriegerdenkmalweihe


15. Papiermühlen in Wittenberg

Dobiener Chronik
A.Stadelmann
S.78,79.
Die Grünthalmühle ist im Jahre 1848/49 von Müller Sacher (aus einem alten Müllergeschlecht stammend) erbaut worden als Mahlmühle. Diese Mühle, eigentlich auf Schmilkendorfer Gebiet liegend, hat wechselvolle, teils ernste Zeit hinter sich. Einige Jahre nach ihrer Inbetriebstellung kam sie schon „unter den Hammer“. Der Hauptgläubiger, ein Lehrer, verlor dabei fast sein ganzes beträchtliches Barvermögen. Christian Thiele, der Vater von „Farbenthiele“ in Wittenberg war nachmals allein viermal Besitzer des Grundstücks. 1888 war Besitzer Otto Friedrich aus Zahna, Firma Cäsar und Minka weltberühmte Hundezüchterei und Handlung in der Bahnstraße. Wie überall, so verfuhr dieser auch hier großzügig. Er ließ die sumpfigen Wiesen regulieren, ließ viel Edeltannen und Rottannen anpflanzen. Alles entwickelte sich vorzüglich, ebenfalls die vielen kleinen Eichenbäumchen. Die Mühle ließ er wieder ordentlich in Gang setzen. Der Obermüller Quarte, wie er mir sagte, hier zum Wohlstand zu gelangen gedachte, räumte nach einigen Jahren das Feld. Nun wurde Besitzer Gustav Erich, Sohn vom Steiger Erich auf den Dobiener Werken. Er ließ alles abbrechen und neu aufbauen bis auf die Mühle selbst, deren Kraft er jetzt nur zur Erzeugung von elektrischen Licht verwandte. Erich, ein Sonderling, brachte die Ackerstücke in Schuß und richtete nebenbei eine große Hühnerfarm ein. Bald legte er auch eine künstliche Brutanstalt an, zur Einlage von 6000 Eiern. Seine Spekulationen schlugen aber alle fehl. Niemand ging auf den Leim. Und so kam die große Pleite. Besitzer wurde nun der Hauptgläubiger von Erich, Landwirt Albert Rohne aus Gernrode. Das 70 Morgen große Grundstück für 17500 Goldmark kaufte Georg Clausnitzer. Von 1900 - 1919 betrieb er Landwirtschaft und Müllerei auf dem Grundstück. Vom 01.10.1919 an ist die Krankenkasse I in Wittenberg Besitzerin der Thalmühle. Der Kaufpreis betrug 13000 Goldmark (70000 Mark Papier). Nun wurden in den Wirtschaftsräumen Wohnungen hergestellt und das kommt dem jetzigen Besitzer Franz Berger Landwirt aus Liebena bei Köthen zugute, der das Grundstück käuflich erwarb am 18.06.1927. Sein Schwiegersohn, Friedrich Kränkel, Landwirt, ist dort mit tätig. Das Grundstück hat seit 1 Jahr „Erbhofrecht“ erlangt. Der seit 10 Jahren dort eingerichtete Gastwirtsbetrieb bietet in der stillen, lauschigen Gegend angenehmen Aufenthalt.
Die Dobiener obere Mühle, von Tamm angelegt 1814 als Spinnerei, stattliches Gebäude aus Fachwerk erbaut, dreistöckig mit vielen großen Fenstern, später Eigentum der Wittenberger Tuchmacherinnung. Im Jahre 1874 wurde Eduard Schumann Besitzer, ein fleißiger, geschickter, spekulativer Mann. Er richtete eine Strohpappenfabrik ein, primitiv und doch so praktisch, später auch mit Dampfbetrieb. Er war der erste, welcher die Pappen über einem mit Heißluftdampf gefüllten und stark erhitzten eisernen Zylinder schnell zum Trocknen brachte. Diese Pappenstreifen wurden dann auf einer Holztafel durch ein in regelmäßigen Betrieb gesetztes großes säbelartiges, schweres, haarscharfes Messer geteilt in gleich große Tafeln, je nach Eistellung in verschiedene Längen. Im Jahre 1898 brannte das große Gebäude ab, an einem Sonntagvormittag. Der massive Neubau, der moderne Betrieb, wurde von Albert Schumann jun. geschaffen. Der neue Besitzer hatte die Anfertigung von Patronenkartons für die Reinsdorfer Werke übernommen, eine lohnende Arbeit!
Die Mühle an der Belziger Straße gründete Tamm, Wittenberg, im Jahre 1848 als Tuchschererei. Der Krähebach, der bisher durch die Gärten, auch durch den Schulgarten geflossen war, wurde als Mühlbach umgeleitet. 1858 wurde diese Mühle als Mahlmühle umgestellt von dem Besitzer Krehayn. Friedrich Thiem, der Nachbesitzer, leitete durch eine Röhrfahrt, teils unter -, teils oberirdisch das aus dem Moritzschacht ausgepumpte viele, durch einen hohen Damm angestaute Wasser nach dem 7 Meter im Durchmesser haltende Wasserrad derart, daß es nur 2 Meter Kraftfläche am Rande hatte. Thiem verkaufte an Schnitzler für 12000 Thaler. Letzterer wurde aber schon nach 2 Jahren Pleite. Das Grundstück wurde versteigert von dem Hauptgläubiger, Privatmann Härtel aus Dessau. Dieser verpachtete sie an Karl Schumann aus Reinsdorf. Dieser hielt aber nur 1 Jahr lang darauf aus. Nun blieb die Mühle stehen bis 1885. Da kaufte sie für 18000 Mark der Müller August Lehmann, Boßdorf, der heute noch Besitzer ist. Nach längerer gründlicher Reparatur wurde das Grundstück bewirtschaftet von August Lehmann jun. Und seinen 2 Schwestern. Im Jahre 1891 erwarb August Lehmann das Grundstück käuflich für 20000 Mark. 1895 richtete er Dampfbetrieb ein mit Lokomobile. Lehmann hatte die Lieferung des Mehles für das Proviantamt der Wittenberger Garnison übernommen bis 1905. 1912 brannte die Mühle nachts völlig nieder. Sie wurde sofort wieder aufgebaut, ebenfalls wieder mit Wasser- und Dampfbetrieb. Seit 1914 wird das Werk außer der Wasserkraft mit 30 pferdigen Dieselmotor (Rohöl) in Betrieb gesetzt. Während des Krieges war die Mühle geschlossen. Das Mehl zum Backen wurde Lehmann zugewiesen vom Kommunalverband, für die Brotlieferung an die Barackenverwaltung im Gefangenenlager auf den Reinsdorfer Werken. Es wurde mit 5 russischen Gefangenen (Bäckerei) gearbeitet. Seit 1924 hat der Schwiegersohn von Lehmann, Friedrich Schönfeld aus Dahnsdorf die Mühle und Bäckerei in Pacht.
In den Dobiener Kirchenakten wird zu Pfarrer Montanus Zeit 1682 - 1729 außer der Hohenmühle in Reinsdorf die Windhaynsche Mühle, sicherlich Windmühle in Dobien genannt, die Roggenzehent an die Pfarre zu entrichten hatte.
In Reinsdorf befindet sich eine 1840 von Karl Schumann erbaute Bockmühle, die 1888 im Herbst der liebe Gott zu sich nahm. Der Holländer wurde demnach aufgebaut von Karl Schumann, dessen Sohn Karl verunglückte im Betrieb tödlich. Die Mühle ist jetzt Eigentum der Reinsdorfer Werke. Ihr Betrieb ist stillgelegt.                                                                                                       

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16. Seuchen

Seuchen und ihre Bekämpfung im Kurfürstentum Sachsen

Prof. Heubner
Wittenberger Rundblick, 2. Jahrgang, Januar 1956, Nummer 1, Seiten 3-8.


(Urbar. Bc 38)
Das erste, was man tat, um die Einschleppung einer Seuche, vor allem der Pest zu verhüten, war die Sperrung der Jahrmärkte gegen alle fremden Kaufleute und Händler, die von dem betr. Stadtrat unter Ausdruck seines Bedauerns den Nachbarstädten mitgeteilt zu werden pflegte; so verfuhr der Fürst Joachim Ernst von Anhalt-Dessau am 6. November 1551, der Rat von Wittenberg am. 10. Dezember 1581 und 17. September 1582, wobei er besonders auf seine Verantwortung gegenüber den Studenten der Universität hinwies, desgleichen der Rat von Brandenburg-Neustadt am 11. November 1582, der seinen Katharinenmarkt schloss, aber auch kleinere Städte, wie Treuenbrietzen (21. Oktober 1582).
1584 erlässt der Rat von Wittenberg bereits wieder eine Pestordnung unter dem Titel: "Kurtzes vnd Eeinfeltiges Bedencken, wie es in itzo fürstehender vnd angehender Sterbensgefahr möge gehalten werden", dahinter ist die Abschrift einer Pestordnung von Mittweida vom Jahre 1585 eingebunden; man sieht, wie die Städte damals ihre Erfahrungen und die Art der Seuchenbekämpfung untereinander austauschten. Die Mittweidaer ist noch eingehender und sorgfältiger als die Wittenberger von 1576. 1612/13 scheint die Pest besonders in der Mark Brandenburg gewütet zu haben; jedenfalls sperrten die Städte Niemegk, Großenhain, Belzig, Zahna und Coswig damals ihre Märkte.
1625 sah sich auch die Fürstin Magdalena von Anhalt, geb. Gräfin zu Oldenburg und Delmenhorst, genötigt, durch das Anhaltinische Wittumsamt in Koswig den dortigen Laurentiusmarkt Fremden zu schließen. Schon im folgenden Jahre 1626 unterhielt sich der Wittenberger Stadtrat eingehend über die zu treffenden Maßnahmen und schrieb dies nieder "zugedencken, was bey dem Rhate alhier vff die heutige gehabte Zusammenkunft zu erinnern":
1.) da die Seuche sich nähert, darf in den Vorstädten keine "Markathenerei" (Marketenderei) getrieben werden,
2.) dem Stadtkommandanten Kapitän Günterode ist eine Liste der auswärtigen, infizierten Orte einzureichen, aus denen niemand in die Stadt gelassen werden darf.
3.) die an der Seuche verstorbenen Soldaten und Schanzgräber sind von den dazu bestellten Weibern auf den Friedhof zu tragen, ihre Gräber jedoch von Soldaten zu machen, Geläut und andere Kosten sind zu sparen, außer wenn es besonders gefordert wird.
4.) die Amtsuntertanen sind gleich denen des Rats vor dem Tor zu begraben.
5.) bei einem Seuchenfall haben in der Vorstadt wie in der Stadt die Nachbarn auszuziehen.
6.) die Amtsuntertanen in der Vorstadt haben den gleichen Anspruch wie die des Rates betr. Aufnahme in das Hospital.
7.) man erwartet, dass der Rat das Reisig zum Bau von Laubhütten für pestkranke Soldaten und Schanzgräber auf der Kuhlache liefern, die Kapitäne es bezahlen werden,
8.) der Rat möge beim Superintendenten erlangen, dass die Pestleichen in der Morgenfrühe, ehe die Leute an die Arbeit gehen, hinausgetragen und bestattet werden,
9.) die beim Mag. Fabricius, Sebastian Crell, dem Riemer und dem Wiesigker Becker einquartierten Soldaten sind von dort fortzunehmen,
10.) jeden Abend soll der Rat dem Kapitän Günterode ein Verzeichnis der Erkränkten und Verstorbenen zustellen,
11.) alle Marketenderhütten sind vor den Toren zu entfernen und auf den Platz gegenüber dem Schießgraben zu verlegen.
Im Jahre 1666 herrschte schon wieder die Pest an Rhein, Main und Weser, drang aber 1681 auch nach Kursachsen vor, so dass die Grafschaft Mansfeld, Sangerhausen, Mücheln, Aschersleben, Sandersleben, Oschatz, Meißen, Mühlberg, ferner Halberstadt und Magdeburg als infiziert galten. Dann hören wir lange Zeit nichts mehr von einer Seuche, erst 1708 (10. Juli) warnt der Freiherr von Herberstein den Wittenberger Amtmann Johann Jacob von Ryssel vor der in Polen und Oberschlesien überhandnehmenden Pest: Kalisch sei ganz ausgestorben. In Krotoschin seien in, 24 Stunden 60 Personen ihr erlegen, an der Amtsgrenze seien noch nicht Jungen, die nicht lesen noch schreiben könnten, sondern vernünftige Männer als Wachen aufzustellen, keine Juden und "giftfangende" Güter dürften über die Grenze gelassen werden, auch sei die Quarantaine streng innezuhalten (der Ausdruck erscheint hier zum erstenmal in den Akten).
Weiter wird verordnet, dass die Grenze von Kavalleriepatrouillen abzustreifen sei und überall an derselben Galgen errichtet werden müssten, an denen alle Fremden, die ohne gültigen Pass einzuschleichen versuchtem, aufzuhängen seien, vor allem dürften keine Juden ins Land hereingelassen werden.
Ein erweitertes und verschärftes "Contagion-Mandat" von 1709 enthält manches Neue: die Pest wüte auch schon in Pommern, jeder Verkehr und Warenaustausch mit den infizierten Gebieten wäre zu sperren, die Passkontrolle an der Grenze und noch mal an den Stadttoren ist ganz genau vorzunehmen, alle Nebenwege und Fußsteige sind abzugraben und zu sperren, die Brücken abzuwerfen, verdächtige Fremde, die sich nicht genau ausweisen können, sind sofort zu erschießen und zu verbrennen, neben den Galgen sind Warnungstafeln anzubringen, Bettler, Landstreicher, Zigeuner, vor allem Juden dürfen nicht über die Grenze, mit den Posten dürfen nur Fremde, die ausreichende Pässe und Atteste haben, befördert werden, alle Briefe und Pakete müssen durchräuchert werden, Vieh muss dreimal "geschwemmt" werden und drei Wochen Quarantaine durchmachen, erst dann darf es über die Grenze, die fremden Viehtreiber aber überhaupt nicht, kein Untertan darf nach infizierten Orten reisen, im Kurfürstentum selbst befallene Orte sind sofort zu sperren, kein Einwohner darf daraus sich begeben. Endlich sollen überall in Stadt und Land Pest- und Quarantainehäuser angelegt, Pestmedici und Pestchirurgie bestellt werden. Das Mandat ist an den Toren öffentlich anzuschlagen. Es ist von Egon Fürst von Fürstenberg unterschrieben. Danach ist ein schöngedrucktes Formular eines Reisepasses in Seuchenzeiten eingeheftet: "Demnach Zeiger dieses .... von hier zu reisen willens, als werden alle und jede / Welche diesen Pass zu lesen und anzuhören vorkömt / nach Standesgebühr ersuchet./ solch Person / Maßen hiesigen Orthen durch Gottes Gnade keine ansteckenden Krankheiten zu vermercken / überall ungehindert paß- und repassiren zu lassen Urkundlich ist dieses mit des aller-gnädigst mir anvertrauten Creyß-Ambts-Insiegel besiegelt in Wittenberg, den .....
Königl. und Churfl. bestallter Creyß-Ambtmann Siegel D. Johann Jacob von Ryssel."
Im August 1710 wird nochmals strengstens auf das Mandat hingewiesen, 1713 ein neues, ähnliches Contagion-Mandat herausgegeben, dahinter aber erscheint ein in kleinem Format gedrucktes Heftchen: "Nachricht / wie sich bei jetzigen besorglichen Zeiten das gemeine Land- und Bauer-Volck in den Churfl Sächsischen Lande vor der hier und wieder grassierenden Kranckheit praeserviren . . . und sich selbst curiren möge. Dressden bey Johann Jacob Wincklern /1713."
Darin werden die Bauern ermahnt, nicht feige zu sein, wie bei der Seuche 1680, sondern getrost Zeichen einer Ansteckung seien Mattigkeit in allen Gliedern, Übelkeit ums Herz. heftiges Drücken Brechen, Rückenschmerzen, Dehnen und Spannen in den Fleischteilen, in den Achseln und gegen den Schoß, geringer bis starker Frost, Kopfschmerzen, große Hitze trockene Zunge. Bräune, Phantasieren, auch Pestbeulen hinter den Ohren, unter den Achseln und im Schoß. Damals waren übrigens Prag, Regensburg. Hamburg und Bremen wieder seuchenverdächtig Die Fremden, die, mit ausreichendem Pass versehen, die Grenze überschreiten durften, hatten außerdem aber noch einen besonderen Eid abzuleisten, dass sie und die Waren, die sie hereinbringen wollten, seuchenfrei und unverdächtig seien.
Nachdem auch noch Graz in der Steiermark und die Grafschaft Castell am Main von der Pest befallen worden war, drang der König-Kurfürst durch ein neues Mandat auf die Erbauung von Lazaretten und "Probierhäusem" (Quarantainegebäuden); auf dem Lande konnten dazu die Hirten- und Gemeindehäuser genommen werden, zur Deckung der Unkosten erlaubte der Landesherr den Städten, Anleihen aufzunehmen Da sich zur Krankenpflege naturgemäß nur wenig Menschen meldeten, wurde erlaubt, arbeitsfähige Bettler zwangsweise dazu heranzuziehen, die im Weigerungsfalle aus dem Lande verwiesen werden konnten; es wurde betont, dass die Pestleichen innerhalb von 24 Stunden zu begraben waren, dass sie nicht öffentlich zur Schau gestellt werden durften, mit Kalk in den Gräbern, die besonders tief anzulegen waren, bestreut werden mussten. Adelige Leichen durften vorläufig nicht in Kirchen beigesetzt werden.
Erfreulich in dem düsteren Pestjahr 1713 war der gute und reichliche Ausfall der Ernte; daher forderte der Landesherr in einem "Patent" vom 2. November zu einer freiwilligen Abgabe an Getreide besonders die Ritterguts- und Gutsbesitzer auf, zumal wegen der Grenzsperre gegen Böhmen von dort kein Getreide eingeführt werden durfte und die Untertanen im Grenzgebirge in Not zu geraten drohten. Das Getreide sollte in den Ämtern abgegeben und von dort aus weiterbefördert und verteilt werden.
Im Juni 1714 wurde die Pest in Österreich und seinen Nebenländem als erloschen erklärt und die strenge Grenzsperre aufgehoben; jedoch durften nach wie vor weder Federn, Pelzwerk, alte Kleider noch Juden und Bettler hereingelassen werden.
Aber bereits 1715 wurde wegen Seuchengefahr die Grenzsperre in alter Strenge wieder eingerichtet; aus diesem Jahre stammt auch ein gedruckter Warnungszettel, wie sie neben den Galgen angeschlagen wurden (35 zu 22 cm) "Hiermit werden alle Reysende verwarnet / das diejenigen / so aus Böhmen und Mähren / von inficierten / oder / der Infection halber / verdächtigen Orthen kommen / und sich ins Land hereinzuschleichen / unterstehen / und betreten werden / (dabei ertappt werden) — alsofort aufgehängt / oder tod geschossen werden sollen, welche aber aus reinen und unverdächtigen Orthen kommen / haben sich bey der Contagions-Gräntz-Postirung / mit Vorzeigung richtiger / neu-datirter obrigkeitlichen Attesteten und fede-Briefen (war im Mittelalter jemand mit Gefängnis oder Landesverweisung bestraft worden, dann schwur er "Urfehde" sich dafür nicht rächen zu wollen, so mussten auch hier die Reisenden Fehdebriefe ausfüllen und unterschreiben) darinnen sich nach ihrer Statur, Alter, Farbe der Haare, Kleidung und sonst umständlich beschriben / zu fernerer Verfügung / nach Befinden / anzugeben. Beigegeben sind wieder die gedruckten Formulare "derer Feden oder Pässe auf Personen" und "Formulare deren Feden auf Wahren"".
Nachdem im August die Pest in Böhmen und Mähren und Schlesien für erloschen erklärt worden war, wurden alle Wachen, auch die "Dorff-Wachten" aufgehoben, aber wiederum Bettelei ohne besondere Erlaubnis verboten.
1721 und 1722 war Frankreich von der Pest befallen, weshalb jeder Verkehr von uns nach diesem Lande für Personen und Güter gesperrt wurde, 1723 wurde er wieder erlaubt.
Aber nicht nur Menschen, sondern auch Tiere werden ja von Seuchen oft todbringender Art heimgesucht, auch ihnen muss entgegengetreten werden, und so ist es nicht verwunderlich, dass unser Urbarium Bc 38 auch darüber Auskunft gibt: Am 14. August 1682 gibt der Kurfürst Johann Georg III. dem Rat bekannt, dass in der Schweiz eine Viehkrankheit ausgebrochen sei, und fordert Bericht, ob auch in Wittenberg die Seuche aufgetreten sei. Mit dem kurf. Schreiben trafen zugleich zwei interessante gedruckte Rezepte gegen die Seuche ein: "Recept gegen die Kranckheit des Viehes, welche voritzo an verschiedenen orten grassirt zu Roremonde gedruckt bey Leonhard Ophoven im Jahre 1682" und ferner "Sehr köstliche Rindvieh-Cur oder unterschiedliche herrliche Recept- und Artzney-Mittel usw. 1682".
Von 1712 stammt ein "Mandat Wie sich wegen des Vieh-Sterbens ... In einen und anderen zu verhalten, unter anderem wird befohlen, dass gefallenes Vieh sofort von dem Caviller (Abdecker) oder Feldmeister "aufzuhauen" und sorgfältig nach der Todesursache untersucht werden soll."
Endlich ist 1717 das Gutachten einer Ärztekommission über Befund der Seuche, ihre Bekämpfung und Heilung erhalten, die sich aus "deputierten Medici und Physici" zusammensetzte. Es handelt sich um eine "giftige, hitzige, ansteckende Seuche mit Auswurf."
Damit schließen die Akten unseres Stadtarchivs über die Seuchen und ihre Bekämpfung. Sie haben uns gezeigt, mit welcher sich steigernden Vorsicht und Sorgfalt man schon im XVII. und XVIII. Jahrhundert in Sachsen dem unheimlichen Gast den Einzug ins Land zu wehren versuchte.

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17. Explosionsunglück in der WASAG

Das Explosionsunglück im Sprengstoffwerk Reinsdorf am 13. Juni 1935

von Otto Blüthgen

Vorbemerkungen
Wie einen Bericht über ein Ereignis schreiben, welches nur die Ältesten unter uns noch aus eigenem Erleben oder von Aussagen Betroffener schildern können. Dazu kommt, daß sich die damals kursierenden Gerüchte bis heute im Gedächtnis der Menschen festgesetzt haben. Dies merkt man besonders, wenn das Thema beim Betrachten des in der Bevölkerung vielfach vorhandenen Bildes mit dem Rauchpilz, sichtbar über der Steingutfabrik, zur Sprache kommt. Neben dem Literaturstudium ist sicherlich eine intensive Recherche in Archiven für eine objektive Darstellung notwendig.
Die Auswertung der mir bisher zugänglichen Literatur zeigt deutlich die unterschiedlichen Schwerpunkte der Autoren. Da sicherlich vieles noch der Aufarbeitung bedarf, berufe ich mich auf die meinerseits wichtigsten Berichte. Auf die Darstellung der Ereignisse in der hiesigen Tagespresse wird bewußt verzichtet, da sie (der Zeit entsprechend) neben sachlichen Informationen auch viel Propaganda bieten. Dennoch bieten die Zeitungen noch viele Details, die in diesem Beitrag nicht abgehandelt werden, z. B. die Namen der identifizierten Toten oder die Begräbnisfeierlichkeiten. Für die Beschaffung der Literatur danke ich vor allem den Mitgliedern und Freunden des Heimatvereines Wittenberg.


1. Das Werk Reinsdorf
Noch heute sagen die Älteren: "Alle 10 Jahre hat's in der WASAG geknallt, ist was in die Luft geflogen." Das rührt sicher daher, daß tatsächlich 1905, 1915, 1925 und 1935 sich größere Unglücke ereigneten, aber eben nicht nur aller 10 Jahre.
In der Heimatliteratur (z.B. bei Richard Erfurth in "Geschichte der Lutherstadt Wittenberg, Teil I und II") und den von der WASAG selbst herausgegebenen Schriften findet man, daß sich Unfälle recht häufig in Reinsdorf ereigneten, z.B.:
April 1898: Explosion im Patronenhaus, 2 Tote,
1903: Explosion im Ladehaus der Zündhütchenfabrik, 1 Toter, 1 Schwerverletzter,
1904: Brände in Reinsdorf und Sythen: gesamt 3 Tote,
28. Dezember 1905: 8 Tote durch Explosion, 1 Bauingenieur Tod durch Herzschlag,
22. November 1906: Anscheinend nur Verletzte,
5. Mai 1909: 3 Tote beim Laden eines Geschützes,
1913: Explosionen in Reinsdorf und Sythen: mehrere Tote,
(Sythen bei Haltern; nördl. Ruhrgebiet).
In den ersten 20 Jahren der WASAG gab es also bei Unfällen bereits gegen 20 Tote. Ist diese Zahl an und für sich schon erschreckend, so sollten die weiteren, nur die größten sind noch genannt, weit höhere Opfer fordern.
11. August 1915: Durch Überkochen von Pikrinsäure entzündete sich dieser hochbrisante Sprengstoff. Zahl der Toten 56. Schwere Schäden durch die Explosion mit anschließendem Brand. Schäden auch in der Umgehung.
10. November 1917: Nachrichtensperre über Ursachen und Umfang. Es ist von 15 Toten und 3040 Schwerverletzten die Rede. Die Schäden in der Umgebung sind aber größer als bei dem Unglück von 1915.
4. März 1925: Der Pulverraum explodiert. 13 Arbeiter sind sofort tot, 2 weitere sterben bis zum 8. März.
Was war das für ein Werk, wo anscheinend ständig der Tod mitarbeitete? Auf den ersten Blick ein Chemiebetrieb wie viele andere, nur mit dem Unterschied, daß die hergestellten Zwischen- und Fertigprodukte weit gefährlicher waren als anderswo. Störungen durch technisches oder menschliches Versagen wirkten sich dementsprechend gravierender aus.
Der Aufbau des Sprengstoffwerkes in Reinsdorf durch die Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff AG (WASAG) erfolgte bereits in den Anfangsjahren nach deren Gründung.
Um von den internationalen Konzernen beim Bezug von Bergbausprengstoffen unabhängig zu sein, gründeten Bergbauinteressenten 1891 die WASAG. Dabei stützten sie sich auf das Patent des Direktors der Kölner Dynamitfabrik Dr. Max Bielefeldt "Verfahren zur Herstellung von Sprengstoffen" und seinem "Prospect zur Gründung einer Sprengstoff-Fabrik nebst dazugehörigen Anlagen." Als Standort wurde Coswig/Anhalt sowohl als Sprengstoffwerk als auch Stammsitz der WASAG gewählt.
Noch mitten in den Aufbauarbeiten machten die anhaltischen Behörden jedoch Schwierigkeiten. Für die eigentlichen Sprengstoffanlagen wurde die Sprengstofferlaubnis verweigert, und so mußte ein neuer Standort gesucht werden. Dieser fand sich im nur wenige Kilometer entfernten Reinsdorf auf preußischem Gebiet. 1894 erfolgte die Genehmigung zur Erzeugung von Sprengstoffen und sofort wurde mit dem Aufbau der Anlagen begonnen. Bereits Ende 1894 konnten die Dynamit- und Salpeter-Anlagen in Betrieb genommen werden. Die chemischen Vorprodukte kamen aus Coswig. Nachdem kurz darauf auch die Nitrocellulose-Anlage die Produktion aufnahm, konnte die gesamte Palette der Bergbau- und Gesteinssprengstoffe hergestellt werden.
Die bereits beim Bau des Werkes vorgesehene Erweiterung der Produktionspalette durch militärische Sprengstoffe und Pulver wurde in einem umfangreichen Investitionsprogramm in den Jahren 1897 bis 1905 Wirklichkeit. Kurz vor und während des 1. Weltkrieges erfuhr das Werk eine bedeutende Erweiterung der Pulveranlagen (hier vor allem von Nitroglycen.n-Pulver ohne Lösungsmittel, kurz Pol-Pulver genannt).
Der Versailler Vertrag, der am 10.1.1920 in Kraft trat, brachte einschneidende Bedingungen für die deutsche Rüstungsindustrie. Glück für die WASAG war, daß die im begrenzten Umfang noch gestattete Produktion von Pulver und Sprengstoffen nur ihr zugestanden wurde, und dies nur in Reinsdorf. Diese Monopolstellung führte in der Folge wiederum zur Erweiterung der Anlagen. Waren in den 20er Jahren die Aufrüstungsmaßnahmen noch geheim, so bekundete Hitler nach seinem Machtantritt offen eine Revisionspolitik des Versailler Vertrages. Die ständig steigende Militarisierung erforderte eine ebensolche Erweiterung der Produktionskapazitäten (nicht nur bei der WASAG) wie auch bessere Formen der Wirtschaftsorganisation (Verflechtungen mit anderen Chemiebetrieben und der Montanindustrie). Auch ohne Kenntnis einer umfassenden Produktionsstatistik kann man aus der Zunahme der Beschäftigten die Entwicklung der Produktion erahnen. Waren es Mitte 1914 noch etwa 1000 Personen, so stieg die Zahl auf ca. 2000 im Frühjahr 1933,5200 im Sommer/Herbst 1933.
Die jährlich für das Gewerbeaufsichtsamt Wittenberg zu erstellenden "Katasterblätter für eine gewerbliche Anlage" zum 1. August jeden Jahres weisen als Summe für das Werk Reinsdorf im Jahre 1934 = 5043 und im Jahre 1935 = 7669 Personen aus. Dazu ist zu bemerken, daß Angestellte in leitender Stellung (Vorgesetzte), deren Gehalt eine bestimmte Grenze überschritt, nicht mitgezählt wurden. Andererseits sind 1935 auch erhöhte Beschäftigungszahlen der besonders vom Unglück betroffenen Teilbetriebe zu verzeichnen.
Zum besseren Verständnis der durch das Unglück besonders betroffenen Anlagen eine kurze Erläuterung derselben bzw. der Produkte. Die Anlagen waren im nordöstlichen Teil des Werkes, nahe des Weges von Reinsdorf zum Gallun, schon in den ersten Jahren des Werkes errichtet worden.
Trinitrotoluol (TNT) ist ein dreifach mit Salpetersäure nitriertes Toluol. Zur Nitrierung verwendet man Nitriersäure, ein Gemisch von konzentrierter Salpetersäure und konzentrierter Schwefelsäure. Die Aufgabe der Schwefelsäure besteht in der Bindung des bei der Nitrierung entstehenden Reaktionswassers. TNT selbst ist fest (gelbe Kristalle), gegen Druck und Stoß unempfindlich, explodiert durch Initialzündung mit großer Brisanz.
Die Herstellung (Reaktion) erfolgt in 3 Stufen, in denen aus dem Toluol zuerst Mononitrotoluol, dann Dinitrotoluol (DNT) und schließlich zuletzt Trinitrotoluol entsteht.
Da in den ersten beiden Stufen die Abfallsäuren der folgenden Stufen verwendet wurden, mußten diese Abfallsäuren von den Fremdkörpern befreit werden. In dieses Gemisch von Säure, DNT und TNT fiel in dem später beschriebenen Hergang ein Säurehandschuh. Die Entzündung des "sauren" Gemisches durch den organischen Stoff "Wolle" und der folgende Brand wirkten nun als Initialzündung.
Analog ist die Pikrinsäure, richtigerweise eigentlich Trinitrophenol, ein dreifach nitriertes Phenol. Neben der Verwendung als Sprengstoff wurden die Salze der Pikrinsäure (Pikrate) vordem zum Färben verwendet. Die Arbeiter in diesen Anlagen erkannte man schon oft an der gelblichen Hautfärbung.
Die Anlagen zur Produktion von Nitroglycerin (Glycerinnitrat) werden allgemein als "Ölberge" bezeichnet. Die Herstellung erfolgt ebenfalls durch Nitrierung von Glycerin mit einer Nitriersäure. Die gelbliche, ölige Flüssigkeit (daher auch der oft verwendete Name Sprengöl) ist äußerst schlag- und stoßempfindlich und explodiert auch bei Überhitzung. Die ca. 20 m hohen Ölberge bargen in sich durch Erdwälle geschützt und gestaffelt angeordnet, die einzelnen Stationen Nitrierhaus, Waschhaus, Filterhaus und Öllager. Am Fuße des Berges lagen die Mengehäuser. Das Sprengöl gelangte somit durch eigenes Gefälle bis zum Fuß des Berges und sicherte eine möglichst gefahrlose Weiterverarbeitung. Durch den Chargenbetrieb war jederzeit je nach Bedarf eine Umstellung der Produktion auf die anderen Sprengöle Nitroglykol und Dinitrochlorhydrin möglich. Ab 1895 hatte die WASAG ihren Sitz in Wittenberg, der 1899 nach Berlin verlegt wurde.
Als Nachfolger von Dr. Max Bielefeldt der ab 1904 den Titel Generaldirektor führte, stand ab 1907 Dr. Wilhelm Landmann der WASAG vor. Landmann kannte das Reinsdorfer Werk noch aus eigener Tätigkeit (Anfang 1896 Betriebschemiker, Ende des Jahres stellv. Betriebsleiter, von 1897 bis Mitte 1899 Leiter des Werkes), bevor er ab 1.7.1899 zur Zentralverwaltung nach Berlin berufen wurde.

2. Das Unglück und seine Folgen
Über das Unglück am 13. Juni 1935, dem größten in der bis dahin 40jährigen Geschichte des Werkes liegt eine Diplomarbeit vor. Aus den Darlegungen der Autorin Christa Olschewski (1) ergab sich folgender Verlauf:
Durch Selbstentzündung eines Säurehandschuhes, der einem Arbeiter in der Rückstandswäscherei der Toluolanlage in den Sammelkasten gefallen war, brach kurz vor 15 Uhr Feuer aus. Bei der Werksfeuerwehr wurde um 15 Uhr Feueralarm ausgelöst. Etwa 15.01 Uhr explodierten die Sammelkästen. In der Rückstandswäscherei der Toluolanlage nahm die Katastrophe ihren Anfang. Die von der ersten Explosion hervorgerufene Druckwelle und brennende Schleuderstücke lösten eine Kettenreaktion aus, deren Folge über 100 Tote, ebensoviele Schwerverletzte, mehr als 300 Leichtverletzte und enormer Sachschaden war."
Viele verließen fluchtartig die gefährdeten Anlagen und das Werk. Beherzte Arbeiter begannen trotz drohender Explosionsgefahr mit Bergungs- und Rettungsarbeiten. Etwa 15 bis 20 Minuten nach den ersten großen Detonationen war das Werk von SA und Landjägern abgeriegelt. In konfiszierten Fahrzeugen wurden die Verletzten zum Paul-Gerhardt-Stift nach Wittenberg gebracht. Viele verängstigte Wittenberger verließen angesichts des riesigen Rauchpilzes und den Auswirkungen der Druckwelle der Explosion die Stadt zumal sich schnell das Gerücht verbreitete, daß nach der Explosion von 2 Ölbergen nun der 3. und größte ebenfalls zu explodieren drohte. Am Abend konnte dann Entwarnung gegeben werden, da der Ölberg geflutet werden konnte.
Es sollen 27 t Sprengstoff explodiert sein, ..nicht gerechnet der Mengen, die sich im Leitungssystem befanden, der halbfertigen Mengen und der Stoffe, die nicht eigentlich als Sprengstoffe anzusehen sind und dennoch explodierten."
In der 7usammenfassung über die Auswirkungen heißt es: "Die Explosionskette am 13. Juni1935 hatte die Trinitrotoluolanlage und die Nitroglyzerinanlage III völlig zerstört. Weitgehend zerstört wurde auch die Pikrinsäureanlage. Die Nitroglyzerinanlagen I und II fielen völlig aus. Stark in Mitleidenschaft gezogen worden auch die Hexa- und Tetraanlagen sowie die Schmelz- und Sprengkapselproduktion. Alles in allem ein Schaden von ca. 32 Mill. RM.
Für die explodierte Toluolanlage baute die WASAG eine neue, leistungsfähigere bei Elsnig (Torgau) auf, die 1937 mit der Produktion begann."
Über eine Folge des Unglücks, die unmittelbar nach der Katastrophe einsetzende Verhaftungswelle von Gegnern des Naziregimes, geht die Autorin auch ein. Als Grund wurde Sabotage angegeben. Unter den Verhafteten waren auch viele, die nie bei der WASAG gearbeitet hatten. Die Wittenberger Tageszeitungen verschweigen diesen Fakt ganz, zumal bereits am 15.6. die wirkliche Ursache verkündet wurde.
Daß die Ermittlungen der Staatspolizei tatsächlich in dieser Richtung verliefen, ist dem Erlebnisbericht von Oskar Paul Dost, damals Katastrophen-Kommissar der Kriminalpolizei in Berlin, zu entnehmen (2), der nach Reinsdorf beordert wurde "Die Stapo hat inzwischen als vordringlichste Aufgabe einen Bunker eingerichtet, um Attentäter einzusperren, denn nach ihrer Ansicht handelt es sich um einen ganz klaren und typischen prima-facie-Fall von Sabotage am Aufbau des Dritten Reiches. Die "kommunistischen Arbeiter" des Werkes wollten gewaltsam die Produktion verhindern und den Wehrwillen des Volkes lahmlegen. Klar sei der Fall schon deshalb, weil bereits zuvor gelegentlich einmal kleinere Explosionsunfälle erfolgt seien und - vor allem - weil die zahlreichen Detonationen bei Ausbruch der Katastrophe gleichzeitig erfolgt seien. Das sei offensichtlich Sabotage, könne gar nicht anders sein. Die Kriminalpolizei Berlin könne getrost wieder nach Hause fahren, das mache die Stapo Halle schon allein weiter, mehrere Täter hätte sie schon, und im Bunker der SS werden sie schon gestehen."
Aber die Staatspolizei und Kriminalpolizei waren nicht die einzigen, die Untersuchungen durchführten. Dost schreibt weiter: "Wie bei allen Unfällen selbst schon geringerer Art arbeiteten mehrere interessierte Behörden, Körperschaften und Organisationen neben- und durcheinander. Jeder hatte für sich, jeder von einem anderen Gesichtspunkt aus den Sachverhalt zu klären, der eine für die ,Abwehr', dieser für das Heereswaffenamt, jener als Gewerbeaufsicht, der andere für die Berufsgenossenschaft, nun noch der Kriminalist für den Staatsanwalt, der weitaus in der Hauptsache sein Auftraggeber, wenn auch nur der Idee nach, ist. Bis zum Ablauf der ersten 24 Stunden war es noch keinem der vielen Untersuchungsführenden gelungen, sich ein klares Bild von dem Unfallhergang zu verschaffen. Als der Regierungspräsident von Merseburg im tiefen Ratskeller die Kriminalpolizei zu sich rief, war ihr Katastrophenkommissar der erste, der den wahrscheinlichen Ablauf der Geschehnisse zu schildern vermochte. Auf die ebenso verwunderte wie anerkennende Frage, wie dies möglich sei, hörte man daß die Kriminalpolizei dazu erzogen sei, zunächst einmal einen Tatbestand festzustellen, bevor sie Täter suche, während die Stapo es vorziehe, den umgekehrten Weg zu gehen. Sie sperre zunächst einmal vermeintliche Saboteure in den Bunker der SS, dann suche sie Tatbestände, die sie ihnen unterstellen könnte." Zur Unfallermittlung selbst führt er weiter aus: "Schon am ersten Tage der Arbeit hatte der Katastrophenkommissar ermittelt, daß ein bestimmter Säurekessel allein die Ursache der Explosionen gewesen sein mußte, die sich kettenförmig an seine Explosion anschlossen. In diesem Kessel befand sich Trinitrotoluol... Am zweiten Tage weiß man, wer an diesem Kessel gearbeitet hat; ... er liegt auf den Tod verletzt im Martin-Luther-Krankenhaus (gemeint ist sicherlich das Paul-Gerhardt-Stift - O.B. -) ... Als er hören und sprechen kann, wird er vorsichtig und liebevoll befragt, aber er gibt keine Erklärungen ab, sondern schweigt oder macht Ausflüchte. ... In einer Gemütsaufwallung von Schuld, Sorge, Angst und Reue fängt er endlich an, sich das vom Gewissen zu reden, was ihn quält und sichtlich nicht zur Ruhe und zur Heilung kommen läßt.
Etwas differenziert sind die Ausführungen von Dost und Olschewski, wie der Handschuh in den Bottich fiel und die Reaktionen der Betroffenen darauf. Übereinstimmung gibt es wieder in der Aussage, wie ein Säurehandschuh den Brand entfachen konnte. Neue Handschuhe gab es bei Abnutzung oder solchen mit geringen Schäden nicht. Die Frauen stopften diese dann zu Hause mit Wolle, da viele Arbeiter über die Gefahren nur unzureichend informiert waren. Die Wolle als organischer Stoff rief somit die Entzündung des Gemisches hervor. Doch auch bei rechtzeitiger Entfernung des gerade zu brennen beginnenden Handschuhes hätte das Unglück noch vermieden werden können. Doch wer ist schon immer so geistesgegenwärtig?
Über die Situation im Paul-Gerhardt-Stift in Wittenberg berichtete der Chefarzt Dr. Bosse (3): "... Sofort nach dem Unglück eilten die Ärzte aus Wittenberg und Piesteritz zur Explosionsstätte, konnten dort aber kaum ärztliche Hilfe leisten, denn die Schwerverletzten waren inzwischen mit Notverbänden, die ihnen von Sanitätsmannschaften angelegt wurden, in großen Werkkraftfahrzeugen und Privatwagen zum nächsten Krankenhaus (Wittenberg) verbracht worden. Die leichter Verletzten suchten, zum größten Teil unverbunden, ganz instinktiv - allein von dem Drange beseelt, möglichst schnell den Brandherd zu verlassen - ihre gewohnten Ärzte in der Umgebung auf, ohne damit zu rechnen, daß diese nach dem Werke kommen würden. Etwa 300 der Verwundeten, darunter fast 90 Schwerverletzte, wurden in der Zeit von 15-19 Uhr dem Krankenhaus zugeführt. - Unser verhältnismäßig kleines Provinzialkrankenhaus mit etwas über 200 Betten, und stets mit Zivilkranken voll belegt, hatte mit diesem Ansturm fertig zu werden. Daß wir nach 24 Stunden nicht nur alle Verletzten endgültig versorgt und operiert hatten, sondern auch statistisch die Verletzten nach allen Richtungen hin karteimäßig erfaßt hatten, war nur dadurch möglich, daß wir durch die Erfahrungen bei den früher erlebten Explosionsunglücken auf eine derartige Katastrophe vollkommen vorbereitet waren.
Sofort nach der Explosion stellte ich das gesamte Krankenhaus kriegsmäßig um und gab den Befehl heraus: Wir sind Hauptverbandplatz. Es darf nur verbunden werden, nicht operiert. Es werden nur Notverbände angelegt und Blutungen gestillt... In der Viertelstunde, die zwischen dem Unglück und der Aufnahme der ersten Verletzten lag, hatte ich die Zivilkranken bestimmt, deren Zustand es erlaubte, sie ohne Gefährdung der Gesundheit aus dem Krankenhaus in die umliegenden Privathäuser oder in ihre eigene Behausung zu verlegen. - Weder bei den Kranken noch bei den Besitzern der Wohnungen, in die unsere Patienten verlegt werden mußten, stieß ich auf Widerstand, sondern ganz im Gegenteil, ich fand überall die verständnisvollste Bereitwilligkeit. - Sobald nun ein Verletzter in das Krankenhaus aufgenommen wurde, wurde auf denselben Trage, auf der dieser hereingebracht worden war, ein Zivilkranker heraustransportiert; und so erreichte ich, daß in kürzester Zeit alle Schwerverletzten aufgenommen, aber nur so viele Zivilkranke evakuiert wurden, als dringend notwendig war... Bis 19 Uhr hatten wir auf diese Weise 87 Schwerverletzte untergebracht und rund 300 Verwundete verbunden. Jetzt ließ ich das Krankenhaus für jeden Verkehr schließen; die Leichtverletzten, soweit sie sich noch im Hause aufhielten, wurden abtransportiert. Die Operationssäle mußten gründlichst gesäubert und für Operationen hergerichtet werden. Meine Sprechzimmer sind nunmehr alleinige Aufnahmestelle mit einzigem Zugang zum Hause. Auf einer anschließenden Visite werden die Operationen und Gipsverbände an Hand der fertigen Karteikarten festgelegt. Der Hauptverbandplatz wird zum Feldlazarett. In dem einen Operationssaal operierte der Oberarzt, die Leitung der beiden anderen übernahm ich selbst. So arbeiteten wir mit einigen kurzen Pausen bis morgens gegen 4 Uhr... Bis auf eine einzige Ausnahme haben wir keinen der Schwerverwundeten verloren. ... Der Verunglückte, der starb, hatte einen einfachen Rippenbruch, keine Wunde, und war schon aufgestanden; da bekam er plötzlich eine Embolie und ist dieser innerhalb weniger Minuten erlegen."
Was war nun mit den Gerüchten von der drohenden Explosion des 3. Ölberges, von der auch Christa Olschewski schrieb und später aber feststellte, daß die Nitroglycerinanlage III (ist gleich Ölberg 3) völlig zerstört wurde und die Anlagen I und II völlig ausfielen?
Aus dem Bericht von Dr. W. Naumann (4), damals Leiter der Nitroglycerin- und Dynamitanlage, der sich nach der Explosion sofort zum Werk begab, ergab sich folgender Sachverhalt: "Zu meinem Entsetzen mußte ich feststellen, daß sämtliche Gebäude des in voller Besetzung arbeitenden Ölberges 3 (Nitrier-, Wasch-, Filterhaus mit Öllager und Pulverrohmassegebäude) restlos zerstört waren und teilweise noch brannten. Weiter ging's an der Sprengkapselanlage, in der gerade ein Gebäude hochging, vorbei zum Ölberg 2. Hier traf ich meine beiden Meister Karl Grohmann und Gustav Richter bei Rettungsarbeiten an und schloß mich ihnen an. Auf den Boden des nur teilweise zerstörten Filterhauses und Öllagers stand 5 cm hoch das aus allen Vorratsbehältern ausgelaufene Sprengöl mit Glassplittern, Sand und Steinen vermischt, rd. 2000 kg. Die gefahrlose Beseitigung hat uns später noch schweres Kopfzerbrechen gemacht. Während wir nun an dem am weitesten vom eigentlichen Explosionsherd entfernt liegenden, scheinbar ziemlich unversehrt gebliebenen Ölberg 1 entlanggingen, sahen wir in Höhe des Betriebsbüros der Nitroglyzerin- und Dynamitanlage Herrn Dr. Landmann in Begleitung von Herrn General Lange stehen. Wir informierten ihn kurz über den Stand der Dinge, als plötzlich einer unserer Nitrierer, Hermann Jäckel, an uns herantrat: im Nitrierhaus 1 befände sich wohl noch eine fast fertig nitrierte Dinitrochlorhydrin-Charge, deren normales Ablassen durch den Stromausfall verhindert worden sei. Ich vergesse nicht den überaus ernsten Blick von Herrn Dr. Landmann, als ich spontan ausrief: "Die müssen wir sofort abzulassen versuchen, sonst knallt's schon wieder". Und schon liefen Meister Grohmann, Jäckel und ich los und begannen die 45° steilen Wälle der Nachscheidung und des Nitrierhauses mit keuchenden Lungen zu erklimmen, denn höchste Eile tat not, die Charge noch vor der drohenden Zersetzung im Notbassin zu ersäufen. Auf der obersten Wallkrone angelangt, ein vorsichtiger Erkundungsblick und dann sausten wir auf der Innenseite des Walles hinunter in das Nitrierhaus, wo bereits braunrote Zersetzungsdämpfe aus dem Nitrierapparat drangen. Einer von uns sprang an den Reserverührungshahn, der andere an den Wasserzuflußhahn des Notbassins und der dritte an den großen Steinzeugabflußhahn des Nitrierapparates, alle drei Hähne öffneten wir gleichzeitig, so daß das gefährliche Öl (schätzungsweise 500 kg) gefahrlos im Sicherheitsbottich ersäuft wurde...
Die Auswirkungen der Explosion der gesamten Trinitrotolunlanlage, des ganzen Ölberges 3 und eines großen Nitroglyzerinpulvermagazins in der Neuanlage waren verheerend. Große eiserne Apparaturen, Kesselwagen und Lagerkessel wurden Hunderte von Metern, ja sogar kilometerweit geschleudert. Am meisten betroffen durch die Druck- und Sogwellen der Explosion wurden die 3-4 km entfernt gelegenen Dörfer Braunsdorf und Reinsdorf. Auch in der 8 km entfernt liegenden Stadt Wittenberg wurde eine Unmenge großer Schaufensterscheiben zerstört."
Die widersprüchlichsten Angaben gibt es zur Zahl der Toten. Wie bereits vorher erwähnt, wird die Zahl der Opfer bei Olschewski mit über 100 Toten, ebensovielen Schwerverletzten und mehr als 300 Leichtverletzten angegeben. Sie schreibt aber auch weiter, daß aus Erlebnisberichten die Zahl der Toten von 105 bis 123 angegeben wird. An anderer Stelle zitiert sie die "Times" vom 24. Juni, wo von 68 Toten, 34 Vermißten, über 100 Schwerverletzten und 628 Leichtverletzten die Rede ist.
In der Ausgabe "Die Chemische Industrie" vom Juli 1935 steht: "Es sind bisher 68 Todesopfer festgestellt. 34 Werksangehörige sind noch immer vermißt und müssen wohl auch zu den Toten gerechnet werden. Weiterhin wurden 86 Schwerverletzte gezählt und 10 Augenverletzte neben 628 Leichtverletzten." Diese Zahlen decken sich mit den Angaben der "Wittenberger Zeitung" vom 24. Juni 1935.
In dem Buch zur WASAG (4) wird von 82 Toten, 104 Schwer- und gegen 700 Leichtverletzten gesprochen, die das Unglück forderte.
In dem vom Umweltbundesamt herausgegebenen Handbuch für Störfälle sind angegeben: Tote: 82, Verletzte: 804 (nach Literatur "Zeitschrift für das gesamte Schieß- und Sprengstoffwesen"). Die genaue Totenzahl, einschließlich der Personen, die erst später ihren Verletzungen erlegen sind, ist vielleicht nie ermittelt worden.
Wenn auch die materiellen Schäden nach Aussagen Betroffener großzügig ersetzt wurden, den Verlust der Gesundheit und den Tod des Familienangehörigen konnte niemand ersetzen.
Trotz der schweren Zerstörungen eines Teiles des Werkes durch das Unglück am 13. Juni1935 begann man bereits am 19. Juni wieder mit der Produktion. Die zerstörten Anlagen wurden zügig wieder aufgebaut, außer der Toluolanlage. Für diese baute die WASAG in Elsnig (bei Torgau) eine neue Anlage, die 1937 die Produktion aufnahm. Die Produktionsgeschichte des Werkes Reinsdorf endete am 27.4.1945 mit der Besetzung durch die sowjetischen Truppen.
Demontage und Sprengungen in der Folgezeit beseitigten das größte Werk des Kreises Wittenberg. Nur die am ehemaligen Tor 1 (Ecke Heuweg/Kastanienweg) stehenden Gebäude wie das Kasino oder das Verwaltungsgebäude wurden später wieder instandgesetzt zur Nutzung als Tbc-Krankenhaus. Heute gehört der Komplex zur Paul-Gerhardt-Stiftung.

Zitierte Literatur:
(1)Christa Olschewski: Die Explosionskatastrophe im Reinsdorfer Werk der Westfälisch-Anhaltischen Sprengstoff-Actien-Gesellschaft vom 13. Juni 1935. Diplomarbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin, Mai 1973
(2)Oskar Paul Dost: Trinitrotoluol. in: "Kriminalistik"; Heft 7 vom Juli 1958
(3)Dr. Paul Bosse: Kriegserfahrungen im Frieden. in: "Deutsche Medizinische Wochenschrift"; Nr.41, vom 11. Oktober 1935
(4)Das Explosionsunglück von 1935 - Ein Augenzeugenbericht (von Dr. Naumann) in: Wolfram Fischer: "WASAG - Die Geschichte eines Unternehmens 1891-1966" herausgegeben von WASAG-CHEMIE AG, Essen 1966.


Zunächst setzte sich Wittenbergs Weg zur modernen Industriestadt unvermindert fort. Betriebe wie ein Gummiwerk, eine Schokoladenfabrik, eine Fabrik für chemische Haushaltsartikel und andere ergänzten bis 1910 die Industrieansiedlung westlich der Stadt. Ein Margarinewerk im Süden Wittenbergs bei Pratau und ein großes Sprengstoffwerk auf Reinsdorfer Flur vervollständigten das Industriespektrum um Wittenberg. Mit dem Stickstoffwerk in Piesteritz (1915) kam schließlich auch noch ein Großbetrieb der chemischen Grundstoffindustrie dazu. Zur Unterbringung der wachsenden Zahl von Arbeitskräften wurde der Wohnungsbau auf viele Stellen im Stadtrandgebiet ausgedehnt. Wittenbergs Bevölkerungszahl wuchs durch die industrielle Entwicklung bis 1913 auf 23074, hatte sich gegenüber 1871 also fast verdoppelt. Durch neue Vorstadtsiedlungen weitete sich Wittenbergs Stadtfläche beständig aus. Mit dem ersten Weltkrieg kam zwangsläufig eine Zeit, in der die kommunale Entwicklung stagnierte. Die Umstellung der Industriebetriebe auf kriegswichtige Erzeugnisse brachte entsprechende Beschränkungen für den Privatsektor. Bald folgte der Mangel an Nahrungsmitteln und Energieträgern. In die Zeit wachsender Entbehrungen fiel 1917 das 400. Reformationsjubiläum, gekennzeichnet durch viel patriotisches Pathos und überschattet von den Kriegsereignissen. Ebenfalls noch in die Kriegszeit fiel 1918 die Gründung der Luthergesellschaft. Nach Kriegsende häuften sich in Wittenberg Gedenkveranstaltungen für die verschiedensten Ereignisse der Reformationszeit, so 1920 die Verbrennung der Bannandrohungsbulle, 1921 den Reichstag zu Worms, 1922 Luthers Rückkehr von der Wartburg, 1925 den Todestag Friedrichs des Weisen und Luthers Eheschließung. Ein besonderes Ereignis für alle evangelischen Christen Deutschlands war die 1922 in der Schloßkirche vollzogene Gründung des Deutschen Evangelischen Kirchenbundes. Die Gründungsurkunde wurde von den Vertretern der einzelnen Landeskirchen an Luthers Tisch, den man dazu eigens aus der Lutherstube hierher geholt und auf Luthers Grab gestellt hatte, unterzeichnet. Durch diese und weitere Veranstaltungen gewann Wittenberg in dieser Zeit weiter an Profil als zentraler Ort der Rückbesinnung auf Wittenbergs einstige Glanzzeit. Auch der Beschluß des Magistrats und der Stadtverwaltung von 1922 zum Einführen des Namens "Lutherstadt Wittenberg" paßt in dieses Bild. Die offizielle ministerielle Bestätigung ließ allerdings bis 1938 auf sich warten.
Am Ende der zwanziger Jahre stand eine aus denkmalspflegerischer Sicht wegweisende Bauleistung: Die umfassende Rekonstruktion des Wittenberger Rathauses (1926/1928) unter Leitung von Landesbaurat Petry. Der Bauzustand des Rathauses war schon 1914 stark erneuerungsbedürftig gewesen, doch der Krieg verzögerte den Beginn des Vorhabens beträchtlich. Desto größer war nun der erforderliche Aufwand: Vom Gebäude blieben lediglich die Außenmauern stehen, das gesamte Innenhaus dagegen mußte neu aufgebaut werden. Während man das Innere unter Verlust vieler historischer Züge modernen Erfordernissen anpaßte, wurde das Äußere des Rathauses in seinem historischen Aussehen bewahrt. Dadurch blieb Wittenberg ein großartiges Denkmal spätmittelalterlicher Baukunst erhalten. Am 24. Mai 1928 erfolgte die feierliche Übergabe des Hauses an seine Nutzer. Etwa zur selben Zeit begannen in der Stadtkirche Restaurationsarbeiten im Kirchenschiff und im Altarraum. Die Arbeiten dienten dem Ziel, sich wieder dem ursprunglichen Raumzustand als Luthers Predigtkirche zu nähern, der durch klassizistische Neugestaltung 1810/11 verfremdet worden war.
Wachsende Besucherzahlen der reformatorischen Gedenkstätten im Jahrzehnt nach den Ersten Weltkrieg veranlaßten die Wittenberger Gemeinde zur Gründung eines kirchlichen Verkehrsausschusses. Er erwarb sich große Verdienste um die sachkundige Betreuung von Reisegruppen, die als "Wittenbergfahrer" meist sonntags zu einem ganztägigen Besuch hierher kamen. Oft waren es mehr als 600 Besucher - einmal, am Himmelfahrtstag 1925, sogar etwa 1800, die in Sonderzügen anreisten. Meist kamen die Gruppen aus Berlin, Sachsen oder Thüringen und wurden in der Stadt von vielen freiwilligen Helfern und sachkundigen Führern betreut. Neben solchen von kirchlichen Einrichtungen veranstalteten Fahrten gab es auch früher schon die über das städtische Verkehrsamt vermittelten Besuche für die zahlreichen Gäste Wittenbergs aus allen Gegenden Deutschlands und vielen Teilen der Welt. Auch in den dreißiger Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg blieb Wittenberg mit den historischen Zeugen seiner großen Vergangenheit Ziel vieler interessierter Besucher. So weilten 1936 rund 75000 Gäste in der Stadt, viele davon wieder vom kirchlichen Verkehrsausschuß betreut. Doch mit der Machtergreifung Hitlers 1933 zog auch in Wittenberg ein Geist ein, der Luthers Werk ganz in den Dienst ideologischer Propaganda zu stellen versuchte. Der Mißbrauch der Lutherhalle zum 450. Geburtstag Luthers zur Nazipropaganda und die Inthronisation des preußischen Landesbischofs Müller zum "Reichsbischof" auf der "l.Deutschen Evangelischen Nationalsynode" im September 1933 in Wittenberg warfen bedrückende Schatten auf die folgende Entwicklung. Sie eskalierte auch in Wittenberg in den Pogromen der "Reichskristallnacht" 1938 gegen jüdische Mitbürger. Rund 70 von ihnen lebten 1933 in der Stadt, doch nur 4 blieben dank besonders glücklicher Umstände vor dem Holocaust bewahrt.
Im Zuge der allgemeinen Aufrüstung des Hitlerstaates wurde auch Wittenberg zu einem wehrwirtschaftlich wichtigen Zentrum ausgebaut. Bedeutende Rüstungsbetriebe waren hier vor allem das Reinsdorfer Sprengstoffwerk (Wasag) und der 1935 errichtete Betriebsteil der Arado-Flugzeugwerke, die zahlreiche Arbeitskräfte nach Wittenberg zogen, was den Bau neuer Wohnsiedlungen im Stadtrandgebiet und dem verstärkten Neubau in der Stadt selbst auslöste. Einen Vorgeschmack der Kriegsschrecken erhielten die Wittenberger durch die Explosionskatastrophe im Wasag-Sprengstoffwerk vom 13. Juni 1935. Mit 120 Toten und einer Vielzahl Verletzter war es das folgenschwerste Unglück dieser Art. die in fast regelmäßigen 10-Jahresabständen auch früher schon Angst und Unglück über viele Familien Wittenbergs und der Umgebung gebracht hatten. Zum Kriegsende wurden die Produktionsanlagen dieses Werkes dem Erdboden gleichgemacht. Das Verwaltungsgebäude wurde friedlicher Nutzung zugeführt und ist heute eine wichtige Wittenberger Klinik.
Wittenberg hatte das Glück, im zweiten Weltkrieg nur verhältnismäßig geringe Bombenschäden zu erleiden. So konnten Bewahrung und Pflege des reformatorischen Erbes dort weitergehen, wo sie kriegsbedingt unterbrochen gewesen waren. Bombenschäden hatte in der letzten Kriegsphase vor allem noch das Gebiet um den Wittenberger Hauptbahnhof erlitten. Die sinnlose Sprengung der Elbbrücken - die vorrückende Rote Armee hatte bereits an anderer Stelle die Elbe überquert und am 26. April 1945 das noch kurz vorher zur Festung erklärte Wittenberg besetzt - hatte noch lange Nachwirkungen. Erst 1965 konnte wieder eine stabile Straßenbrücke dem Verkehr übergeben werden.
Unter den zahlreichen reformationshistorischen Veranstaltungen in Wittenberg nach 1945 sind unter anderem die Gedenkausstellung für Lukas Cranach d. Ä. zu dessen 400. Todestag (1953) und die aus gleichem Anlaß für Philipp Melanchthon (1960) zu erwähnen. Letztere gab zugleich den entscheidenden Anstoß dafür, das Melanchthonhaus in ein Memorialmuseum für diesen großen Gelehrten umzugestalten. 1967 wurde es der Öffentlichkeit übergeben und ist seitdem fester Bestandteil der Wittenberger Gedenkstätten. Das mit viel Aufwand auch staatlich unterstützte Reformationsjubiläum 1967 fand große Resonanz auch im Ausland, noch mehr die umfangreichen Veranstaltungen während des Lutherjahres 1983. Allein der völlig neugestaltete Ausstellungsbereich im Lutherhaus zählte in jenem Jahr vor der Eröffnung (19. April) bis Jahresende fast 170000 Besucher aus dem In- und Ausland. Ein denkwürdiges Ereignis war auch die Ansprache Richard von Weizsäckers anläßlich des Evangelischen Kirchentages im September 1983 auf dem Wittenberger Marktplatz. In einer abendlichen Veranstaltung desselben Kirchentages wurde auf dem Lutherhof ein Schwert in eine Pflugschar umgeschmiedet. Es war ein Signal des Protestes gegen jede Form einer Militarisierung der Gesellschaft.
Derartige Veranstaltungen beeinträchtigten naturgemäß den erhofften propagandistischen Effekt solcher Jubiläumstage, nutzte doch der DDR-Staat auch in Wittenberg jede Gelegenheit, um sich als Bewahrer der "progressiven" historischen Tradition zu profilieren und seine Errungenschaften ins rechte Licht zu rücken. Die staatliche Unterstützung bei der Renovierung historischer Bausubstanz im Vorfeld großer Jubiläen war dabei ein durchaus positiver Effekt, der jedoch eine Beschriftungsaktion Anfang der siebziger Jahre nicht vergessen machen konnte, bei der die Wittenberger Stadtlinienbusse mit der Aufschrift "Chemiestadt Wittenberg" versehen wurden. Diese, auf Betreiben der örtlichen Parteispitze durchgeführte Maßnahme, blieb monatelang ein Schandfleck im Wittenberger Stadtbild. Anlaß war die mit Errichtung des Piesteritzer Nordwerkes einhergehende Bautätigkeit in der Stadt. Durch das damals entstandene Neubaugebiet und schon vorher erfolgte Eingemeindungen stieg die Einwohnerzahl Wittenbergs bis Ende der Achtziger Jahre auf etwa 54000 an.
Im Herbst 1989 gab es auch in den Kirchen Wittenbergs mit den „Gebeten für Frieden" starke Impulse für die politische Wende. Seitdem stehen vor den demokratisch gewählten Vertretern der Stadt eine Fülle dringend zu lösender Aufgaben. Es gilt, die Versäumnisse in der kommunalen Entwicklung aus DDR-Zeit aufzuholen, etwa auf dem Gebiet des Straßenbaus oder dem der Altstadtsanierung. Wie sich hier auch interessierte Wittenberger Bürger engagieren, zeigt das Beispiel der 1990 gegründeten Stiftung "Cranach-Höfe e.V." Fernziel des nicht allein von engagierten Bürgern und der Kommune zu tragenden Projektes ist es, daß die Cranach-Höfe eines Tages eine Heimstätte für Kunst und Kommunikation werden und in ihrer rekonstruierten historischen Gestalt auch den Besuchern der Lutherstadt eine zusätzliche Attraktion im historischen Stadtkern bieten. Die geplante Rückführung von Teilen der Universität sowie die vorgesehene Ansiedlung der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalts werden ebenfalls zur weiteren Ausprägung des künftigen Profils der Stadt beitragen.
Von überregionaler Bedeutung ist der gegenwärtig laufende Neubau einer zentralen Kläranlage, ein Pilotprojekt des Bundesumweltministeriums, das nach Fertigstellung einen wichtigen Beitrag zur Elbsanierung leisten wird. So erhält das Wittenberger Stadtbild überall neue Züge. Als wichtige Objekte werden noch vor dem bevorstehenden 700. Stadtjubiläum ein Hotelneubau und eine Einkaufspassage in der Innenstadt fertiggestellt sein.
So rüstet sich die Lutherstadt, um neben den mit Sorgfalt bewahrten historischen Sehenswürdigkeiten ihre Festgäste im Jubiläumsjahr auch mit einem attraktiver werdenden Äußeren zu empfangen.
Das Explosionsunglück im Sprengstoffwerk Reinsdorf am 13. Juni 1935

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18. Das Jahr 1938

   Dobiener Chronik
A.Stadelmann S.88 f

Das Jahr 1938 sollte als das größte und gewaltigste in die deutsche Geschichte eingehen. Zu Beginn des Jahres hatten wir einen schönen Winter, so wie sich nur jeder wünschen kann. Es gab genügend Schnee, und es war auch nicht zu kalt. Anfang März hatten wir dann schon das schönste Frühlingswetter. In diesen schönen Frühlingstagen wurde wie durch einen Frühlingssturm das volksfremde Regime Schuschnigg in Österreich hinweg gefegt, der Nationalsozialismus übernahm die Macht. Am 12.03.dieses denkwürdigen Jahres rückten deutsche Regimenter über die ehemalige deutsch - österreichische Grenze. Jubelnd wurden sie von der Bevölkerung als Befreier begrüßt. An der Spitze seiner Regimenter zog auch der Führer in seine Heimat ein. Der Jubel und die Begeisterung aller Deutschen kannte keine Grenzen. Am 13.05. wurde von Linz aus das Großdeutsche Reich verkündet. Überall im Reich wurden am Abend dieses historischen Tages Freudenkundgebungen und Fackelumzüge veranstaltet.
Wir in Reinsdorf sammelten uns abends 7 Uhr am „Gesundbrunnen“ und marschierten zum Dobiener Kriegerdenkmal. Dort wies in einer Ansprache der Kreisamtsleiter des NSLB, Parteigenosse Kuhlmann, Wittenberg, auf die Bedeutung des geschichtlichen Tages hin.
Bis spät in die Nacht verfolgte das deutsche Volk diese großen Stunden am Rundfunk. Man kam einfach nicht vom Rundfunkapparat weg.
Bei mir war es früh ½ 3 Uhr, ehe ich zu Bett ging.
Nun folgte Schlag auf Schlag.
Der Reichstag wurde aufgelöst, eine Volksbefragung zum 10.04.1938 festgesetzt.
Eine große Versammlungswelle überflutete Großdeutschland.
In unserer Ortsgruppe wurden am 08.04. zwei Kundgebungen durchgeführt. Die eine fand im Gasthof „Zur Stadt Brandenburg“ statt und wurde vom Ortsgruppenleiter Harms geleitet. Auf dieser sprach der Kreisbauernführer Parteigenosse Berger. Die andere wurde im „Gesundbrunnen“ abgehalten. Sie wurde vom Schulungsleiter Parteigenosse Alder eröffnet. In dieser Kundgebung sprach Parteigenosse Doege, Halle.
Den letzten größten Appell, den Großdeutschland und die Welt je sah, brachte am Sonnabend der Tag vor der Wahl des Großdeutschen Reiches.
Reinsdorf nahm geschlossen daran teil.
Auf dem Sportplatz in Reinsdorf/Nord (Dobien) standen sämtliche Gliederungen der Bewegung und viele Volks - und Parteigenossen, zusammen 600 Mann, zum größten Propagandamarsch, den Reinsdorf erlebte, bereit. Vornweg der Musikzug der „Wasag“ und dahinter marschierten 600 Mann im gleichen Schritt und Tritt. Als die Dunkelheit hereinbrach, wurden die mitgenommenen Fackeln entzündet. Um 20 Uhr hörten wir alle gemeinsam in den Sälen vom „Gesundbrunnen“ und „Obstweinschänke“ die große Rede des Führers aus Wien.
Der 10.04. (Sonntag) stand ganz im Zeichen der Wahl. Punkt 8 Uhr setzte das große Kommen und Gehen ein. Um 15 Uhr konnte festgestellt werden, daß Reinsdorf 100% gewählt hatte. Es wurde wie folgt abgestimmt.

Volksabstimmung und Großdeutscher Reichstag am 10.April 1938

                   Reinsdorf    Dobien        Zus.             %       Teuchl. Mark         %

Stimmliste    801             1022            1823            -                  234             -

-scheine       13               15               28               -                  1                 -

-berechtigt     814             1037            1851            100             235             100

abg. Stim.    814             1037            1851            100             235             100

Ja-Stim.       812             1034            1846            99,74          232             98,75

Nein-Stim.    2                 3                 5                 0,26            3                 1,25

Ungül. Stim.   -                  -                  -                  -                  -                  -

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19. Die Kriegerdenkmalweihe

Dobiener Chronik
A.Stadelmann
S.75f.
Kriegerdenkmalweihe - ein Festtag in Dobien

Dobien hatte am Sonntag, den 04.07.1937 seinen großen Tag, einen Tag, der in der Geschichte des Dorfes unvergeßlich sein wird. Galt es doch, das Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Weltkrieges festlich einzuweihen. Auf dem Abhang des Wallberges neben der Kirche, neben dem Friedhof, erhebt sich dieses schlichte, aus rotem Sandstein errichtete Mal mit seinen großen Eisernen Kreuz als Krönung und der schlichten Marmortafel mit den in goldener Schrift eingemeißelten 22 Namen jener Helden, die in dem großen Kriege aus Dobien ihr Leben für das Vaterland gaben. Eine große Freitreppe, deren Seiten mit Blumen geschmückt sind, führt von der Dorfstraße aus zu dem Denkmal empor. Auf beiden Seiten des Denkmals stand die vom Kyffhäuserbund, Kameradschaft Dobien, gestellte Ehrenwache, saßen auf Bänken die Angehörigen der Gefallenen, zu deren Ehren dieses Mal errichte wurde. Auf dem Abhang rings um das Denkmal, das von Fahnen umgeben war, saßen und standen die Einwohner Dobiens, jung und alt, unter ihnen eine Gruppe des weiblichen Arbeitsdienstes. Von fern klang Marschmusik, die näher und näher kam. Durch die festlich geschmückte Straßen des Dorfes marschierte der Festzug, deren Teilnehmer sich an der „Stadt Brandenburg“ und am „Grünen Tal“ versammelt hatten, zur Weihestätte. Bald wurde der Zug sichtbar, voran die Mitglieder der Janke-Kapelle, Wittenberg, dann je eine Abordnung der 3 Wittenberger Wehrmachtsteile. Ihr folgten die Kyffhäuser-Kameradschaft Dobien mit ihrer Fahne, die SA mit ihrer Fahne, DAF, NSKOV, Hitlerjugend, Bund deutscher Mädchen und politische Leiter mit ihren Fahnen. Vor dem Denkmal marschierten sie alle auf der Straße auf, während die Fahnenträger mit den Fahnen sich die Treppe hinauf bis zum Ehrenmal ausstellten und das Jungvolk beide Seiten des Males von der Straße herauf begrenzte. Mit dem „Niederländischen Dankgebet“ eröffnete die Jankekapelle pünktlich um 15 Uhr die Feier. Amtsvorsteher Gätzschmann, Dobien, hieß alle an der Feier Teilnehmenden im Namen der Gemeinde Dobien herzlich willkommen. Kameradschaftsführer Schneeberger begrüßte alle im Namen der Kyffhäuser-Kameradschaft Dobien. Sein besonderer Gruß galt dem Stellvertretenden Kreisführer Harms, den Kameraden des Kyffhäuserbundes und der neuen Wehrmacht, dem Vertreter des Landrats Holtz, Kreissyndikus Dr.Nagel, der SA, den politischen Leitern, dem Jungvolk und der Hitlerjugend.
Unsere Kameradschaft, so führte er aus, ist noch jung, wurde diese doch erst vor 3 Jahren ins Leben gerufen. Ihr Bestreben ist es immer gewesen, den Gefallenen ihren besonderen Dank abzustatten durch Errichtung eines schlichten Ehrenmales. Und nun ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Jung und stolz zogen die Söhne unseres Vaterlandes 1914 in den Krieg. Ohne nach dem Lohn zu fragen, haben sie ihr Leben in die Schanze geschlagen. 22 kehrten aus Dobien nicht mehr zurück. Den Dank des Vaterlandes an die Zurückgekehrten hat jedoch erst Adolf Hitler in die Tat umgesetzt. Dann wandte sich der Kameradschaftsführer an die Hinterbliebenen und rief ihnen zu, stolz auf ihre Söhne und Männer zu sein, denn sie haben Großes geleistet und sind für uns ins Grab gesunken. Nie wollen wir ihnen das vergessen!
Als Vertreter der Wehrmacht ergriff Hauptmann Stadler das Wort. Er dankte in schlichter Worten denen, die ihr Leben für uns ließen. Das Denkmal, so führte er weiter aus, sei ein Mahnmal an jene, die ihre Pflicht für das Vaterland bis zum Tode erfüllten. Die junge Wehrmacht steht für das Volk und Vaterland. Sie ist sich bewußt, daß das Leben von ihr Dinge fordern kann, die sie nur mit dem Tode lösen kann, wie es jene taten, denen dieses Mal geweiht wird.
Einer für alle!, alle für einen!
Getreu bis in den Tod!
Fast 20 Jahre sind vergangen nach dem Weltkrieg, so führte der stellvertretende Kreisführer Harms aus, und nun sind wir hier zusammen gekommen, um unseren Gefallenen das Denkmal zu weihen. „Ein Volk, das seine Toten nicht ehrt, ist nicht wert, daß es lebt!“. Dieser Ausspruch unseres Führers Adolf Hitler ist auch wohl hier die Anregung gewesen, inmitten dieses Dorfes ein Denkmal zu errichten. 22 Namen trägt dieser Stein, 22 junge Männer ließen ihr Leben für Deutschland. Wir müssen uns einmal wieder in die Zeit vor 20,23 Jahren zurück versetzen und uns daran erinnern, als wir mit denen zusammen, deren Namen auf diesem Stein verzeichnet sind, auszogen, um unser deutsches Vaterland zu verteidigen. Nach der Machtergreifung durch die national-sozialistische Bewegung wurde es uns immer mehr klar, wo der Feind stand, und so konnten auch wir uns immer mehr einsetzen im Kampf um die Festigung und die Stärkung unseres deutschen Vaterlandes. So fanden sich auch hier in Dobien wieder Männer aus den Schützengräben und den Batteriestellungen zusammen und ließen ihre Kameradschaft im Deutschen Reichskriegerbund Kyffhäuser wieder aufleben. Die Aufgabe des Ehrenmals soll sein, den Lebenden die Leistung unserer Toten ständig vor Augen zu führen und sie daran zu erinnern, daß Gemeinnutz vor Eigennutz geht, und daß es nicht darauf ankommt, daß ich lebe, sondern, daß ich meine Pflicht tue. Aus diesen Gesichtspunkten heraus übernahm nun die Kriegskameradschaft Dobien die Führung beim Bau dieses Ehrenmals, und die Gemeinde Dobien, die Industrie und die Einwohnerschaft halfen in kameradschaftlicher Weise mit. Es ist somit im wahrsten Sinne ein Gemeinschaftswerk.
So falle denn die Hülle
des Denkmals, mit dem wir den auf den Feldern der Ehre gebliebenen Kameraden in dieser feierlichen Stunde ein stilles Gedenken widmen können.
Das Kommando „Stillgestanden!“ hallte über den weiten Platz. Die Fahnen wurden gesenkt, die Hände zum stillen Gruß erhoben, während leise das „Lied vom guten Kameraden“ von der Jahnkekapelle gespielt wird. Und dann verlas der stellvertretende Kreisführer die Inschrift der Gefallenen:
Es starben den Heldentod fürs Vaterland im Weltkrieg 1914 -18:
Wilhelm Schreiber, Otto Pollex, Wilhelm Glaubig, Hermann Hanschmann, Walter Brockhausen, Gustav Buhle, Fritz Richter, Wilhelm Gruner, Richard Schulze, August Feßling, Wilhelm Lehmann, Hermann Richter, Paul Rettig, Otto Studer, Gustav Dannenberg, Willi Lehmann, Paul Röhrig, Emil Konrad, Otto Weber, Otto Scheer, Erhard Wilmersdorf, Hermann Meiershöfer.
Und nun, so fuhr der stellvertretende Kreisführer fort, habe ich noch im Namen des Kreisverbandes Wittenberg im Deutschen Reichskriegerbund Kyffhäuser allen denen zu danken, die an der Erstellung dieses Denkmals mit geholfen haben. Er schloß mit der Führerehrung.
Nach dem Gesange der Nationalhymne sprach Kreisschulleiter Bartsch, Wittenberg (nach dem Kriege kurze Zeit Lehrer in Dobien): Wir leben heute in der Zeit des Kampfes und der Ehre, Recht und Freiheit unseres Volkes, so rief er den Versammelten zu. Die Zeit des größten Heldentums und der tiefsten Erniedrigung haben wir erlebt. Die Fahnen des Weltkriegs wurden beschmutzt, Freiheit und Ehre galten nichts mehr, es war nichts, sein Leben für das Vaterland eingesetzt zu haben. Der Tod von 2 Millionen schien umsonst zu sein. Dann wandte er sich an die Mütter der Gefallenen; „Eure Söhne nahmen Abschied, nicht in Trauer, sondern stolz, das Ehrenkleid des deutschen Volkes tragen zu dürfen. Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen, so riefen sie euch zu. Ihr habt eure Söhne hingegeben. Ein schweres Opfer hat das Schicksal von euch verlangt. Seid stolz in eurer Trauer, wie es euer Sohn war. „Ihr seht vielleicht in diesem Augenblicke“, so rief er den Vätern der Gefallenen zu, „euren Sohn von euch Abschied nehmen. Ihr seid stolz, daß er euren Namen trug und sein Blut für Deutschland gab. Und ihr habt ein Recht darauf, stolz zu sein; denn Ruhm und Ehre gab er euch durch seinen Heldentod. Wir aber, die wir mit ihnen marschierten und kämpften, wissen, daß sie das Leben genauso lieb hatten wie wir. Und so ist das Große an ihnen, daß sie jederzeit freiwillig bereit waren, ihr Leben für Deutschland hinzugeben, wenn es sein mußte. So wurden sie zum Vorbild für unsere Jugend. Wie die 2 Millionen im Angesicht des Todes nicht gezittert haben, so wollen auch wir nie zittern, komme, was da wolle. So möge dieses Denkmal zum Mahnmal für die Jugend werden, ein Ruhmesmal sein für die, die fielen, und eine Stätte der Stärkung für die, die ihre Söhne opferten im Glauben an Deutschland und seine Zukunft.“
Kameradschaftsführer Schneeberger nahm dann noch einmal das Wort. Das Denkmal ist geweiht! Die 22 gefallenen Söhne der Gemeinde sind und bleiben unser. Sie sind für alle Zeit unlösbar mit der Geschichte verbunden. In Ewigkeit wird man ihre Namen künden. Es ist heilge Pflicht eines jeden, das Mal zu schützen und in Ehren zuhalten. Dann übergab er das Denkmal dem Amtsvorsteher Gätzschmann und damit der Gemeinde Dobien.
Amtsvorsteher Gätzschmann übernahm das Ehrenmal mit den Worten des Stolzes und der inneren Freude. Die Gemeindemitglieder und die Wanderer, die an dem Denkmal vorüber kommen, sollen aber immer daran denken, daß dieser Ort ein geweihte Stätte ist.
Nun folgte die Kranzniederlegung der einzelnen Formationen. Damit hatte die schlichte Feier ihr Ende gefunden. Wie der Anmarsch vollzog sich der Abmarsch der Teilnehmer zurück zu ihren Stellplätzen. Die, welche zurück blieben, stiegen noch einmal die Stufen zu dem Denkmal empor und standen im Schweigen vor ihm. Und ein Gefühl des Stolzes bemächtigte sich ihnen, der Stolz auf ihr Kriegerdenkmal!

2006.11.19.

Denkmal für Gefallene in Dobien feierlich eingeweiht
Zwei neue Platten wurden mit den Namen von 73 Opfern erstellt.
Mit Glockenläuten begann am Volkstrauertag am Sonntag die Zeremonie zur Einweihung des um zwei Tafeln erweiterten Denkmals für die Gefallenen in Dobien. Ein Posaunenchor und der Volkschor Reinsdorf sowie Vertreter der Bundeswehr umrahmten die Veranstaltung feierlich. Pfarrer Armin Pra, Ortsbürgermeister Reinhard Rauschning (SPD) und andere Redner erinnerten an die Gräuel der beiden Weltkriege und mahnten, dass es so etwas Schreckliches nie wieder geben dürfe. Hatte es im Ersten Weltkrieg allein aus Dobien 22 Gefallene gegeben, war im Zweiten Weltkrieg fast jede Familie durch einen Todesfall betroffen. Viele Dobiener und auch Reinsdorfer waren am Sonntag zur Einweihung gekommen. Es sei wichtig, dass nun auch die Dobiener einen Ort haben, an dem sie um ihre Angehörigen trauern können, sagte Rauschning.
Denkmal für Gefallene in Dobien feierlich eingeweiht
Zwei neue Platten wurden mit den Namen von 73 Opfern erstellt.
Mit Glockenläuten begann am Volkstrauertag am Sonntag die Zeremonie zur Einweihung des um zwei Tafeln erweiterten Denkmals für die Gefallenen in Dobien. Ein Posaunenchor und der Volkschor Reinsdorf sowie Vertreter der Bundeswehr umrahmten die Veranstaltung feierlich. Pfarrer Armin Pra, Ortsbürgermeister Reinhard Rauschning (SPD) und andere Redner erinnerten an die Gräuel der beiden Weltkriege und mahnten, dass es so etwas Schreckliches nie wieder geben dürfe. Hatte es im Ersten Weltkrieg allein aus Dobien 22 Gefallene gegeben, war im Zweiten Weltkrieg fast jede Familie durch einen Todesfall betroffen. Viele Dobiener und auch Reinsdorfer waren am Sonntag zur Einweihung gekommen. Es sei wichtig, dass nun auch die Dobiener einen Ort haben, an dem sie um ihre Angehörigen trauern können, sagte Rauschning.

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